sportausschuss

#London2012 (XXVIII): #openFriedrich #Omerta #Synchronstinken

LONDON. Es stinkt nicht nur in der Sportabteilung des Bundesinnenministeriums zum Himmel, denn das Kungel-Ministerium, weigert sich weiter, Dokumente herauszugeben, die per se öffentlich sein müssten. Nein, im Wettbewerb im Synchronstinken, den BMI und DOSB so wunderbar exerzieren,  können auch Journalisten bestehen.

Gestern Nacht ganz unten im Olympic Stadium, eine Reihe vor mir, beim Warten auf The Legend:

Während ich das schreibe und das Bild hochlade, werde ich ganz unruhig und schnuppere an mir herum. Ich hoffe, das Deo, vorhin überreichlich aufgetragen, wirkt noch eine Weile.

Und nun zum nochernsteren Teil des Lebens.

  • Wer twittert, der sollte zum Thema Intransparenz (nicht nur der Sportförderung, sondern ganz grundsätzlich) ab sofort das Hashtag #openFriedrich verwenden. Nur so ein Vorschlag.
  • Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hat im ZDF-Morgenmagazin gesagt, wenn das Gericht gegen seinen Antrag entscheide, werde er sich nicht länger sperren (gebe das sinngemäß wieder). Wow. Minister beugt sich Justiz! Zeigt einmal mehr, wie die herrschende Kaste tickt. Er denkt halt wirklich, er könne über Recht und Ordnung bestimmen. Es gab mal einen DFB-Präsidenten, der ankündigte, er wolle zurücktreten, wenn Gerichte nicht in seinem Sinne entscheiden. Aber das ist eine keine andere Geschichte.
  • Einen Lesebefehl möchte ich nicht aussprechen, aber eine Empfehlung: Rechts in der Sidebar erscheinen meine aktuellen Tweets. Wenn ich auch nicht so regelmäßig bloggen kann, wie ich es eigentlich will, dann tweete ich doch relativ munter wichtige Geschichten und Entwicklungen, Lesebefehle und ein bisschen Unsinn, immer mal reinschauen. Für mich die perfekte Ergänzung zum Blog.
  • Daniel Drepper hat für das Journal des DJV in NRW ein Rechercheprotokoll geschrieben bzw darüber, wie Öffentlichkeit verhindert wird: Omerta zur Sportförderung

Seit Herbst 2011 fördert die Otto-Brenner-Stiftung unsere Recherche mit einem Stipendium über 5 000 Euro. Das aber war bald aufgebraucht. Bisher haben wir knapp 7 500 Euro Gebühren an das BMI überwiesen, die Gesamtkosten dürften fünfstellig werden. Mithilfe der WAZ und des DJV legten wir Widerspruch ein.

Interessant. Zeigt einmal mehr, wie Machthaber freie Journalisten killen wollen. Ist mir nicht unbekannt. War genau der Grund, weshalb ich dieses Rechercheprojekt nie durchgezogen habe.

Wer es gestern verpasst haben sollte: Hier findet man die Mutter aller Zielvereinbarungen, einen Vergleich mit Großbritannien, wo derlei Informationen öffentlich sind, und als Ergänzung auch Beispiele aus Dänemark, wo natürlich alles öffentlich ist.

So, jetzt warten wir bis 15 Uhr und was #openFriedrich tut. Wenn ich es schaffe, schaue ich gleich noch beim Hintergrundgespräch des Sportausschusses für „deutsche sportpolitische Journalisten“ vorbei, zu dem ich natürlich nicht eingeladen wurde.

Mal was anderes #FIFAcorruption #WM2006:

Habe gestern Nacht per Twitter bei der ARD angefragt, warum im Monitorbeitrag über die WM-Vergabe 2006 so recherchierend und enthüllend getan wird, aber nicht gesagt wird, dass all diese Fakten bereits vor neun Jahren vom Manager-Magazin und der Süddeutschen Zeitung enthüllt wurden. Ich habe vor einigen Wochen in etlichen Texten daran erinnert, als die Aufregung über @SeppBlatters Aussagen groß war in Deutschland.

* * *

#London2012 (XXVI): Die Mutter aller Zielvereinbarungen und die Hofschranzenkultur von DOSB und BMI

LONDON. Die Mutter aller Zielvereinbarungen ist diese hier, die zwischen dem Bundesinnenministerium (BMI) und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB):

Der DOSB wird eigentlich auf nichts festgelegt, wäre ja noch schöner. So blöd sind Generalsekretärdirektor Michael Vesper (Bündnis 90/Die Grünen) und Präsident Thomas Bach (FDP) natürlich nicht, dass sie sich auf irgendetwas festlegen ließen.

Grit Hartmann hat das Dokument schon Ende 2009 ausgegraben und für einen Radiosender, dessen Sportredaktion sich weitgehend vom so genannten „kritischen“ Journalismus verabschiedet hat (und dessen Sportchefin gerade behauptet hat, die Zielvereinbarungen seien quasi frisch entdeckt worden) , getextet:

Geld gegen Medaille

Zielvereinbarungen im deutschen Spitzensport

In einem neuen Grundsatzpapier namens „Neues Steuerungsmodell Spitzensport“ sind sogenannte Zielvereinbarungen des DOSB mit den 33 olympischen Verbänden verabredet. Die allerdings werden unter Verschluss gehalten.

Die Vorgeschichte der Zielvereinbarungen ist einigermaßen turbulent. Noch Mitte der 90er-Jahre musste Geldgeber Staat den autonomen Sport zu ähnlichen Planungen nötigen. Damals verlangte Bundesinnenminister Manfred Kanther im Tausch gegen horrende Ausgaben mehr Medaillen. Die, so lautete seine Legitimationsformel, seien Ausweis für das Leistungsvermögen eines Volkes. Mehrfach – und stets mit heimlichem Einverständnis der hauptamtlichen Leistungsplaner im Sport-Dachverband – schwang er die Keule einer Haushaltssperre. Am Ende stand das „Förderkonzept 2000“. Es honorierte Medaillen und strafte weniger erfolgreiche Verbände mit Geldentzug.

Kritiker sahen darin eine Analogie zur DDR. Das traf zu auf die Mentalität, Siege für politisch notwendig zu halten und für zentralistisch planbar. Für die Methode stimmte es nicht: Ostdeutschen Strategen wäre es nie in den Sinn gekommen, olympische Sportarten zu bestrafen – eher hätten sie zugebuttert.

Der Fehler im Versuch, das DDR-System zu kopieren, ist mit dem „Neuen Steuerungsmodell Spitzensport“ behoben. Das segneten die Verbände Ende 2006 ohne Murren ab, obgleich der DOSB darin Platz 1 bei den Winterspielen in Vancouver proklamierte. Über die Sinnhaftigkeit solcher Großmachtgelüste in Zeiten von Dopingskandalen wurde schon nicht mehr diskutiert. Versprochen war den Fachsparten schließlich die Entschärfung des Bestrafungsprinzips, dazu weniger Gängelung und Bürokratie.

Ob das tatsächlich der Kern der neuen Steuerung ist, darf bezweifelt werden. Denn das maßgebliche Kleingedruckte fehlte noch: die sogenannten Zielvereinbarungen zwischen dem DOSB und den olympischen Verbänden. Sie gelten bis heute als top secret, obwohl auf ihrer Basis die Steuermillionen verteilt werden. Dem Deutschlandfunk liegen einige vor. Auch das wichtigste Papier, gewissermaßen die Mutter aller Zielvereinbarungen, der bis 2012 gültige Vertrag zwischen BMI und DOSB.

#London2012 (XVI): Niederlage für den sportpolitischen Komplex DOSB/BMI und Gold für Erfurter Blutbestrahlung

Witz des Tages:

Ich glaube natürlich, unsere Entscheidungen sind transparent. Wir sind gegenüber dem Sportausschuss ja auch offen in unserer Informationspolitik.

— Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU)

[caption id="attachment_12722" align="aligncenter" width="1024"]Sportminister, umzingelt von Medaillengewinnern, proudly presented by DOSB Medaillengewinner, CSU-Sportminister Friedrich (lachend), Trimmies (lachend) — Deutsches Haus, London, 2. August 2012[/caption]

LONDON. Bin schon wieder fünf Stunden unterwegs in Zügen, Bussen und Pressekonferenzen, ohne eine Zeile produziert zu haben.

[Über Twitter aber melde ich mich immer von unterwegs. Siehe Sidebar rechts.]

