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Über den DOSB in Tokio, angebliche Intrigen und eine ganz eilig durchgeführte Kulturanalyse

URAYASU. Knapp zehn Stunden noch, bis das Feuer verlöscht. Gerade läuft der zweite Teil der 138. IOC-Session mit der Aufnahme neuer Mitglieder und der Selbstbeweihräucherung durch den Großen IOC-Führer, The Greatest IOC Leader Of All Time (TGIOCLOAT/FDP). Um es kurz zu machen:

Im Newsletter 17 habe ich mich in der vergangenen Nacht ein wenig dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) beschäftigt. Das möchte ich Ihnen in diesem Theater nicht vorenthalten.

Im aktuellen SPIEGEL, Heft 32/2021, habe ich mich gemeinsam mit Thilo Neumann in einer kleinen Bilanz dem DOSB und den nächsten Monaten gewidmet, in denen wichtige Weichen für die Zukunft des deutschen Sports gestellt werden sollen/müssen/werden. Den ganzen Text (“Ständige Lügen des Präsidenten haben das Vertrauen zerstört”) darf ich Ihnen hier nicht reinknallen. Es geht um den DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann (CSU), seine Performance, seinen Abschied und um die Zukunft. Ich darf ein bisschen zitieren, ein Anreißer …

Tokio, was vom Tage übrig bleibt (28. Juli 21): wenn Rassismus im deutschen Team folgenlos bleibt

UPDATE am Ende des Textes: Offensichtlich unter dem Druck der Öffentlichkeit – und nach internem Druck – hat die DOSB-Führung den Radsportfunktionär Patrick Moster nun doch nach Hause geschickt. Die Entscheidung erfolgte vor wenigen Minuten.

URAYASU. Was berichten Weltmedien heute über das deutsche Olympiateam? Reuters zum Beispiel:

Ob das wirklich eine Entschuldigung war, weiß ich nicht, das schauen wir uns gleich an. Darum geht es:

Reuters schreibt:

“Get the camel drivers, get the camel drivers, come on,” Patrick Moster said as he urged on his rider Nikias Arndt, who was chasing opponents Algeria’s Azzedine Lagab and Eritrea’s Amanuel Ghebreigzabhier.

Und:

Germany’s Olympic Committee (DOSB) did not respond to a request for comment.

Man könnte es sich einfach machen und sagen: Es ist halt Radsport, da darf man nichts erwarten. Die flächendeckende Unkultur in dieser Branche ist seit Jahrzehnten bestens belegt. Doping und sonstige Gaunereien. Es ist mir egal, ob jetzt Leser aufschreien. Ja, Radsport steht aus guten Gründen unter besonderer Beobachtung. Und jetzt dies: 

Rassistische Äußerungen von Patrick Moster, Sportdirektor des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), beim olympischen Einzelzeitfahren – live übertragen und deshalb nicht zu leugnen. Und deshalb auch für alle Ewigkeiten archiviert in diesem Internet.

“Hol die Kameltreiber! Hol die Kameltreiber! Komm!”

Tokio, was vom Tage übrig bleibt (26. Juli 21): Albträume von Ewig-Präsidenten

TDLR: Kann es sein, dass Thomas Bach als IOC-Präsident eine dritte Amtszeit dranhängt und für ihn die Olympische Charta geändert wird, weil seine Anhänger sich das ganz dolle wünschen? Ist es möglich, dass DOSB-Präsident Alfons Hörmann doch nicht abtritt in diesem Herbst und es also nicht zu Neuwahlen kommt, weil Hörmann & Co ja erst noch Deutschland retten müssen nach der Umwetterkatastrophe? Und sollten die selbstbewussten deutschen Athleten nicht konsequenter Weise Kandidaten für das Präsidentenamt stellen, um wirklich Veränderungen zu forcieren? Fragen über Fragen.

URAYASU/TOKYO. Der Taifun Nr. 8, Nepartak genannt, nähert sich der Olympiaregion. Der Regen trommelte heute Nacht gegen mein Fenster hier im Hotel direkt an der Tokyo Bay. Es wird ein bisschen ungemütlich. Alle weiteren Informationen entnehmen Sie bitte dieser Mitteilung der Japan Meteorological Agency (JMA), damit sollten Ihre Fragen vollumfänglich beantwortet sein.

Japan Meteorological Agency

Aufstand im deutschen Sport? Abschied von DOSB-Präsident Alfons Hörmann (CSU)

PyeongChang 2018

Na endlich. Es hat viel zu lange gedauert. Nun handeln offenbar einige Mitarbeiter*innen aus der DOSB-Zentrale in Frankfurt am Main und erklären in einem Offenen Brief, warum der DOSB einen neuen Präsidenten braucht. (Nachrangig: Ich benutze keine Sternchen, im Brief stehen Sternchen.)

Die Absender des Papiers bleiben anonym. Der Inhalt des Schreibens klingt sehr nach DOSB und offenbart Insiderwissen.

Der DOSB behauptet inzwischen, das Schreiben sei von einem „Fake-Mail-Account“ verschickt worden. Was immer man darunter verstehen mag. Diese Mitteilung des DOSB wurde bundesweit zitiert:

„Wir bestätigen den Eingang einer anonymen Mail, die von einem Fake-Mail-Account versandt wurde. Von den im Adressatenkreis angesprochenen Mitgliedern des Präsidiums und des Vorstands haben nur einige dieses anonyme Schreiben erhalten. Wir werden die Hintergründe prüfen.“

Korrekt wäre: gesendet von einem Account eines Anbieters, der sichere und vertrauliche Emails offeriert – es ist logisch, dass derlei Schreiben nicht von offiziellen DOSB-Postfächern verschickt werden. Den Anbieter Mailfence kenne ich nicht aus praktischer Erfahrung, sehe bislang nur, dass Mailfence ziemlich gute Bewertung in Sachen Sicherheit und Privatsphäre bekommt – und genau darauf kommt es in solchen Fällen besonders an.

Zur Debatte um den DOSB und Alfons Hörmann habe ich in den vergangenen Monaten einiges beigetragen – und recherchiert. Wer nachlesen möchte:

Manche Recherchen wurden von Drohungen der von Hörmann/DOSB beauftragten Anwaltskanzlei begleitet. Und siehe, einige Details, etwa der (angebliche) Umgang mit jungen weiblichen Mitarbeitern in der Zentrale, werden in dem Papier thematisiert.

Hier der (anonyme) Offene Brief, der heute Vormittag verschickt wurde:


Warum wir eine/n neue/n Präsident*in brauchen: Offener Brief aus der Mitarbeiterschaft des Deutschen Olympischen Sportbundes

An das Präsidium des DOSB
An den Vorstand des DOSB
in Kopie: an den Betriebsrat des DOSB

Sehr geehrte Mitglieder des DOSB-Präsidiums, sehr geehrte Mitglieder des DOSB-Vorstands,

als Dachverband des deutschen Sports stehen wir für sportliche Höchstleistungen. Noch mehr stehen wir jedoch für Werte. Sport ist mehr als Gewinnen. Und so arbeiten wir Mitarbeiter*innen täglich hart daran, daß wir diesen Wertekompass in Sportdeutschland mit Leben füllen. Allen voran steht dabei: Respekt und Fairplay. Ohne dies geht es im Sport nicht.

Und genau dies, Respekt und Fairplay, vermissen wir jeden Tag in unseren Führungsgremien, vor allem bei unserem Präsidenten Alfons Hörmann. Bei uns Mitarbeiter*innen hat eine schier endlose Reihe von zweifelhaften Verhaltensweisen, geprägt von einem uns gegenüber herablassenden Auftreten, dazu geführt, daß wir unsere Stimme hörbar machen wollen.

Stellungnahme(n) für den Sportausschuss zur Nationalen Strategie Sportgroßveranstaltungen

Gewesene und munter weiter tagträumende Olympiabewerber Mronz (FDP), Rücker (DOSB), Laschet (CDU) – IOC-Gottheit (FDP), einst in Lausanne. (Foto: IOC/Greg Martin)

Lektüre. Umfangreiche Lektüre. Dieser Beitrag wird durch Original-Dokumente ergänzt. Für den Abend Dienstagabend hatten BMI und DOSB flink noch ein sogenanntes Hintergrundgespräch angesetzt, es geht halt um die Kommunikationsherrschaft, die man längst verloren hat. Aber schaun mer mal – und lassen Dokumente sprechen.

Für das Hintergrundgespräch waren natürlich einige Journalisten, die derlei Themen beackern, das sind ja nicht viele, nicht geladen. Wie das so ist. Zitieren dürfen soll man auch nicht. Sagen wir es deshalb zunächst so: Es hat sich zusätzlich einiges bestätigt, was ich in meinem Papier skizziert habe. Es ist teilweise viel schlimmer. Der parlamentarische Ausschuss tagt – aber diejenigen, die kontrolliert und gezügelt werden sollten, haben sich längst geeinigt.

Immerhin, das Papier wurde gut gelesen. Vertreter von BMI und DOSB haben mehrfach zitiert und sind sogar bis zum Ende meiner Stellungnahme gekommen.

Hier zunächst meine eigene Stellungnahme als Einzelsachverständiger zur öffentlichen [sic] Anhörung im Sportausschuss des Bundestages am Mittwoch, 3. März 2021. Dazu, zum Vergleich, die Stellungnahme des DOSB – darunter einige Dokumente, die in meiner Ausarbeitung erwähnt sind, machen Sie sich selbst ein Bild. Eben kam als letztes Papier gerade noch die Stellungnahme des BMI rein. Noch so ein komisches Detail. Auf die merkwürdigen Usancen bin ich ausführlich eingegangen und werde das in den nächsten Tagen noch ausführlicher tun.

Die Anhörung findet am Mittwoch um 14.00 Uhr statt und wird im Bundestags-TV live übertragen. Nebenan beim Sportausschuss finden sich weitere Stellungnahmen.

Stay tuned.

Stellungnahme JW zum Dauer-Scheitern von deutschen Olympiabewerbungen und zur Nationalen Strategie Sportgroßveranstaltungen (die noch unter Sperrfrist ist):

195308_-Stellungsnahme_Weinreich_03032021

Der verzweifelte Versuch von DOSB und BMI, die Kommunikationsherrschaft zu erlangen

Das kann man mal so stehen lassen. Hier das gerade vom DOSB bereitgestellte Dokument zu einem weiteren bizarren Termin in Sachen Olympiabewerbung 2032 – eine Antwort auf die Herren Laschet und Mronz.

Paradoxon Olympia 2032: Berlin ist draußen, NRW ist ein Kandidat, ohne zum Kandidaten gekürt worden zu sein.

Wer die Diskussion um die Olympischen Sommerspiele 2032 und einen Kandidaten Nordrhein-Westfalen verstehen will, muss umdenken und sollte die Chronik der Olympiavergaben seit 1991 studieren. Wir sind es gewöhnt, Olympiabewerbungen in jenen Kategorien und unter jenen Regeln zu betrachten, die das IOC Anfang der 1990er Jahre festgezurrt hatte. Viele dieser Grundsätze gelten aber nicht mehr.

Insofern ist NRW im Grunde schon ein Olympia-Kandidat, schlicht und einfach, weil sich dort ein Ministerpräsident (Armin Laschet/CDU), ein vorzüglich vernetzter Sportvermarkter (Michael Mronz/FDP) und 14 OberbürgermeisterInnen committed haben, wie es auf Neudeutsch heißt. Anfang des Jahres machten Laschet, Mronz und Veronika Rücker, die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), dem IOC-Präsidenten Thomas Bach (FDP) in Lausanne ihre Aufwartung. Seitdem ist #NRW2032 quasi im Rennen, obwohl es noch keinen Grundsatzbeschluss des DOSB gegeben hat, der gemäß IOC-Grundgesetz (Olympische Charta) allein über eine Bewerbung entscheidet. Obwohl es einen solchen Beschluss wohl frühestens 2021 geben wird.

Dann allerdings, danach sieht derzeit vieles aus, könnten die Sommerspiele 2032 schon vergeben sein.

Zu kompliziert?

Ich sage doch, was man bisher über Olympiabewerbungen kannte und zu wissen glaubte, kann man beinahe vergessen. Heute ist (fast) alles anders und das will ich in einem länglichen Beitrag ansatzweise erklären.

Wir alle müssen dabei umdenken und alte Kategorien streichen.

Am Beispiel NRW vs Berlin heißt das:

NRW ist ein Kandidat, ohne vom DOSB gekürt worden zu sein.

Berlin ist nichts, ohne vom DOSB dazu gekürt worden zu sein.

Kronzeugenregelung und Schutz von Whistleblowern im deutschen Anti-Doping-Gesetz

DOHA. Am kommenden Mittwoch tagt der Sportausschuss im Bundestag ausnahmsweise öffentlich. Nur deshalb stelle ich nach langer Zeit mal wieder Dokumente zur Diskussion – die Stellungnahmen der Sachverständigen zur Evaluierung des Anti-Doping-Gesetzes, das am 10. Dezember 2015 erlassen wurde. Die Sachverständigen und Organisationen (DOSB, NADA, Athleten Deutschland, Thomas Weikert, Oberstaatsanwalt Kai Gräber, Deutscher Anwaltverein) sind sich darin einig, dass das Gesetz verbessert werden muss. Es bedarf, so im trockenen Juristendeutsch, beispielsweise und vor allem „der Einführung einer gesonderten Kronzeugenregelung“ inklusive eines besseren Schutzes für Whistleblower.

Nachgetragen wurde die Stellungnahme des Sportrechtlers Rainer Cherkeh aus Hannover.

live aus PyeongChang (15): Fähnchen wedeln bei Alfons und Philipp

BIRCH HILL GOLF CLUB/PYEONGCHANG. Moin, moin. Ist spät geworden heute und wird noch später. Musste tagsüber einige Dinge für das Magazin vorbereiten. Es soll ja gut werden. Sitze nun im Deutschen Haus, rechts vom Eingang, wo sich eben etwas zu früh das Jubelkommando formiert hatte. Olympiasieger Eric Frenzel lässt sich doch noch etwas Zeit, und später kommen auch noch die Latex-Doppel vorbei (Tobias Wendel, Tobias Arlt und Toni Eggert, Sascha Bennecken, die Rodler. Dann wird das hier noch besser aussehen …

… und Alfons Hörmann, der als DOSB-Präsident bisher eine suboptimale Performance hinlegte und der sich vorhin mächtig über die humorfreien Sprüche des DOSB-Fanreporters Philipp amüsierte, kann endlich mal ruhig schlafen. Mal schauen, ob ich das Fähnchen, was mir freundlicherweise zugeteilt wurde, durch den Abend retten kann.

Ich melde mich so oft es geht. Muss aber erstmal anderen Verpflichtungen nachkommen. Insofern könnte das hier nur ein Pflichtartikelchen werden. Mal schauen.

Beifall von so zehn bis fünfzehn Menschen gibt es gerade für die drei anderen deutschen Kombinierer, das Empfangskommando formiert sich nur für Medaillengewinner.

Live-Blog zu Olympia 2024: die DOSB-Führung zieht den Fifty-Fifty-Joker – Hamburg

Für Krautreporter habe ich dazu gedichtet: Hamburg 2024: das Problem der Einmütigkeit

Der einmütige Vorschlag des DOSB-Präsidiums an Sportdeutschland lautet Hamburg.“

Hörmann hält nicht viel von Inszenierungen. Er verkündet es, ohne die Stimme zu heben und/oder eine bedeutungsschwere Pause zu machen.

19.23 Uhr: Hörmann nennt drei Hauptpunkte, die den Ausschlag gegeben hätten:

1) Stimmungslage in der jeweiligen Stadtgesellschaft
2) klares Votum der Fachverbände
3) „Expertenrunde“, die „in der Gesamtschau dessen, was der olympische Geist für das Projekt ausmachen kann, uns nochmal wichtige Hinweise gegeben hat“ … (Herrje. Was für ein Quatsch.)

19.21 Uhr:

Nicht einstimmig, sondern einmütig.“

19.16 Uhr: „Hamburg ist eine echte Agenda-City“, sagt Hörmann. Und jetzt beginnt die Arbeit.

19.14 Uhr: Mehrheit der Spitzenverbände sei für Hamburg gewesen. 18 pro Hamburg, 4 pro Berlin, der Rest für beide = unentschieden.

Der Sport im Koalitionsvertrag von CDU/CSU/SPD: „möglichst flächendeckende Einführung von Good Governance Standards“ und andere Rätsel

Naturgemäß spielt der Sport eine untergeordnete Rolle, wenn ein politisches Machtbündnis in einen Koalitionsvertrag (pdf) gegossen wird. Voraussetzung für Inhalte wären ja zunächst überzeugende sportpolitische Konzepte.

Den Bundes-Sportpolitikern der Union traue ich nicht zu, die Vokabel Konzept fehlerfrei zu buchstabieren und an diesem komischen K-Dingens interessiert zu sein. Sie haben den Sportausschuss zum Grüßausschuss verkommen lassen, überflüssig gemacht und sinnvolle sportpolitische Ansätze aus anderen Fraktionen in der Regel boykottiert.

Das ist alles umfangreich beschrieben und belegt. Die Initiativen zu einem Gesetz gegen Doping und Sportbetrug, das den Namen wirklich verdient, kamen aus den Ländern, vor allem von Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU), die nie locker gelassen hat. Etliche Dokumente dazu und der Verlauf der Diskussion in diesem Jahr sind in diesem Beitrag und den Kommentaren verlinkt. Ihr erster Entwurf eines so genannten Sportschutzgesetzes ist nun schon vier Jahre alt.

Hier also die wenigen Passagen aus dem Koalitionsvertrag zum Sport. Präzise betrachtet geht es auf den 185 Seiten auf einer Seite wirklich um den Sport, die gemäß DOSB-Propaganda „größte Bürgerbewegung Deutschlands“ (der Begriff fehlt im Vertrag nicht). Beim ersten Überfliegen sage ich: man legt sich nicht fest.