christian ude

Grünes Licht für Winterspiele 2022 in München: DOSB-Bosse beziehen Ruhpolding ein und entlasten Garmisch-Partenkirchen

Es gibt Entwicklungen, die nichts mit Uli Hoeneß und Mario Götze zu tun haben.

Die Spitzen des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (DOSB), Präsident Thomas Bach (FDP) und Generaldirektor Michael Vesper (Bündnis 90/Die Grünen), antichambrieren derzeit in Lima bei der IOC-Konferenz Sport for all. Für Bach hat der Wahlkampf um die IOC-Präsidentschaft längst begonnen – im September entscheidet die IOC-Vollversammlung in Buenos Aires. Vesper will dann kurze Zeit später Bachs Nachfolger als DOSB-Präsident werden – als bezahlter Präsident, versteht sich. Vergangene Woche hat das allmächtige Duo die Weichen für eine vernünftigere – und extrem aussichtsreiche – Olympiabewerbung Münchens für die Winterspiele 2022 gestellt.

Der DOSB rückt von seinem Zwei-Cluster-Prinzip ab, würde bei einer neuerlichen Bewerbung (über die angeblich im Herbst die Bürger abstimmen sollen) die Widerstands-Region Garmisch-Partenkirchen extrem entlasten und Wettbewerbe von GaPa nach München und vor allem nach Ruhpolding in die Biathlon-Hochburg verlegen.

Das ist vernünftig. Der Brief des DOSB wurde in der aktuellen Rathaus-Umschau der Landeshauptstadt München veröffentlicht:

Wobei Ralf in den Kommentaren natürlich längst darauf hingewiesen hat, dass der DOSB und die Olympiabewerbungsgesellschaft 2018 das vor zwei Jahren noch kolossal anders gesehen haben:

Im Folgenden setzen wir uns mit den 18 gebräuchlichsten Thesen gegen Olympische und Paralympische Winterspiele in München und Garmisch-Partenkirchen auseinander und geben Antworten darauf. Alle Belege, die wir vortragen, sind nachprüfbar.

„München plus 4 (Ruhpolding, Inzell, Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen) wäre das ökologisch bessere Modell gewesen, das man hätte unterstützen können.“

Das ist falsch. Im Gegenteil, dieses Modell würde

  • mehr Verkehr auf längeren Wegen auslösen,
  • mehr Flächenverbrauch durch zusätzliche Infrastruktureinrichtungen bedeuten und
  • mehr Eingriffe in Natur und Landschaft notwendig machen.

So müssten bei der Nutzung weiterer Austragungsorte zwangsläufig auch weitere Olympische Dörfer, Medienzentren und Funktionsbauten (Telekommunikation, Organisation etc.) errichtet werden. Darüber hinaus entstünde ein stark erhöhtes Verkehrsaufkommen von München bzw. Garmisch-Partenkirchen zu und innerhalb aller Austragungsorte durch Zuschauer, Verantwortliche und Medienvertreter, das mit dem bestehenden Verkehrsnetz nicht zu bewältigen wäre. Es wäre daher ein erheblicher Aufwand für den Ausbau von Straßen erforderlich, zumal entsprechende Bahnlinien nicht zur Verfügung stehen. Dieser Ausbau würde abgesehen von den enormen finanziellen Belastungen zu erheblichen Umwelteingriffen führen und wäre für das nach-olympische Verkehrsaufkommen nicht nachhaltig.

Zudem würde eine solche Ausweitung Münchens Chancen im internationalen Wettbewerb massiv beeinträchtigen, denn der Grundgedanke Olympischer Spiele ist es, Sportler/innen aus allen Kontinenten und aus den unterschiedlichsten Sportarten zusammenzubringen, um die internationale Verständigung zu fördern. Olympische Spiele sind eben nicht eine Addition von Weltmeisterschaften, sondern haben einen ausgesprochen integrativen Charakter. Sie ziehen ihre Faszination gerade aus der einzigartigen Verbindung ganz unterschiedlicher Nationalitäten und Sportarten an möglichst einem Ort. (…)

Bewerbungsfolklore.

Belege? Nachprüfbar?

Geschenkt.

Im Münchhausen-Test sind Bach & Co wieder einmal durchgefallen.

Hatte der DOSB-Boss doch 2010 im sid-Interview gesagt:

sid: Gerade hat Ruhpolding wieder seinen ausgezeichneten Ruf als Biathlon-Hochburg unter Beweis gestellt. Warum passen die Chiemgauer dennoch nicht in das Konzept für München 2018?

Bach: „Weil es dann keine Olympischen Spiele in Deutschland geben würde. Mit einer Flickenteppich-Bewerbung hätten wir keine Chance. In Ruhpolding müsste unter anderem ein zusätzliches olympisches Dorf errichtet werden, ein solches Subzentrum mit kostenintensiven Verkehrswegen ist nicht zu rechtfertigen.“

Nachtrag, 14.12 Uhr: Das Fragezeichen habe ich flink mal aus der Überschrift getilgt.

Denn das ist wohl der Auftakt der deutschen Olympiabewerbung 2022.

Münchens Olympiabewerbung 2022 vs Privatinteressen von Christian Ude (SPD) und Thomas Bach (FDP)

Die Chancen Münchens, gemeinsam mit Partnergemeinden (etwa Ruhpolding, Garmisch-Partenkirchen) die Olympischen Winterspiele 2022 auszurichten, würden eigentlich ganz gut stehen.

Wenn da nicht einige Partikularinteressen zu berücksichtigen wären.

Oder besser: wenn da nicht einige Privatinteressen über anderen stehen würden.

Privatinteressen verfolgen zum Beispiel die Bewerbungschefs der 2018er Offerte Christian Ude (SPD) und Thomas Bach (FDP).

Ude, derzeit Oberbürgermeister von München, will im September 2013 Ministerpräsident des Freistaates Bayern werden.
Bach, derzeit Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), will im September 2013 Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) werden.
Und deshalb sind die beiden Sportkameraden seit Juli 2011, als München im Wettbewerb um die Winterspiele 2018 gegen PyeongChang verlor, quasi wortbrüchig geworden.

Bis dahin hatten sie jahrelang behauptet, die Münchner Bewerbung, ohnehin grandios und unübertroffen, sei langfristig angelegt – also auch für spätere Olympische Winterspiele.

Für 2022 zum Beispiel.

Verwarnung für Pyeongchang: „IOC rules on potential conflict of interests“

Es wird noch spannend in diesem Wettbewerb um die Winterspiele 2018. Und München holt international auf, das erzähle ich seit Vancouver, das bestätigte sich in Dubai und erst recht in Acapulco. Inzwischen ist es nicht mehr überraschend.

München holt auch deshalb auf und hat Chancen auf die Spiele, weil die Südkoreaner Fehler machen. Sie können halt nicht anders. In Korea stehen viele Konzerne hinter der Bewerbung, und die machen das, was sie immer machen, so sind sie groß geworden im Olympia-Business. Sie kaufen Image und Stimmen mit Sponsorverträgen, zum Beispiel. Sonderlich geschickt sind sie dabei nicht, aber wenn sie die Spiele haben wollen, müssen sie sich ein wenig smarter anstellen …

München 2018 und die Olympiafinanzierung: Willy Bogners Probleme mit der Wahrheit

Willy Bogner, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bewerber GmbH für die Olympischen Winterspiele 2018, verbreitet beständig wiederholt Unwahrheiten über die Olympiafinanzierung. Er sagte, zum Beispiel, gestern im Tagesgespräch im Radiosender Bayern 2 („Sollen die Winterspiele nach Bayern?“) auf die Frage „Also, was kost‘ die Gaudi denn?“:

Diese Kosten, also das so genannte Organisationskomitee-Budget, das den Löwenanteil der Kosten ausmacht, wird uns vom IOC erstattet. Das heißt, das müssen die Gemeinden und die Bürger nicht bezahlen, sondern das bekommt man bezahlt durch die Fernsehrechte, die das IOC weltweit einnimmt.

Das einzige, was übrig bleibt, sind Infrastrukturmaßnahmen, sagen wir Verkehrsprojekte, die wir aber sowieso bezahlen müssten und die durch die Olympischen Spiele beschleunigt werden. (…) Also, es ist wirklich kein großes finanzielles Risiko für die Gemeinden und die Bürger des Staates, diese Olympischen Spiele durchzuführen.

Dazu in aller Kürze einige Richtigstellungen, nur einige. (Ich hole gar nicht die große Keule raus und erinnere daran, dass in Brasilien gerade die Austragung der Fußball-WM 2014 und der Olympischen Sommerspiele 2016 akut gefährdet sind, weil natürlich zu viel versprochen und vielleicht auch kolossal gelogen wurde. Wenn Willy Bogner mag, kann ich ihm die Zusammenhänge gern mal erklären.)

  • Das so genannte Organisationskomitee-Budget (OCOG-Budget) macht nie den Löwenanteil aller Kosten aus, schon deshalb nicht, weil das so genannte Infrastruktur-Budget (Non-OCOG-Budget) stets größer ist, als das Organisations-Budget.
  • Die Gemeinden und Bürger zahlen indirekt über etliche Kanäle natürlich auch Teile des OCOG-Budgets. (Das war selbst bei der Fußball-WM 2006 so, als das Organisations-Budget nur gedeckt werden konnte, weil staatliche und halbstaatliche Sponsoren sich auf höchste politische Order hin engagierten.)
  • Das OCOG-Budget wurde, wird und wird auch künftig niemandem, auch nicht potenziellen Olympia-Ausrichtern in Bayern, „vom IOC erstattet“. Einmal mehr verweise ich – zum Vergleich – auf das aktuelle Budget der Winterspiele 2010 in Vancouver.
  • Nicht alle Infrastrukturmaßnahmen, die Teil von Olympiaplanungen sind, sind a) unbedingt nötig für das Gemeinwesen und müssten deshalb b) auch nicht „sowieso“ bezahlt werden. Das ist in München nicht anders als etwa vor sechs Jahren bei der Olympiabewerbung von Leipzig (da war es nur extremer).

Willy Bogner erzählt diesen Nonsens ja nicht zum ersten Mal. Weshalb ich frage:

  • Lügt Willy Bogner oder weiß er es einfach nicht besser?

Wenn er es nicht besser weiß, dann würde – wie ich finde – dieses Nichtwissen nicht davor schützen,

  • a) Kritik einzustecken,
  • b) Kritik anzunehmen,
  • c) sich an der Wahrheit zu orientieren und also
  • d) die Angaben zu korrigieren, um
  • e) dem Bürger und Steuerzahler reinen Wein einzuschenken, oder gar
  • f) seinen Hut als Vorsitzender der Geschäftsführung zu nehmen. Wegen Inkompetenz und Lernunfähigkeit.

Tut mir leid, dass ich so resolut argumentiere. Es ist halt keine Gaudi, sondern ein Grundproblem dieser deutschen Demokratie, ja, soweit gehe ich, denn im Prinzip wird Bogners Argumentation doch vom sportpolitischen Komplex übernommen.

Die Mär lautet: Olympia trägt sich quasi selbst.

Ich wiederhole: Es liegt weiterhin keine Kosten-Nutzen-Analyse auf dem Tisch.

Die Steuerzahler werden – darf man das sagen? – verarscht.

Und es ist natürlich ärgerlich, wenn Bogner seinen Unsinn auf allen Kanälen landesweit immer wieder verbreiten kann. Ich stelle diese Frage ja auch vor dem Hintergrund, dass ich Bogner selbst auf seine inhaltlich falsche Argumentation hingewiesen habe. Der Mann ist aber ganz offensichtlich lernunfähig, lernunwillig – oder beides. Vor einigen Wochen habe ich aus Vancouver, nach einem halbstündigen Gespräch mit Bogner und eigenen Recherchen, u.a. geschrieben:

Olympiagegner unterteilt Bogner in „konstruktive Kritiker, die man überzeugen kann“ und „Fundamental-Oppositionelle, mit denen man nicht vernünftig reden kann“. Im IOC sei man es gewohnt, „dass es nicht nur hundertprozentige Zustimmung gibt und dass sich viele auf dieses weltweite Medienereignis setzen, um ihre eigenen Interessen zu vertreten“.

Ich will nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, nicht jeden Satz bewerten, den Bogner in unserem Gespräch formuliert hat. Eines jedoch lasse ich ihm nicht durchgehen, da sollte er argumentativ nacharbeiten und sich an der Realität orientieren.

Er behauptet, der Steuerzahler stehe hinter der Bewerbung, weil die Politik geschlossen hinter der Bewerbung stehe.

Ich sagte ihm, der Bundestag habe abgestimmtohne einen Finanzplan zu kennen. Der Öffentlichkeit, dem Steuerzahler, wurde bis heute kein belastbarer Plan (OCOG, Non-OCOG etc.) vorgelegt.

(Hintergrund zur Finanzierung Olympischer Spiele)

Er sagte, natürlich habe man die Zahlen gekannt. Das OCOG-Budget werde vom IOC finanziert, da komme mehr heraus, als das den Steuerzahler koste. Das Organisationsbudget werde durch die Fernseheinnahmen des IOC gedeckt.

Ich sagte: Stimmt nicht. Nur etwa zur Hälfte. Und es ist Verhandlungssache zwischen OK und IOC. Derzeit weiß niemand, was aus Lausanne überwiesen werden könnte.

So ging das hin und her.

Entschuldigung, wenn ich das so weitschweifig wiederhole.

Hier übrigens der BR2-Pocast mit der Bogner-Sendung. Interessant ist in der Tat, wie Ralf gestern schon anmerkte, dass die meisten Anrufer teilweise Fundamental-Kritik an der Bewerbung äußerten. Aber das nur am Rande.

:

Interessant auch, wie Bogner reagierte, als ihn der Salzburger Grüne und Olympia-Kritiker Willi Rehberg auf seine Falschaussagen aufmerksam machte (ab etwa Time Code -10:40):

Nein. Selbstverständlich kriegt man einen bestimmten Betrag erstattet. und den kann man aufteilen dann auf die Projekte, wie man selber will. (…) Insofern können wir eigentlich sehr, ja, mit gutem Vertrauen in die Zahlen und in die Finanzierungsmöglichkeiten des IOC an das heran gehen.

Der Moderator wollte dann wissen: „Also, wo kommt die Milliarde her?“

Bogner:

Also das ist jetzt, das geht sehr in die Details. Man muss da wirklich drin sein, wo was her kommt, und die Ausgaben sind dieselben wie sie jetzt begriffen werden, sei es vom Staat oder eben woanders her, ist ja auch von Land zu Land verschieden, also das kann man nicht so ganz vergleichen. Aber wir sind absolut der Meinung, dass wir alles, oder fast alles, das kann man jetzt noch nicht so genau sagen, eben durch die  Leistungen des IOC abdecken werden, was wirklich Organisationskomitees-Kosten sind. (…) Es gibt da tausend Einflussfaktoren, da muss man wirklich ins Detail gehen.

Der Moderator fragt anschließend allen Ernstes, ob es „ein gutes Zeichen“ sei, wenn ein Drittel der Bewerbungskosten noch nicht abgedeckt sind. Bogner antwortet, er sei „erst einige Wochen dabei„, sei aber „zuversichtlich, dass wir das Geld auftreiben können“.

Die Details, ja, die Details, von Land zu Land verschieden, ob nun vom Staat oder eben woanders her oder eben vom IOC. Man steckt eben nicht … drin!

Es ist erschreckend.

  • Es gibt nach wie vor keinen Finanzplan für die Bewerbung, der öffentlich nachvollziehbar und somit überprüfbar wäre.
  • Es gibt nach wie vor, außer einigen dürren Angaben im so genannten Mini-Bidbook (Auszug unten), keine öffentlich überprüfbaren Angaben (detaillierte Angaben, nicht nur ein halbes Dutzend dürre Zahlen!) über das OCOG-Budget.
  • Es gibt nach wie vor (außer Zahlen zu wenigen Einzelprojekten, die sich ganz hinten im Mini-Bidbook verstecken, zum Beispiel S. 83, 85, 107) keinen öffentlich nachvollziehbaren Plan für den Non-OCOG-Etat.