Also wieder unter Druck, denn der erste Redaktionsschluss der Zeitungen naht. Kurz vorm Burgerschlingen und Artikelschreiben schnell der Hinweis auf den juristischen Erfolg, den das WAZ-Rechercheblog – namentlich Daniel Drepper – vor dem Verwaltungsgericht Berlin gegen DOSB und BMI errungen hat:

Die miserable Erfolgsquote der NADA

Einige Anmerkungen zur Jahrespressekonferenz der NADA im Science Center Medizintechnik der Otto Bock HealthCare GmbH in Berlin. Der neue Aufsichtsratschef Hans Georg Näder hielt Hof. Eine kürzere Fassung des Beitrags erschien auf Spiegel Online. Der Beitrag ist überarbeitet und u.a. mit erläuternden Anmerkungen und Dokumenten zur Debatte Howman (WADA) vs Bach/DOSB ergänzt.

Bei Bilanzterminen werden stets Zahlen-Konvolute präsentiert. Das ist in der Wirtschaft nicht anders als bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA), die in Berlin ihren Geschäftsbericht 2011 vorlegte. Die nackten Zahlen allerdings sagen nichts aus über die Qualität der Arbeit einer von Führungs-, Finanz- und Strukturproblemen geprägten Agentur. Zahlen über die von der NADA 2011 organsierten Dopingkontrollen (1.056 im Wettkampf, 7.767 im Training) erzählen nichts über die Qualität und Effektivität dieser Tests. Wann wurde wie überraschend, wie zielgerichtet kontrolliert? Wie oft und wann wurden Olympiakandidaten und, brandaktuell, etwa Spieler der Fußballnationalmannschaft kontrolliert? Wurden sie überhaupt kontrolliert? All dies und vieles mehr bleibt unbeantwortet, obgleich derlei Informationen – anonymisiert – öffentlich gemacht werden müssten. Eigentlich bedarf es zu jeder einzelnen Probe einer Fußnote.

Jenes gerade mal 42 Seiten (inklusive Cover) umfassende Hochglanzpapier, das die NADA vorlegte, ist kein wirklicher Arbeitsbericht, sondern eine Imagebroschüre. Transparent wurde es auch nicht auf dem 90 Minuten währenden Pressetermin am Dienstagabend, bei dem viele Fragen unbeantwortet blieben. Ja, auf dem nicht einmal die simple Frage danach, wie viel eine Dopingkontrolle eigentlich kostet, von den beiden hauptamtlichen Vorständen Andrea Gotzmann (Biochemikerin, Sportwissenschaftlerin) und Lars Mortsiefer (Jurist) beantwortet werden konnten – oder nicht beantwortet werden wollten.

Man könne sich einen Durchschnittswert leicht selbst ausrechnen, in dem man die Ausgaben für Dopingkontrollen (1,9 Millionen Euro) durch die Kontrollzahl teile, hieß es da. „Im Einzelfall ist das einfach nicht zu ermitteln“, sagte Mortsiefer, der dann noch von „Subventionen des Bundes“ für das Kontrollsystem sprach und die Frage hinterließ, ob öffentliche Subventionen nicht transparent abgerechnet werden müssen. Andrea Gotzmann, die ein Vierteljahrhundert lang im Kölner Institut für Dopinganalytik arbeitete, verwies auf die Preislisten der Dopingkontroll-Labore Köln und Kreischa (Sachsen), wollte aber auch diese Details nicht preisgeben – wohl aus Gründen des Geschäftsgeheimnisses der Labore. Wer weiß das schon.

„Eine gewisse Art der Schweigsamkeit, die müssen sie uns aber auch zugestehen“, sagt Gotzmann irgendwann. Muss man das tatsächlich, angesichts haarsträubender Unstimmigkeiten über nun schon zehn Jahre, unter ständig wechselndem Führungspersonal bei immer gleichen Abhängigkeiten im sportpolitischen Komplex?

In 86 Fällen wurden „Verfahren wegen möglicher Verstöße gegen Anti-Doping-Bestimmungen eingeleitet“, wie es im Fachdeutsch heißt. Diese 86 Fälle werden aufgeschlüsselt nach Sportarten, Art des Vergehens und Verfahrensstand. Teilweise handelte es sich um die Verweigerung von Kontrollen. In 26 dieser 86 Fälle hat die NADA Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet, um Ermittlungen gegen die Hintermänner einzuleiten und Dopingstrukturen aufzudecken, wie man mitteilt.

