david d’alessandro

Ten years after: IOC-Krisensession im März 1999

Vor vielen Worten zunächst zwei Dokumente.

Es jährt sich zum zehnten Mal eine IOC-Session, die als die schwierigste in der Geschichte des Internationalen Olympischen Komitees gilt. Am 17./18. März 1999 ging es ums Überleben. Das IOC war schwer gezeichnet von der Bestechungskrise um die Winterspiele in Salt Lake City. Es traf sich außerplanmäßig in Lausanne zu seiner 108. Vollversammlung. Die Sitzung im Palais de Beaulieu wurde den Medienvertretern im Kinosaal live übertragen – das war neu. So sah man einen tief getroffenen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch, der sich entschuldigte: bei den Sportlern, den Einwohnern von Salt Lake City und bei den, wie er sagte, Millionen Fans weltweit. Erstmals stellte ein IOC-Präsident die Vertrauensfrage. 86 Mitglieder hielten ihm die Treue, eines enthielt sich der Stimme, zwei stimmten gegen ihn. Der Spanier war gerettet.

Die Krise, die im Dezember 1998 (Link zu einem Kapitel aus „Der olympische Sumpf“) mit Enthüllungen über die Bestechungspraktiken der Olympiabewerber von Salt Lake City begann, hatte nicht nur Samaranchs Amt erschüttert. Zeitweise wurde über eine Auflösung des olympischen Dachgremiums diskutiert. Samaranch, der die Kultur des Geben und Nehmen im IOC kultiviert und die strukturellen Fehlentwicklungen zu verantworten hatte, verlor die Handlungshoheit. In diesen Monaten rettete der Kanadier Richard Pound das IOC. Pound war Chef der hausinternen Prüfungskommission, die sich mit den Akten von Salt Lake City befasste. Zu diesen Privatdetektiven gehörten auch der heutige IOC-Präsident Jacques Rogge und sein heutiger Vizepräsident (UDIOCM), der 1995 die Evaluierungskommission zu Salt Lake City geleitet und nichts von Bestechungen mitbekommen hatte.

Pound heuerte, gemeinsam mit IOC-Generaldirektor Francois Carrard und Marketingchef Michael Payne, eine der weltweit führenden PR-Agenturen an: Hill & Knowlton, Weißwäscher vom Dienst, skandalumwobene Experten im Krisenmanagement. Für viele Millionen Dollar erarbeitete Hill & Knowlton einen Rettungsplan. Liest man zehn Jahre später die Bücher von Pound, Payne und anderen, wird klar, wie sie die Krise seinerzeit betrachteten: Als PR-Schlacht um das Überleben. Es ging darum, die öffentliche Meinung zu beeinflussen – und die Geldgeber bei der Stange zu halten. Sogar der treueste IOC-Sponsor, Coca-Cola, hatte eine Trennung erwogen: Payne düste im Privatjet nach Atlanta in die Firmenzentrale des Brausebrauers, der seit 1928 Olympia-Sponsor ist, und klärte die brenzlige Situation.

Korruption als Strukturproblem der Spezialdemokratie Sport

Neues zum Kopfschütteln aus der lustigen Handballwelt:

Es gibt neue Informationen, die wir bisher nicht kannten.

— Frank Bohmann, Geschäftsführer des Handball-Bundesliga (HBL), am 7. März, nachmittags

Für uns sind keine Sachen dabei, die wir nicht schon erörtert hätten.

— Uwe Schwenker, Vizepräsident der HBL und Geschäftsführer der THW Kiel Handball-Bundesliga GmbH & Co. KG, am 7. März, abends

Das ist alles das, was wir behandelt haben. Das sind nur neue Gerüchte und Spekulationen.

— Reiner Witte, Präsident der HBL, am 8. März, morgens
Quelle: dpa via FTD

Oh, da wird der Herr Witte seinen Vizepräsidenten Herrn Schwenker sicher noch einmal energisch einvernehmen. Aber vielleicht kommt es auch gar nicht dazu, denn der Herr Schwenker ist morgen ja beschäftigt, weil er juristisch gegen die bösen Gerüchte vorgehen will. Hat er jedenfalls gesagt.

Kurzum: Es gibt zu wenige Sportfunktionäre, von denen man Aufklärung erwarten darf. Die Kameraden der Handball-Bundesliga machen eher nicht den Eindruck, als gehörten sie dazu.

Und ich neige grundsätzlich dazu, die Meldungen wie gerade im Fall THW Kiel, in Theorien zu verbraten. Ich glaube nunmal, dass sich über die täglichen Schlagzeilen hinaus, die oftmals verwirren, ein Nachdenken lohnt. Deshalb erneut einige grundsätzliche Überlegungen zum Thema „Korruption im Sport“, wie immer aktualisiert und mit neuen Links versehen. Mit der Lesequote, die der Text beim letzten Mal erreichte, bin ich nicht zufrieden :) Hier also meine Sonntagslektüre:

„Sport bez Korupcji“

Der Titel ist ein Traum: „Sport bez korupcji“, heißt ein Handbuch, das im Rahmen eines EU-Twinningprojektes (Improvement of the anticorruption activities in Poland) herausgegeben wurde.

Sport ohne Korruption? Das ist nicht nur in Polen und seinem kolossal verseuchten Fußballbusiness eine Wunschvorstellung.

In dem Büchlein findet sich auch ein Kapitel von mir: „Globalna demokracja specjalna“ (Globale Spezialdemokratie), eine Kurzfassung aus „Korruption im Sport“ (2006). Das polnische Korruptionsbekämpfungshandbuch hat eine Auflage von 1200 Exemplaren. Es wird über das Sportministerium in Warschau kostenlos an die wichtigsten Funktionäre und Mitarbeiter in polnischen Sportverbänden verteilt.

Ansonsten, eine Leseprobe, mal wieder eine dieser ultralangen: