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Quadratur des Kreises: das olympische Programm

Es gibt sie, die besinnlichen, die besonderen Momente im Olympic Village von Tokio. (IOC/Matthew Jordan Smith)

TOKYO. Karl Stoss hat einen der interessantesten Jobs bei den Olympischen Spielen. Der Österreicher ist Chef der Programmkommission des IOC. In dieser Funktion hat er auf der 138. Session vergangene Woche gerade die Einführung von Skibergsteigen für die Winterspiele 2026 in Mailand/Cortina durchgezogen. In Tokio, und im nächsten halben Jahr bis zur IOC-Session in Peking, ist er schwer damit beschäftigt, das Programm dieser XXXII. Sommerspiele zu evaluieren. Er schaut sich täglich mehrere Wettbewerbe an – am Tag, als wir telefonierten, war er beim Judo und Mountainbike -, er hat seine ersten Siegerehrungen gleich am ersten Wochenende absolviert, im Tokyo Aquatic Centre, und er koordiniert gemeinsam mit dem IOC-Sportdirektor Kit McConnell die Arbeit der Programmkommission.

Karl Stoss, seit 2016 in Rio de Janeiro IOC-Mitglied, gehört zu jener Minderheit von IOC-Mitgliedern, die stets ansprechbar und diskussionsbereit sind. Eine Whatsapp-Nachricht, die sofort beantwortet wird – und schon ruft er zurück. Das ist selten. In unserem Gespräch verspricht er, das IOC wolle erstmals nach vielen Jahren den Evaluierungsbericht für das olympische Programm von Tokio veröffentlichen. „Ich werde mich dafür einsetzen.“

Das werden vor allem jene Sportverbände gern hören, die nicht im Programm sind, aber teilweise modernere und globalere Angebote machen, die von mehr Menschen betrieben werden, als einige der ewigen Olympiasportarten. Und die nur selten wissen, woran sie sind, weil es keine eindeutigen Regeln gibt.

Die Basics, eine kleine Einführung:

  • In Tokio gibt es 28 sogenannte Kernsportarten. Wobei einer der 28 permanenten olympischen Weltverbände, die AIBA, vom IOC suspendiert wurde. Streng genommen also: 27 Weltverbände machen ihr Ding – und das IOC organisiert das olympische Boxturnier in Eigenregie.
  • In Tokio gibt es sechs Gastsportarten: Skateboarding, Sportklettern, Karate, Surfen sowie Baseball und Softball. Manche zählen Baseball (Männer) und Softball (Frauen) als eine Sportart, sie werden mittlerweile von einem Weltverband vertreten, was vor Jahren mal eine Bedingung des IOC für die Aufnahme ins Programm gewesen ist, so verschmolzen zwei Verbände.
  • Insgesamt reden für Tokio also 33 olympische Weltverbände mit. 28+5. Oder 27-1+5, wenn man die AIBA außen vor lassen möchte.
  • Ohne die Evaluierung der Tokio-Spiele abzuwarten, hat das IOC gemeinsam mit den Organisatoren 2024 in Paris bereits die diese vier Gastsportarten festgelegt: Sportklettern, Skateboard, Surfen und Breakdance. Karate sowie Baseball/Softball mussten weichen, ohne eine nachhaltige Chance bekommen zu haben. Das ist eine der vielen Absurditäten, von denen die Programmdiskussion seit Ewigkeiten geprägt ist.
  • Für 2028 hat Los Angeles natürlich schon klare Vorstellungen. Selbstverständlich wollen die Amerikaner, neben anderen Sportarten, auch wieder Baseball und Softball dabei haben.
  • Im Vergleich dazu: Das Programm Olympischer Winterspiele prägen traditionell sieben Weltverbände: Skisport, Biathlon, Eishockey, Curling, Rodeln, Bobfahren/Skeleton und Eislaufen. Für 2026 kommt die International Ski Mountaineering Federation (ISMF) hinzu. Endlich mal ein neuer Name.

Strandkongresse und Strafprozesse – das Olympiajahr 2020

Es ist ein olympisches Jahr. Es wird ein spannendes Jahr. Olympischer Showsport, Kongresse, Kriminalität und globale Sportpolitik – eine kleine Vorschau:

Thomas Bach, Fleisch gewordene Interessenkonflikte und ‚the innocent new generation of clean Russian athletes‘

Wenn du glaubst, es geht nicht schlimmer, kommt Thomas Bach mit einem weiteren seiner dubiosen Olympic Summits daher.

Ich hatte es angekündigt und in der vergangenen Woche mehrfach vor der sogenannten Declaration des Bach-Gipfels gewarnt, im SPIEGEL, in der Berliner Zeitung und hier im Blog.

live aus PyeongChang (18): Adam Pengilly, IOC-Spezialethiker, Medienbeeinflussung und Propaganda

[caption id="attachment_31179" align="aligncenter" width="1024"] IOC-Session in PyeongChang[/caption]
ALPENSIA. Der Fall Pengilly wirft viele Fragen auf. Adam Pengilly, IOC-Mitglied in Großbritannien, musste Südkorea heute verlassen. Er soll am Donnerstagmorgen gegen 9.30 Uhr Ortszeit hier in Alpensia einen Sicherheitsmann beleidigt haben und handgreiflich geworden sein. Es existiert angeblich eine Videoaufzeichnung. Demnach sehe es so aus, als habe Pengilly zugelangt. Pâquerette Girard Zappelli, Chief Ethics and Compliance Officer, soll das auf den Bildern so interpretiert haben. Das Video hat Pengilly offenbar nicht gesehen.

Pengilly sagt, er könne sich nicht erinnern, was er dem Sicherheitsmann zugerufen habe, koreanische Medien behaupten „fuck Korea“. Pengilly sagt, er habe nicht attackiert. Er räumte gleichzeitig seine Fehler ein und entschuldigte sich in einem kurzen Schreiben.

Die wichtigsten Quotes von gestern im englischen Original hier in der Meldung von Nick Butler, der mir gerade gegenüber sitzt im MPC, auf Insidethegames, dessen aktueller Artikel gerade erschien:

Halten wir fest, Pengilly hat einen Fehler gemacht und die Beherrschung verloren. Dafür hat er sich entschuldigt. Das beschämt ihn.

Auf Widersprüche in der IOC-Darstellung gehe ich gleich ein.

Halten wir ebenso fest:

  • Adam Pengilly, 2010 in Vancouver gewählter Athletenvertreter, dessen Mandat mit Ende dieser Spiele ausläuft, war das einzige IOC-Mitglied, dass den Russland-Entscheidungen des Exekutivkomitees auf der Session 2016 in Barra da Tijuca die Gefolgschaft verweigerte.
  • Adam Pengilly enthielt sich, wie Richard Pound, der Stimme, als Bach vergangene Woche auf der Session in PyeongChang erneut Unterstützung für die Entscheidungen des Exekutivkomitees zum russischen Staatsdoping abfragte.
  • Pound wurde bereits attackiert auf der Session („Der Fall Pound: wer kritisiert, wird attackiert“) und wurde vom IOC-Kommunikationsdirektor Mark Adams als nicht ganz glaubwürdig dargestellt. Er wehrt sich aber und wird bis Ende 2022, wenn sein IOC-Mandat abläuft, immer wieder mahnend seine Stimme erheben.
  • Pengilly wurde aus PyeongChang verjagt.

Das fällt auf.

So schnell hat das IOC noch nie gehandelt, möchte ich ad hoc anmerken, ohne dazu auf die Schnelle eine wissenschaftliche Studie betrieben zu haben. Ich sage das einfach mal mit meiner Erfahrung der Berichterstattung von 26 IOC-Sessionen und zwölf Olympischen Spielen, wobei es dutzende Male um ziemlich schwere Korruptionsfälle ging.