Das ist löblich, entscheidend für die Beurteilung der NADA-Tätigkeit ist jedoch etwas anderes:

Nur bei vier von 7.767 Trainingskontrollen wurden verbotene Substanzen nachgewiesen – sowie bei 57 von 1.056 Wettkampftests.

Dauerhafte Fahndungserfolge im Promillebereich der Trainingskontrollen lassen an der Klasse und Effektivität dieser Kontrollen zweifeln. Zumal die seit Jahren höhere Erfolgsquote bei Wettkampftests auch den Verdacht nähren, dass die Dunkelziffer weit höher liegt.

Denn, vereinfacht gesagt, bei Wettkämpfen lassen sich nur Idioten überführen – professionelle Doper kaum. Auch deshalb sind intelligente, mit kriminalistischem Spürsinn ausgeführte Trainingskontrollen wichtiger. Die vier erfolgreichen Trainingstests – Erfolgsquote 0,05 Prozent – betreffen zwei Behindertensportler sowie die nichtolympischen Sportarten American Football und Squash. Athleten aus den von der NADA klassifizierten höchsten Risikogruppen und Sportarten wurden nicht überführt, obwohl unabhängige Experten doch davon ausgehen, dass die Zahl von dopingbereiten Athleten und Dopern in diesen Sparten beträchtlich ist. Kritische Geister wie der Dopingforscher Professor Perikles Simon (Universität Mainz) nennen Dunkelziffern von 30 Prozent.

Perikles Simon, der unter anderem an Nachweisverfahren zum Gendoping arbeitet, kritisiert seit Jahren die „miserable Erfolgsquote der Dopinganalytik“ und hat zahlreiche Vorschläge für eine Kurskorrektur vorgelegt. Im Sportausschuss des Bundestages erklärte er bereits im Herbst 2010, die für die NADA verwendeten Steuermittel sollten umverteilt werden: Weniger für das ineffektive Testsystem, stattdessen mehr für Prävention, Antidopingmaßnahmen im Nachwuchs- und im Breitensport. Flankiert werden müssten derlei Korrekturen mit einer wirklich scharfen Gesetzgebung. Simon wurde deshalb vor allem von den Vertretern der Regierungskoalition abgebürstet und beleidigt.

Trotz aller Alarmsignale spricht der neue NADA-Aufsichtsratschef Hans Georg Näder von einer „lückenlose Kontrolldichte“. Aber um derlei Thesen zu belegen, fehlt es an Argumenten. Ein Beispiel: So hat es im deutschen Fußball 2011 lediglich 499 Trainingskontrollen gegeben, es wurden lediglich Urinproben, keine Blutproben genommen. 499 Trainingskontrollen bei 56 Mannschaften und also mehr als 1.000 Spielern in den drei Profiligen. Während in fast allen Sportarten die Zahl der Trainingskontrollen die der Wettkampftests deutlich übersteigt (so sollte es logischer Weise sein), ist es im Fußball genau umgekehrt. Absurd wenigen Trainingstests stehen 1659 Wettkampfkontrollen gegenüber.

Aufsichtsrat Näder ist Boss der Firma Otto Bock Healthcare, die quasi als Hauptsponsor der paralympischen Bewegung fungiert. Otto Bock leistet bei den Paralympics in London den technischen Service für rund 4.000 Athleten. „Komm’se mal nach London zu den Paralympics“, wirbt Näder, „das ist echt Klasse Sport, der da zu sehen ist.“ Ansonsten zeigt sich der Professor irritiert über die Schärfe der Diskussion zwischen den NADA-Vorständen Gotzmann und Mortsiefer und den Journalisten. Er pflege mit der Geschäftsführung „eine sehr verlässliche und vertrauensvolle Kommunikation“, sagt Näder. Jedoch sei die Aufgabe pikant und kompliziert.

Ich habe das große Glück, dass ich in der ganzen Gemengelage jungfräulich bin.“

Jungfräulichkeit allein wird nicht reichen.