Ich bemühe mich, dies nur erneut als Transparenzbeweis meiner Dauer-Recherche, seit Ewigkeiten um derlei Angaben. Vergeblich. Nicht einmal die verantwortlichen Lokalpolitiker erhalten derartige Angaben in Gänze, nicht einmal die gewählten „Volksvertreter“ werden eingeweiht, ganz im Gegenteil, sie fühlen sich oft genug hintergangen.

Flink noch einige aktuelle Dokumente zum Thema:

Willy goes to Lausanne …

Kein Grund zum Jubel und zu überschwänglichen Elogen. Heute ist bloß Einsendefrist für das so genannte Mini-Bidbook für die Bewerber um die Olympischen Winterspiele 2018. Nichts weiter. Pyeongchang hat bereits abgegeben, was Annecy macht, ist egal, und Münchens Vorzeige-Bewerber Willy Bogner will heute im IOC-Headquarter vorbei schauen. Den Zeitplan der Bewerbung habe ich etliche Male veröffentlicht, den Entwurf des Mini-Bidbooks auch. Ich gehe einfach mal davon aus, dass Bidbook-Schreiber George Hirthler bessere Arbeit geliefert hat als jüngst beim Verbal-Unfall mit Christian Ude in Vancouver.

Was mich heute interessiert ist ohnehin nur: Legen die Olympiabewerber, legen die Alliierten in der Politik, endlich belastbares Zahlenmaterial vor. Und zwar komplett, nicht nur einige Ziffern: Wie sollen diese Spiele finanziert werden? Was bezahlt der Steuerbürger in der Bewerbung, im OCOG-Etat, im Non-OCOG-Etat? Dass all die verkappten Subventionen genannt werden, wie etwa jüngst im Bundestag – als der Haushaltsausschuss den Goldenen Plan Ost für Breitensport-Sportstätten in den ostdeutschen Bundesländern strich und stattdessen 1,5 Millionen Euro für das „Kulturprogramm“ der Alpinen Ski-WM 2011 in GaPa genehmigte -, darf ohnehin niemand erwarten. So transparent ist deutsche Politik nicht, deutsche Sportpolitik eben so wenig.

Und die OlympiaOpposition wächst und formiert sich, etliche aktuelle Meldungen sind hier gesammelt.

Es darf natürlich weiter abgestimmt werden:

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Nachtrag, 22.04 Uhr: Willy in Lausanne.

Foto © Bewerbungskomitee München 2018

Und hier noch drei Pressemeldungen im Original.

Das IOC sagt:

Vancouver, Tag 5: Olympia mit Christian, Björn und Heidi

VANCOUVER. Mag sein, dass ich gestern nicht meinen besten Tag hatte und nicht ganz auf der Höhe war. Der Aussage von Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, wonach es in München seit dem Olympia-Attentat 1972 keinen dramatischen Zwischenfall mehr gegeben habe, hatte ich keine große Bedeutung beigemessen. Ein anderer schon. Und die Olympiabewerber wohl auch. Denn noch in der kanadischen Nacht wurde eine Stellungnahme veröffentlicht.

OB Ude bedauert Missverständnis

(16.2.2010) Auf der gestrigen Pressekonferenz der Olympia-Bewerberstädte in Vancouver gab eine Aussage von Oberbürgermeister Christian Ude Anlass zu einem Missverständnis.

Wie der Sport-Informationsdienst (sid) und die AZ berichten, hatte OB Ude in der auf englisch abgehaltenen Pressekonferenz erklärt, auf dem Oktoberfest hätte es noch keinen „major security incident“ gegeben.

Vancouver, Tag 4: „I don’t know if any of you have ever experienced a German Autobahn without a speed limit“

VANCOUVER. Deutschland schläft, und ich taste mich langsam rein in den Tag. Zunächst etwas Erfreuliches: Es gibt Neues von der Möwe Jacques (Foto wird nachgereicht)! Jacques flirtet weiter mit dem Kollegen G., der auch wieder aufgetaucht ist und mit dem ich vorhin ein Mittagessen genossen habe (Tim Horten’s). Erstaunlich.

