selbstreferenz

Online-Gebühren: Über den Wert von Qualitätsjournalismus

VANCOUVER. Kurz und schmerzlos: Ab heute erhebe ich Gebühren. Ich nenne das einfach mal so. Ich sage: Hier gibt es Journalismus, den es so kaum woanders gibt. Ich frage: Ist das etwas wert? Was ist es wert? Was ist es Ihnen wert? Was ist es Euch wert? Was ist es Dir wert?

Obwohl mich einige Leser mehrfach aufforderten, habe ich diese Entscheidung immer wieder hinausgezögert. Ich wollte immer erst etwas bieten, immer mehr bieten, auch jetzt aus Vancouver, um dann anzubieten, für das Gebotene einen Obolus entrichten zu können. Mehr nicht.

Ich will das allerdings nicht tun, ohne einige Notizen und bestenfalls sogar Gedanken nachzuschieben.

Viel wird über die Zukunft des Journalismus geschrieben. Viel Gutes. Viel Kluges. Viel Hilfloses. Viel unsagbar Dummes. Ich halte allerdings wenig davon, derlei Betrachtungen allgemein anzustellen. Journalismus ist immer konkret, finde ich. Und deshalb will ich nicht neunmalklug über eine Branche schwadronieren, in der es angeblich keine einflussreichen Blogs gibt (um mal nur ein kürzlich vorgebrachtes Argument zu nennen), will mir nicht anmaßen, Journalisten zu erzählen, was sie meiner Meinung nach zu tun hätten, das müssen sie schon selber wissen, will mich nicht als Berater aufdrängen, auch wenn ich glaube, einiges über die Verbindung von Recherchejournalismus und neuen medialen Möglichkeiten erzählen zu können – sondern ich muss zwangsläufig das eigene Schaffen thematisieren. Alles andere wäre etwas unaufrichtig und würde sich auch nicht mit meinem Verständnis von Journalismus im dritten Jahrtausend decken.

Ich bin Dienstleister. Mein Thema sind nicht bunte Multimedia-Präsentationen über Journalismus. Meine Dienstleistung nennt sich Journalismus, in allen möglichen Medien. Für diese Dienstleistung können meine Leser und Diskussionspartner eine Online-Gebühr entrichten. Dafür setze ich künftig Bezahlbuttons in Artikel.


Das ist nichts Neues, das ist nicht sonderlich originell. Das haben andere auch schon getan und wieder sein lassen. Wer nichts zahlen möchte, weil ihm die Dienstleistung nicht gefällt, weil sie ihm nicht gut genug ist oder gar, obwohl sie ihm nützlich erscheint, trotzdem nichts zahlen möchte, weil er sich sagt: das Zeug gibt es doch sowieso umsonst; der hat Argumente, die ich schwerlich entkräften kann. Wahrscheinlich werde ich so verrückt sein und weiter täglich viele Stunden in dieses Projekt investieren – und in das nächste.

Auf das fundamentale Problem der Branche finden Verlage kaum Antworten (sofern sie sich wirklich für die Antwort auf genau diese Frage interessieren), was ist da schon von einem freien Journalisten zu erwarten. Die Frage lautet:

Wie lässt sich Qualitätsjournalismus finanzieren?

Antworten darauf muss jeder selber finden. Oder sich einen anderen Job suchen.

Die Frage interessiert mich brennend, und sie hat mich schon lange interessiert, bevor ich mich entschlossen habe, frei zu arbeiten und die sensationellen Online-Möglichkeiten zu erschließen.

Kaum ein neues Medium, online und offline, hat in den vergangenen Jahren über sportpolitische Themen derart intensiv und umfassend berichtet, wie dieses Blog. Manche werden diese Behauptung als Anmaßung empfinden. Das Tolle am Journalismus ist aber auch, und das wird oft vergessen: Es lässt sich belegen. Mit allen Fehlern und Schwächen.

Ich bin nicht wirklich großmäulig, nur selbstbewusst, wenn ich sage: Dieses Blog setzt Themen. Dieses Blog wird wahrgenommen – von Kommunikatoren und von jenen, über die ich berichte, den internationalen Sportverbänden, weit über den deutschen Sprachraum hinaus. Dieses Blog nervt so manchen selbst ernannten Kommunikationsherrscher. Mehr nicht, aber eben auch nicht weniger. Die Rückmeldungen auf vielen Kanälen sind überaus erstaunlich.

Journalismus kostet Zeit. Journalismus kostet Kraft. Journalismus tut weh. Journalismus macht Spaß. Journalismus ermüdet. Journalismus kostet Geld.