Am 3. Juli trifft Näder am Frankfurter Flughafen David Howman, Generaldirektor der Weltagentur WADA, der die NADA zuletzt stark kritisierte. In der Diskussion um die UV-Bestrahlung des Blutes von 30 Kadersportlern am Erfurter Olympiastützpunkt kassierte Howman die schriftliche Auskunft des WADA-Medizindirektors Olivier Rabin vom April 2012, wonach die UV-Bestrahlung laut WADA-Code erst ab 2011 verboten gewesen sei. In einem Schreiben an den Sportausschuss des Bundestages erklärte Howman am Dienstag, die UV-Methode sei seit 2002 nach einem Grundsatzurteil auch seitens des IOC verboten (siehe Stellungnahme des damaligen CAS-Beteiligten Georg Engelbrecht) .

Brief David Howman (WADA) an Rudi Mollenhauer (BT-Sportausschuss) vom 26. Juni 2012

Howman, derzeit bei einem Treffen mit asiatischen Sportministern in Bangkok, hat am Sonnabend eine Stunde mit den NADA-Chefs telefoniert. Man sei auf bestem Wege, „Kommunikationsprobleme und Missverständnisse“ auszuräumen, sagen die Deutschen. Näder hat sich in einem Brief an den WADA-Präsidenten John Fahey (Australien) beschwert und sagt nun, man wolle in der nächsten Woche in Frankfurt „einen geraden Strich ziehen und eine Erklärung abgeben“. Gotzmann garnierte ihre etwas diffusen Ausführungen dennoch mit verbalen Spitzen gegen Howman. Irgendwelche Beweise für die Behauptungen, wer wann was gesagt hat, wurden nicht vorgelegt – was überhaupt typisch für die NADA ist.

Der Fall Erfurt, die NADA und der sportpolitische Komplex: Verzögern, Verwirren und ein bisschen Lügen

Ausführlicher Lesestoff zum Wochenende – und darüber hinaus: Was Blogs leisten können, wird hier von Grit Hartmann demonstriert. In einer ausführlichen Analyse widmet sie sich einmal mehr den obskuren Blutbehandlungen am Erfurter Olympiastützpunkt, die als Doping einzuschätzen sind, und deckt anhand von Dokumenten, die hier teilweise erstmals veröffentlicht und selbstverständlich zur Lektüre bereitgestellt werden, weitere Hintergründe zur Propaganda der NADA und des deutschen sportpolitischen Komplexes (BMI, DOSB, Sportausschuss des Bundestages) auf.

Es empfiehlt sich eine umfassende Lektüre. Es empfehlen sich Konsequenzen bei der NADA. Und bei der WADA (hier gehts übrigens zum brandaktuellen Jahresbericht 2011).

Und, passend zur Debatte dieser Tage um den Entwurf eines abstrusen neuen Leistungsschutzrechtes, sei allen Journalisten und sonstigen Medienarbeitern gesagt, die sich gern unsauber bedienen:

Zitate aus diesem Beitrag und den dazugehörigen Dokumenten sind erlaubt – allerdings NUR unter Angabe der Quelle, die nicht „im Internet“ lautet, sondern: www.jensweinreich.de. (Die üblichen Verstöße dagegen werden von mir allerdings nicht mit Kostennoten von Abmahnanwälten geahndet.)

Hier also:

***

Verzögern, Verwirren und ein bisschen Lügen

Der Fall Erfurt, die NADA und der sportpolitische Komplex

Eine Analyse von Grit Hartmann

Ooops: Transparenzoffensive aus dem Sportausschuss

von Grit Hartmann

Da der Hausherr im Moment außer Gefecht gesetzt ist, gebe ich hier kurz den Lückenbüßer für meinen Freund jw:

Denn das neueste Vorhaben des Sportausschusses muss selbstverständlich gewürdigt werden. Zumal es mit diesem Blog zu tun hat, wo zum Ärger einiger Volksvertreter seit einigen Jahren diverse als vertraulich deklarierte Dokumente veröffentlicht und auch noch debattiert werden. Manche sagen sogar, und ich zitiere einen O-Ton aus dem Bundestag:

Es ist ein Sieg für Jens Weinreich.

Die Fakten: Die Transparenzallergiker (jw) um Klaus Riegert (CDU, FC Bundestag) und Joachim Günther (FDP, bestfrisierter MdB), die im vergangenen Oktober Bürger und Medien aus ihren Sitzungen ausgeschlossen haben, planen gewissermaßen: eine Transparenzoffensive.

