selbstreferenz

„Der Appetit kam beim Essen“

Ich wollte diesen Eintrag schon immer mal schreiben und finde, das passt jetzt ganz gut, da Andreas Krieger hier gerade einen bemerkenswerten Kommentar geschrieben hat – und überhaupt. Worum geht es? Um die banale Erkenntnis, dass man nicht ewig auf der Stelle treten muss. Dass die Dinge sich entwickeln und dass sich eher selten etwas so gestaltet, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Wer mag, kann flink mal meinen ersten journalistischen Schreibversuch begutachten und sich darüber wundern, dass unter meinem Namen Formulierungen auftauchen wie „unsere Leichtathletik“ oder „unser Olympiasieger“. Probleme sind übrigens da, um gelöst zu werden. Ich sage nicht mal, dass mir das jemand reinredigiert hätte. Spielt keine Rolle, das war damals so. Ich wusste es nicht besser. Dem ersten Text sind rund 3000 andere gefolgt, ein paar Bücher und TV-Dokumentationen auch. Vielleicht war nicht alles so dämlich.

Voila, hier sind also die Zeilen über den Entdecker „unserer“ Kugelstoß-Europameisterin Heidi Krieger, aus der inzwischen Andreas Krieger geworden ist, und der seine Goldmedaille aus jenem Jahr für einen einzigartigen Anti-Doping-Preis gespendet hat. Den SC Dynamo Berlin gibt es nicht mehr, so weit ich weiß, eben so wenig wie das Land, das „unsere Helden“ hervor gebracht hat. Ich sag‘ doch, die Dinge entwickeln sich.

Klarstellung

Das ist eine verlockende Überschrift, nicht wahr? Ich muss tatsächlich mal etwas klarstellen, was hier und in Nachbarblogs hin und wieder diskutiert wird und sich leider unterschwellig auch in die Berichterstattung anderer Medien einschleicht. Die Frage lautet: Kann ich nicht einlenken, wenn der DFB schon nicht einlenkt?

Ich lasse einmal außen vor, dass a) kein Fehlverhalten meinerseits vorliegt, aber b) drei Gerichtsbeschlüsse zu meinen Gunsten existieren. Ich will auf einen anderen Fakt hinweisen bzw. klarstellen: Ich habe dem DFB gestern Morgen ein schriftliches Angebot unterbreitet. Es existiert nur dieses Angebot. Von mir. Ich wäre sogar bereit gewesen, meine Ansprüche auf Unterlassung, Gegendarstellung und Widerruf wegen der Pressemitteilung 180/2008 nicht weiter zu verfolgen, um endlich wieder ungestört meinen Beruf ausüben zu können, hätte der DFB diese Mitteilung zurückgezogen. Mehr darf ich aus rechtlichen Gründen nicht zu den Umständen und zum Inhalt sagen, obwohl ich es gern tun und hier natürlich auch mein Papier veröffentlichen würde.

Nun spielt also die Gegenseite mit den geldgedopten Muskeln. Ich bin beeindruckt. Der Deutsche Fußball-Bund will Klage gegen mich erheben. Warum? Ich kann es nur vermuten. Ich kommentiere diese wirren Zeilen nicht. Wer Augen hat zum Lesen und einen Kopf zum Denken, der kann hier im Blog sämtliche Fakten überprüfen. So lange dieser Blog noch existiert.

Dreinull

Ein Zwischenstand in der gebotenen Sachlichkeit, damit nicht wieder jemand unverfroren behauptet, ich hätte die ersten beiden Gerichtsbeschlüsse in diesem Blog „gefeiert“. Korrekt ist: Ich habe sie vermeldet. Und ich vermelde nun den dritten Gerichtsbeschluss, diesmal gegen die Pressemitteilung 180/2008 des DFB.

(Nachtrag, 20.58 Uhr: Die PM 180/2008 hat der DFB heute Nachmittag erst aus dem Online-Angebot genommen und am Abend so umgemodelt, die Kampagne geht also weiter.)

Erklärung des sportnetzwerks zur Affäre Theo Zwanziger

Der DFB-Präsident tauscht Pressefreiheit gegen Diffamierung: Das sportnetzwerk fordert Widerruf von Theo Zwanziger

Die im und dem sportnetzwerk, der Qualitätsoffensive im Sportjournalismus, verbundenen Journalisten und Freunde des Sports fordern den Deutschen Fußball-Bund (DFB) auf, unverzüglich mit einer öffentlich wahrnehmbaren und eindeutigen Geste die Diffamierung des sportnetzwerk-Mitgründers Jens Weinreich zu beenden.