Journalismus, der sich mit internationaler Sportpolitik beschäftigt, bedeutet: Bruder Google allein tut es nicht. Man muss auch manchmal vor Ort sein und seinen Stiernacken zeigen. In Lausanne, in Kapstadt, in Berlin, in Zürich, in München, in Vancouver. Präsent sein, beobachten, reden, fragen, dokumentieren, recherchieren. Das ist nicht Urlaub, sondern Kärrnerarbeit. Das machen wenige. Und das ist zum Beispiel der Grund, dass einige Figuren, die im Milliardengeschäft mit den olympischen Ringen oder dem FIFA-Weltcup zentrale Positionen einnehmen, im deutschen Sprachraum fast nur hier regelmäßig begleitet werden.

Journalismus ist ein verzehrendes Geschäft geworden. Aber dieses Geschäft macht noch immer Spaß. Und ich bin altmodisch genug zu sagen: Dieser Berufsstand hat eine Verpflichtung. Die heißt schlicht: Öffentlichkeit herstellen. Nichts anderes interessiert mich. Nie zuvor war das so gut möglich wie im Internet. Ich blogge, also bin ich. Journalist, Blogger, bloggender Journalist, journalistischer Blogger – für mich gibt es da keinen Unterschied. Ich habe Preise bekommen als Journalist und als Blogger, und ich amüsiere mich darüber, wie man mich bezeichnet. Für manche ist das irritierend.

Journalismus heißt für mich: Dialog. Diskutieren. Lernen. Vernetzen. Fehler eingestehen und korrigieren. Quellen offenlegen, solange nicht Quellenschutz gewährleistet werden muss, weil Hinweisgeber sonst Probleme bekommen. Journalismus heißt für mich: Wissen weitergeben. Verlinken. Dokumente zur Diskussion stellen. Einordnen. Erklären. Analysieren. Kommentieren. Berichten. Recherchieren. Dranbleiben. Beißen. Oder es wenigstens versuchen.

Journalismus heißt: Den Arbeitsprozess transparent gestalten. Den Leser/Hörer/Zuschauer/Diskussionspartner/Experten mit nehmen auf die Reise und immer auch erklären, wie ein Produkt entstanden ist. Ich liebe und lebe das.

Es heißt auch, mit einer Fachkompetenz, die man sich erarbeiten kann, den Lotsen zu spielen, den Moderatoren.

Vancouver, die Eröffnungsfeier

18.03 Uhr: Mit leichter Verspätung, sorry. Ich bin im Dienst. Und, ja, jetzt schon fast Gänsehaut. Großes Theater. Und ähnlich warm wie einst in Peking. (Wie gut, dass ich meine Hotpants doch im Auto gelassen habe. Ich sitze im Sweatshirt da, selbst das ist noch zu behaglich.) Vermisse übrigens den Kollegen G.

Die Mounties, die Flagge und das blutrote Etwas der Sängerin, das hat was. Nikki Yanofsky ist das übrigens, sie singt auch den offiziellen Olympiasong „I believe“.

[youtube 7lKM5OHKLcM nolink]

Das Organisationskomitee VANOC sagt:

A numerical countdown at the Opening Ceremony for the Vancouver 2010 Olympic Winter Games at BC Place, described by the organisers as the largest air-supported domed stadium in North America.

Three billion – Estimated television viewers worldwide able to watch the Opening Ceremony.

60,600 – Filled-to-capacity seating at BC Place indoor stadium.

50,000 – Tickets sold to a Madonna concert at BC Place in 2008. Sold within 29 minutes.

45,000 – Kilometres. Distance the Olympic Flame travelled across Canada to reach BC Place.

25,000 – Kilograms of audio equipment.

11,600 – Meals ordered for delivery to the stadium to feed everyone during the day.

10,050 – Litres of water to hand in the stadium.

5,000 – In-ear monitors for the performers.

4,100 – Pairs of shoes.

3,600 – Metres of elastic holding things together.

2,050 – Volunteers working in the programme.

1983 – Year the BC Place opened.

1,054 – Intelligent lighting fixtures, many holding some of the 1,296 LED screen tubes.

900 – Kilograms, the weight of a 16 m-high Spirit Bear, the biggest prop on the stage.

750 – Support volunteers within and around the BC Place.

450 – Racks of costumes.

200 – Kilograms, the weight of the stadium’s five Olympic rings, each 7m in diameter.

123 – Metres long cylinder in the centre of the arena, displaying changing light projections.

100 – Fiddlers and 100 drums.

36 – Rigging points in the 41,480 sq m roof. Below, 1.8 km of trusses suspend lights and scenery.

21 – Average number of rehearsal days donated by each volunteer.

17 – Projection screens surrounding the audience in the stadium.

13 – Snowboards, plus 100 pairs of rollerblade skates and eight skis.

2 – Artistic directors, David ATKINS (AUS) and Ignatius JONES (AUS).

0 – Worries about bad weather delays in an indoor stadium.

18.28 Uhr: Es erwarte bitte niemand politisch-korrekte, feuilletonistische Betrachtungen. Gehe unvorbereitet an den Job. Wie meistens.

Ich habe übrigens bislang kein Zeichen, kein Wort in Bezug auf den Tod von Nodar Kumaritaschwili wahrgenommen. Mag sein, dass mir einige Infos fehlen. Denn draußen stand ich eine halbe Stunde am Security Check für die Second Class People, also Journalisten und Volunteers. Nebenan gab es mindestens 20 Eingänge, wo überhaupt nichts los war. Bei den Second Class People mussten 100 Leute an einem Scanner warten und durften nicht etwa die leeren Eingänge benutzen. Das ist Olympia. Fairerweise muss ich aber sagen, dass sie die Sicherheitskontrollen im MPC bisher grandios meistern, besser und schneller noch als die Chinesen, kein Witz. Meist wird nichts gescannt. Wer zehnmal am Tag da durch muss, weiß das zu schätzen.

18.43 Uhr: Jetzt bin ich schlauer. Es gab eine Schweigeminute und einen Hinweis.

Erste Fahnenträgerin aller Zeiten aus dem Iran: Marjan Kalhor. Da schau her. Aber ich denke, solche Details sollte ich lieber weglassen, dass habt ihr alles viel besser von den bestens vorbereiteten TV-Kommentatoren. Ist Maischberger auch wieder dabei?

Ich finde, beim Einmarsch der Georgier hätte man schon noch einige Worte sagen können. Regiefehler.

Bitte nicht erschrecken. Aber ich dachte, ein Beweis der Anwesenheit sei Pflicht. Immer noch besser als die MaskottchenFotos. Ein Maskottchen war blöderweise gerade nicht zu greifen.

19.12 Uhr: Vor einer Woche hatte das IOC auf Facebook übrigens 770.000 Friends. Soeben 1.278.142.

Sie können feiern. Keine Frage. Bisschen lebendiger als in Peking, wo vor allem die Artisten überzeugten.

Bryan Adams, Nelly Furtado. Nun ja.

Erstaunlich, sogar die VIPs tanzen. Mittenmang in Reihe eins: Herr und Frau UDIOCM.

19.29 Uhr: Mensch, ein Eisbär. Quatsch, Hirngabel hat Recht: Es ist der Exportschlager Berlino.

19.41 Uhr: Große Show, habe ich unten schon kommentiert. Bin ja immer für so was massentaugliches zu haben. Fühle mich wunderbar unterhalten. Dennoch, das Kontrastprogramm will ich nicht verschweigen. Ich weiß nicht, ob die ARD auch davon berichtet. Vor dem Stadium, im Regen, sieht es so aus:

Schätze, es waren einige tausend Demonstranten, vielleicht 3.000. Die Stimmung war relaxt, hoffe, das nichts passiert. Sie haben „We shall overcome“ gesungen. Das habe ich ewig nicht gehört. In der Schule, im Osten, war das Pflichtprogramm im Englisch-Unterricht.

Dank an Howie Munson: „I believe“ in HD und für den deutschen Youtube-Markt zugelassen. Das Video oben funzt offenbar nur bei mir in Vancouver. Aber eigentlich brauchen wir die Musik jetzt gar nicht. Live ist doch viel schöner.

[youtube X5GLHWa53oE nolink]

Die Farben das hatte jemand gefragt, kommen im Fernsehen natürlich viel besser als im Original. Ich kann es auf dem Monitor an meinem Platz vergleichen. Das ist die typische Fernsehwirklichkeit. Designed for HD and right-holders.

20.02 Uhr: Ich wurde aufgefordert, die Nachtschwärmer im Blog zu loben. Lob! Lob! Lob! Und morgen versuchen wir es dann wieder mit Qualitätsjournalismus :)

Mein spontanes Ranking aller Eröffnungsfeiern, die ich bisher live gesehen habe:

  1. Sydney (Cathy Freeman Part only)
  2. Vancouver
  3. Barcelona
  4. Lillehammer
  5. Peking
  6. Sydney (ohne Freeman)
  7. Nagano
  8. Athen
  9. Atlanta

Vancouver: die Ruhe vor dem Sturm und die IOC Blogger-Richtlinien

[caption id="attachment_6518" align="aligncenter" width="500"] Die Ruhe vor dem Sturm (Symbolbild) – oder: das „Main Press Centre“ zu Vancouver[/caption]

VANCOUVER. 16.32 Uhr: (Angaben immer Ortszeit): Geradezu jungfräulich präsentiert sich der Arbeitssaal im Main Press Centre (MPC) des frühlingshaften Vancouver. Das wird sich bald ändern. Lärm machen bisher nur die Wasserflugzeuge, die direkt neben dem Vancouver Convention Centre starten und landen. Die neue Westseite des VCC beherbergt während der Spiele das IBC (International Broadcasting Centre), die alte Ostseite mit dem Pan Pacific Hotel beherbergt das MPC.