alfred gusenbauer

Sotschi 2014: Winterspiele unter Palmen

SOTSCHI. Es wird Sommer. Auf der Strandpromenade tragen die Männer ihre neuesten Adidas-Trainingsanzüge aus. Die Frauen führen Gucci-Handtäschchen, Bierbüchsen, Hündchen und Babys spazieren. Eine gewöhnungsbedürftige, aber doch sehr interessante, bunte Mischung. Das schaue ich mir mal ein paar Tage an, höre mich um und beobachte die IOC-Koordinierungskommission bei ihrer Arbeit. Die Vorbereitungen auf die Winterspiele 2014 unter Palmen (ganz speziell) und der russische Sport (ganz allgemein) rücken jetzt für vier Jahre in meinen Fokus. Den großen Fang hat Sotschi ja schon 2007 in Guatemala gemacht, nun schauen wir mal, wie die Beute aufgeteilt und wer außer den Oligarchen und Politniks etwas von den Spielen haben wird.

Angler am Hafen von Sotschi

Die Spiele unter dem Hammer

Der Urlaubsort des russischen Präsidenten Wladimir Putin richtet die Olympischen Winterspiele 2014 aus. In Sotschi will Putin mit seinen Oligarchen zwei Dutzend Milliarden Dollar investieren. Die Kameraden werden prächtig verdienen. Ein paar Brosamen fallen auch ab für den russischen Sport, moderne Anlagen und Trainingszentren. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wird ebenfalls profitieren. Denn schon im Herbst könnte, auf Geheiß Putins, der dubiose Energieriese Gazprom zu den IOC-Sponsoren gehören. Wahrscheinlich für den doppelten Preis des bisher auf dem Markt Üblichen. So ist das mit den Spielen.

Die Entscheidung für Sotschi ist ein katastrophales Zeichen. Es ist die Kapitulation vor der ungezügelten Macht des Geldes. Es ist ein Sieg der Oligarchen. Um gleich noch etwas klarzustellen: Hier schreibt kein Romantiker, niemand, der meint, Kommerzialisierung sei per se zu verdammen. Nein, ach Gottchen. Es geht um etwas anderes, um andere altmodische Werte wie Demokratie, Glaubwürdigkeit und korrekte Abrechnungen. Ist dagegen etwas einzuwenden?

Ein letztes Säuseln

GUATEMALA-STADT. Interview-Alarm in der Zona 10. In dem Hochsicherheitstrakt, der nur einen Quadratkilometer von Guatemala-Stadt umfasst, wuselt das olympische Völkchen der Entscheidung entgegen. In der Nacht zum Donnerstag (MESZ) wird der Gastgeber der Olympischen Winterspiele 2014 bestimmt. Bis dahin sind noch ein paar Stunden Zeit, die genutzt werden wollen. Inzwischen ist auch der russische KGB-Zar Wladimir Putin in Guatemala eingetroffen, Südkoreas Präsident Roh Moo-Hyun ebenso, Österreichs Bundeskanzler Alfred Gusenbauer beackert schon einige Tage das Feld. „Ich mache alles, damit wir das noch kriegen“, sagt Gusenbauer.

Die Kollegen aus Russland und Korea mühen sich ebenfalls, jeder auf seine Art. Putin hat bereits mit den Präsidenten der Wintersportverbände gespeist, außerhalb des IOC-Hotels, was einen Regelbruch darstellt. Kaum eines der IOC-Mitglieder, die zwischen Salzburg, Pyeongchang und Sotschi entscheiden müssen, kann sich den Avancen der Bewerber entziehen. Vom Präsidenten Jacques Rogge, standesgemäß erster Gesprächspartner Putins, bis zu Senioren wie Walther Tröger. Da kann man nichts machen. „Sie wissen doch, wie das ist“, sagt Tröger zwischen zwei Terminen: „Soll ich etwa Nein sagen, wenn mich der koreanische Außenminister sprechen will?“ Andere wie der Norweger Gerhard Heiberg werden deutlicher. Das Bewerbungsprocedere sei außer Kontrolle, kritisierte Heiberg in einigen Interviews.

Mickeymaus unter Milliardären

GUATEMALA-CITY. Es geht ums Geld, wie immer. Deshalb lässt sich die Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2014, die in der Nacht zum Donnerstag entschieden wird, wunderbar am Kontostand bemessen. Denn der wird offen zur Schau getragen, so oder so: Die einen protzen mit ihren obskuren Milliarden – Sotschi (Russland) und Pyeongchang (Südkorea) sind deshalb favorisiert. Den anderen fehlt es an finanzkräftigen Sponsoren aus Wirtschaft und Politik – weshalb die Österreicher aus Salzburg ein vorsichtiges Budget aufstellten und dafür selbst von der Lokalzeitung Salzburger Nachrichten verspottet wurden. Über ein „Mickeymaus-Format“ lästerte das Blatt, das in seiner Online-Ausgabe kein Wort mehr über die Bewerbung verliert. Als sei das Abenteuer schon beendet.

Dem vielleicht zu vorsichtig kalkulierten Olympia-Etat Salzburgs ist allerdings eine gewisse Logik nicht abzustreiten. Denn anders als die Konkurrenten Sotschi und Pyeongchang, die in Windeseile unberührte Landschaften in Touristenregionen verwandeln wollen, brauchen die Österreicher gar nicht zu klotzen. In der Region Salzburg, inklusive des deutschen Teils der Bewerbung, der Schlittenbahn am Königssee, ist eigentlich alles vorhanden. „Wir könnten schon morgen die Spiele ausrichten“, beteuert Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden nimmermüde. Derartige Behauptungen sind nicht neu im olympischen Städtewettstreit. Doch selten kam ein Bewerber der Wahrheit so nahe. Salzburg hat das Original, Sotschi und Pyeongchang wollen unverschämt teure alpine Kopien anbieten. Heinz Schaden spricht von einem „legalen und einem nicht-legalen Weg“, mit Geld umzugehen. Der Ton wird rauer.