katrin müller-hohenstein

Von Opdi & Scholli und anderen vergebenen Möglichkeiten

Eine kleine TV-Kritik zur Euro 2016 war vorbereitet, da kommt der von der ARD fürstlich entlohnte Mehmet Scholl daher und macht endlich mal das, wofür er seit Jahren bezahlt wird. Scholl, dem viele in diesem Internet aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen den Fußball-Sachverstand absprechen (darauf muss man erstmal kommen), kritisierte also die Taktik des Bundes-Jogi gegen Italien – nach einem nervenzehrenden Duell mit grotesk-spannendem Elfmeterschießen, das sich würdig einreihte in die Chronik deutsch-italienischer Auseinandersetzungen bei großen Turnieren.

[caption id="attachment_25814" align="aligncenter" width="924"]screenshot ARD Screenshot ARD[/caption]

Die Sache ist, wie vieles im Fußball, zu einem kleinen Politikum geworden, der Boulevard hat sich des Themas angenommen, La-Mannschaft-Chefvermarkter Oliver Bierhoff findet die Kritik „unmöglich“, „unglaublich“ und sieht den „gesamten Trainerstab“ angegriffen.

All that jazz.

Dreier- oder Viererkette? Defensive zu Ungunsten der Offensive stärken? Mit breiter Weltmeister-Brust den Italienern seinen Stil aufzwingen, statt auf die Stärken des Gegners mit Systemanpassungen zu reagieren? Das sind so Fragen, die seit gestern Abend gegen Mitternacht mit Verve diskutiert werden. (Einen Teil der Ausführungen Scholls hat die ARD auf Youtube veröffentlicht, eine Einbindung dieser Sequenz ist nicht möglich. In der Mediathek findet sich womöglich das komplette Stück.)

Mag sein, dass die öffentliche Diskussion um sein öffentlich-rechtliches Jahressalär (ein sogenannter Branchendienst spekulierte über bis zu 1,6 Millionen Euro) das Unterbewusstsein des ARD-Experten Mehmet Scholl stimulierte, ein Mal während der EM etwas mehr von sich zu geben, als nur ein oder zwei Sätze auf jene Stichpunkte hin, die ihm sein Partner Matthias Opdenhövel darbietet. Vielleicht war es aber auch Berechnung: Wollte er ausgerechnet in jenen Minuten, da das Ergebnis doch alle Mittel heiligt (nicht meine Sicht aber wohl zweifellos die Sicht der Mehrheit), beweisen, dass er das ARD-Honorar wert ist? Antworten darauf kann nur Mehmet Scholl geben.

Vielleicht nicht mal er.

Was mich an dieser Episode mehr beschäftigt als die inhaltliche Frage, sich mit der von Joachim Löw gewählten Taktik auseinander zu setzen (wenn er sie denn gewählt hat, denn Scholl insinuierte mit dem Verweis auf die WM 2014 ja auch, dass die Spieler damals in der entscheidenden Phase die Taktik festgelegt hätten), ist der, sagen wir, im weitesten Sinne: journalistische Aspekt des Ganzen.

Aber vielleicht hat es auch nichts mit Journalismus zu tun, wenn ich nun auf Scholls Kompagnon Matthias Opdenhövel zu sprechen komme, den ARD-Presenter aus den EM-Stadien.

Südafrika, Tag 9: Deutschland vs Australien – agony and ecstasy und ein „Reichsparteitag“

SANDTON. Ich fang schon mal an, auch wenn noch knapp drei Stunden Zeit sind bis zum Anpfiff in Durban. Im Stadion bin ich heute nicht, sondern werde mir Deutschland vs Australien hier in Sandton ansehen. Gerade schlägt Ghana die Serben, was mir sehr gut gefällt.

Im südafrikanischen Fernsehen analysiert Sammy Kuffour. Hat ungefähr meine Statur, der Gute. Zu seiner Analyse sage ich mal besser nichts. Kürzlich hat er vor dem Afrika Cup prophezeit, dass Ägypten keinesfalls gewinnen werde, weil: „Drei Mal hintereinander geht einfach nicht!“

So ist das mit dem Fußballsachverstand. Ich frage mich zum Beispiel, was ich hier unten mache. Völlig fehl am Platze. Mein gerade sechs gewordener Messi-Fan daheim ist heute in unserem Tippspiel nahezu uneinholbar in Führung gegangen. Zweimal 1:0. Zweimal hat der Kerl den Vater abgezockt.

