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Kleiner Rückblick: Sepp Blatter, die milliardenschweren TV-Rechte, Leo Kirch und die ISL

KAPSTADT. Möchte mal jemand einen Original-Milliardenvertrag sehen, in dem die TV-Rechte der Fußball-Weltmeisterschaften geregelt werden?

Kein Problem, zeige ich gern, habe ich noch nie gezeigt. Hier also das so genannte Shortform-Agreement, einst abgeschlossen zwischen der FIFA, der ISL (Sporis Holding) und Leo Kirch (Taurus Film) mitsamt aller Zahlungverpflichtungen. Was fehlt, sind eigentlich nur etwaige Bestechungssummen, sollte es die gegeben haben, rein theoretisch.

Ich übertreibe es mal wieder mit dieser Nachtlektüre.

Andreas fragt in den Kommentaren zum Beitrag „Katar und die WM 2022: Fußball im Kühlschrank“, wie „man eigentlich logisch erklären“ könne, dass für die TV-Rechte an der Fußball-WM 2006 plötzlich 1,5 Milliarden CHF gezahlt wurden, wo doch für die drei Weltmeisterschaften zuvor (1990, 1994, 1998) nur 340 Millionen CHF gezahlt worden sind. Nun, die Antwort lautet:

Was vom Tage übrig bleibt (27)

Tut mir leid, aber zu mehr als einer Zweitverwertung meiner Texte vom Gipfeltreffen der Sportfamilie aus Denver reicht es momentan nicht. Die vielen Ideen lassen sich aus zeitlichen Gründen gerade nicht umsetzen. Für Nachschub ist aber gesorgt, der Trip hierher hat sich in dieser Hinsicht zweifellos gelohnt.

Beitrag vom 25. März

DENVER. Hein Verbruggen war wütend. „Diese Arroganz“, schimpfte der langjährige Präsident des Radsport-Weltverbandes, „die wollen einfach nicht mit uns reden. Diese Arroganz, die ist total!“ Nein, Verbruggen sprach nicht über einen gewissen Verbruggen, der über die Jahre alle Vorwürfe an seiner Amtsführung mit der ihm eigenen Impertinenz abprallen ließ, der Holländer tadelte den eigentlichen Gastgeber des Weltsportgipfels in Denver: das Nationale Olympische Komitee der USA (USOC). Seit vier Jahren versuchen Verbruggen und sein Verbündeter Denis Oswald, Präsident des Ruder-Weltverbandes und Chef der Vereinigung der Olympischen Sommersportverbände (ASOIF), das USOC dazu zu bewegen, auf einen Teil seiner olympischen Marketingeinnahmen zu verzichten. Nun forderten die 26 Verbände das IOC geschlossen auf, die USOC-Verträge zu kündigen. 

Gemäß Abmachungen aus den 1980er Jahren, die zuletzt 1996 verlängert wurden, erhält das USOC pauschal 12,75 Prozent der milliardenschweren amerikanischen TV-Rechte und 20 Prozent aus den Sponsorenverträgen des IOC. So kassiert das USOC im vierjährigen Olympiazyklus bis 2012 insgesamt 450 Millionen Dollar. „Etwa soviel wie alle olympischen Verbände und die anderen 204 NOK zusammen“, sagt Oswald, der sich schon mit dem Gedanken vertraut gemacht hat, gegen das USOC vor Gericht zu ziehen. Oswald trägt die Forderung der ASOIF am Donnerstag dem IOC-Exekutivkomitee vor. Die sieben Wintersportverbände werden die Resolution vorerst nicht unterstützen, sagt Ski-Weltpräsident Gian-Franco Kasper: „Die Sommerverbände haben uns nicht gefragt.“

Lust und Frust: Olympische TV-Milliarden

Route de Vidy 9, CH-1007 Lausanne – ist die Adresse des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Alljährlich fliegen in der Vorweihnachtszeit die Mitglieder des IOC-Exekutivkomitees zu ihren Jahresendsitzungen ein.

Das mit den Jahreszeiten kriegt Google übrigens nicht hin, wie man sieht, auf Google Maps ist noch Sommer, und der neue Anbau zwischen altem und neuem Teil des IOC-Headquarters ist auch noch nicht zu sehen. Ich werde morgen Fotos nachreichen.

Ich bin via Genf gerade in Lausanne angekommen, diesmal im Hotel City nahe der IOC-Absteige Palace, wo ich mich gleich mal an der Bar umschauen werde. Zur Einstimmung ein Beitrag zur seit einer Woche wieder heiß diskutierten Frage der olympischen TV-Vermarktung.

Mich interessiert dabei weniger, welche Rekordsummen das IOC für die Winterspiele 2014 (Sotschi) und die Sommerspiele 2016 (werden im Oktober 2009 zwischen Madrid, Rio de Janeiro, Tokio und Chicago vergeben) erlösen kann. Dazu später einmal mehr. Ich konzentriere mich zunächst auf die Erwartungen der Sportverbände und unterlege die Geschichte, die ich in verschiedenen Medien veröffentlicht habe, mit einigen IOC-Statistiken.

Der ISL-Komplex

Nur mal so, damit es nicht in Vergessenheit gerät, das wäre schade: Man hatte ja kaum noch damit rechnen wollen, doch am 11. März 2008 ist es nun so weit. Vor dem Strafgericht des Kantons Zug beginnt tatsächlich der Prozess gegen sechs ehemalige Manager des konkursiten Marketinggiganten ISL/ISMM. Den Managern drohen langjährige Zuchthausstrafen. Es könnte sein, dass in diesem Prozess belastbare Fakten zu jenem flächendeckenden Korruptionssystem bekannt werden, mit dem das ISL-Konglomerat (und seine Vorgänger, Vordenker und Gründungsväter) über zwei Jahrzehnte lang den olympischen Weltsport dominiert haben.

ISMM Group - Marketing- und Fernsehrechte

ISMM Group – Marketing- und Fernsehrechte

Bizarr daran ist u. a., dass die ISL-Gruppe, die 2001 Pleite ging, Rechte gesichert hatte, die weit über dieses Jahr hinaus gingen, so mit der IAAF (2009) mit Flamengo Rio de Janeiro und Gremio Porto Alegre (jeweils bis 2014, Option bis 2029). Alles Makulatur. All jene, die sich seit vielen Jahren um Aufklärung bemühen, wie etwa Andrew Jennings, sehen in diesem Prozess die letzte Chance, dass die Öffentlichkeit doch mehr darüber erfährt, wie Präsidentenposten in Weltverbände besetzt, milliardenschwere Marketingrechte (TV und Sponsoring) vergeben und Mega-Events (Olympische Spiele, Fußball-WM) vergeben wurden. Danach sind die Bücher geschlossen. Nicht nur einer der Angeklagten hat in kleinem Kreise schon verlautet: Er gehe lieber ins Zuchthaus, als dass er plaudere – und sein Leben verliere.