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Korruption im Welt-Handball oder: der Pharao der IHF

Achtung, dies wird ein hundsgemein langer Blogeintrag, der hätte schon längst geschrieben werden müssen. Das Thema rechtfertigt die Länge: Der freie Journalist Erik Eggers ärgert seit einem Jahr die Funktionäre des Handball-Weltverbandes IHF gewaltig, allen voran Hassan Moustafa, den ägyptischen Präsidenten. Natürlich auch den kuwaitischen Scheich Ahmed Al-Fahad Al-Ahmed Al-Sabah, den „Freund und Kollegen“ des DOSB-Präsidenten (hier im Blog UDIOCM genannt), der es immerhin in die Siemens-Akten gebracht hat.

Da sind wir mitten im Thema: Handballgate, Korruption im Sportbusiness. Der jüngste Coup von Erik Eggers ist heute u. a. in der Frankfurter Rundschau nachzulesen: Bestechung auf Pump – DHB versuchte 2002 vergeblich, die WM 2005 zu kaufen. Hier ist das Dokument dazu, das ich wie die nachfolgenden Texte und Dokumente mit freundlicher Genehmigung von Erik Eggers veröffentliche:

FAX von der IHF (Basel) an 'Herrn Ulrich Strombach', BETREFF: 'Russland/Finanzen'

„Lieber Uli, Du wirst Dich erinnern, dass wir […] über die noch ausstehende Zahlung von 40.000 $ an Russland gesprochen haben.“

Das also ist die jüngste Geschichte:

Bestechung auf Pump

veröffentlicht am 29. September 2008 u. a. in der Frankfurter Rundschau

Der Deutsche Handball-Bund versuchte 2002 vergeblich, die WM 2005 zu kaufen

Der Plan klang gut: vier großen Handballern sollte ein denkwürdiger Abschied vor eigenem Publikum bereitet werden: Stefan Kretzschmar, Christian Schwarzer, Klaus-Dieter Petersen und Volker Zerbe. Als die Funktionäre des Deutschen Handball-Bundes (DHB) und Bundestrainer Heiner Brand im November 2002 zum Kongress der Internationalen Handball-Föderation (IHF) nach St. Petersburg flogen, um die WM 2005 nach Deutschland zu holen, war DHB-Boss Ulrich Strombach noch zuversichtlich. Er habe ein „sehr, sehr gutes Gefühl“, sagte der Anwalt aus Gummersbach.

Heraus kam bekanntlich eine sensationelle 44:46-Abstimmungsniederlage gegen Tunesien, und Strombach schimpfte öffentlich auf gekaufte „Stimmkartelle“, die IHF-Präsident Hassan Moustafa organisiert habe. Moustafa sei für ihn ein „toter Mann“, wütete Strombach, er forderte „größere Transparenz“ und sprach sogar über einen WM-Boykott. Erst als der DHB zwei Jahre später die WM 2007 erhielt, geriet die Episode in Vergessenheit.

Nun holt ihn diese Geschichte wieder ein. Nach Informationen des NDR-Sportclubs und der Frankfurter Rundschau hat die DHB-Führung damals für 50.000 US-Dollar die WM kaufen wollen. Wie DHB-Vizepräsident Horst Bredemeier und DHB-Schatzmeister Wolfgang Gremmel bestätigten, hatte der Handballbund dem favorisierten Mitbewerber aus Russland vor dem entscheidenden Wahlgang diese Summe für einen Rückzug versprochen. Die Russen schlugen ein.

Als aber der DHB die Wahl dennoch verlor, weil die Tunesier offensichtlich ebenfalls bestochen hatten, war das Dilemma groß. Denn nun musste der DHB für die 50.000 Dollar aufkommen, die eigentlich ein WM-Sponsor aus der Wirtschaft hatte zahlen wollen. Die Zwangslage bestand darin, berichtet Gremmel, dass der versuchte WM-Kauf ein Alleingang der DHB-Spitze gewesen war – ohne die Gremien zu informieren. Kenntnis hatten laut Gremmel DHB-Präsident Strombach, Bredemeier und er selbst. „Ich als Schatzmeister musste das doch verbuchen“, sagt er. Strombach will derzeit keine Stellung nehmen.

„Vielfältige Lebenssachverhalte“

Achtung, es wird kompliziert. Unmittelbar vor dem Auftakt des Prozesses gegen den früheren Siemens-Zentralvorstand Johannes Feldmayer und dessen dubiosen Geschäftspartner Wilhelm Schelsky gibt es auch Neues vom UDIOCM. „Siemens-Affäre: IOC-Vize Bach und CDU-Abgeordneter Adam in Erklärungsnot“, titelt Spiegel Online. Im Beitrag heißt es, das UDIOCM (unpolitischstes deutsches IOC-Mitglied) betreffend:

Auch IOC-Vizepräsident Bach, der auf Schelskys Vermittlung einen mit 400.000 Mark dotierten Beratervertrag mit Siemens hatte, gerät in Erklärungsnot. Der Wirtschaftsanwalt hatte gegenüber dem SPIEGEL behauptet, er habe stets strikt zwischen seinen „geschäftlichen Tätigkeiten“ und seinen „ehrenamtlichen Funktionen im Sport“ getrennt.

Eine E-Mail vom 31. Januar 2005, die Bach an den Siemens-Vorstand Rudi Lamprecht schickte, liest sich dagegen anders. Damals bemühte sich Siemens darum, Kuwait als Großinvestor zu gewinnen, und Bach meldete, sein „Freund und Kollege, Energieminister Scheich Ahmed al-Sabah“, sei derzeit für eine vertrauliche Anfrage zum Stand der Verhandlungen schwer erreichbar. […]

„some elements of answer“

Ich habe mich mal wieder verzählt und gelobe Besserung. Wenn ich es nun also richtig überprüft habe, und etliche Gesprächspartner bestärken mich in dieser Behauptung, dann sind in Peking bei den Sommerspielen bisher neun Sportler und sechs Gäule erwischt worden. So sieht das aus, alle Angaben ohne Gewähr:

Sportler, bestätigt

  1. Maria Isabel Moreno (Spanien) Radsport (Epo)
  2. Kim Jong-Su (Nordkorea) Schießen (Betablocker), Silber freie Pistole, Bronze Luftpistole
  3. Do Thi Ngan Thuong (Vietnam) Turnen (Diuretikum)
  4. Fani Halkia (Griechenland) Leichtathletik (Methyltrienolon)
  5. Ludmilla Blonska (Ukraine) Leichtathletik (Methyltestosteron), Silber im Siebenkampf
  6. Igor Rasoronow (Ukraine) Gewichtheben (Nandrolon)

Sportler, unbestätigt bzw. noch ohne Urteil der Disziplinarkommission
(Nachtrag am 11. Dezember: Diese Fälle wurden heute vom IOC-Exekutivkomitee entschieden)

  1. Wadim Dewjatowski (Weißrussland) Leichtathletik (Testosteron), Silber im Hammerwerfen
  2. Iwan Tichon (Weißrussland) Leichtathletik (Testosteron), Bronze im Hammerwerfen
  3. Adam Seroczynski (Polen), Kanurennsport (Clenbuterol)

Giselle Davies …

… nimmt wie angekündigt Abschied vom IOC. Seit 2002 war sie Kommunikationsdirektorin des Olympiakonzerns. Wie angekündigt werden private Gründe für die Trennung genannt. Ein IOC-Statement folgt im Laufe des Tages (15.30 Uhr), AP hat die Trennung bereits vermeldet. Dass Giselle Davies vom Job ziemlich frustriert war, hat man ihr seit einiger Zeit angesehen, nicht erst seit jenen peinlichen „Pressekonferenzen“ in Peking, die sie gemeinsam mit den BOCOG-Hardlinern durchpeitschte, wenn überhaupt noch Pressetermine stattfanden. Das Vertrauensverhältnis zum IOC-Präsidenten Jacques Rogge ist zerrüttet. Davies gehört nicht zum extrem kleinen Kreis der Eingeweihten, was für eine Kommunikationsdirektorin eines Weltkonzerns irgendwie blöd ist. Das merkte man dann auch.

Mein Lieblingsfoto von Giselle Davies habe ich am 18. August 2004 in Athen gemacht. Da guckt sie auch etwas verkrampft, aber egal, ich fand, es war ein netter Anlass. In der rechten Hand hält sie die Akkreditierungen von Ekaterini Thanou und Kostas Kenteris, den Motorradfahrern.

Lopez Lomong (III) oder: der Fahnenträger

Tja, um kurz vor Mitternacht kommt die Meldung, die für mich die Nachricht des Tages ist. Ich finde, es ist eine Sensation, was das amerikanische Olympiakomitee USOC mitteilt:

Lopez Lomong Selected as Flag Bearer for 2008 U.S. Olympic Team

Das könnte ein heißes politisches Thema werden, denn Lopez Lomong, einer der Lost Boys of Sudan, über den ich aus Eugene und später noch einmal berichtet habe, unterstützt das Team Darfur.

Ausnahmsweise mal weite Teile einer Presseerklärung im Original:

Peking, Tag 5

08.19: Das ging alles sehr schnell. Nur 15 Minuten vom Poly Plaza zum IOC-Hotel-Komplex, der aus dem Beijing Hotel, dem Grand Hotel Beijing und dem Raffles Hotel besteht. Die Security-Leute haben ihre Lektionen gelernt. Sehr nett und relaxt spulen sie ihr Programm ab, was immer mit einem maschinenartig vorgebrachten Dank endet: „Thank you for your cooperation.“ Selbst wenn man mal nicht kooperieren sollte. Die professionellen Sicherheitskräfte fallen gar nicht auf, ich denke aber, dass viele unter jenen, die als Volunteers die weiß-blauen Sportklamotten des BOCOG tragen, im Notfall ziemlich energisch und professionell durchgreifen könnten. Irgendjemand sagte mir gestern in verschwörerischem Ton, 210.000 Sicherheitskräfte seien in Peking eingesetzt. Ich glaube alles, ich bin Journalist.

09.04: Die 120. IOC-Session hat bereits begonnen, doch im kleinen Medienraum in der 14. Etage des Beijing Hotels funktioniert der Fernseher noch nicht (Panasonic/IOC-Sponsorenprodukt). Es dauert eine Weile, dann kann man wenigstens die Sitzung beobachten, allerdings ohne Übersetzung, was ich noch nie erlebt habe, seit die wir die Sessionen verfolgen dürfen. Akzeptable Arbeitsbedingungen sind das natürlich nicht. Ein Fernseher, 36 Arbeitsplätze. Das ist alles. Das IOC hat auch nur rund 30 Journalisten, allesamt olympische Dauerberichterstatter, für diese Session zugelassen. Insofern bin ich ein privilegierter Reporter, obgleich der Kollaboration mit dem IOC unverdächtig. Kollegen, die sich hier ausnahmsweise für das IOC interessieren, waren sehr überrascht, als sie erfuhren, dass sie nicht einmal ins Beijing Hotel können. Denn dazu braucht es eine zweite Akkreditierung zur offiziellen olympischen Akkreditierung. Ziemlich kompliziert, das, aber ich kann es nicht ändern. Das Prinzip habe ich vor ein paar Tagen schon mal umrissen:

Vor dem Beijing-Hotel, wo IOC-Exekutive und die 120. IOC-Session tagen, gibt es für langjährige olympische Berichterstatter zusätzlich zur Olympia-Akkreditierung einen “IOC Media-Pass?, der zum Zugang zum Beijing-Hotel berechtigt. Dummerweise finden die täglichen Pressekonferenzen zum Exko und zur Session allesamt im Main Press Center (MPC) statt, rund eine halbe Stunde mit dem Taxi entfernt. Wer also im IOC-Tagungshotel lauert, hat keine Chance, bei der PK rechtzeitig im MPC zu sein. Zudem: Erstmals ist das IOC-Hotel (die Herrschaften nächtigen im Raffles, das mit dem Beijing-Hotel-Komplex vebunden ist) bei Olympischen Spielen für Reporter gesperrt, da helfen auch zwei Ausweise nicht, die mir um den Hals baumeln. Sogar im George-Bush-Land war das IOC-Hotel, das Little America in Salt Lake City, ein halbes Jahr nach 9/11 problemlos zugänglich. Man könnte sagen: Es wird schwerer, im IOC-Machtbereich vernünftig zu arbeiten.

10.46: Er ist noch da. Topfit. Aufmerksam. Sensationell vernetzt. Mächtig. Einflussreich. Erfahren. Klug. Er spielt noch mit, auch wenn er heute auf der Session (links im Hintergrund, wie immer, seine ewige Assistentin Annie) nur über das Olympische Museum referierte, das seinen Namen trägt: Juan Antonio Samaranch. Ich nenne dieses Museum gern: Moneten-Mausoleum der olympischen Idee.

11.17: Ich konnte problemlos durch die marmornen Flure spazieren und in der Kaffeepause mit dem ein oder anderen Olympier plauschen. Unsere Befürchtung, dass in Peking nicht einmal dies möglich sein würde, erwies sich als unbegründet. Wen ich getroffen habe beim IOC? Natürlich, Jean-Marie Weber, einen der Dauergäste in diesem Blog – verantwortlich für den größten Korruptionsskandal der Sportgeschichte. Schon vergessen? 138 Millionen Schweizer Franken hat Webers ehemalige Firma ISL/ISMM zwischen 1989 und 2001 an Schmiergeldern an hohe Sportfunktionäre gezahlt. Das ist nur die Summe, die nun gerichtsfest ist. Sehr wahrscheinlich nur ein Bruchteil der gesamten Bestechungsgelder, die von ISL und anderen Firmen in den vergangenen dreißig Jahren gezahlt worden sind. Aber weitere Ausführungen spare ich mir, denn die Sportkameraden im Beijing-Raffles, wo Jean-Marie herumspaziert, interessiert das ja nicht. Die IOC-Ethikkommission und der Null-Zolerance-Präsident Jacques Rogge („Gegen Doping! Gegen Korruption! Gegen Gewalt!“) schauen schwiegend zu. Ich habe wie immer ein bisschen mit Jean-Marie, den ich persönlich gut leiden kann, geplauscht. Er musste dann weiter, hat schließlich in Peking für Issa Hayatou und Lamine Diack zu tun, für zwei IOC-Mitglieder.

12.50: Flink noch eine Linkempfehlung. Denn dogfood hat mal wieder recherchiert und berichtet Erstaunliches über einen Beitrag des SWR, der mit großem Gedöns angekündigt und verbreitet wurde: „Halbwahrheiten beim SWR“. Darauf müsste der Sender eigentlich reagieren. Und Jürgen Kalwa berichtet, dass auch die Huffington Post in Peking von den Zensoren blockiert wird. Stimmt, ich kann die Seite nicht aufrufen.

20.40: Ich habe gefabelt.

Das moralische Versprechen

Kevan Gosper, Peking, April 2008

Auch wenn ich mich wiederhole: Der nette Herr hier links heißt Kevan Gosper und gehört (noch immer) zu den wichtigsten Funktionären des IOC. Das Foto ist gewissermaßen ein historisches, denn ich habe den Australier im April in Peking auf einer Pressekonferenz geblitzt, als er – was er gern macht – sich wieder mal eingemischt hat, wenn Journalisten komische Fragen stellen. Er korrigiert dann gern.

Es war jene Pressekonferenz im China World Hotel, auf der Gosper versprach, Olympia-Berichterstatter würden in Peking freien Zugang zum Internet erhalten. Ist ja auch irgendwie selbstverständlich, die Bande (die Journalisten, meine ich) muss schließlich arbeiten, nicht wahr?

Lopez Lomong (II) oder: was das IOC nicht hören will

Lopez Lomong, im Juli 2008 bei den US-Trials in Eugene, Oregon

Die London Times hat sich nun auch der Geschichte des Lopez Lomong, den Lost Boys of Sudan, Darfur und all den politischen Implikationen bei den Sommerspielen in Peking angenommen:

Genau das ist es. Diesen Aspekt habe ich in meiner Geschichte noch etwas unterbelichtet, ich wollte die Aufmerksamkeit auf das Schicksal der sudanesischen Kinder lenken, wie es auch Lopez Lomong wichtig ist, und nicht schon wieder auf die Verlogenheit des IOC und die Verbrechen der chinesischen Regierung. Owen Slot schreibt in der Times: