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Hassan Moustafa, Handball, Sportfive, Lobbyismus und Korruption

Zu meinen Lieblingsgästen hier im Blog zählt der altruistische Pharao Hassan Moustafa, Präsident des Handball-Weltverbandes IHF. Unermüdlich werkelt er für das Wohl seines Sports, für das Wohl der Familie und – wer will es ihm verübeln – auch ein bisschen für das eigene Konto. Bevor ich einige Gedanken zur Enthüllung von Michael Wulzinger im Spiegel äußere, schlage ich vor, wir hören den Pharao. Denn er hat mir ja nicht nur einmal erklärt, dass es im Sport keine Korruption gibt, ganz einfach, weil der Sport immer sauber ist.

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Wer mag, kann gern die sechs Teile meiner Umfrage unter Weltverbandspräsidenten und IOC-Mitgliedern nachhören (und anschauen). Es galt, die Frage zu beantworten, ob der Sport eine Welt-Anti-Korruptions-Agentur braucht?

Doch zurück zum Pharao. Die Spiegel-Geschichte in Kurzfassung, demnächst wird der gesamte Text aus dem aktuellen Heft ja online verfügbar sein:

Hassan Moustafa, der Präsident der Internationalen Handball-Föderation (IHF), hatte über seine nahe Kairo ansässige Firma Sport Group einen geheimen Beratervertrag mit der Sportvermarktungsagentur Sportfive. Demnach zahlte das Hamburger Unternehmen, das bis zum 31. Dezember 2009 die Fernsehrechte des Welthandball-Verbandes verwertete und bis dahin der mit Abstand wichtigste Geschäftspartner der IHF war, dem Spitzenfunktionär von Oktober 2007 bis zum 31. Dezember 2009 für seine Lobbyistendienste 602.000 Euro. Mindestens die Hälfte dieses Honorars wurde Moustafa auf ein Privatkonto bei einer Filiale der Bank BNP Paribas in der ägyptischen Stadt Gizeh überwiesen.

Wie es in dem Vertrag heißt, der dem SPIEGEL vorliegt, sollte Moustafa seine „guten Beziehungen zu Sportorganisationen und ihren Entscheidungsträgern“ sowie zu Mediengesellschaften exklusiv für die kommerziellen Interessen von Sportfive nutzen. Zudem sollte Moustafa Sportfive „nach besten Kräften in seiner Anstrengung unterstützen, sich die Vermarktungsrechte an bedeutenden Veranstaltungen zu sichern“.

Einige Anmerkungen:

1) Interessant (oder doch eher wieder typisch) ist zunächst, dass die Enthüllung – und ich nenne es Enthüllung, wenn ein solcher Vertrag öffentlich wird – vorab am 23. Januar 2010 veröffentlicht wurde. Deutsche Nachrichtenagenturen haben aber, wenn ich mich nicht täusche, erst am 25. Januar um 9.40 Uhr (SID) bzw. 17.31 Uhr (dpa) darüber berichtet. Hallo? Ich meine, hier geht es nicht um eine beliebige Kleinigkeit, sondern um einen Präsidenten eines olympischen Weltverbandes, um einen vorbelasteten Sportkameraden, der in einer urdeutschen Sportart sein Unwesen treibt, für etliche Skandale und korruptive Umtriebe verantwortlich ist und mächtig abkassiert.

Aber die Zurückhaltung deutscher Agenturjournalisten kann neben allgemeinem Desinteresse an derlei brisanten Themen natürlich auch mit Anordnungen zusammenhängen :), die Stefan Niggemeier gerade dokumentierte: „Klare Ansage bei dpa: Lieber spät als falsch

Nein, ernsthaft: Es liegt ein Vertrag zwischen Moustafa und dem Rechteverwerter vor, den beide Seiten bestätigen, also auch der frühere Sportfive-Geschäftsführer und heutige Ufa Sports-Chef Robert Müller von Vultejus.

  • Sportfive = alter IHF-Vermarkter.
  • Ufa Sports = neuer Sportvermarkter (Vertrag 2009 vergeben, Laufzeit 2010-2013, Volumen 60 Millionen Franken).

Da gibt es nur eins: Die Geschichte ist zu vermelden. Sie hat Relevanz, und zwar beträchtliche Relevanz.

(Wie das mit Vermarktungsverträgen, Bietern und denjenigen, die Verträge vergeben, oftmals läuft, habe ich sehr ausführlich hier beschrieben.)

2) Der Vorgang beweist einmal mehr, wie lächerlich irrelevant die so genannte IOC-Ethikkommission ist. Und wie großzügig das IOC noch unter dem selbst ernannten Null-Toleranz-Präsidenten Jacques Rogge agiert. Daran ändert der Umstand nicht, dass das IOC neuerdings behauptet, Jean-Marie Weber, der in der Familie nie etwas Illegales getan hat und der nach wie vor für etliche IOC-Mitglieder, deren Verbände und Sportarten arbeitet (Fußball, Leichtathletik etc.), werde nicht mehr zu IOC-Veranstaltungen akkreditiert. (Ich werde mir das in Vancouver anschauen.)

3) Der Vorgang beweist, dass die von der ISL einst geprägte Praxis des Geben und Nehmen noch immer an der Tagesordnung ist. Wie sagten einst Manager des ISL-Konzerns, der – nur das wissen wir – 138 Millionen Schweizer Franken Bestechungsgeld an hohe Sportfunktionäre gezahlt hat?

Im ISL-Prozess sagte der ehemalige ISL-Finanzchef Hans-Jürg Schmid vor Gericht:

„Das ist, als wenn man Lohn bezahlen muss. Sonst wird nicht mehr gearbeitet. Ansonsten wären diese Verträge von der anderen Seite nicht unterschrieben worden. Alle diese Zahlungen waren notwendig, um überhaupt Verträge zu bekommen und dass die sich dran halten.“

ISL-Vorstand Christoph Malms erklärte damals:

„Diese Praxis war unerlässlich, sie war branchenüblich, sie gehörte zum Stil des Geschäfts. Ohne das geht es nicht.“

In den Prozessunterlagen finden sich etliche andere Aussagen und Beweise. Dies soll heute genügen.

4) Gemäß dpa von heute („Moustafa weist Vorwürfe zurück„) hat die IHF inzwischen ein Statement abgegeben, das ich aber weder online finde, noch kann mir ein Kollege, der zurzeit bei der Handball-EM ist, mit einem Schriftstück aushelfen (ich denke, das Original trage ich bald nach). Die dpa schreibt:

Hassan Moustafa, Präsident der Internationalen Handball-Föderation (IHF), hat Vorwürfe wegen angeblich fragwürdiger Geschäfte zurückgewiesen. Bei dem Vertrag zwischen dem ehemaligen IHF-Sport- und Fernsehrechte-Vermarkter Sportfive und der Firma Sport Group aus Kairo handele es sich um eine „normale geschäftliche Verbindung“, betonte der 65-Jährige in einer Verbandsmitteilung am Dienstag. Diese Zusammenarbeit sei Moustafa als Inhaber der Firma eingegangen, und dies habe „absolut nichts“ mit seiner Funktion als IHF-Präsident zu tun. Zugleich erhielt er Rückendeckung durch den Verband. Die IHF sei zu dem Ergebnis gekommen, dass sich Moustafa in allen Belangen korrekt verhalten habe.

Ich will das gern auseinandernehmen. Andere werden das demnächst ebenfalls tun, zum Beispiel Christer Ahl, langjähriger IHF-Schiedsrichterchef, der aus Protest gegen die Machenschaften Hassan Moustafas zurückgetreten ist.

  • „Angeblich fragwürdig“? Ein Witz.
  • „Normale geschäftliche Verbindung“? In dieser Branche ja.

Tatsächlich aber ist das der Missbrauch von anvertrauter Macht zu privatem Vorteil – und erfüllt damit exakt die Korruptions-Definition von Transparency International.

Soviel Klarheit sollte sein. Korruption ist und bleibt ein illegaler Deal.

Ich finde, das hätte auch im Spiegel besser herausgearbeitet werden können.

5) Strafrechtlich könnte die Sache für Vermarkter (Sportfive, Ufa Sports) und die entsprechenden Rechtehändler, die Unschuld beteuern, schon noch interessant werden. Ich sage nur: Siemens. Hier mal ein Auszug aus dem Strafgesetzbuch:

§ 299 Bestechlichkeit und Bestechung im geschäftlichen Verkehr

Sepp, zu Gast bei Putin: „I am really glad that you greet me as a friend“

Mein Freund Joseph Blatter hatte vergangene Woche in Kopenhagen schon erzählt, dass er einen Termin bei Wladimir Putin hat. So war ich ganz gespannt zu erfahren, was die Präsidenten im Weißen Haus besprochen haben – und wurde vom Informationsdienst der russischen Regierung einmal mehr nicht enttäuscht. So stellt man sich das vor in einer Demokratie. Ich weiß nur nicht, ob Sepp dem Wladimir, wie zuvor dem Barack, auch Tickets für die WM in Südafrika angeboten hat und wie sich das – sollte es so gewesen sein – mit den strengen FIFA-Ethikregelen verträgt. Ich weiß auch nicht, ob Sepp diesmal wieder andere Unbekannte getroffen hat und/oder ob er mit Putin über die Gründung der WACA gesprochen hat. Egal, für heute, Lesebefehl – das Transkript, es lohnt sich:

Wladimir Putin: Mr Blatter, dear friend, I am very glad to see you in Moscow. In Moscow and Russia, your work in the post of FIFA president is very well known.

I have to say that the popularity of football is growing in Russia. I cannot, however, say that our team is doing all of what the country’s fans expect of it, but the development of football is generally on the upswing all the same.

In general, we have a good national team with good potential. What is more important is that we have a program for the development of football to the year 2015. Corresponding federal funds have been allocated and the regions are also allocating funds.  Before the end of this year, we plan to build 600 new pitches, including indoor pitches.

You, of course, know that we have decided to officially submit our application to host the World Cup in 2018. We wanted to inform you about this today. A week ago, on October 9, I signed an executive order in order to make this process more official.

Joseph Blatter (as translated): Let me first wish you a happy birthday. Once again, happy birthday!

Mr President, I am very glad about our meeting today; it’s a great honour for me. I am really glad that you greet me as a friend and let me do the same. We have been acquainted for several years in various capacities. I want to tell you that as before, you remain „Mr President“ to me and so accordingly I have addressed you as such.

You said that I am well-known in Russia. Let me answer that by saying that you are well-known around the world. In any case, in every country I visit. Everywhere in the football world, people talk about Russia and about you.

I must say that in Russia there really is a lot being done for the development of football and we value this. Evidence of this is the fact that the president of the Russian Football Union is now a Russian government official. And this did not give us pause. As they say, success goes hand-in-hand with success.

As for the national team – I think that the Russian team will still make it to South Africa. But if it doesn’t happen on the first try in the first round, there’s always the second try in the second round. There are two more games ahead. And with such a team and the whole nation behind them, I am confident that you will succeed.

Wladimir Putin: I hope so.

Joseph Blatter: Of course, I would like to be able to say that I also hope se, but there is the principle of neutrality, which I must observe.

Mr Prime Minister, let me take this opportunity to express gratitude for the Russian government and the Russian Football Union deciding to officially submit an application to host the World Cup in 2018. Regardless of what anyone says about, say, the Olympic Games, this is the world’s main event, the foremost event, Event Number One. Football is football.

Today, over the course of the day, I had the opportunity to familiarise myself with the progress of Russia’s preparations to host the World Cup. And let me take this opportunity to explain my football philosophy. I think that the world football championship, the World Cup within the framework of FIFA must leave a legacy. And just such a concept is being realised here in Russia. So the Russian application gives rise to my most earnest sympathy.

Mr Prime Minister, I am very glad that preparations for the World Cup are now being done on a regional level and are proportionally distributed across all of Russia. You mentioned this yourself and also noted that football isn’t just a game. Indeed, many other things relate to it, such as all of the logistical support – the streets, railroads and all infrastructure. Not only just the stadiums. Consequently, all of this, of course, will remain in Russia and will be of use to its people.

I would also like to mention the great socio-cultural significance of football and it popularity among youth. Football is really a game that motivates the entire world. And it seems to me that this particularly pronounced in Russia.

It should be recognized that things aren’t going so well in the world, although the economic crisis has relented a little bit. But in order to overcome it, we, of course, need positive emotions and hopes. This is exactly what football could give.

And on a more personal note – since we’re talking about the crisis, let me congratulate you with signing the major agreement with China yesterday.

I would also like to mention the commonality in life philosophy that you and I share. Like you, I am very attached to my mother and I wear her locket. And when I once asked you whether you would like to be rich, you said, „I am already rich, I have a rich emotional life and rich feelings.“

Getting back to football – of course, it’s great that Russia has such a large construction programme for football. This is not only football pitches, but roofed stadiums. Of course, it is very good that youth is lure off the streets and into sport facilities where come to know a game based on respect and discipline. It may be said that football is the school of life. A person who plays football may not become the best footballer, but he will become a better person.

Akklamation? Nein. Jacques Rogge lässt sich zum IOC-Präsidenten wählen

[caption id="attachment_5542" align="aligncenter" width="549"]IOC-Präsidentenwahl 2009, Thomas Bach beim Stimmen zählen Thomas Bach (2. von links, natürlich) schreibt seinen Namen… (Screenshot IOC-TV)[/caption]

Ich denke mal, in diese Lage wird das UDIOCM (FDP) nie wieder kommen. Thomas Bach hat gerade dieses Wahlprotokoll unterschrieben, obgleich es doch viel spannender gewesen wäre, wenn einer – er zum Beispiel – gegen den Alleinkandidaten angetreten wäre:

Die Heilige Fußballfamilie: Bin Hammams Anfängerfehler

Hier sitzen die Ritter der Tafelrunde. Wer einen Platz im Fifa-Exekutivkomitee erstreiten kann, bestimmt über die Geschicke des Weltfußballs mit. Nur wer dem Exekutivkomitee angehört, hat eine Chance, irgendwann – in diesem oder im nächsten Jahrtausend – den Großen Vorsitzenden Joseph Blatter zu beerben. Nur darum geht es im feurigen und schmutzigen Kampf, der derzeit im größten und bevölkerungsreichsten Kontinent tobt.

[caption id="attachment_3740" align="aligncenter" width="538"]FIFA-ExKo Sitzungssaal Sitzungssaal des Fifa-Exekutivkomitees im Fifa-Hauptquartier in Zürich[/caption]

Dies ist die bizarre Geschichte eines der bislang mächtigsten Fußballfunktionäre der Welt. Eines Mannes, der Stammgast ist hier im Blog, und der als Kronprinz des Fifa-Präsidenten galt. Der Blatter bei zwei von Korruptionsvorwürfen überschatteten Wahlen – 1998 und 2002 – in Afrika und Asien mit Petro-Dollars Stimmen beschaffte. Der für Blatter Drecksarbeit verrichtete, bis heute das berüchtigte Fifa-Entwicklungshilfeprogramm („Goal“) leitet, das Insider auch als Stimmenbeschaffungsprogramm betrachten. Der seine Schuldigkeit getan hat, zu gefährlich wurde und deshalb fallen gelassen wird von Blatter: Mohamed Bin Hammam aus Katar.

Interview mit Thomas Bach

Ich habe den DOSB-Präsidenten und IOC-Vize um ein Interview zu aktuell drängenden Themen gebeten: „für meine Zeitungspartner, für den Deutschlandfunk und für mein Blog“. Erstaunlicherweise ist es diesmal zu dem Gespräch gekommen, gestern Mittag (Ortszeit) im Pan Pacific Hotel in Vancouver.

Es ist, wenn ich mich recht erinnere, das erste längere Aufeinandertreffen seit Ende 1996, aber diese lange Vorgeschichte kürze ich jetzt ab. Das Resultat kann man hier in 29 Minuten und acht Sekunden hören. Ein fairer Wortwechsel – und vor allem: uncensored.