Steuermittel für Eigenblutmanipulation: Originale lesen! Pflichtlektüre zum Sportausschuss

Am Mittwoch (21. März) geheimnisst der Sportausschuss des Bundestages in gewohnt nichtöffentlicher Sitzung mal wieder zum Thema Doping in Deutschland.

Es wird verhandelt:

  • Doping an Olympiastützpunkten, Bundesleistungszentren und Bundesstützpunkten konsequent bekämpfen
    Ressortvertreter/in: Bundesministerium des Innern

… sowie …

  • Sachstand im Verfahren gegen einen Sportarzt im Zusammenhang mit Eigenblutbehandlungen am OSP Thüringen/Erfurt und Anti-Doping Verfahren gegen Athleten in diesem Kontext
    Ressortvertreter/in: Bundesministerium des Innern. Bericht: Nationale Anti Doping Agentur Olympiastützpunkt Thüringen/Erfurt, Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung, RA Dr. Engelbrecht 

Zum Themenkomplex gibt es seit 6. März einen Antrag der SPD. Ein Antrag der Grünen wird folgen, er geht etwas weiter, darin wird von der Bundesregierung gefordert:

  1. An den Olympiastützpunkten in Deutschland wird eine zuwendungsrechtliche Überprüfung der Abrechnungen sämtlicher medizinischer Behandlungsleistungen durchgeführt. Diese Tiefenprüfung erfolgt unter Beteiligung des Bundesrechnungshofes. Die Ergebnisse werden bis zum 30. Juni 2012 dem Sportausschuss und dem Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages vorgelegt.
  2. Zuwendungswidrig verwendete Fördergelder werden konsequent von den Olympiastützpunkten sowie ggf. anderer Zuwendungsnehmer zurückgefordert. Darüber hinaus wird bei diesen betroffenen Olympiastützpunkten die noch nicht genehmigte Förderung dieses Jahres bis zur endgültigen Klärung des Sachverhaltes zurückgehalten.
  3. Die Olympiastützpunkte werden in die Berichtspflichten der jährlich vorzulegenden Anti-Doping-Berichte einbezogen.
  4. Der NADA werden Sondermittel aus dem Etat des Bundesministers des Innern für eine konsequente Dopingbekämpfung im Bereich des sportrechtlichen Ergebnismanagements zur Verfügung gestellt.
  5. Die Förderung für die Anti-Doping-Forschung wird ausgeweitet und soll auch eine verbesserte wissenschaftliche Wirkungsanalyse von Blutbestrahlungen umfassen.
  6. Es wird ein Gesetzentwurf vorgelegt, der die Verankerung eines Straftatbestandes der Verfälschung des wirtschaftlichen Wettbewerbs im Sport (Sportbetrug) vorsieht, um zukünftig auch wirksam gegen Sportlerinnen und Sportler ermitteln zu können.

Das wichtigste Dokument wie (fast) immer exklusiv vorab in diesem Blog, die dreiseitige Stellungnahme von Bernd Neudert, Chef des Olympiastützpunkts Thüringen:

Ich muss dazu einmal mehr sagen:

Es bleibt ein Skandal, dass sich der Sportausschuss Transparenz und Öffentlichkeit verschließt und auch dieses wichtige Thema hinter verschlossenen Türen verhandelt wird.

Es bleibt ein Skandal, dass diejenigen so genannten Volksvertreter, die Sportlobbyisten Riegert (CDU/Kapitän des FC Bundestag) und Günther (FDP), die in nichtöffentlichen Sitzung angeblich ungestört und intensiv Sachpolitik betreiben wollten, auch diesmal inhaltlich nichts beisteuern (wollen und können). Initiativen bleiben von ihnen wieder einmal aus. Ihre kindischen, desinformierten und politisch-ideologisch geprägten Pseudofragen wird es im Ausschuss gewiss wieder geben – aber eben unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Aus gegebenem Daueranlass: Journalisten, die sich in diesem Blog bedienen und die beiden Stellungnahmen zitieren, geben bitte die Quelle an: www.jensweinreich.de. Merkwürdig, dass diese Selbstverständlichkeit angemahnt werden muss.