Olympia meint es ja nicht immer gut mit Tieren. Gedopte Pferde (Peking 2008), gebratene Friedenstauben (Seoul 1988/ab 4:40 im Video), das sind so die Schlagzeilen.

Seither müssen keine Tauben mehr bei Eröffnungsfeiern ins Verderben fliegen.

Nicht dass sich Olympia und die Tiere am Ende noch versöhnen. Das wäre doch mal ein Thema, über das Journalisten berichten sollten. G. wird dazu allerdings schweigen. G. ist ein stiller Genießer. Er bevorzugt auch in seiner Arbeit die leisen Töne und meint, wenn ich ab und an im Blog ein Foto veröffentliche, müsse das reichen. Er wolle seine Beziehung  nicht öffentlich besprechen. Das kann ich verstehen und respektieren.

18.50 Uhr: Lassen wir also den bisherigen Tag Revue passieren. Mich haben besonders die Auftritte der Olympiabewerber 2018 interessiert, was an anderer Stelle kurz angerissen wurde.

München 2018: Christian Ude und die „Kniffe der propagandistischen Darstellung“

Achtung, Überlänge: Ich konnte vergangenen Freitag leider nicht beim Neujahrsempfang des DOSB in Frankfurt/Main sein. Und werde morgen leider auch nicht die Pressekonferenz der Münchner Olympiabewerber in München besuchen können. Frankfurt und München sind doch ein bisschen weitab vom Schuss, und mir fehlen die Sponsoren für all die teuren und zeitaufwendigen Reisen. Leipzig war damals bequemer. Doch egal, ich will nicht klagen, im Grunde bleiben wir hier ja durchaus auf dem Laufenden, wenngleich ich den Herrschaften gern energischer auf die Pelle rücken würde, so wie damals in Leipzig.

Für Hartgesottene wieder eine Lektüre: Jener Teil der Rede von Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) auf dem Neujahrsempfang, den der DOSB-Pressedienst gerade dokumentiert hat. Klingt kampfeslustig wie immer, aber auch ziemlich angefressen. Kampfeslustig muss er sein, weil er es ja nicht nur, wie es in seinem Vortrag anklingt, mit renitenten Umweltschützern, Grünen, Christsozialen und unverbesserlichen Journalisten zu tun hat, sondern weil er – wie oft genug aus zuverlässigen Quellen verlautet – mitunter sehr verärgert gewesen sein soll über den DOSB. Aber er würde es sicher nie öffentlich zugeben. Schließlich ist der Sportbund Mehrheitsgesellschafter (allerdings ohne entsprechend mehr für die Party zu zahlen, zahlen die überhaupt?).

Münchens Oberbürgermeister Ude: „Wir werden alle Register ziehen“

Christian Ude, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München und Vizepräsident des Deutschen Städtetages, hielt die Ansprache beim Neujahrsempfang des Deutschen Olympischen Sportbundes am 22. Januar im Frankfurter Römer. Sein Thema: die Bewerbung Münchens und Garmisch-Partenkirchens um die Olympischen und Paralympischen Winterspiele 2018. Als stellvertretender Vorsitzender der Gesellschafterversammlung ging Ude dabei vor den rund 300 Gästen des Empfangs im Kaisersaal auch auf jüngste Kritik an der Bewerbung ein. Wir veröffentlichen die Rede in Auszügen.

„ (…) Man kann natürlich bei einem Thema wie der olympischen Bewerbung vor einem so sportbegeisterten Publikum wie diesem einfach im Konsens baden oder aber auch den einen oder anderen Widerspruch draußen aufgreifen, um sich mit ihm auseinanderzusetzen. Ich tendiere zur zweiten Möglichkeit, weil es einfach interessanter ist und auch aktuell geboten.

Denn vielleicht haben Sie (…) gelesen, dass es ganz triste Nachrichten um die Bewerbung geben soll: (…) dass es leider nur eine ganz kümmerliche (…) Mehrheit von 57 Prozent der Garmischer gibt, die für die Spiele sind, während eine beeindruckende (…) Zahl von 27 Prozent kritisch gegenüberstehen. Das ist mir relativ neu, dass 57 Prozent Mitleid erregend und 27 Prozent imposant sind, aber man kann mit einigen Kniffen der propagandistischen Darstellung natürlich ein gewünschtes Meinungsbild herbei schreiben. Wenn man bedenkt, dass 16 Prozent noch keine Meinung haben, ergibt sogar diese Umfrage eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Und das in einer Situation im November vergangenen Jahres, als die örtliche CSU noch ein Bürgerbegehren gegen Olympia propagiert hat. (…)

Vielleicht sind wir Kommunalpolitiker einfach bescheidenere Leute – aber ich war mit Zwei-Drittel-Mehrheiten immer ganz zufrieden.

Die Stimmung ist ja in Wahrheit beglückend, wenn ich daran erinnern darf, was alles seit dem 8. Dezember 2007 geschehen ist, als der Deutsche Olympische Sportbund sich einstimmig hinter die Münchner Bewerbung gestellt hat. (…) Das war die Initialzündung an die Stadt München, an die Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen und an den Landkreis Berchtesgadener Land, sich um die Olympischen und Paralympischen Spiele 2018 zu bewerben.

Kurze Unterbrechung, so habe ich damals die DOSB-Mitgliederversammlung in Hamburg erlebt und für die Berliner Zeitung beschrieben:

Todernste Begeisterung

Auf einem Konvent der inhaltlichen Leere beschließt der DOSB die Olympiabewerbung 2018

HAMBURG. Um 13.58 Uhr packte Rudolf Scharping seine Sachen. Die Vollversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) war noch lange nicht beendet, als Scharping beschwingt aus dem Börsensaal der Hamburger Handelskammer schlenderte. Er hatte genug gehört, korrekter muss es allerdings heißen: Er hatte gar nichts gehört. Denn, rein theoretisch: Hätte man sich nicht vorstellen können, dass der DOSB die erdbebenartigen Skandale des Jahres 2007 thematisiert? Dass die Blutdopingpraktiken der Freiburger Universitätsmedizin, seit Jahrzehnten enger Partner des DOSB und seiner Vorgänger DSB/NOK, in angemessener Weise gewürdigt werden? Etwa in einem Überblick zum Stand der Ermittlungen und möglichen Maßnahmen des Sports? Dass das systematische Doping im Team Telekom, im Radsport überhaupt, verhandelt wird? Das Chaos in der Nationalen Antidopingagentur Nada und in den Verbänden wegen Hunderter verpasste Trainingskontrollen? Die mangelnde Bereitschaft der Spitzenverbände, im kommenden Jahr höhere Kosten für Dopingkontrollen zu begleichen? Oder, weil es ja auch um die Winterspiele 2018 ging: Das Vermarktungsdesaster des Deutschen Skiverbandes – wurde das etwa thematisiert?

Nein, davon hat Rudolf Scharping, Präsident des unsäglichen Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), nichts gehört. Sicher, einige Punkte wurden in der Rede des DOSB-Präsidenten Thomas Bach mit wenigen Worten gestreift. Das meiste aber blieb gänzlich unerwähnt. Niemand wurde kritisiert. Nichts wurde aufgearbeitet. Eine Debatte fand nicht statt. Kein Wunder, dass Scharping lächelnd abmarschieren konnte.

100 Prozent Zustimmung

Bach sprach von einem Bewusstseinswandel, der nötig sei; regte an, keine Rekordprämien mehr zu zahlen; auf Tempomacher, so genannte Hasen, in der Leichtathletik zu verzichten; im Fernsehen keine Weltrekordmarken mehr einzublenden. Kurzum: Er klaubte ein paar Forderungen zusammen, auf die er nicht das Copyright hat. Forderungen, die von kritischen Geistern in den Medien, in der Wissenschaft, sogar im Sport teilweise seit Jahrzehnten vorgebracht werden, ohne dass Funktionäre vom Schlage Bach dies jemals unterstützt hätten. Und schließlich zwirbelte Bach Halbsätze wie diesen: Er behauptete, deutsche Athleten würden die „Null-Toleranzpolitik zur Erhaltung und Rückgewinnung der Glaubwürdigkeit des Sports“ unterstützen.

So sieht sie also aus, diese „Null-Toleranzpolitik zur Erhaltung und Rückgewinnung der Glaubwürdigkeit des Sports“: Keine Debatte. Das Ausblenden elementarer Sachverhalte. Keinerlei Rechenschaftslegung. Keine Rechenschaftsforderung an jene – und davon saßen viele im Börsensaal – die lange Jahre mit Dopern kollaborierten.

In seiner inhaltlichen Leere war es ein beängstigender Konvent. Draußen auf den Fluren, aber nur dort, konnte man es von den Delegierten hören, wenn man hören wollte: Es sei ja kein Wunder, dass es so zugehe; wer hier seine Meinung sage und kritisiere, der habe bald nichts mehr zu sagen – aber bitte, nicht zitieren! Keiner wollte seinen Namen in der Zeitung sehen. Man frage nach bei Helmut Digel: Wer Wahrheiten formuliert, verliert rasant schnell Einfluss und Posten.

Zu welchem Tagesordnungspunkt auch immer, ob nun zur Münchner Olympiabewerbung oder zur Einführung des Deutschen Sportausweises, wenn sich überhaupt jemand zu Wort meldete aus dem Plenum, dann lieferte er, wie bestellt, eine Grußadresse ab. Hier saßen die Vertreter von 27,5 Millionen Vereinsmitgliedern. Es war eine gespenstische Atmosphäre, die ihren Höhepunkt erreichte, als Bach in der München-Frage Einmütigkeit abverlangte: „Deshalb rufe ich Ihnen zu, stimmen Sie zu! Wenn wir alle begeistern wollen, müssen wir zunächst selbst begeistert sein! Zeigen Sie Ihre Begeisterung nicht nur mit Ihrer Stimmkarte, zeigen Sie sie mit voller Begeisterung.“

Daraufhin gab es etwa fünf Sekunden braven Applaus.

Anschließend zückten, wie erwartet, sämtliche Delegierten ihre Kärtchen und erklärten München mit seinen beiden Partnern Garmisch-Partenkirchen und Schönau zum Bewerber um die Olympischen Winterspiele 2018. Eher zögernd erhoben sich die Funktionäre und applaudierten im Stehen, damit dieser Moment für die Nachwelt festgehalten werden konnte, denn so war es geplant: Einmütigkeit im deutschen Sport. Als Synonyme ließen sich in beliebiger Anzahl und Kombination auch Begriffe wie Sprachlosigkeit, Hilflosigkeit, Feigheit, Bequemlichkeit, Ideenlosigkeit, Geistlosigkeit, Opportunismus, Oberflächlichkeit verwenden.

Während der anschließenden Kaffeepause wurde nicht etwa vergnügt geplaudert. Es blieb auffällig ruhig – als sei es den Sportkameraden doch peinlich gewesen, hundertprozentig einer Meinung gewesen zu sein. In einer Ecke sprach Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble in Mikrofone und erklärte mit todernster Miene seine Begeisterung über die Begeisterungsfähigkeit des deutschen Sports.

München 2018: Entwurf des Mini-Bidbooks und „offizielle Oppositionen“

Gruppenbild ohne Dame bzw. ohne Katarina Witt, das schönste Gesicht des Sozialismus und „Gesicht“ der Münchner Olympiabewerbung.

So strahlten die Herrschaften am Freitag nach der Gesellschafterversammlung der Olympia GmbH in die Kameras. Es gibt mehrere gute Gründe, das Bild zu veröffentlichen, zum Beispiel diesen: Willy Bogner, neuer Vorsitzender der Geschäftsleitung und ehemals für Putins Oligarchenbewerbung in Sotschi tätig, kam hier bislang zu kurz. Bogner ist der lächelnde grinsende Herr ganz links.

[caption id="attachment_5838" align="aligncenter" width="547"]Gruppenbild mit Herren: Bogner, Ude, Seehofer, Bach, Hörmann, Vesper Foto: München 2018[/caption]

Die Installierung von Bogner als Ein-Euro-Mann und Boss der beiden eigentlichen Geschäftsführer Berhard Schwank (DOSB/Bach) und Richard Adam (München/Ude) ist ein weiteres Zeichen dafür, dass es im Gebälk sehr knarzt.