Jens Weinreich – Wächterpreisträger, Buch- und Filmautor, international anerkannter Experte für Sportpolitik, langjähriger Sportchef der Berliner Zeitung – wurde vom DFB am 14. November in einer bislang beispiellosen Art und Weise verleumdet. Nachdem der DFB in der rechtlichen Auseinandersetzung um einen Blog-Kommentar von Weinreich zu Zwanzigers Äußerungen gegen Pläne des Bundeskartellamtes und die Formulierung, Zwanziger sei ein „unglaublicher Demagoge“, vor dem Landgericht und dem Kammergericht Berlin unterlegen war, verbreitete der DFB eine Pressemitteilung, in der diese Gerichtsbeschlüsse verschwiegen wurden. Statt dessen wurde Jens Weinreich vom DFB-Präsidium, vom DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach und vom DFB-Pressesprecher Harald Stenger mit Unwahrheiten und diffamierenden Behauptungen überzogen. Generalsekretär Niersbach hat mehr als 100 Exponenten der Sportpolitik – unter ihnen DOSB-Präsident Thomas Bach, die Mitglieder des Bundestags-Sportausschusses sowie die Spitzen von DFB und Deutscher Fußball-Liga (DFL) – aufgefordert, die Diffamierungen „argumentativ zu verwerten“.

Dieses gezielte Einwirken auf Weinreichs Berufsumfeld ist ein Versuch, das in diesem Fall zweifach juristisch bestätigte Grundrecht auf Meinungsfreiheit auszuhebeln. Es ist eine Handlungsanweisung zur Aushöhlung der Pressefreiheit.

Interview mit Theo Zwanziger: „Ich fühle mich nicht als Täter“

Immer wieder Überraschungen an Freitagabenden. Vergangene Woche diese abstrusen DFB-Wahrheitsbeugungen, die ich hier zerpflückt habe. Und eben, um 17.38 Uhr, erscheint ein Interview mit dem DFB-Präsidenten Theo Zwanziger auf sueddeutsche.de, Überschrift: „Ich fühle mich nicht als Täter“. Ich muss noch ein wenig darüber nachdenken, was das alles bedeutet und wie absurd es ist, dass der Kommunikationsherrschafts-Anstreber Zwanziger lang und breit seine Sicht der Dinge darlegen kann und bei all den Irrungen immerhin mehrfach auf dieses Blog verweist. Herr Niggemeier, der am Nachmittag ein offenbar sehr buntes Word-Dokument vom DFB-Pressesprecher erhalten hat, in dem also auch viele bunte Versionen des Textes und der DFB-Wahrnehmung ersichtlich sind, meint, man könne Zwanziger in dem sueddeutsche.de-Interview „bei der Selbstdemontage zusehen“.

(Dieses hübsche Tool, das die Nachbarn von sportticker.net erstellt haben, könnte zum Verständnis beitragen. Für den DFB: So etwas Wunderbares gibt es anonym und weitgehend unbekannt im Internet. Und umsonst.)

Wer hier mitgelesen hat, dem sollten etliche Ungereimtheiten in Zwanzigers Aussagen auffallen. Aber ich mag das jetzt gar nicht kommentieren. So weit ich bislang in Erfahrung bringen konnte, erscheint das Gespräch morgen nicht in der Papier-SZ, weil es wegen der Wetterkapriolen wohl einige Änderungen im Andruck gegeben hat. Mit freundlicher Genehmigung von Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur von sueddeutsche.de, veröffentliche ich den kompletten Text. Hier darf wie immer diskutiert werden, verlinkt wird peu à peu:

„Ich fühle mich nicht als Täter“

DFB-Chef Theo Zwanziger bezieht Stellung zu seiner Auseinandersetzung mit einem freien Journalisten um den „Demagogen“-Vorwurf. Ein Gespräch über Meinungsfreiheit und Konfliktkultur.

Interview: Christopher Keil, Süddeutsche Zeitung

Am 25. Juli schrieb der freie Sportjournalist Jens Weinreich, 43, in dem öffentlichen Internet-Blog „Direkter Freistoss“ über Theo Zwanziger, den Präsidenten des Deutschen Fußbal-Bundes (DFB): „Ich (habe) schon viele Auftritte von Sportfunktionären erlebt, aber dieser von Zwanziger war einer der schlimmsten in der nach unten offenen Peinlichkeitsskala. Er dreht nach der Kartellamtsentscheidung völlig durch. Er ist ein unglaublicher Demagoge. Schuld an allen Problemen des Fußballs, des DFB im allgemeinen und der DFL im besonderen ist einzig und allein das Bosman-Urteil – das, behauptete Zwanziger fast wörtlich mehrfach. Es ist das alte Lied, wenn er sagt: ,Die Spezifika des Sports hat man in der europäischen Entwicklung schlicht und einfach nicht gesehen und verschlafen.‘ Es ist das Lied derer, die die Kosten vergesellschaftlichen und die Gewinne privatisieren. Derer, die nach Autonomie schreien, wenn es Vergehen von Funktionären zu vertuschen gilt, die aber immer nach Sonderregeln und Ausnahmegesetzen schreien, wenn ihr Milliardengeschäft an ganz normalen Gesetzen und Gesetzmäßigkeiten gemessen wird.“

Zweimal versuchte Zwanziger im September und Oktober, Weinreich gerichtlich verbieten zu lassen, ihn als Demagoge zu bezeichnen. Der 63-Jährige sieht sich in seiner Ehre verletzt. Am 14. November veröffentlichte der DFB eine sehr ausführliche Pressemitteilung, in der ausgedrückt wird, dass der DFB die Einlassungen Weinreichs als „Diffamierung“ empfinde und scharf missbillige. Dass Zwanziger mit seinen Einstweiligen Verfügungen scheiterte, wird verschwiegen, dafür behauptet, Weinreich habe nun auf eine Klageandrohung hin eingelenkt. Der Journalist, der den gesamten Fall in seinem Blog (www.jensweinreich.de) dokumentiert hat, bestreitet das und wirft dem DFB Wahrheitsbeugung, Irreführung und Lüge vor. Ein Gespräch mit DFB-Präsident Zwanziger über Meinungsfreiheit, Demagogen und Konfliktkultur.

SZ: Herr Zwanziger, warum verschweigt der DFB in einer aktuellen Pressemitteilung zum Streit mit dem freien Journalisten Jens Weinreich, dass Sie bisher gerichtlich zweimal gegen Weinreich verloren haben?

Theo Zwanziger: Wir hatten einstweilige Verfügungsverfahren. Das sind vorläufige Verfahren, die sich nicht mit dem Gesamtsachverhalt ausreichend beschäftigt haben. Dafür sind Hauptsacheverfahren zuständig, ein Urteil ergeht dann nur nach Klage und einer mündlichen Verhandlung. Folglich haben wir bisher kein Urteil, sondern eine vorläufige Beurteilung. Wir haben auch nicht sofort geklagt, wie behauptet wird, wir haben den Journalisten zur Unterlassung aufgefordert und ihn gebeten, das nicht weiter zu behaupten.

SZ: Die Richter waren der Meinung, der Journalist habe Sie unter Wahrnehmung seines Rechtes auf freie Meinungsäußerung als „unglaublichen Demagogen“ bezeichnet, er habe Sie folglich nicht diffamiert, wie der DFB verbreitet hat.

Zwanziger: Ich sehe die Äußerung des Journalisten als ehrverletzend an, also mache ich Gebrauch von den rechtsstaatlichen Möglichkeiten, die Angelegenheit zu klären. Wenn Weinreich nun den Begriff „Demagoge“ anders wertet als ich . . .

SZ: Wie haben Sie es gewertet?

Zwanziger: Mit Demagoge ist Volksverhetzer verbunden und damit auch eine Nähe zum Nationalsozialismus.

SZ: Aber den Zusammenhang kann man wirklich nicht herstellen, wenn man den Blog-Eintrag liest.

Zwanziger: Deshalb habe ich auch sofort gesagt, die Sache hat sich erledigt, als mich unser Vizepräsident Rainer Koch auf eine Internetdarstellung von Herrn Weinreich aufmerksam machte, aus der hervorging, dass er mit dem Begriff „Demagoge“ nicht das gleiche Verständnis wie ich hatte. Und dies hat dann sein Anwalt uns gegenüber nochmals klargestellt. Damit war für mich der Vorgang beendet, deshalb haben wir auch keine Unterlassungsklage erhoben.

SZ: Sie planten aber doch, mit der Unterlassungsklage nach Koblenz zu gehen, wo Sie ein paar Jahre als Verwaltungsrichter und Regierungspräsident tätig waren?

Zwanziger: Das ist das Interessanteste an diesem Fall: Unabhängigkeit von Richtern, ist wohl davon abhängig, wo jemand wohnt . . . Oh nein. Eine Unterlassungsklage kann an mehreren Gerichtsständen eingereicht werden. Dort findet dann eine mündliche Verhandlung statt. Also gehe ich entweder an das zuständige Gericht meines Wohnortes, das ist Koblenz, oder ich gehe nach Frankfurt, wo der DFB seinen Dienstsitz hat. Ich bin aber bereit, auch an jedes andere Gericht zu gehen. Ich fände es unglaublich, wenn mir unterstellt würde, ich suchte mir ein Gericht aus, das mir gefällig ist. Wer so die Unabhängigkeit von Richtern in Zweifel zieht, stellt sich selbst ins Abseits.