* * *

Grit Hartmann, die in zahlreichen Beiträgen exklusiv über die Erfurter Affäre berichtete, hat sich Neuderts Stellungnahme angesehen und merkt dazu an:

Zur ziemlich exklusiven „Infektbehandlung“ durch einen Sportmediziner, der sich mit dem DDR-Spitzensport recht gut auskannte, da er einst in der Sportärztlichen Hauptberatungsstelle des Bezirkes Erfurt beschäftigt war, zur Tradition der Blutbestrahlung als Dopingmethode also, ist schon einiges geschrieben und gesagt worden.

OSP-Chef Bernd Neudert mag, nun ja, etwas unbedarfter sein in medizinischen Fragen, und vielleicht war das sogar auch der Gründungschef des OSP, bis 2001 im Amt: Rolf Beilschmidt, unter dem diese „Therapie“ begann, fortgesetzt wurde oder was auch immer. Beilschmidt, heute Hauptgeschäftsführer des Landessportbundes Thüringen, räumt recht freimütig ein, dass er zu DDR-Zeiten bewusst Dopingmittel einnahm. Das muss aber alles selbstverständlich gar nichts heißen. Wie auch nicht diese Zusammensetzung des OSP-Trägervereins, mit ein paar einschlägig prominenten „Aufsehern“ wie Burckhard Bremer.

Ob das die Experten im Sportausschuss interessiert?

Interessieren müssten sie sich allerdings für das, was der OSP hier zur Abrechnung mitteilt. Es ist nicht neu, dass die Blutbestrahlungen aus Steuermitteln finanziert wurden. Allerdings tun sich in diesem Punkt ein paar neue Abgründe auf: 

Pressehetze ignorieren! Originale lesen! Pflichtlektüre zum Sportausschuss

Die Medien mit linksgrüner Hysterie-Berichterstattung werden immer mehr zur 1. Gewalt im Staat.“

Joachim Günther (FDP, MdB), bezahlt aus Steuermitteln

Widmen wir uns mal wieder den öffentlichkeitsscheuen Demokratieverhinderern und Wahrheitsallergikern im Sportausschuss des Bundestages. Am Mittwoch ist erneut Sitzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ich kann nicht verstehen, warum manche Medien diesen intransparenten Schauspielern eine Berichterstattung gönnen, als sei nichts gewesen. Da dürfen Polit-Hampel und Wahrheitsallergiker wie Klaus Riegert (CDU, Kapitän des FC Bundestag, Schwäbischer Turnerbund) und/oder Joachim Günther (FDP) vor und nach den Sitzungen ihre belanglosen, irrlichternden und dümmlichen Statements zu Protokoll geben. Diese Abart des Journalismus und diese Zitate aus der Parallelgesellschaft sind nur: überflüssig.

Nachdem sich die Aufregung um meine Forderung nach einer objektiveren und faireren Presseberichterstattung gelegt hat, möchte ich mich bei all denen bedanken, die mir zu diesem Thema ihre Gedanken mitgeteilt haben. Viele haben ihr Unverständnis zum Ausdruck gebracht. Die meisten aber haben mir gedankt und Mut gemacht, nicht jeden Presseterror widerspruchslos hinzunehmen. Eine überwältigende Mehrheit hat mit sehr deutlichen Worten erklärt, dass auch ihr die linksgrüne HysterieBerichterstattung auf die Nerven geht.“

Joachim Günther (FDP, MdB), bezahlt aus Steuermitteln

Bleiben wir bei den, nun ja, Fakten. Wer lesen kann und lesen möchte, wird hier fündig, was allemal mehr bringt, als MdB beim iPad-Daddeln zuzuschauen oder ein paar Stunden vor verschlossenen Türen darauf zu warten, dass MdB pinkeln gehen, um einen „O-Ton“ zu erhaschen.

Lesebefehle:

  • Bericht über die Delegationsreise des BT-Sportausschusses nach Chile und Brasilien

  • Protokoll der 39. Sitzung des Sportausschusses, in der Klaus Riegert, Kapitän des FC Bundestag, in abenteuerlich-verlogener Weise den Ausschluss der Öffentlichkeit durchsetzt

Abg. Riegert (CDU/CSU) führt aus, die Regierungskoalition habe sich in einer Halbzeitbilanz Gedanken darüber gemacht, was die Effektivität und die Arbeit des Sportausschusses anbelangt und man sei zum Ergebnis gekommen, dass die geübte Praxis, die im Übrigen außer dem Sportausschuss kein anderer Ausschuss des Deutschen Bundestages praktiziere, nämlich ständig Öffentlichkeit herzustellen, sich nicht bewährt habe. Weder sei der Ausschuss öfter in der Öffentlichkeit gewesen, noch sei positiv über den Sportausschuss diskutiert worden. Er dürfe nur die Überschrift des Deutschlandfunks in der Online-Version der vergangenen Woche vorlesen. Da heiße es, das mute schon sehr merkwürdig an, was Beobachter bei den Sportausschusssitzungen in Berlin immer wieder erlebten. Mal würde am PC gedaddelt, mal ein Nickerchen gehalten, diesmal würden Desinteresse und Disziplinlosigkeit der Abgeordneten an den lichten Reihen erkennbar. Das sei für ihn die Spitze des Eisberges gewesen, dass offensichtlich Leute, die aus seiner Sicht besonderes Wohlwollen gehabt hätten, tatsächlich bei den Sitzungen anwesend sein zu dürfen – auf anderen Homepages gebe es noch sehr viel krassere Beispiele – in dieser Weise kommentieren würden. Ein weiteres Beispiel wolle er noch anfügen. Als der Ausschuss kürzlich auf Anmerkung der Staatsanwaltschaft München, dass sie Aussagegenehmigungen nur für eine nichtöffentliche Sitzung erteilen könne, nicht öffentlich getagt habe, habe sich die Sportausschussvorsitzende rechtfertigen müssen, warum man Nichtöffentlichkeit herstelle.

Was vom Tage übrig bleibt (65): BT-Grüßausschuss, PR-Ergüsse von Sepp Hosni Ben Ali Blatter

Der Grüßausschuss: Welche Funktionen hat der Sportausschuss des Bundestages noch und was haben die Abgeordneten vor – bzw haben sie noch was vor?

Sportgespräch des Deutschlandfunks, von Grit Hartmann und Robert Kempe.

:

Viele Abgeordnete, man muss es fairerweise sagen: nicht nur aus den Reihen der Union und der FDP, fielen durch körperliche und geistige Abwesenheit auf, und auch die, die da waren, waren nicht immer auf Ballhöhe, was sich dann an Fragen von großer Ahnungslosigkeit offenbarte. Insofern war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann sie mit dieser Selbstentblößung Schluss machen wollten, die Mitglieder des Ausschusses.

Michael Reinsch, FAZ

Nachtrag, 12.52 Uhr: Jetzt auch als Text online.

Einige Zitate. Zunächst erneut Michael Reinsch, weil er mich mit seinen Beispielen an einige Sitzungen erinnert, die ich auch erlebt und protokolliert habe:

Ich werde nie vergessen – in öffentlicher Sitzung – den Auftritt des Generaldirektors Michael Vesper, der, von den Abgeordneten gebeten, die Zielvereinbarungen, die der DOSB mit seinen Fachverbänden abschließt, offen zu legen, sich geweigert hat. Und tatsächlich verlangte, dass diese Vereinbarungen, in denen also abgemacht wird, was so ein Verband sich vornimmt für die nächsten Olympischen Spiele und was er dafür für Unterstützung erhält, dass so etwas die Sportorganisationen wie ein Staatsgeheimnis behandelt wissen wollen. Und die Abgeordneten haben das so hingenommen. Der Sportausschuss hätte da natürlich eine Kraftprobe daraus machen können. Aber wenn man keine Kraft hat, lässt man es auch auf eine Probe nicht ankommen.“

Ich denke mal, Michael Reinsch hat diese Sitzung gemeint:

Ich empfehle wirklich, diese zweidreiviertel Jahre alten Notizen zu überfliegen, sich aber die Aussagen (soweit sie in verständlichem Deutsch formuliert wurden) von Klaus Riegert (CDU) etwas gründlicher anzusehen. Da wird dann schon eine große Leere deutlich. Kein Wunder, dass dieser Mann die Öffentlichkeit ausgeschlossen hat – und im Deutschlandfunk nun tönt irrlichtert: