winterspiele

live aus Lausanne: Olympische Winterspiele 2026 in Mailand

LAUSANNE. Es ist wieder einmal so weit. Sah im Herbst 2018, rund um die 133. IOC-Session in Buenos Aires, eher so aus, als sollte es zum Ende des Jahres keinen Olympiabewerber mehr geben. Ich hatte sogar eine Wette laufen mit Ser Miang Ng aus Singapur. Ser Miang hat allerdings gewonnen: Mit gewaltigen Anstrengungen ist es dem IOC gelungen, die Bewerbungen von Stockholm und Mailand bis zur heutigen Ziellinie zu schleppen.

Es wird also in knapp zwei Stunden gewählt auf der 134. Session hier im SwissTech Center zu Lausanne. Um 18 Uhr wird der Olympiasieger verkündet, wenig später unterschreiben sie den Host City Contract. Allerdings würde ich gern die nächste Wette eingehen … denn wer weiß, ob es in Italien oder Schweden nicht doch noch ein Referendum gibt, nach dem Olympia-Zuschlag. So wie das einst in Denver passiert ist, und die Winterspiele 1976 kurzfristig einen neuen Ausrichter suchten.

#NoCostsOlympics 2026 und das große Misstrauen

Auch die Vergabe Olympischer Winterspiele beschreibe ich ausführlich seit Anfang der 1990er Jahre und habe seither alle Bewerberwettkämpfe intensiv und so nah wie möglich verfolgt – inklusive der entscheidenden IOC-Sessionen live vor Ort, hier im Blog beispielsweise ausführlichst nachzulesen: 2007 in Guatemala (Vergabe an Sotschi), 2011 in Durban (Sieger PyeongChang gegen München) und 2015 in Kuala Lumpur (Sieger Peking). Seit dieser umfangreichen Analyse im vergangenen Jahr (Der Überlebenskampf: Olympische Winterspiele 2026) hat sich die Lage weiter zugespitzt: Volksentscheide in Graubünden, Tirol und im Wallis gingen krachend verloren, das Projekt Graz/Schladming 2026 nahm das Österreichische Olympische Comité (ÖOC) dann selbst aus dem Rennen, weil die politische Unterstützung fehlte.

In der vergangenen Woche habe ich aus Buenos Aires die jüngsten Entwicklungen skizziert, als das IOC sich auf die drei offiziellen Bewerber Stockholm, Calgary und Mailand/Cortina d’Ampezzo festlegte – um drei Tage später den nächsten Nackenschlag hinnehmen zu müssen, als der neu gewählte Stadtrat von Stockholm das Projekt zunächst beerdigte.

Bevor ich mich kommende Woche im Magazin Sport & Politics ausführlich dazu äußere, habe ich für den SPIEGEL eine kleine Lagebeschreibung gedichtet. Dieser Text hier nun wie gewohnt leicht erweitert und mit einigen Dokumenten versehen.

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Bürgerentscheide München 2022: historisches Votum gegen eine deutsche Olympiabewerbung

Es ist erstaunlich, was sich heute in München, Garmisch-Partenkirchen sowie den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land abgespielt hat. Erstmals wurden die Bürger VOR einer deutschen Olympiabewerbung gefragt. Es gab eine deutliche Abfuhr.

München Markt Garmisch-Partenkirchen Landkreis Berchtesgadener Land Landkreis Traunstein
Nein

161.714

6.065

17.268

33.100

Ja

148.589

5.697

14.652

22.374

gegen eine Olympiabewerbung

52,10 %

51,56 %

54,10 %

59,67 %

Wahlberechtigte

1.073.218

21.127

83.576

138.962

Wahlbeteiligung

28,90 %

55,80 %

38,25 %

39,98 %

Ergebnisse online

Landeshauptstadt München

Markt Garmisch-Partenkirchen

Landsratsamt Berchtesgadener Land

Landratsamt Traunstein

Zum Vergleich die Ergebnisse der Abstimmung in Garmisch-Partenkirchen im Mai 2011, als zwei Monate vor der IOC-Entscheidung die Olympiabewerbung 2018 verhandelt wurde:

Das Ergebnis heute überrascht mich. Die Bewerbung 2022 wird von einer Mehrheit jener abgelehnt, die ihre Stimmen abgegeben haben. In Orten wie Schönau (Bob- und Rennschlittenbahn am Königssee) oder Biathlon (Ruhpolding) haben sich die Bürger mehrheitlich für Olympia ausgesprochen. Insgesamt aber sind die Abfuhren in den Landkreisen deutlich.

Grünes Licht für Winterspiele 2022 in München: DOSB-Bosse beziehen Ruhpolding ein und entlasten Garmisch-Partenkirchen

Es gibt Entwicklungen, die nichts mit Uli Hoeneß und Mario Götze zu tun haben.

Die Spitzen des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (DOSB), Präsident Thomas Bach (FDP) und Generaldirektor Michael Vesper (Bündnis 90/Die Grünen), antichambrieren derzeit in Lima bei der IOC-Konferenz Sport for all. Für Bach hat der Wahlkampf um die IOC-Präsidentschaft längst begonnen – im September entscheidet die IOC-Vollversammlung in Buenos Aires. Vesper will dann kurze Zeit später Bachs Nachfolger als DOSB-Präsident werden – als bezahlter Präsident, versteht sich. Vergangene Woche hat das allmächtige Duo die Weichen für eine vernünftigere – und extrem aussichtsreiche – Olympiabewerbung Münchens für die Winterspiele 2022 gestellt.

Der DOSB rückt von seinem Zwei-Cluster-Prinzip ab, würde bei einer neuerlichen Bewerbung (über die angeblich im Herbst die Bürger abstimmen sollen) die Widerstands-Region Garmisch-Partenkirchen extrem entlasten und Wettbewerbe von GaPa nach München und vor allem nach Ruhpolding in die Biathlon-Hochburg verlegen.

Das ist vernünftig. Der Brief des DOSB wurde in der aktuellen Rathaus-Umschau der Landeshauptstadt München veröffentlicht:

Wobei Ralf in den Kommentaren natürlich längst darauf hingewiesen hat, dass der DOSB und die Olympiabewerbungsgesellschaft 2018 das vor zwei Jahren noch kolossal anders gesehen haben:

Im Folgenden setzen wir uns mit den 18 gebräuchlichsten Thesen gegen Olympische und Paralympische Winterspiele in München und Garmisch-Partenkirchen auseinander und geben Antworten darauf. Alle Belege, die wir vortragen, sind nachprüfbar.

„München plus 4 (Ruhpolding, Inzell, Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen) wäre das ökologisch bessere Modell gewesen, das man hätte unterstützen können.“

Das ist falsch. Im Gegenteil, dieses Modell würde

  • mehr Verkehr auf längeren Wegen auslösen,
  • mehr Flächenverbrauch durch zusätzliche Infrastruktureinrichtungen bedeuten und
  • mehr Eingriffe in Natur und Landschaft notwendig machen.

So müssten bei der Nutzung weiterer Austragungsorte zwangsläufig auch weitere Olympische Dörfer, Medienzentren und Funktionsbauten (Telekommunikation, Organisation etc.) errichtet werden. Darüber hinaus entstünde ein stark erhöhtes Verkehrsaufkommen von München bzw. Garmisch-Partenkirchen zu und innerhalb aller Austragungsorte durch Zuschauer, Verantwortliche und Medienvertreter, das mit dem bestehenden Verkehrsnetz nicht zu bewältigen wäre. Es wäre daher ein erheblicher Aufwand für den Ausbau von Straßen erforderlich, zumal entsprechende Bahnlinien nicht zur Verfügung stehen. Dieser Ausbau würde abgesehen von den enormen finanziellen Belastungen zu erheblichen Umwelteingriffen führen und wäre für das nach-olympische Verkehrsaufkommen nicht nachhaltig.

Zudem würde eine solche Ausweitung Münchens Chancen im internationalen Wettbewerb massiv beeinträchtigen, denn der Grundgedanke Olympischer Spiele ist es, Sportler/innen aus allen Kontinenten und aus den unterschiedlichsten Sportarten zusammenzubringen, um die internationale Verständigung zu fördern. Olympische Spiele sind eben nicht eine Addition von Weltmeisterschaften, sondern haben einen ausgesprochen integrativen Charakter. Sie ziehen ihre Faszination gerade aus der einzigartigen Verbindung ganz unterschiedlicher Nationalitäten und Sportarten an möglichst einem Ort. (…)

Bewerbungsfolklore.

Belege? Nachprüfbar?

Geschenkt.

Im Münchhausen-Test sind Bach & Co wieder einmal durchgefallen.

Hatte der DOSB-Boss doch 2010 im sid-Interview gesagt:

sid: Gerade hat Ruhpolding wieder seinen ausgezeichneten Ruf als Biathlon-Hochburg unter Beweis gestellt. Warum passen die Chiemgauer dennoch nicht in das Konzept für München 2018?

Bach: „Weil es dann keine Olympischen Spiele in Deutschland geben würde. Mit einer Flickenteppich-Bewerbung hätten wir keine Chance. In Ruhpolding müsste unter anderem ein zusätzliches olympisches Dorf errichtet werden, ein solches Subzentrum mit kostenintensiven Verkehrswegen ist nicht zu rechtfertigen.“

Nachtrag, 14.12 Uhr: Das Fragezeichen habe ich flink mal aus der Überschrift getilgt.

Denn das ist wohl der Auftakt der deutschen Olympiabewerbung 2022.

Programmhinweis, Olympia in Graubünden: Wer kassiert und wer bezahlt die Zeche?

ZÜRICH. Programmhinweis in eigener Sache: Ich freue mich auf die Veranstaltung heute Abend in Chur mit Nationalrätin Silva Semadeni, Präsidentin des Olympiakritischen Komitees Graubünden. Die Schweiz ist ja gewissermaßen meine zweite Heimat, habe auf den Spuren von FIFA, IOC und UEFA schon Jahre hier verbracht. Nun also Olympia 2022. Ich darf etwas über Olympiafinanzierung und das leidige Thema Intransparenz bei Bewerbungen erzählen. Bastle gerade noch an meiner Präsentation.

Just in case, meine Schweizer Leser, Feinde und Mitdiskutanten möchten zufällig in Chur vorbeischauen: 

Olympia 2022 in Graubünden: Paradies für Geber und Nehmer

Ich habe für einen Olympia-Schwerpunkt der Tages Woche (Basel) einen Text zu den Olympiachancen der Bewerbung von Graubünden 2022 gedichtet:

Cover Tageswoche 1.2013

Cover Tageswoche 1.2013

Man muss kein Olympiafan sein, um die Frage nach den Chancen der Bewerbung Graubündens für die Olympischen Winterspiele 2022 optimistisch zu beantworten: Die Aussichten sind hervorragend.

Diese Einschätzung ergibt sich allein schon aus der Konkurrenz-Situation. Außer einem Interesse in der Ukraine und relativ vagen Überlegungen in München und Oslo, die aus verschiedenen Gründen meilenweit hinter der Offerte von Davos und St. Moritz respektive der Sport-Dachorganisation Swiss Olympic hinterherhinken, steht derzeit kein Konkurrent bereit. Wenn also die Bündener im März bei der Volksabstimmung für Olympia votieren und im Sommer der Bundesrat das Projekt absegnen sollte, wäre Graubünden mit der Host City St. Moritz Favorit. Die Winterspiele könnten nach 1928 und 1948 zum dritten Mal in der Eidgenossenschaft ausgetragen werden. Die Entscheidung darüber fällt schlussendlich die Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) am 31. Juli 2015 in Kuala Lumpur.

Dies ist die rein sportpolitische Einschätzung, die andere Parameter für einen Moment vernachlässigt: Etwa die zurecht hart geführte Diskussion über ausufernde Kosten, olympische Intransparenz, Gigantismus und Nachhaltigkeit eines solchen Mega Events.

Winterspiele 2022

Weitere Texte aus dem Special der Tages Woche „Olympia im Bündnerland“:

Pflichtlektüre:

Ein umfangreiches Archiv zu Graubünden und München 2022 findet sich in den Kommentaren zu diesem Beitrag:

Die Schweiz ist olympiareif und olympiawürdig: Ihre Politiker katzbuckeln seit Jahrzehnten vor Sportkonzernen wie dem IOC oder dem Fußball-Weltverband FIFA, gewähren Steuererleichterungen und allerlei andere Subventionen; kein Land hat mehr IOC-Mitglieder (fünf), die bestens vernetzt sind und ihr Business beherrschen. Außerdem garantieren die Luxusherbergen im Bündner Land dem IOC-Völkchen und anderen Super-V.I.P.s standesgemäße Exklusivität. Zwar bröckelt das Bankgeheimnis ein wenig, doch würden etliche dubiose Vertreter der olympischen Familie den Umstand zu schätzen wissen, sich während der Winterspiele 2022 intensiv ihren Nummernkonten und Privatgeschäften widmen zu können.

Vieles spricht für die Schweiz. Als ein Kernland des Wintersports erfüllt sie alle Bedingungen für den Ringe-Zirkus. Sie beherbergt zudem rund 60 internationale Sportverbände, nicht nur das IOC und die FIFA. Auch die drei wichtigsten der sieben olympischen Wintersportverbände sind in der Eidgenossenschaft domiziliert: Der Eishockeyverband IIHF (Zürich), der Ski-Weltverband FIS (Oberhofen/Thunersee) und der Eislauf-Weltverband ISU in Lausanne, der Capitale Olympique.

Die Schweizer IOC-Mitglieder dürften in Kuala Lumpur zwar nicht für die eigene Kandidatur stimmen, was die IOC-Regeln verbieten, sind aber allesamt so gewandt und gerissen, dass man ihnen zutrauen darf, problemlos Stimmen der 100 anderen IOC-Mitglieder zu akquirieren – wenn sie denn wollen, wenn ihre privaten Interessen mit den nationalen korrespondieren. Zum formidablen Quintett aus der ersten Reihe des Olymps gehören:

  1. René Fasel, Präsident des Eishockey-Weltverbandes IIHF und Mitglied des IOC-Exekutivkomitees;
  2. Denis Oswald, Präsident des Ruder-Weltverbandes FISA (mit Sitz in Lausanne);
  3. Gian-Franco Kasper, Präsident des Ski-Weltverbandes FIS;
  4. Patrick Baumann, Generalsekretär des Basketball-Weltverbandes FIBA (mit Sitz in Cointrin);
  5. sowie die Skandalnudel Joseph Blatter, Präsident des Fußball-Weltverbandes FIFA (mit Sitz in Zürich).

Eine imposante Liste. Die Herrschaften sind mit allen Wassern gewaschen. Blatter darf man als Korruptionsexperten bezeichnen. Auch Fasel, dem wie Oswald Ambitionen auf die IOC-Präsidentschaft nachgesagt werden, ist nicht ganz ohne: Er betreibt manches Geschäft, gern in Russland, und wurde 2010 vom IOC-Exekutivkomitee wegen eines Interessenskonfliktes im Zusammenhang mit TV- und Marketingrechten gerügt.

Ja, es bleibt vieles in der Familie. TV- und Marketingrechte, darauf sind Schweizer Firmen und Funktionäre spezialisiert. Da lassen sich allerlei diskrete Abmachungen treffen, Karrieren beschleunigen, Familienmitglieder beschäftigen und Verdienste generieren. Blatters Neffe Philippe etwa leitet die Geschäfte der in Zug beheimateten Firma Infront, einem Global Player in diesem Business. Der Infront-Konzern ist mit voluminösen Paketen (insgesamt in Milliardenhöhe) etwa mit der FIFA, der FIS, der IIHF oder dem skandalumtosten Rad-Weltverband UCI verkuppelt. Im Infront-Reich, bei der Entertainmentgruppe Infront-Ringier, hat auch Fasels Sohn Pierre eine gut dotierte Anstellung gefunden.

Whistleblower Waleri Morosow: „Es wird Blut fließen“

MOSKAU. Dmitri Muratow hat gerade Elektroschocker verteilt. Zwanzig Journalisten der Nowaja Gaseta, die delikate Themen recherchieren, sollen sich damit bei Überfällen verteidigen können. Elektroschocker, beruhigend sind die kaum. Der beste Schutz für Journalisten in Russland sei deshalb, gar nicht erst „über Korruption, Neonazis, den Geheimdienst und den Kaukasus-Konflikt zu berichten“, sagt Chefredakteur Muratow. „Aber dann wären sie keine Journalisten mehr.“

Sechs Autoren der Nowaja Gaseta wurden bisher ermordet. Ihre Porträts hängen an der Wand des Besprechungszimmers. Dort sitzt nun Waleri Morosow und redet über – Korruption.

[caption id="attachment_9999" align="aligncenter" width="530"]Waleri Morosow Waleri Morosow, Nowaja Gaseta[/caption]