jessica sturmberg

BRD-Doping oder: „Schutz des diskreten Anabolismus“ über ein halbes Jahrhundert

Vor 22 Jahren hat eine offenbar ziemlich weise Autorin einen „Goldenen Zehn-Punkte Plan zum Schutz des diskreten Anabolismus“ in Deutschland veröffentlicht. Wer mag, kann Sportverbände, Jahreszahlen, politische Ämter, Disziplinen ergänzen und/oder austauschen. Es kommt schon hin. Es stimmt in jedem abgeänderten Punkt.

Denn Brigitte Berendonk hat mit dem Buch „Doping Dokumente. Von der Forschung zum Betrug“ 1991 einen wahrhaft historischen Band vorgelegt.

Rund zwei Drittel des Textes (Anhang ausgenommen) befasste sich mit dem Dopingsystem in der DDR, über das sie gemeinsam mit ihrem Mann Werner Franke auf abenteuerlichen Wegen exklusiv „wissenschaftliche“ Arbeiten der Doping-Nomenklatura gesichert und veröffentlicht hatte, ein Drittel thematisierte – und das wird im Osten stets vergessen – Doping in der (alten) Bundesrepublik Deutschland.

Hier also Berendonks „Goldener Zehn-Punkte Plan zum Schutz des diskreten Anabolismus“:

Die NADA: Ping-Pong-Diplomatie unter Sportsfreunden?

Wie glaubwürdig, wie effektiv, wie professionell ist die Arbeit der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA)? Selbst in Ländern wie Russland oder Jamaika bleiben mehr namhafte Doper im heimischen Kontrollnetz hängen. Gegen den ethischen Wandel im deutschen Hochleistungssport sprechen akademische Studien.

von Grit Hartmann

Zu den ersten Amtshandlungen von Ulrike Spitz, Sprecherin der Nationalen Antidopingagentur (NADA), gehörte im neuen Jahr ein Anruf bei der Münchner Staatsanwaltschaft I. Die Schwerpunkt-Ermittler in Dopingfragen, die bei den Kollegen in Wien Amtshilfe erbeten haben, wollen die Frage klären, ob auch deutsche Spitzenathleten im Nachbarland bei der Blutbank Humanplasma ihr Blut auffrischten. Ihre Auskunft an Spitz: „Aktuell besteht keinerlei Bezug zu deutschen Sportlern.“ Weder habe die Wiener Staatsanwaltschaft Hinweise, noch das österreichische BKA.

Erich Vogl vom in dieser Sache bestinformierten Wiener „Kurier“ irritiert das nicht. „Blutspur nach Deutschland“ titelte er zuletzt im Dezember, und dabei bleibt er: „Nach unserer Recherche wurden bei der Polizei deutsche Kunden benannt. Die Quelle ist absolut seriös.“ Vogl vermutet, den Wiener Fahndern, die Delikten wie Untreue und Steuerhinterziehung nachgehen, sei es „relativ egal“, ob Deutsche in Wien dopten – „jedenfalls im Moment“. Auch die NADA ahnt, dass ihr noch Informationen zufallen könnten. „Wir sind“, formuliert Spitz, „ständig in Bereitschaft.“

Die heikelste Offenbarung über die deutsche Dopingszene könnte also gut darauf zurückgehen, dass zwei Staatsanwaltschaften im ansonsten abgeriegelten Reich des Sports ermitteln. Die Bonner Zentrale der Betrugsbekämpfung kann nur reagieren. Das ist ähnlich verräterisch wie die aktuellste Mitteilung auf der NADA-Homepage: Ulrike Spitz, auch stellvertretende Geschäftsführerin, verlässt die Stiftung nach drei Jahren zum 1. Februar. Es ist der zweite plötzliche Abschied, seit Mitte 2008 der gerade mal ein Jahr amtierende Geschäftsführer das Handtuch warf.

Auch diesmal herrscht offiziell „Bedauern“. Spitz sagt, sie habe „ein gutes Angebot“. Das klingt nicht nach einem Beben wie Anfang 2007, als die NADA mit veritablen Pannen bei Dopingkontrollen in die Krise rutschte. Aber der Abgang von Spitz, die mit einer Präventionstour durch die Eliteschulen des Sports der NADA Lob eintrug, legt doch den Verdacht nahe, dass sich etwas angesammelt hat in der Schaltstelle der Dopingwächter.

Was vom Tage übrig bleibt (49): Lokalsport, Journalismus, Technologiefeindlichkeit

Ich hatte auf einem elend langen Flug viel Zeit zum Schmökern. Einiges gebe ich flink mal als Lesebefehl weiter:

Überragend:

Außerdem, hochinteressant:

Was vom Tage übrig bleibt (41): „Dream Chasers“

„Samaranch must resign“ fordert die Initiative Democracy and Dignity in Sport – wer mag, kann die Initiative mit seiner Stimme unterstützen.

[caption id="attachment_29105" align="aligncenter" width="556"]The olympic movement cannot honour Falangists - Samaranch must resign Juan Antonio in bester Gesellschaft beim halbseitigen ‚Armkrafttraining‘ — Screenshot ‚Democracy and Dignity in Sport‘[/caption]

Reckt er nicht vorbildlich seinen rechten Arm zum Gruß, der Falangist Juan Antonio Samaranch? Der Senior ist inzwischen stolze 88 Jahre alt, war kürzlich bei der Leichtathletik-WM Stammgast im Berliner Olympiastadion und werkelt munter für die Olympiabewerbung Madrids, auch wenn sein Filius anderes erzählt.

Lasse sich nur niemand von gelegentlichen Äußerungen täuschen, das Foto sei „gerade aufgetaucht“. Andrew Jennings, der Anfang der 1990er Jahre gemeinsam mit katalanischen Gefährten in Barcelonas Archiven schon andere Fotos ausgegraben hat, veröffentlichte das Bild vor einem Jahr kurz vor den Olympischen Spielen in Peking – verbunden mit der rhetorischen Frage:

Was vom Tage übrig bleibt (30): DLF-Gespräche mit Misersky, Kofink, Treutlein – und Thierse

Stammgästen dieses Blogs sind Gerhard Treutlein, Henner Misersky und Hansjörg Kofink bestens bekannt. In den Kommentaren schreibt der Leser „rentner“, der sich hervorragend auskennt in der Szene, zu Kofinks Beitrag:

Kofinks Anmerkung zur Dopingproblematik West/Ost ist das Beste, was ich in letzter Zeit gelesen habe. Alle mit der so genannten Aufarbeitung in den 1990er-Jahren Beschäftigten sollten sie so lange lesen, bis sie sie auswendig können und sich dann ins Kloster verabschieden. Im Übrigen für all die, die mit dem Namen Kofink nicht so viel anfangen können: Der schwäbische Pädagoge war Bundestrainer für Kugelstoßen/Frauen zu einer Zeit, da man im DLV begann wegzuschauen. Weil ihm die Heuchelei gegen den Strich ging, zog er sich angewidert zurück. Kofink weiß also, wovon er schreibt.

Im Deutschlandfunk führte Jessica Sturmberg die drei Dopingaufklärer Treutlein, Kofink und Misersky gestern zu einem Gespräch zusammen. Zum Nachhören, 19:10 Minuten, eine Diskussion über den Umgang mit der Vergangenheit, Lügen der Dopingtäter und Abhängigkeiten einer angeblich unabhängigen Kommission, die mit zwei Leichtathletik-Funktionären (Reiche, Ecker-Rosendahl) vielleicht doch etwas einseitig und parteiisch besetzt ist:

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Mich überrascht besonders die plötzliche Erklärung des Brandenburger Leichtathletik-Präsidenten Steffen Reiche (SPD), wonach Werner Goldmann, der vor Monaten noch als untragbar eingeschätzt, nun plötzlich wegen eines Satzes, dass er den Fall Jacobs bedauere (ein dahingeschriebener Satz, mehr nicht), wieder der geeignete DLV-Bundestrainer sein soll. Das verstehe, wer will. Das UDIOCM, der DOSB-Präsident Thomas Bach, hat mir vor wenigen Tagen im Interview noch gesagt, Goldmann habe „gegenüber dem Zeugen nicht sehr glaubwürdig geleugnet“, man müsse erst mal sehen, wie glaubwürdig ein eventuelles Umdenken einzuschätzen sei. Keine Sorge, gemäß UDIOCM geht die Kommission in aller „Objektivität und Neutralität“ an die Aufgabe und ist in ihrer Zusammensetzung ohnehin über jeden Zweifel erhaben.

Mein Kommentar gestern in der Sendung „Themen der Woche“ im Deutschlandfunk:

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Nachtrag: Herbert Fischer-Solms im Gespräch mit Wolfgang Thierse:

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Wolfgang Thierse:

  • Es ist eine Entschuldigung und damit ein Geständnis, sehr spät, 20 Jahre danach, und irgendwie wirkt sie auf mich nachgereicht, erdrängt, erzwungen.
  • Vertrauen stellt sich her durch Aufrichtigkeit, durch Wahrhaftigkeit. Deshalb ist ein Gespräch notwendig, damit Vertrauen wirklich entsteht und nicht nur Vertrauen herbei gezwungen wird.
  • Wer soll ihnen vergeben? Doch nicht Sportfunktionäre der Bundesrepublik. Sondern das setzt wieder voraus das Gespräch mit den Betroffenen, mit den Opfern. Denn die müssen die schwierige, schmerzliche Leistung der Vergebung aufbringen. Ich glaube nicht, dass die Trainer von damals und die Sportfunktionäre von heute sich davor wirklich drücken dürfen.
  • Geht zu den Opfern und schaut ihnen ins Gesicht!

Noch einige Leseempfehlungen, manche Texte sind in den Kommentaren bereits verlinkt worden:

Notizen vom Sportausschuss (4): „Mangel kann man nicht durch Mangel beseitigen.“

Ich kann auch nichts dafür. Ich konnte es einfach nicht lassen. Hier also in der Tradition einiger anderer früherer Beiträge meine Notizen von der ersten Sitzung des Bundestags-Sportausschusses 2009.

Zuvor aber noch einige Verlinkungen. (Die Beiträge in der Süddeutschen und der Welt hat Ralf hier bereits angeboten.) Ein paar Aspekte zur Diskussion über die Trainerproblematik des deutschen Sports habe ich am Sonnabend im Deutschlandfunk behandelt:

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Dazu ein Interview von Jessica Sturmberg mit Brigitte Michel

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… und ein Gespräch mit Armin Baumert

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Die drei Beiträge sind als Package zu sehen bzw. zu hören.

Nun also die Notizen zur 65. Ausschuss-Sitzung und der Anhörung über den „Stellenwert der Trainer im deutschen Spitzensport“.

Nachuntersuchung der Dopingproben von Peking

Angeblich soll jetzt alles ganz schnell gehen. Nachrichtenagenturen – AP, dpa – berufen sich auf IOC-Sprecherin Emmanuelle Moreau und melden, das Internationale Olympische Komitee (IOC) wolle die eingefrorenen Dopingproben von Peking nachuntersuchen lassen. So plötzlich? Nachdem man doch die ganze Zeit geblockt hat und auch keine hilfreichen Aussagen zu den eingefrorenen Proben treffen wollte, außer den Beteuerungen, man werde alles perfekt sichern, wie es mir IOC-Medizindirektor Patrick Schamasch in Peking gesagt hat.

AP meldet zunächst:

The International Olympic Committee will retest doping samples from the Beijing Games to check for traces of a new blood-boosting drug. The unprecedented move, announced Wednesday, is designed to search for a banned substance that was only recently detected during retesting of samples from the Tour de France. The Beijing samples — across all sports — are being sent to the World Anti-Doping Agency accredited laboratory in Lausanne, IOC spokeswoman Emmanuelle Moreau said. The IOC conducted more than 5,000 drug tests during the Beijing Games. It wasn’t immediately clear how many of the samples will be retested.

(via IHT)

dpa zieht nach:

„Diese Untersuchungen betreffen alle Sportarten und beinhalten speziell auch die Substanz CERA“, erklärte IOC-Sprecherin Emmanuelle Moreau am Mittwoch. Der Zeitpunkt der Tests stehe noch nicht fest. Das IOC führte in Peking die Rekordzahl von mehr als 5000 Tests durch.

(via FTD)

Da hat es jetzt offenbar jemand eilig. Bevor ich einige Fragen zu den angeblichen Blitz-Analysen aufwerfe, flink noch ein kurzer Rückblick und ein Interview mit Wilhelm Schänzer. Zu den Proben habe ich vor einem Monat einen Beitrag für den Deutschlandfunk verfasst:

Dopingbekämpfung ist auch ein Glaubenskampf. Die einen, internationale Sportorganisationen unter Führung des IOC, behaupten, sie würden alles gegen Doping unternehmen. Doch in der kritischen Öffentlichkeit wachsen die Zweifel daran, was sich den Peking-Spielen an zwei unabhängigen Meinungsumfragen in Deutschland belegen ließ: Nur eine Minderheit der Deutschen glaubt, dass die Wunderleistungen von Peking sauber erzielt worden sind.

Zweifel wachsen auch deshalb, weil IOC-Präsident Jacques Rogge immer wieder die Mehrfach-Olympiasieger und Serien-Weltrekordler Michael Phelps und Usain Bolt als „Ikonen dieser Spiele“ gerühmt hat. Ausgerechnet jene Athleten also, deren Leistungen am heftigsten bezweifelt wurden. Hinter deren Leistungen die größten Fragezeichen stehen.

Welches Interesse sollte das IOC daran haben, möglicherweise nachträglich seine eigenen Ikonen zu stürzen?

Das IOC hat versprochen, die mehr als 5000 in Peking genommenen Urin- und Blutproben acht Jahre lang sachgemäß zu lagern und für künftige Analysen bereit zu halten – wann immer die Analytiker neue Nachweisverfahren entwickelt haben, wann immer Dopingmittel und Methoden bekannt und aufspürbar sind, die während der Peking-Spiele noch nicht zu detektieren waren.

Das ist das Versprechen. „Das wirkt abschreckend“, sagt Jacques Rogge.

Patrick Schamasch, der IOC-Medizindirektor, hat schon in Peking jeden Zweifel an der Lauterkeit dieses Versprechens bekämpft. Er sagte: Sämtliche Proben würden binnen drei Wochen ausgeflogen und an einen geheimen Ort gebracht. Die Auslagerung der Proben stelle höchste logistische Anforderungen. Die Urin- und Blutproben müssen gut gekühlt in Spezialbehältern transportiert werden. Alles muss zügig ablaufen, um die Proben nicht zu beschädigen. Dies impliziert allerdings auch, dass es vielfältige Manipulationsmöglichkeiten geben könnte.

Schamasch entgegnete darauf: „Die Proben sind hundertprozentig sicher. Ich garantiere es.“

Einen Beweis dafür gibt es allerdings nicht. Es liegen keinerlei Informationen vor, die das Versprechen des IOC bestätigen könnten. Die Öffentlichkeit hat keine Möglichkeit, die Olympier zu überprüfen. Dem IOC gehören die Olympischen Spiele. Dem IOC gehören auch die eingefrorenen Proben. Die Weltantidopingagentur Wada ist nur Beobachter.

Bei vergangenen Olympischen Spielen sind auf mysteriöse Weise zahlreiche positive Proben verschwunden – etwa 1984 in Los Angeles. Andere positive Proben – etwa 1980 in Moskau – wurden erst gar nicht als solche analysiert. Die Fälle wurden nie aufgeklärt.

Seit den Sommerspielen 2004 in Athen werden die Proben acht Jahre aufbewahrt. Einen peinlichen Fehler gab es gleich zu Beginn: Dem Amerikaner Tyler Hamilton, dem langjährigen Gehilfen von Lance Armstrong und Olympiasieger im Einzelzeitfahren, wurde Blutdoping nachgewiesen – aber nur in der A-Probe.

Die B-Probe konnte wegen unsachgemäßer Lagerung nicht verwendet werden: Vollblut und Blutplasma waren im selben Container eingefroren worden. Der Doper Tyler Hamilton bleibt also Olympiasieger.

Ein Fehler, der sich nicht wiederholen soll, verspricht IOC-Kommunikationsdirektorin Giselle Davies. Es ist eines von vielen Versprechen.

Dazu auch ein Beitrag auf von Fred Kowasch auf interpool.tv und ein Interview von Jessica Sturmberg im DLF mit dem Kölner Laborchef Wilhelm Schänzer über Langzeitlagerungen, eingefrorenes Serum und die Fehler im Fall Tyler Hamilton:

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Einerseits ist das ja schlagzeilenträchtig, die Proben jetzt schon zu analysieren, da das Radbusiness seit Montag (Schumacher & Co.) wieder in Aufruhr ist. Andererseits ergeben sich gerade aus dieser Nachanalyse der Dopingproben bei der Tour de France jede Menge Fragen: