frank bachner

Wie die Leichtathletik-WM nach Berlin kam

[caption id="attachment_4652" align="aligncenter" width="544"]Jubel bei Schily, Wowi & Co. Happy End in Helsinki, Dezember 2004 — WM-Sieg für Berlin![/caption]

So war das damals, am 4. Dezember 2004, als das IAAF-Council die Leichtathletik-WM 2009 an Berlin vergab. Da freuten sich Otto Schily, Clemens Prokop, Klaus Wowereit, Klaus Böger, Dagmar Freitag und einige andere der üblichen Verdächtigen.

Der Weg zur WM war steinig und lang. Er war, nicht nur gelegentlich, kurios. Und oft genug auch aufregend. Ich habe mal eine kleine Chronik zusammengestellt, wie Berlin an diese WM kam. Es ist wirklich nur eine Andeutung der vielen Geschichten. Aus Zeitgründen kann ich kaum etwas verlinken. Ich habe selbst viel dazu in der Berliner Zeitung geschrieben, etliche Textpassagen finden sich in der Chronik.

Was vom Tage übrig bleibt (30): DLF-Gespräche mit Misersky, Kofink, Treutlein – und Thierse

Stammgästen dieses Blogs sind Gerhard Treutlein, Henner Misersky und Hansjörg Kofink bestens bekannt. In den Kommentaren schreibt der Leser „rentner“, der sich hervorragend auskennt in der Szene, zu Kofinks Beitrag:

Kofinks Anmerkung zur Dopingproblematik West/Ost ist das Beste, was ich in letzter Zeit gelesen habe. Alle mit der so genannten Aufarbeitung in den 1990er-Jahren Beschäftigten sollten sie so lange lesen, bis sie sie auswendig können und sich dann ins Kloster verabschieden. Im Übrigen für all die, die mit dem Namen Kofink nicht so viel anfangen können: Der schwäbische Pädagoge war Bundestrainer für Kugelstoßen/Frauen zu einer Zeit, da man im DLV begann wegzuschauen. Weil ihm die Heuchelei gegen den Strich ging, zog er sich angewidert zurück. Kofink weiß also, wovon er schreibt.

Im Deutschlandfunk führte Jessica Sturmberg die drei Dopingaufklärer Treutlein, Kofink und Misersky gestern zu einem Gespräch zusammen. Zum Nachhören, 19:10 Minuten, eine Diskussion über den Umgang mit der Vergangenheit, Lügen der Dopingtäter und Abhängigkeiten einer angeblich unabhängigen Kommission, die mit zwei Leichtathletik-Funktionären (Reiche, Ecker-Rosendahl) vielleicht doch etwas einseitig und parteiisch besetzt ist:

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Mich überrascht besonders die plötzliche Erklärung des Brandenburger Leichtathletik-Präsidenten Steffen Reiche (SPD), wonach Werner Goldmann, der vor Monaten noch als untragbar eingeschätzt, nun plötzlich wegen eines Satzes, dass er den Fall Jacobs bedauere (ein dahingeschriebener Satz, mehr nicht), wieder der geeignete DLV-Bundestrainer sein soll. Das verstehe, wer will. Das UDIOCM, der DOSB-Präsident Thomas Bach, hat mir vor wenigen Tagen im Interview noch gesagt, Goldmann habe „gegenüber dem Zeugen nicht sehr glaubwürdig geleugnet“, man müsse erst mal sehen, wie glaubwürdig ein eventuelles Umdenken einzuschätzen sei. Keine Sorge, gemäß UDIOCM geht die Kommission in aller „Objektivität und Neutralität“ an die Aufgabe und ist in ihrer Zusammensetzung ohnehin über jeden Zweifel erhaben.

Mein Kommentar gestern in der Sendung „Themen der Woche“ im Deutschlandfunk:

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Nachtrag: Herbert Fischer-Solms im Gespräch mit Wolfgang Thierse:

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Wolfgang Thierse:

  • Es ist eine Entschuldigung und damit ein Geständnis, sehr spät, 20 Jahre danach, und irgendwie wirkt sie auf mich nachgereicht, erdrängt, erzwungen.
  • Vertrauen stellt sich her durch Aufrichtigkeit, durch Wahrhaftigkeit. Deshalb ist ein Gespräch notwendig, damit Vertrauen wirklich entsteht und nicht nur Vertrauen herbei gezwungen wird.
  • Wer soll ihnen vergeben? Doch nicht Sportfunktionäre der Bundesrepublik. Sondern das setzt wieder voraus das Gespräch mit den Betroffenen, mit den Opfern. Denn die müssen die schwierige, schmerzliche Leistung der Vergebung aufbringen. Ich glaube nicht, dass die Trainer von damals und die Sportfunktionäre von heute sich davor wirklich drücken dürfen.
  • Geht zu den Opfern und schaut ihnen ins Gesicht!

Noch einige Leseempfehlungen, manche Texte sind in den Kommentaren bereits verlinkt worden:

Was vom Tage übrig bleibt (15)

Neue Lesebefehle. Zunächst die Nachzügler, die ich beim letzten Mal vergessen oder übersehen hatte:

  • Michael Reinsch in der FAZ mit einer Betrachtung zum Ethos des Sports/der Sportler: „Der Keim der Sumpfblüten“. Das Problem dabei: Als ich mich eingelesen hatte in die spannenden Überlegungen, war der Text leider zu Ende. Das Thema hätte die doppelte Länge verdient:

„Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“, heißt es im Alten Testament. Nicht einmal im Sport kann davon noch generell die Rede sein. Wer in unserer Gesellschaft beackert, bitte schön – anders als in den Hallen des chinesischen Sportapparats, in den Laufgruppen Afrikas und den Krafträumen osteuropäischer Olympiakader –, noch den sprichwörtlichen Ackerboden, auf dem Dornen und Disteln wachsen? Unsere Athleten haben, wie es sich gehört, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, verbunden mit Studium, Berufsausbildung und Zahlung in die Rentenkasse. Sie treiben nicht Hunger und Verzweiflung. Sie lockt die Aussicht auf bescheidenen Ruhm und einen Lebensstil, der sie ihre Arbeit in Trainingslagern am Mittelmeer und in den Rocky Mountains tun lässt.

In der ausdifferenzierten Hierarchie des Hochleistungssports trägt diese Stufe der Gesellschaft ihre Vorsilben wie eine hoffnungslose Prognose: Mittelschicht, Mittelmaß. Vielleicht ist Ernüchterung am Platze. Doch das Fehlen von Extremen, der Umstand, dass in einer freien Gesellschaft Athleten weder metaphorisch noch existentiell um ihr Leben kämpfen, ist gewiss auch ein Grund zur Erleichterung.

  • Enno Aljets bietet auf Welt Hertha Linke ein Dossier zur Berichterstattung über Doping im Fußball. Unbedingt pflegen!

Und nun aktuellere Texte: