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Notizen vom Sportausschuss (2): Steuermittel für den BDR?

So, passend zum Tage der zweite Teil meiner Notizen zur 59. Sitzung des Sportausschusses des Deutschen Bundestages am Mittwoch, 15. Oktober. Was bisher geschah, kann man hier nachlesen.

Die Session mit Willi Lemke, die partiell witzig war, lasse ich aus, darum kümmere ich mich später mal. Nur noch dies: Lemke wäre nicht Lemke, also nicht der Verkäufer seiner Sache, als der er bekannt geworden ist, wenn er mir nicht, wie allen anderen Anwesenden, noch diese Broschüre in die Hand gedrückt, die ich gern symbolisch weiter reiche. „Hier bitte, auch für Sie“, sagte der UN-Sonderbeauftragte. Ich sage: Danke, Willi.

Noch zwei Vorbemerkungen:

  1. Unter seinem Vorsitzenden Peter Danckert (SPD) tagt der Sportausschuss seit Beginn der Legislaturperiode öffentlich. Alle anderen Ausschüsse des Bundestages tagen grundsätzlich nichtöffentlich. Damit ist aus meiner Sicht nur im Sportausschuss ein Mindestmaß an Transparenz gewährleistet. Beobachter können sich ein Bild von der Arbeit der Abgeordneten machen.
  2. Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen Notizen gemacht. Anmerkungen, die mir als Erläuterung wichtig scheinen, sind kursiv gesetzt (heißt das so im Blog, „setzen“? Scheint eher ein Begriff aus dem Holzmedium).

Nun zu dem, was wirklich wichtig war. Am Morgen hatte die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen diesen Antrag im Sekretariat des Sportausschusses eingereicht:

Beratungen Bundeshaushalt 2009, EP 06 Bundesministerium des Innern/Kapitel 0602

Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen beantragt:

Beim Haushaltstitel 684 11 („Zentrale Maßnahmen auf dem Gebiet des Sports“) werden die vorgesehenen Ausgaben für den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) gestrichen. Stattdessen werden die nicht benötigten Mittel für die Dopinganalytik, Anti-Dopingforschung sowie für die Dopingprävention verwendet.

Begründung:

gesagt ist gesagt: ARD nicht mehr live bei der Tour de France

Die Überschrift der ARD-Pressemitteilung ist etwas irreführend, denn sie lautet:

ARD beschließt Tour-Ausstieg

Tatsächlich will man offenbar nur aus der Live-Berichterstattung aussteigen. Mein Gott, war das eine schwere Geburt. Mal sehen, was die EBU und das ZDF dazu sagen. Bis zum Tour-Start 2009 ist noch viel Zeit.

Die ARD-Meldung:

Die ARD wird aus der Live-Übertragung der Tour de France aussteigen und sich darüber zeitnah mit dem ZDF und der EBU (European Broadcasting Union) verständigen. Das entschieden die Intendantinnen und Intendanten auf ihrer Klausurtagung in Köln. Der ARD-Vorsitzende Fritz Raff sagte: „Der sportliche Wert der Tour de France hat sich aufgrund der gehäuften Dopingfälle und der daraus gewonnenen Erkenntnisse erheblich reduziert. Damit ist auch der programmliche Wert stark gesunken.“ Die Intendantinnen und Intendanten sind der Meinung, dass eine breitflächige Übertragung in den öffentlich-rechtlichen Programmen auf absehbare Zeit nicht mehr zu rechtfertigen ist.

Ooops, als ich mich noch laut noch fragen wollte, was wohl diese beiden Sportsfreunde zum ARD-Beschluss sagen würden …

Was vom Tage übrig bleibt (8)

Wie oft soll ich noch sagen, dass das hier kein Doping-Blog ist? Glaubt mir das jemand? Nun ja, auch diese Lese- und Hörbefehle sind wieder sehr blut- und urinlastig. Tut mir leid. Eine Kleinigkeit, die mir wichtig ist, stelle ich voran: Eine Lüge mehr aus dem Internationalen Olympischen Komitee. IOC-Medizindirektor Patrick Schamasch hat nicht nur mir gegenüber in Peking felsenfest behauptet, die Dopingproben würden unverzüglich an einen geheimen Ort geflogen. Die Wahrheit ist: Das Zeug lagert jetzt noch dort – seit 7 Wochen! – bei den Chinesen. Denn im Keller des Labors in Lausanne, diesem ach so geheimen Ort, ist ja noch nichts eingelagert, wie man in der ARD sehen konnte. Die Proben werden oder besser: sollen angeblich jetzt/demnächst/bis Ende des Monats ausgeflogen werden. Ist eigentlich den Chinesen zu trauen? Was haben in der Zwischenzeit damit gemacht? Absurd sich vorzustellen, die Chinesen hätten nicht das gemacht, was andere seit Jahrzehnten mit Dopingproben machen: Informationen einholen und als politisches Druckmittel ausspielen. Vielleicht haben sie auch anderes gemacht. Ach nein, alles Quatsch, Patrick Schamasch hat mir in Peking gesagt:

„Die Proben sind hundertprozentig sicher. Ich garantiere es.“

Da bin ich aber beruhigt. Und hier die Tagesbefehle:

Nachuntersuchung der Dopingproben von Peking

Angeblich soll jetzt alles ganz schnell gehen. Nachrichtenagenturen – AP, dpa – berufen sich auf IOC-Sprecherin Emmanuelle Moreau und melden, das Internationale Olympische Komitee (IOC) wolle die eingefrorenen Dopingproben von Peking nachuntersuchen lassen. So plötzlich? Nachdem man doch die ganze Zeit geblockt hat und auch keine hilfreichen Aussagen zu den eingefrorenen Proben treffen wollte, außer den Beteuerungen, man werde alles perfekt sichern, wie es mir IOC-Medizindirektor Patrick Schamasch in Peking gesagt hat.

AP meldet zunächst:

The International Olympic Committee will retest doping samples from the Beijing Games to check for traces of a new blood-boosting drug. The unprecedented move, announced Wednesday, is designed to search for a banned substance that was only recently detected during retesting of samples from the Tour de France. The Beijing samples — across all sports — are being sent to the World Anti-Doping Agency accredited laboratory in Lausanne, IOC spokeswoman Emmanuelle Moreau said. The IOC conducted more than 5,000 drug tests during the Beijing Games. It wasn’t immediately clear how many of the samples will be retested.

(via IHT)

dpa zieht nach:

„Diese Untersuchungen betreffen alle Sportarten und beinhalten speziell auch die Substanz CERA“, erklärte IOC-Sprecherin Emmanuelle Moreau am Mittwoch. Der Zeitpunkt der Tests stehe noch nicht fest. Das IOC führte in Peking die Rekordzahl von mehr als 5000 Tests durch.

(via FTD)

Da hat es jetzt offenbar jemand eilig. Bevor ich einige Fragen zu den angeblichen Blitz-Analysen aufwerfe, flink noch ein kurzer Rückblick und ein Interview mit Wilhelm Schänzer. Zu den Proben habe ich vor einem Monat einen Beitrag für den Deutschlandfunk verfasst:

Dopingbekämpfung ist auch ein Glaubenskampf. Die einen, internationale Sportorganisationen unter Führung des IOC, behaupten, sie würden alles gegen Doping unternehmen. Doch in der kritischen Öffentlichkeit wachsen die Zweifel daran, was sich den Peking-Spielen an zwei unabhängigen Meinungsumfragen in Deutschland belegen ließ: Nur eine Minderheit der Deutschen glaubt, dass die Wunderleistungen von Peking sauber erzielt worden sind.

Zweifel wachsen auch deshalb, weil IOC-Präsident Jacques Rogge immer wieder die Mehrfach-Olympiasieger und Serien-Weltrekordler Michael Phelps und Usain Bolt als „Ikonen dieser Spiele“ gerühmt hat. Ausgerechnet jene Athleten also, deren Leistungen am heftigsten bezweifelt wurden. Hinter deren Leistungen die größten Fragezeichen stehen.

Welches Interesse sollte das IOC daran haben, möglicherweise nachträglich seine eigenen Ikonen zu stürzen?

Das IOC hat versprochen, die mehr als 5000 in Peking genommenen Urin- und Blutproben acht Jahre lang sachgemäß zu lagern und für künftige Analysen bereit zu halten – wann immer die Analytiker neue Nachweisverfahren entwickelt haben, wann immer Dopingmittel und Methoden bekannt und aufspürbar sind, die während der Peking-Spiele noch nicht zu detektieren waren.

Das ist das Versprechen. „Das wirkt abschreckend“, sagt Jacques Rogge.

Patrick Schamasch, der IOC-Medizindirektor, hat schon in Peking jeden Zweifel an der Lauterkeit dieses Versprechens bekämpft. Er sagte: Sämtliche Proben würden binnen drei Wochen ausgeflogen und an einen geheimen Ort gebracht. Die Auslagerung der Proben stelle höchste logistische Anforderungen. Die Urin- und Blutproben müssen gut gekühlt in Spezialbehältern transportiert werden. Alles muss zügig ablaufen, um die Proben nicht zu beschädigen. Dies impliziert allerdings auch, dass es vielfältige Manipulationsmöglichkeiten geben könnte.

Schamasch entgegnete darauf: „Die Proben sind hundertprozentig sicher. Ich garantiere es.“

Einen Beweis dafür gibt es allerdings nicht. Es liegen keinerlei Informationen vor, die das Versprechen des IOC bestätigen könnten. Die Öffentlichkeit hat keine Möglichkeit, die Olympier zu überprüfen. Dem IOC gehören die Olympischen Spiele. Dem IOC gehören auch die eingefrorenen Proben. Die Weltantidopingagentur Wada ist nur Beobachter.

Bei vergangenen Olympischen Spielen sind auf mysteriöse Weise zahlreiche positive Proben verschwunden – etwa 1984 in Los Angeles. Andere positive Proben – etwa 1980 in Moskau – wurden erst gar nicht als solche analysiert. Die Fälle wurden nie aufgeklärt.

Seit den Sommerspielen 2004 in Athen werden die Proben acht Jahre aufbewahrt. Einen peinlichen Fehler gab es gleich zu Beginn: Dem Amerikaner Tyler Hamilton, dem langjährigen Gehilfen von Lance Armstrong und Olympiasieger im Einzelzeitfahren, wurde Blutdoping nachgewiesen – aber nur in der A-Probe.

Die B-Probe konnte wegen unsachgemäßer Lagerung nicht verwendet werden: Vollblut und Blutplasma waren im selben Container eingefroren worden. Der Doper Tyler Hamilton bleibt also Olympiasieger.

Ein Fehler, der sich nicht wiederholen soll, verspricht IOC-Kommunikationsdirektorin Giselle Davies. Es ist eines von vielen Versprechen.

Dazu auch ein Beitrag auf von Fred Kowasch auf interpool.tv und ein Interview von Jessica Sturmberg im DLF mit dem Kölner Laborchef Wilhelm Schänzer über Langzeitlagerungen, eingefrorenes Serum und die Fehler im Fall Tyler Hamilton:

:

Einerseits ist das ja schlagzeilenträchtig, die Proben jetzt schon zu analysieren, da das Radbusiness seit Montag (Schumacher & Co.) wieder in Aufruhr ist. Andererseits ergeben sich gerade aus dieser Nachanalyse der Dopingproben bei der Tour de France jede Menge Fragen:

„Schumacher aussi positif!“

screenshot lequipe: "Schumacher aussi positif!"

Das ist aber eine Überraschung! Damit hätte doch wohl niemand gerechnet! Radfahrer gedopt! Na so was! Die Meldung stammt von der L’Equipe: „Schumacher aussi positif!“ In Deutschland hat Thomas Kistner in der SZ am schnellsten reagiert. Schade nur, dass dadurch die Geschichte von Ralf Meutgens und Anno Hecker in der FAZ ein bisschen untergeht: „Heute keine Dopingkontrollen“. Aber man kann das ja im Zusammenhang sehen. (Kleine Gemeinheit am Rande: Der FAZ-Radsportredakteur muss nur mal Kollegen schreiben lassen, schon liest man dort exklusive Geschichten!)

Von Stefan Schumacher, dem Rad-Schumi, der nun im vierten Anlauf nach 2005, 2007 und 2008 überführt wurde, wird dieser Satz übermittelt:

Ich kann nur sagen, dass ich nicht gedopt habe, das ist völliger Schwachsinn.

Achja.