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Freiburger Sportmedizin: „systematische Manipulationen im Radsport und Fußball“

Die Vorgänge rund um die Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin sind in all ihren Verästelungen schwer zu durchschauen. Ich habe hier im Blog lange Zeit versucht, Informationen weiterzugeben und auf dem Laufenden zu bleiben (einfach mal unten die Tags benutzen oder den related posts folgen). Heute gewissermaßen ein bisschen Forschungs-PR, die Pressemitteilung und die Zusammenfassung eines Sondergutachtens der von Letizia Paoli geleiteten Kommission. Es geht um systematische Dopingmanipulationen im Radsport und Fußball der alten DopingBundesrepublik.  Zentrale Figur ist dabei natürlich der im südafrikanischen Exil lebende Dopingprofessor Armin Klümper, Heilsbringer einer Armada westdeutscher Athleten.

  • Dazu passt auch dieser TV-Beitrag (sport inside, WDR) von Mitte Januar, in dem es um die Frage geht, dass Steuermittel damals in Klümpers Freiburger Dopingsystem investiert wurden.
  • Letizia Paoli hat die jüngsten Dokumente zur Diskussion um die Dopingaufarbeitung in Freiburg hier zusammengefasst.

Die PM und die Kurzstudie von heute Mittag:
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Armstrong vs Telekom oder: der erschreckende Unterschied zwischen USADA und NADA

Ich mache doch einen neuen Beitrag auf zum Thema, das hier bereits heftig diskutiert wird: Einstellungsverfügungen der Staatsanwaltschaften zu den T-Mobile/Telekom-Dopern und ihren Dopingärzten von der Uniklinik Freiburg – kurz darauf dagegen die schlagzeilenträchtige Entscheidung der amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA und das Resignieren von Lance Armstrong.

Ich habe heute Vormittag für Spiegel Online diesen Kommentar gedichtet:

Die United States Anti-Doping Agency (USADA) schreibt Sportgeschichte. Sie erkennt dem amerikanischen Doper Lance Armstrong sämtliche sieben Siege bei der Tour de France ab. Das ist eine wunderbare Nachricht für all jene, die an sauberem Sport interessiert sind.

Anklageverweigerung in Freiburg: die Einstellungsverfügungen. Dagegen: das Beispiel USA, USADA vs Armstrong

[Beginnen wir mit einem Nachtrag, den ich am Freitag, 24. August, um 12.01 Uhr, notiere. Der nachfolgende Beitrag von Grit Hartmann über real existierendes und nicht geahndetes deutsches Doping (und Dopingärzte), gestern Abend hier veröffentlicht, wurde über Nacht wunderbar ergänzt durch die Meldung aus den USA, dass Armstrong gegen die USADA kapituliert, die ihn lebenslang sperrt und die sieben TdF-Siege aberkennt.

Das passt zusammen: Armstrong und Ulle und Klöden, die seine TdF-Siege erben? Doper, die unterschiedlich gewürdigt/belohnt/bestraft werden. NADAs, die unterschiedlicher nicht arbeiten können. Verwendung von Steuermitteln für Dopingzwecke, die unterschiedlicher nicht geahndet werden könnte (illegal in den USA, praktisch legal in Deutschland). Die Fälle haben viele wunderbar vergleichbare Aspekte. (Habe dazu gerade einen Kommentar für Spiegel Online gedichtet, wird später verlinkt.)]

Hier nun die Arbeit und die Dokumente von Grit Hartmann:

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von Grit Hartmann

Schon fast ein Nachtrag zu dem, was einige einen „Justizskandal“ nennen – die Einstellung der Ermittlungen zum systematischen Doping an der Universität Freiburg durch Oberstaatsanwalt Christoph Frank nach reichlich fünf Jahren Dauer.

Zunächst die beiden Einstellungsverfügungen, zum einen gegen die früheren Mediziner der Telekom-Radler, Andreas Schmid und Lothar Heinrich, darunter die im Ermittlungsverfahren gegen Mario Kummer, Olaf Ludwig und Rudy Pevenage.

Doping, Kies und Politik in Freiburg: Einzelfälle mit System

Grit Hartmann hat sich dem eng vernetzten Freiburger Doping- und Politiksystem genähert – und befasst sich auch mit Freiburger Kies. Ein feines Stück Journalismus, wie ich finde, mit etlichen Hintergründen, die es weiter zu beleuchten lohnt.

Mein Hörbefehl, ganz rigoros:

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Diese Recherche des Deutschlandfunks vom Sonntag, 1. Mai, gibt es hier mit Genehmigung der Autorin zum Nachlesen.

Lesebefehl!

Eine Bemerkung noch vorab: Im Vergleich zu Freiburg und das west- bzw bundesdeutsche Dopingsystem ist das ostdeutsche Dopingsystem längst ein offenes Buch, das vergleichsweise wenig Geheimnisse birgt. Ergänzend zur folgenden Lektüre das auf Cycling4fans zusammengetragene Archiv.

