hill & knowlton

IOC-Kommunikation: Drohungen und Propaganda

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) taumelt durch die Coronakrise. Die Außendarstellung des Sportkonzerns ist katastrophal, obwohl die Kommunikationsabteilung personell üppig besetzt ist. Nach SPIEGEL-Informationen soll das IOC kürzlich einen Großauftrag für internationale Kommunikation und Markenbildung ausgeschrieben haben. Für Aufträge dieser Größenordnung kommen eigentlich nur die Giganten der Branche in Frage: H+K Strategies und BCW, die beide zum WPP-Konzern gehören, oder auch Teneo, Weber Shandwick und Edelman. Alle haben sie Erfahrungen im Olympia-Business.

Angeblich sollen einige der Firmen in Lausanne angefragt haben, ob es nicht eine gute Idee wäre, Krisenkommunikation in das Paket aufzunehmen.

Supermacht mit Petrodollars: Katars Expansionsstrategie im Sport

Der Jung-Emir Tamim Bin Hamad Al-Thani hat gut lachen. Läuft alles prächtig bei dieser Handball-WM, in die nicht nur mehr als 220 Millionen Dollar in drei nagelneue Tempel investiert wurden und für die eine komplette Nationalmannschaft eingebürgert wurde – was im IOC, dem Tamim angehört, eigentlich als verpönt gilt, aber das interessiert Tamim doch nicht.

Tamim hat 680 Journalisten die Reise zur WM und einen angenehmen Aufenthalt in Doha bezahlen lassen (dazu mein Beitrag im Magazin Krautreporter: „Katar, Petrodollars und die Journalisten“) und nach dem Sieg gestern gegen Deutschland freut er sich auf das Halbfinale seiner Söldner gegen Polen – und auf das Finale.

We are family: Jean-Marie Weber, das IOC und die IAAF

[caption id="attachment_4668" align="aligncenter" width="542"] „Who is who?“, Berliner IOC/ISL-Ausgabe, 14. August 2009[/caption]

Ich weiß, das ist kein schönes Foto. Aber auf die Qualität kommt es gar nicht an. Nur auf die Dokumentation. Berlin, 14. August, 12.45 Uhr, Hotel Interconti, gemeinsame Pressekonferenz von IOC-Präsident Jacques Rogge und IAAF-Präsident Lamine Diack – unmittelbar nach der gemeinsamen Sitzung des IOC-Exekutivkomitees und des IAAF-Councils. Soviel zur Vorrede.

Wen sehen wir also auf dem Foto? Zumindest ein Mann vom Fach, sollte Stammkunden hier bekannt vorkommen. Schon erkannt oder: erraten?

Ten years after: IOC-Krisensession im März 1999

Vor vielen Worten zunächst zwei Dokumente.

Es jährt sich zum zehnten Mal eine IOC-Session, die als die schwierigste in der Geschichte des Internationalen Olympischen Komitees gilt. Am 17./18. März 1999 ging es ums Überleben. Das IOC war schwer gezeichnet von der Bestechungskrise um die Winterspiele in Salt Lake City. Es traf sich außerplanmäßig in Lausanne zu seiner 108. Vollversammlung. Die Sitzung im Palais de Beaulieu wurde den Medienvertretern im Kinosaal live übertragen – das war neu. So sah man einen tief getroffenen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch, der sich entschuldigte: bei den Sportlern, den Einwohnern von Salt Lake City und bei den, wie er sagte, Millionen Fans weltweit. Erstmals stellte ein IOC-Präsident die Vertrauensfrage. 86 Mitglieder hielten ihm die Treue, eines enthielt sich der Stimme, zwei stimmten gegen ihn. Der Spanier war gerettet.

Die Krise, die im Dezember 1998 (Link zu einem Kapitel aus „Der olympische Sumpf“) mit Enthüllungen über die Bestechungspraktiken der Olympiabewerber von Salt Lake City begann, hatte nicht nur Samaranchs Amt erschüttert. Zeitweise wurde über eine Auflösung des olympischen Dachgremiums diskutiert. Samaranch, der die Kultur des Geben und Nehmen im IOC kultiviert und die strukturellen Fehlentwicklungen zu verantworten hatte, verlor die Handlungshoheit. In diesen Monaten rettete der Kanadier Richard Pound das IOC. Pound war Chef der hausinternen Prüfungskommission, die sich mit den Akten von Salt Lake City befasste. Zu diesen Privatdetektiven gehörten auch der heutige IOC-Präsident Jacques Rogge und sein heutiger Vizepräsident (UDIOCM), der 1995 die Evaluierungskommission zu Salt Lake City geleitet und nichts von Bestechungen mitbekommen hatte.

Pound heuerte, gemeinsam mit IOC-Generaldirektor Francois Carrard und Marketingchef Michael Payne, eine der weltweit führenden PR-Agenturen an: Hill & Knowlton, Weißwäscher vom Dienst, skandalumwobene Experten im Krisenmanagement. Für viele Millionen Dollar erarbeitete Hill & Knowlton einen Rettungsplan. Liest man zehn Jahre später die Bücher von Pound, Payne und anderen, wird klar, wie sie die Krise seinerzeit betrachteten: Als PR-Schlacht um das Überleben. Es ging darum, die öffentliche Meinung zu beeinflussen – und die Geldgeber bei der Stange zu halten. Sogar der treueste IOC-Sponsor, Coca-Cola, hatte eine Trennung erwogen: Payne düste im Privatjet nach Atlanta in die Firmenzentrale des Brausebrauers, der seit 1928 Olympia-Sponsor ist, und klärte die brenzlige Situation.

Ten years after: Marc Hodler

Es war der 11. Dezember 1998, als der Schweizer Marc Hodler, damals Präsident des Ski-Weltverbandes und einst auch IOC-Vizepräsident, diese Treppe herunter und anschließend ins Plaudern kam. Mit seinen Erzählungen im Glaspalast von Lausanne löste er ein sportpolitisches Erdbeben aus: Den so genannten IOC-Bestechungsskandal, die größte Krise in der Geschichte des IOC.

[caption id="attachment_2281" align="aligncenter" width="292"]IOC-Treppenhaus Die ‚Marc-Hodler-Treppe‘ zu Lausanne[/caption]

Die offizielle IOC-Geschichtsschreibung sieht das so (pdf). Zum Jubiläum biete ich eine ultralange Lektüre (wer’s nicht in einem Ritt schafft: nochmal versuchen am Wochenende), die ersten Seiten des Buches „Der olympische Sumpf“, dass ich vor den Olympischen Spielen in Sydney gemeinsam mit Thomas Kistner geschrieben habe. Verlinkt und optisch aufgehübscht wird später, wenn ich wieder meinen Arbeitsplatz im IOC-Glaspalast eingenommen habe.

Nur soviel vorab: Wer hier im Blog die Geschichten über Jean-Marie Weber, den ich gestern in der IOC-Zentrale traf, und die 138 (+18) ISL-Bestechungsmillionen verfolgt, weiß, dass damals, im aufregenden Winter 1998/99, wirklich nur Sünderlein geopfert wurden. Voilà:

Reptilien und andere Gefahren

gosper-beijing-05042008.jpgDer ältere, leicht aggressive Herr hier links heißt Kevan Gosper und kommt aus Australien. Er dient selbstlos dem Olympismus. Seine Biografie, die im Jahr 2000 verlegt und von einer Journalistin geschönt wurde, heißt: „An olympic life“. Eigentlich hatte sich das Gosper so gedacht: Buch rausgeben (Frühjahr 2000), in Sydney große Spiele feiern (Herbst 2000) – und ein dreiviertel Jahr später IOC-Präsident werden (Juli 2001). Das hat dann nicht ganz geklappt. Es hat vor allem deshalb nicht geklappt, weil Gosper im Mai 2000 seine damals elfjährige Tochter Sophie als erste Australierin in Olympia mit der olympischen Fackel laufen ließ. Dumm aber auch. In Australien dominierte diese Geschiche wochenlang sämtliche Medien. Es war das Gospergate. Der Daily Telegraph aus Sydney druckte im Mai 2000 ein unvorteilhaftes Foto des Ober-Olympiers auf der Titelseite und schrieb in riesigen Lettern, Gosper sei ein „Reptil“. Er sei „gierig, halsstarrig, selbstsüchtig, aufgeblasen und egoistisch“.

Warum ich daran erinnere?

Dass ausgerechnet der 74-jährige Kevan Gosper sich heute in Peking als erster Kritiker der Fackellauf-Demonstranten und als Bewahrer vermeintlicher olympischer Werte aufspielt, hat eine bigotte Note: Denn seit einem spektakulären Zwischenfall auf der ersten Etappe des Fackellaufes 2000 gilt Gosper in seiner Heimat als Synonym für olympischen Nepotismus.