19.02 Uhr: Gerade hat jemand einen Termin mit mir platzen lassen. Ich bleibe gleich hier im Intercontinental sitzen und schaue hier das Deutschland-Spiel. Es stört keine Vuvuzela, nur der Wasserfall im Foyer. Werde fragen, ob die den austrocknen lassen können. Falls jemand vorbei kommen möchte. Noch ist Platz. Sogar Fernsehen mit Ton:

DRIVING DIRECTIONS

From OR Tambo International Airport, take the R24 towards JHB. Take the offramp to N3 towards Pretoria; take the offramp at M1 south heading towards JHB; take the Grayston Drive offramp and at the traffic lights turn right over the bridge. Take the slip road to the left into Katherine Drive. Turn right into 5th Street. Cross over Rivonia Road and trun right into Maude Street. The Hotel is on the left hand side on the Corner of 5th and Maude Streets.

Oh, jetzt erst bekomme ich mit, dass Kuffour gemeinsam mit Thomas Berthold analysiert. Auf Supersport3. Den Vuvuzela-Contest gewinnt Kuffour.

Das Michelangelo Towers Hotel wirkt ziemlich leer. Kann man mal sehen, wie viele australische Lobbyisten (außer Fedor Radmann und Peter Hargitay) sonst noch hier rumsausen. Sind jetzt alle in Durban.

19.38 Uhr: Bin jetzt nicht mehr allein vor dem Fernseher. Noch bevor der Kollege eintrifft, der sich angekündigt hat, schaut eine neugierige Kakerlake vorbei. XXXL, würde ich sagen.

Mir gefällt das Stadion in Durban übrigens auch sehr. Habe es im vergangenen Jahr mal in der Bauphase gesehen. Und darüber, dass das ein Weißer Elefant ist, völlig überdimensioniert für Durban und viel zu teuer, darüber reden wir jetzt mal nicht, okay? Don’t mix politics with games!

19.45 Uhr: Die Details zum Spiel, (c) FIFA and Emirates Airlines

19.54 Uhr: Mein Tipp ist: Das Event am 6. Juli 2011 in Durban wird spannender. Und weil heute viele Leute vorbei schauen, lasse ich weiter abstimmen. Da geht noch was:

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20.10 Uhr: Noch 19 Grad in Durban, sensationell. Am Dienstag, zum Brasilien-Spiel gegen Nordkorea, denke ich, dass in Joburg der Gefrierpunkt touchiert wird.

20.37 Uhr: Klose mit dem Fuß? Kann ja nichts werden. Das sieht bei Podolskis linkem Fuß schon anders aus.  Einsnull. Nur hart geschossen, nicht mal platziert.

20.54 Uhr: Klose mit dem Fuß. Muss ich mehr sagen? Das wird noch zum running gag.

20.56 Uhr: Klose mit dem Kopf. Muss ich mehr sagen? Zweinull.

21.10 Uhr: Große Leistung von Özil, sich jetzt nicht wieder fallen zu lassen. Denn er riskierte Gelb-Rot.

@ Daniel: Du fragst nach den Vuvuzelas. Ich habe das Original mit der Aussage von Danny Jordaan in der BBC nicht gesehen. Es steht aber bestimmt online. Schätze sogar, dass mein Freund David Bond das Gespräch geführt hat. Mein Tipp, ins Blaue hinein: Jordaan hat das gesagt, aber der Zusammenhang, der da jetzt hergestellt wird, ist absurd. Natürlich wird nie jemand die Vuvuzelas verbieten. Auch nicht, wenn eine Vuvuzela aufs Spielfeld fliegen sollte.

Wie absurd diese Diskussion („wenn etwas passiert“) ist, siehst Du u. a. daran: Im Stadion werden von den Getränkeflaschen die Plastikdeckel abgeschraubt. Man darf nur offene Flaschen mit auf den Platz nehmen, worüber sich Journalisten besonders freuen, denn ich habe immer Angst, dass mir der Mist auf den Laptop kleckert. Warum werden die Deckelchen nicht ausgegeben? Weil man aus 150 Meter Entfernung eventuell ein Deckelchen aufs Spielfeld schmeißen könnte – wirklich! Dagegen sind zehntausende Vuvuzelas auf allen Plätzen erlaubt.