(Mir fehlt momentan die Zeit für die vielen, vielen Links, die dieser großartige Text verdient hätte. Wer mag, bitte her mit den Links, ich trage demnächst alles nach.)

von Grit Hartmann

Im Mai 2007 räumten Ärzte des Freiburger Universitätsklinikums Doping im Radsport ein. Die Affäre, die als Telekom-Skandal bekannt wurde, ist bis heute nicht abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiter; für die Universität soll eine Kommission die Breisgauer Dopinghistorie der letzten Jahrzehnte aufklären. Kann das gelingen? Wie steht es in Freiburg – vier Jahre danach?

Der Baggersee ist sehr beliebt. Erst mal wegen seiner schönen Wasserqualität, und zweitens ist er auch ein sozialer Treffpunkt, und zwar ein sozialer Treffpunkt, wie kein Verein ihn bieten kann. Da treffen sich Leute aus verschiedenen Schichten, verschiedene Altersgruppen, vom Baby bis zum Rentner, von der Hartz-IV-Empfängerin bis zur großen Unternehmerin mit’m Sechszylinder. Die liegen dann nebeneinander auf der Wiese und reden miteinander, und wenn’s nur ums Wasser oder um die Sonne geht. Und so Leute würden sich im richtigen Leben niemals begegnen und nie ein Wort miteinander reden. Und das find ich so schön an unserm Baggersee.

Niederrimsingen, wenige Kilometer entfernt von Freiburg. Gleich hinter den Weinbergen liegt Merdingen, einst Heimat von Jan Ullrich. Die Gegend wirkt idyllisch. Bis Bauingenieur Gustav Rosa zeigt, was einmal eine Liegewiese am Baggersee war und nun, Ende März, aussieht wie eine Reihe Schützengräben. So ähnlich verhält es sich mit der Stadt Freiburg, von der manche sagen, sie sei wegen ihrer beschaulichen Abgelegenheit ausgewählt worden als sportmedizinische Zentrale der Bundesrepublik. Andere sagen: wegen ihrer Tradition.

Claudia Pechstein von der ISU wegen Blutdopings gesperrt

Das sind Claudia Pechsteins Olympiamedaillen (Screenshot):

Ihre Webseite müsste mal wieder aktualisiert werden, denn oben fehlen eine Gold- und eine Silbermedaille aus Turin. Egal. Das sind die Headlines vom 3. Juli 2009:

  • ISU sagt: Blutdoping
  • Pechsteins Anwalt sagt: Keine positive Probe, nur Indizien
  • DESG sagt: „Unschuldsvermutung“

Jetzt wird es interessant. Ich hatte eigentlich immer an den Kontrollen im Eisschnelllaufen gezweifelt. Aber siehe, sie kontrollieren doch. Und sie finden manchmal etwas. Claudia Pechstein zum Beispiel, Polizeihauptmeisterin der Bundespolizei und erfolgreichste deutsche Medaillengewinnerin bei Olympischen Winterspielen, ist gemäß Mitteilung des Eislauf-Weltverbandes ISU des Blutdopings überführt worden.

Pechsteins Anwalt Simon Bergmann kündigt an, beim CAS Berufung gegen die zweijährige Sperre einlegen zu wollen. Das ist völlig normal, denn diese Möglichkeit sieht die ISU ausdrücklich vor.

Die Erklärung der ISU-Disziplinarkommission (das vollständige Urteil gibt es hier):

On July 1, 2009, the ISU Disciplinary Commission found Ms. Claudia Pechstein of Germany guilty of violation of rule 2.2 of the ISU Anti-Doping RulesUse or Attempted Use by a Skater of a Prohibited Substance or a Prohibited Method“, and has taken the following Decision. The full opinion and decision is published on the ISU website www.isu.org.

  1. Claudia Pechstein is declared responsible for an Anti-Doping violation under Article 2.2 of the ISU Anti-Doping Rules by using the prohibited method of blood doping.
  2. The results obtained by Claudia Pechstein in the 500 m and 3’000 m races at the World Allround Speed Skating Championships on February 7, 2009, are disqualified and her points, prices and medals forfeited.
  3. A two years ineligibility, beginning on February 9, 2009, is imposed on Claudia Pechstein.
  4. The Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft e.V. shall pay to the ISU the costs to be determined.
  5. Each Party bears its own costs of proceedings and expenses.

The present decision is subject to appeal to the Court of Arbitration for Sport, Lausanne, Switzerland, within 21 days upon receipt of the decision, in accordance with Article 24, paragraph 12 and Article 25 of the ISU Constitution and Rule 13.2.1 and 13.6 of the ISU Anti-Doping Rules. The International Skating Union (ISU) had for many years a comprehensive Anti-Doping Program in compliance with the World Anti-Doping Code. This program incorporates both urine and blood testing to identify prohibited substances and also blood screening for hematological „passport“.

The ISU blood screening program began in 1999 and uses a specific program called SAFE (Safe and Fair Event Testing) to monitor the Skaters blood parameters. Over the years, the ISU has performed more than 11’000 blood tests on approx. 1650 speed skaters and has created a hematological passport for each which details blood parameters over time. Long term monitoring allows the ISU Medical Commission to better detect anomalies or specific changes over time. In case of anomalies further targeted testing follows. According to the WADA Comment to Rule 3.2 of the WADA Code in force since January 1, 2009 (and adopted by the ISU – see ISU Communication 1546), conclusions drawn from the Skaters blood profile created from a series of tests may be used for establishing a violation of the ISU Anti-Doping Rules.

Based on the evidence of Ms. Pechstein’s profile which included abnormal values and abnormal changes of values in a series of tests (in particular in the tests conducted during the Essent ISU World Allround Championships held in Hamar on February 7-8, 2009) and in compliance with it’s responsibilities in the fight against doping, the ISU, on March 5, 2009 filed charges of anti-doping rules violation against Ms. Pechstein with the ISU Disciplinary Commission. After written submissions of evidence, written expert opinions and arguments by both parties and by the German Federation (Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft e.V.), a two-day hearing was held by the ISU Disciplinary Commission in Bern, SWI on June 29-30, 2009. Witnesses and five experts gave testimony and thereafter, the ISU Disciplinary Commission rendered the above-mentioned Decision.

The Decision is subject to appeal to the Court of Arbitration for Sport (CAS) in Lausanne, and accordingly, the ISU will not provide additional comment.

The ISU remains committed to fight doping in order to ensure the respect of its rules and the ideals of the Olympic movement.

Vor diesem Hintergrund lesen sich die Meldungen des Winters doch ganz anders.

Notizen vom Sportausschuss (11): „eine besondere Art Mensch“

(Die Notizen von Robert Kempe, der freundlicherweise die Berichterstattung über die Umfaller und Sportlobbyisten aus dem Bundestag übernommen hat, sind jetzt komplett online. Vielen Dank noch einmal an Robert! Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, Aussagen der kenntnisreichen und aufrechten Volksvertreter mitunter zu kommentieren und habe das kenntlich gemacht.)

Zuvor noch der Beitrag von Herbert Fischer-Solms im Deutschlandfunk:

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Hier der Bericht:

von Robert Kempe

Ein straffes Programm gibt die 77. Sitzung des Sportausschuss heute vor, 15 Punkte gilt es abzuhandeln. Als sicher am interessantesten zu beurteilen sind die Tagesordnungspunkte:

Andreas Klöden lässt sagen …

Fundstelle: Webseite von Andreas Klöden (Danke an Trebor, der in den Kommentaren darauf hinwies). Anmerkung: Klödens Anwälte lieben Gänsefüßchen.

Zum sogenannten Abschlussbericht der „Expertenkommission zur Aufklärung von Dopingvorwürfen gegenüber Ärzten der Abteilung Sportmedizin des Universitätsklinikums Freiburg“ nehmen wir für unseren Mandanten wie folgt Stellung.

1) Wir haben uns bisher erfolglos um eine Akteneinsicht in die in dem Bericht zitierten Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Freiburg und um eine Überlassung von Abschriften der angeblichen Beurteilungsunterlagen und Testergebnisse der eingesetzten „Expertenkommission“ bemüht.

„Die Expertenkommission“ selbst entzieht damit die Grundlagen ihrer Beurteilung jeder sachlichen Prüfung.

2) Die gegen unseren Mandanten erhobenen Vorwürfe beruhen auf bisher schon bekannten Anschuldigungen.

Dabei  vergisst „die Expertenkommission“ auf folgende wesentliche Punkte hinzuweisen:

Dopingsystem Freiburg: Warten auf den Abschlussbericht

Es wird nicht mehr lange dauern. Der Abschlussbericht der unabhängigen Kommission, die sich mit den Doping-Machenschaften am Freiburger Universitätsklinikum befasst, wird in diesen Wochen fertig gestellt. „Wir haben die Beweisaufnahme abgeschlossen und sind am Schreiben“, sagt Kommissionschef Hans-Joachim Schäfer aus Reutlingen, ein ehemaliger Richter. Zur Kommission, die im Mai 2007 einberufen wurde, gehören neben Schäfer der Pharmakologe Professor Ulrich Schwabe (Heidelberg) und der Biochemiker Professor Wilhelm Schänzer, Chef des Kölner Dopingkontrolllabors.

Am 20. März 2008 hatte die Arbeitsgruppe einen 23 Seiten umfassenden Zwischenbericht veröffentlicht, der neue Fakten zum systematischen Doping im Team Telekom und der Verstrickung zahlreicher Freiburger Ärzte nannte. Damals hatte Schäfer versprochen:

Was wir nicht herausbekommen haben, wollen wir noch ans Tageslicht bringen.

Dazu gehörten weitere Informationen zur die Rolle von Professor Joseph Keul, inzwischen verstorbener Doyen der deutschen Sportmedizin und über Jahrzehnte führender Olympiaarzt. Freiburgs Halbgott Keul hatte, so steht es im Zwischenbericht, Zahlungen für Dopingmittel über das Konto eines so genannten Arbeitskreises „Dopingfreier Sport“ abgewickelt.