ricardo teixeira

live-Blog aus Zürich, Dienstag: FIFA-Korruption, WM-Vergabe

ZÜRICH. An solchen Tagen lernt Mann (einmal mehr) den Vorteil des Bloggens zu schätzen. Ich werde eine Art Live-Blog starten bis zur Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 am Donnerstag. Warum ich die WM 2022 nicht mehr erwähne? Nun, es heißt, die FIFA-Gottheiten hätten ein Krisenmeeting, Sepp Blatter und Jerome Valcke, die 2008 diese irre Idee der Doppelvergabe ausgeheckt haben, könnten umschwenken. Eventuell wird die WM erst in zwei Jahren vergeben.

Das wäre doch mal was.

Das IOC will angeblich Beweise von der BBC. Kein Problem, Andrew Jennings wird es dem IOC schon schicken. Komisch nur, dass IOC-Chef Jacques Rogge bisher immer so getan hat, als sei das IOC davon nicht betroffen, und die ISL-Korruption ohnehin eine gaaanz alte Kiste. Mir hat er zwar mal erzählt, das war 2005, dass er das Ganze aufmerksam und kritischst verfolgt. Davon habe ich nie etwas bemerkt. Und als AJ im Oktober 2009 auf dem Olympischen Kongress in Kopenhagen die ISL-Frage stellte, war Rogge ziemlich kurz angebunden. Dabei wollte AJ doch nur wissen, warum der Schmiergeldbote Jean-Marie Weber ständig IOC-Akkreditierungen erhält.

https://www.youtube.com/watch?v=vIKCpLK5lUM

Als Jens Sejer Andersen als Delegierter auf dem Kongress die Frage stellte, wurde die vom Chef der Ethik-Kommission nicht angenommen. Der Chef von Swiss Olympic, Jörg Schild, hat mir gerade eine ähnliche Geschichte erzählt.

Korruptionsbilanz in FIFA und IOC: 140.785.618,93 CHF. Mindestens.

ZÜRICH. Die Bilanz des Grauens ist (vorerst) neunstellig, wenn Mann die Ziffern hinter dem Komma mal großzügig beiseite lässt. Die Schmiergelder der ISL-Gruppe an höchste Sportfunktionäre, die sich gern mit Millionen freikaufen, in der Übersicht:

[caption id="attachment_9842" align="aligncenter" width="530"]ISL Schmiergeldbilanz, 1989 - 2001: knapp 141 Mio. Franken Gerichtlich dokumentierte Schmiergeldbilanz der ISL[/caption]

Es geht also weiter in der ISL-Saga. Die Abkassierer sind ja schließlich auch noch im Amt und werden protektiert. Neue Fakten zum größten Korruptionsskandal der Sportgeschichte liegen vor, pünktlich zur Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 am Donnerstag durch das FIFA-Exekutivkomitee. Ich hatte es gestern bereits angedeutet.

Grüße aus Usbekistan und Südamerika: die Schiedsrichter der ersten sechzehn WM-Spiele

JOHANNESBURG. Soeben hat die Fedération Internationale de Football Association (FIFA) die Schiedsrichterteams für die ersten sechzehn Spiele bekannt gegeben. Das Eröffnungsspiel leitet also der Sportkamerad Rawschan Irmatow aus Usbekistan. Im ersten Viertel der WM-Begegnungen dabei: Zweimal Mexiko, Brasilien, Chile, Argentinien, Uruguay – und die Seychellen. Fünfmal Europa, darunter Wolfgang Stark (DFB) und Howard Webb (England)

Ich weiß, ich sehe Gespenster, und es ist sicher total ungerecht, aber ich habe da so ein komisches Gefühl. Tut mir leid, aber ich fühle mich da sehr an die Aussagen von Lord Triesman erinnert, die der kürzlich (unwissentlich) zu Protokoll gegeben hat, von denen er aber später nichts mehr wissen wollte:

‘My assumption is that the Latin Americans, although they’ve not said so, will vote for Spain. And if Spain drop out, because Spain are looking for help from the Russians to help bribe the referees in the World Cup, their votes may then switch to Russia.’

At this point, Miss Jacobs asks: ‘Would Russia help them with that?’

Lord Triesman: ‘Oh, I think Russia will cut deals.’

Miss Jacobs: ‘Why will Russia help? Are Russia in the World Cup?’

Lord Triesman: ‘No, they’re not.’

Miss Jacobs: ‘Oh no they’re not, they’ve got nothing to lose?’

Lord Triesman: ‘Absolutely nothing at all to lose. Exactly.’

Ich behaupte überhaupt nichts. Ich sage nur, dass es manchmal Dinge gibt, die miteinander zusammenhängen. Oder anders herum: Nicht alles, was passiert in diesem oder in einem anderen Leben, geschieht völlig zusammenhangslos.

Ich hätte mir andere Schiedsrichter-Ansetzungen vorstellen können. Jedenfalls, die berüchtigsten Sportkameraden aus dem totaldemokratischen Wunderland Usbekistan heißen: Alimsan Tochtachunow, den Blatter trifft und sich offiziell nicht daran erinnert, Alisher Usmanow und Gafour Rachimow. Allein diese Aufzählung sollte reichen, um gesundes Misstrauen zu hegen.

Kürzlich habe ich in einem Beitrag für den Deutschlandfunk gedichtet:

:

Im Magazin der Badischen Zeitung habe ich ebenfalls an die Zusammensetzung der FIFA-Schiedsrichterkommission erinnert:

Selbst die von Triesman erwähnte Beeinflussung der WM-Schiedsrichter 2010 scheint nicht aus der Luft gegriffen, wenngleich es für die These keine Beweise gibt. Allerdings sitzen in der von Spaniens Verbandschef ?ngel María Villar Llona geleiteten Fifa-Schiedsrichterkommission einige Gestalten, die kaum für Seriosität bürgen: Zur Kommission gehört etwa der Pole Michal Listkiewicz, daheim als ehemaliger Verbandschef für Korruption, Schiedsrichterbestechung und etliche anderer Skandale mitverantwortlich (Ich sage: „mitverantwortlich“, das ist er als Verbands-Präsident automatisch, ohne dass ich sage, er persönlich sei korrupt). Blatter hat Listkiewicz stets gestützt – über ihn lernte er einst seine langjährige Geliebte Ilona Boguska kennen. Noch so eine Familienbande.

Vizechef der Schiedsrichterkommission ist Brasiliens Verbandpräsident Ricardo Teixeira, ehemals Schwiegersohn des Fifa-Ehrenpräsidenten Havelange. Auch Teixeira gehört zum Exekutivkomitee. Seine Vergehen sind Legende, allein die parlamentarischen Untersuchungsberichte über das Verschwinden Dutzender Millionen Dollar füllen tausend Seiten Akten (hier finden sich die Links dazu und eine Grafik, die zeigt, wie er mal flink Millionen macht). Obgleich Teixeiras Mitwirkung an dubiosen Finanztransaktionen bestens dokumentiert ist, wurde er von seinen Freunden in der Politik rausgepaukt, etwa von Brasiliens Staatspräsident Luiz Inácio Lula.

Ich lese also die Ansetzungen der ersten sechzehn WM-Spiele und schaue mir die Zusammensetzung der FIFA-Refereekommission an – und mache mir so meine Gedanken. Aber sicher völlig unbegründet, denn in Sepps Reich geschehen unter Mitverantwortung von Ricardo Teixeira bestimmt auch Zufälle.

Kleiner Nachtrag zum Thema Teixeira und Schiedsrichter. Für unser Buch „Das Milliardenspiel“ haben Thomas Kistner und ich vor vielen Jahren mal diese Passage gedichtet, eine Summary nur, allein die Schiedsrichter-Nummern im brasilianischen Fußball, den Teixeira beherrscht und auch von der WM 2014 profitieren darf, geben Stoff genug für Fortsetzungsromane:

Faule Tricks wie diese gehören zum Grundrepertoire des umtriebigen Eidams Ricardo Texeira. Als er 1997 erfuhr, daß Pelé, mittlerweile zum brasilianischen Sportminister ernannt, ein Gesetz plane, das eine Umwandlung der Fußballklubs in Kapitalgesellschaften ermöglichen soll und deren Kontrolle durch eine unabhängige Komission vorsieht, reagierte er konsequent. Das Gesetz lief ja schnurstracks auf eine Entmachtung seines Verbandes hinaus. Also eröffnete Teixeira, statt den Diskurs mit dem Sportminister zu suchen, ein luxuriöses Verbandsbüro in der Hauptstadt Brasilia, um Lobby zu machen. Auch dies erfuhr Pelé nur zufällig bei einer Begegnung mit einem Kongreßabgeordneten: “Der erzählte mir, der CBF habe alle Abgeordneten aus Minas Gerais zum Abendessen eingeladen.? Bei den rauschenden Empfängen am neuen CBF-Sitz hatte es keinen Mangel an Speis und Trank, auch nicht an netten Damen. Denn in angenehmer, entspannter Atmosphäre lassen sich Problemchen und Sorgenfälle der Sportpolitik viel gründlicher lösen. Das weiß so mancher alter Fahrensmann in der internationalen Sportpolitik.

The ISL bribery system: 138 million CHF for senior officials in the Olympic world

As promised the other day: The extended and overworked version of my presentation at Play the Game conference last week in Coventry – with important backgrounds about the new „associate member“ of the Olympic Journalists Association:

The ISL bribery system: 138 million CHF for high-ranking officials in the Olympic world

A few weeks ago I had several discussions with IHF-President Hassan Moustafa. He told me:

We are a Handball-family. If anybody has a problem, we have to find a solution within our family – not outside the family.

I have heard quotes like this before. My old friend Joseph Blatter once said:

We don’t go to strangers. If we do have problems in our family, we use to solve the problems in the family. What happens in our family is not a topic for a jurisdiction outside our family. Regular courts are not a part of our family.

In this picture we can see Joseph Blatter with his longtime friend Jean-Marie Weber. They are members of the family, both the FIFA-President, also a member of the IOC, and the man who has paid an unbelievable amount on bribes to other family members. They are longtime friends.

2018? Warner gives England the Mexican Wave Goodbye

Oh ja, ich glaube nicht, dass ich zu viel versprochen habe: Der putzige Doppelwettbewerb um die Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022, erdacht von Sepp dem Unfehlbaren, wird uns noch viel Freude bereiten. Ein Gastbeitrag von Andrew Jennings, der an Sepps Hofe seit sechs Jahren nicht mehr geduldet wird, der also keine Akkreditierungen für Fifa-Events erhält. AJ konzentriert sich einmal mehr auf Jack the Ripper:

sunday-herald-fifa-kl

„How the World Cup will be won“ / Grafik: Screenshot vom Sunday Herald

By Andrew Jennings

Jack Warner must have his World Cup. FIFA’s serial kleptomaniac, now 65, knows that 2018 is his last chance to acquire the world’s most lucrative sports event and, with his greedy family, loot it. Where does he want it? Mexico.

If anything goes awry, the USA is the fallback. Both countries are captive members of Concacaf, the regional FIFA franchise controlled from Trinidad by Warner.

It’s unthinkable that the Warners would let a World Cup and the once in a lifetime chance to skim TV rights, marketing and hotel packages slip through their fingers. And of course they are well-practiced as the biggest ticket racketeers ever.

When they staged FIFA’s Under-17 championship in Trinidad in 2001, I was there to see them snaffle fast food and beverage contracts in the stadiums, security, hotels, the IT business and, with the personal approval of FIFA president Blatter, their travel agency got all 15 teams‘ flight tickets. The construction contracts came earlier.

In 2007 Warner told the BBC that his franchise must host 2018 saying, ‘There are moves to give it to England. I must fight that. I really don’t believe that we should lay down and play dead to anyone who wants to take the World Cup from Concacaf.‘ Only two countries in Warner’s franchise could stage the championship: Mexico and America.

„Ungefähr zwölf Stadien“: Bewerbung um die Fußball-WM 2018/2022

Mal was anderes, bevor ich mich auf den Weg von Durban nach Kapstadt mache: Das ist der Fingerprintsensor an der Tür zu Sepp Blatters Büro. Da gibt es keinen Schlüssel.

fingerprint

Wer würde nicht seinen Finger gern mal da drauf legen und sich Zugang zu den gut behüteten Geheimnissen der Fußballwelt verschaffen. Aber ich schweife wieder ab, deshalb geschwind zum Thema:

„Ungefähr zwölf Stadien“, viel mehr braucht es eigentlich nicht, um eine Fußball-WM auszutragen. Nun ja, ein bisschen Infrastruktur noch, schon kann es losgehen. So steht es Im Zirkularschreiben des Weltverbandes Fifa zur Bewerbung um die Weltmeisterschaften 2018 und 2022. Die Meldung des Tages kommt ja, wie ich finde, aus Indonesien. Denn neben Australien, England, Russland, Holland/Belgien, Spanien/Portugal, Katar, China, USA, Mexiko, Kanada, Japan (soweit mal die Liste echter und unechter Kandidaten) mag nun auch Indonesien mitbieten.

Gericht rügt Fifa: „täuschendes Verhalten“

„Im Rechtsstaat“, sagte einst Marc Siegwart, „gibt es keine Moraljustiz.“ Siegwart ist Richter am Strafgericht des Kantons Zug. Und er hat im Frühjahr dieses Jahres fast ein wenig bedauert, dass es keine Moraljustiz gibt; jedenfalls klingt seine Aussage bis heute in meinen Ohren so nach. Man wird doch mal träumen dürfen.

Ich habe den größten Korruptionsprozess der Sportgeschichte hier im Blog recht ausführlich dokumentiert. Es geht um Schmiergeldzahlungen von bestätigten 138 Millionen Franken an höchste Sportfunktionäre aus jenen Verbänden, mit denen der einstige Weltmarktführer ISL/ISMM Milliardengeschäfte machte.

Ach ja, das hier unten links ist übrigens Jean-Marie Weber, der Geldbriefträger und Geldkofferträger, der als einziger die Namen aller Schmiergeldempfänger kennt. Der Herr daneben, Joseph Blatter, ist ein alter Kampfgefährte und Vertrauter des ISL-Barons Weber, auch er ist Stammgast in diesem Blog. Jean-Marie war einmal der große Impressario des Weltsports. Er konnte alles.

[caption id="attachment_2074" align="aligncenter" width="538"]jmw-sepp Stammgäste: Jean-Marie & Joseph[/caption]

Don Julio verpflichtet Maradona

Julio Humberto Grondona, der Pate des argentinischen Fußballs, trägt einen schweren, goldenen Siegelring. „Todo pasa“ steht drauf. Es ist das Motto des 77-jährigen Senior Vice President des Fußball-Weltverbandes Fifa und argentinischen Verbandspräsidenten (quasi auf Lebenszeit). Alles geht vorbei, ich mach das schon.

Fifa-Boss Blatter, Fifa-Vize Grondona - Zürich, Mai 2007

Mein Lieblingsfoto von Sepp und Don Julio: auf der Krönungsmesse 2007 in Zürich

Don Julio, dicker Kumpel vom Fifa-Sepp (wie man auf dem Foto sehen kann) und seit vielen Jahren auch Chef der Fifa-Finanzkommission (sic!), hat bislang alle Klippen umschifft. Sein jüngster Coup: um seinen Posten zu retten, verpflichtete er kurzerhand das Drogen-Wrack Diego Armando Maradona als Nationaltrainer. Und stellte ihm Carlos Bilardo als Teammanager zur Seite. Todo pasa.

Über Diego ist anderswo viel zu lesen. Ich will hier auch nicht mit der Geschichte einer Sünde langweilen, denn ich habe mir im vergangenen Jahrhundert, damals spielte Diego für den SSC Neapel, mal in Leipzig ein Autogramm von der Hand Gottes zeichnen lassen.

Was ich vielmehr zur aktuellen Diskussion beisteuern kann, ist ein Kapitel meines argentinischen Freundes Ezequiel Fernandez Moores aus unserem gemeinsamen Buch „Korruption im Sport“. Der wunderbare Ezequiel kennt sie alle: Diego, Don Julio und noch ein paar andere Spitzbuben. Okay, der Text ist zwei Jahre alt, doch egal, man muss ihn gelesen haben, um ein bisschen was von Don Julio zu verstehen.

***

The Godfather Don Julio

The Argentine dictator behind Fifa President Joseph Blatter

Julio Humberto Grondona, FIFA’s Senior Vice President, the great Godfather of South American football and President of the Argentine Football Association (AFA) since 1979, proudly remembers when his mandate began: Almost together with Woytila’s papacy and Diego Armando Maradona’s successful international career. But Maradona left the field in 1997 and John Paul the Second died in 2005.

In his twenty-seven-year mandate (nun sind es schon 29 Jahre), Grondona did not only survive John Paul the Second and the sporting Maradona, but also four de facto Presidents and eight democratic Presidents in Argentina. He also survived eighty-one supporters who died as victims of the endless violence that rules football in Argentina. He survived almost forty-three cases of doping, eight strikes by players and three strikes by referees. Grondona also survived about fifty legal raids on his own offices, the AFA offices and those of his partners.

Grondona is now seventy-four years old (jetzt 77). His age is not an obstacle. Grondona has already warned that in 2007 he will begin his eighth mandate which will last until 2011; by then he will be thirty-two years at the head of the AFA. Thirty-two years with Don Julio. He likes people to call him that way. Don Julio could mean respect. But who would forget the wonderful Don Vito Corleone interpreted by Marlon Brando? In fact, the other nickname given to Grondona in Argentina is „The Godfather“.