dosb

Notizen von den Jugendspielen

SINGAPUR. So stellen sie es sich vor, so wird es verkauft: Jung, nett, unbeschwert.

„Every child has a wish, to glow like the stars above …

raise your hand for our generation …

time to fly way beyond the skies …“

[youtube hHrnaGJ8ckg nolink]

Schaun mer mal.

Einige Notizen, bevor es morgen hier richtig los geht und ich mindestens eine sehr hübsche Exklusivgeschichte breitwalze, das darf ich schon mal sagen. Zunächst etwas Selbstreferentielles: Martin Krebbers führte auf DRadio Wissen ein Interview mit mir zu den ersten Olympischen Jugendspielen.

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Ergänzend ein Gespräch mit Michael Behringer von der Sporthochschule Köln:

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Ein Beitrag von der Begegnung mit meinem Freund Sepp vorgestern:

Er ist immer einer der ersten. Rechtzeitig vor Ort zu sein, kann nie schaden, sagt Joseph Blatter. Bei Kongressen seines Fußball-Weltverbandes (FIFA) ist er stets zwei Stunden vorher im Saal. Er macht Stellproben, testet das Mikrofon und „will die Atmosphäre fühlen“. Dieses simple Prinzip der guten Vorbereitung hat ihm so manches Mal aus der Patsche geholfen. Auch zu den Olympischen Jugendspielen ist Blatter zeitig nach Singapur gekommen, vier Tage vor der Eröffnung. Präzise betrachtet beginnen aber diese ersten Youth Olympic Games nicht erst am Sonnabend mit einer großen Show in einem schwimmenden Stadion in der Marina Bay, sondern bereits am Donnerstag – mit den ersten Spielen des Fußballturniers. Die Fußballer machen ja auch bei Olympia stets eine Ausnahme und kicken vor der Eröffnungsfeier.

Blatter ist, wenn man so will, ein richtiger Olympier. Er hat ungezählte Skandale und brenzlige Situationen überstanden, er ist Überlebenskünstler. Und er kennt seinen Coubertin. Den IOC-Gründer zitiert er in Französisch. Diese Jugendspiele bringen wirklich die Jugend der Welt zusammen, sagt er. So wie es Coubertin gewollt habe. Andere IOC-Mitglieder hatten zuvor schon die Einführung der Olympischen Jugendspiele (durch IOC-Präsident Jacques Rogge) auf eine Ebene gestellt mit der Einführung der modernen Olympischen Spiele (durch Coubertin). Blatter beherrscht dieses Spiel. In Singapur, sagt er, „können die 3.600 Jungen und Mädchen diskutieren und eine bessere Zukunft aufbauen“. Voilà.

Es wurde viel debattiert über die Jugendspiele, auch in der FIFA. Denn Blatters Verband hatte den Mädchen aus dem Iran die Teilnahme an den Jugendspielen zunächst verweigert. Kopftuchverbot: Sie durften nicht mit dem Hijab spielen. Das Thema machte etliche Wochen Schlagzeilen. Schließlich wurde die Disqualifikation zurückgezogen und als Kompromiss ausgehandelt, dass die Iranerinnen mit einer Art Kappe spielen – zum ersten Mal am Donnerstag gegen die Türkei, beim eigentlichen Auftakt der Jugendspiele. IOC-Boss Rogge hat kürzlich in einem Interview mit der Zeitung „Tagesspiegel“ erklärt, die FIFA habe befürchtet, „dass durch einen Schleier jemand gewürgt werden könnte“. Die Verbände, auch die FIFA würden die kulturellen Gewohnheiten berücksichtigen. Auf den Kopftuchstreit geht Blatter am Mittwoch in Singapur in seiner Nobelabsteige St. Regis nicht weiter ein.

Die FIFA kommt den Vorstellungen des IOC-Präsidenten, mit den Jugendspielen etwas Neues zu kreieren und nicht die sportliche Höchstleistung in den Vordergrund zu stellen, durchaus nahe. Das beweist schon das Teilnehmerfeld. Bei den Mädchen: Türkei, Iran, Chile, Trinidad, Papua-Neuguinea und Äquatorial-Guinea. Bei den Jungen: Bolivien, Montenegro, Haiti, Singapur, Simbabwe und Vanuatu. Die Kontinentalverbände durften ihre Vertreter benennen, eine Art Qualifikation gab es nur in Europa. Ein Journalist aus Singapur fragt, ob es nicht besser gewesen wäre, einige der großen Fußballnationen dabei zu haben. Dann würden sich die Tickets besser verkaufen. Blatter sagt, das würde „dem Geist dieser Jugendspiele widersprechen“.

Ausgerechnet der Präsident des mit Steuerfreiheit gesegneten und stets mit juristischer Wucht agierenden Geldmacher-Konzerns FIFA erklärt:

„Hier geht es nicht darum, Geld zu machen. Es geht um die Teilnahme! Ich würde sogar die Stadiontore öffnen! Wer zuschauen will, soll rein dürfen!“

Singapurs Fußball-Präsident Zainudin Nordin schaut nicht gerade glücklich, als er das hört. Aber vielleicht spendiert Blatter in seiner altruistischen Güte den Gastgebern, deren Budget sich vervielfacht hat, einige Millionen.

Als er genug gepredigt hat, kommt Blatter doch wieder auf das Tagesgeschäft zu sprechen. Etwa auf jene beunruhigenden Meldungen aus Nordkorea, wonach dort die Spieler der WM-Mannschaft und deren Trainer Kim Jong-Hun öffentlich gedemütigt und mit Strafarbeit belegt worden sein sollen. Sogar von Folter war die Rede.

Blatter sagte, die Führung des nordkoreanischen Fußballverbandes sei von der Parteiführung nach den drei Niederlagen bei der WM in Südafrika ausgewechselt worden. Er habe am Dienstag der neuen Führung geschrieben und um Aufklärung gebeten. Asiens Verbandschef Mohamed Bin Hammam (Katar) sagte, er sei vor zwei Wochen in Pjöngjang gewesen und habe mit vier WM-Spielern Nordkoreas gesprochen. Den Trainer Kim, dessen Verbleib unklar ist, habe er nicht gesehen. Er könne die Berichte über Folterungen nicht bestätigen.

Südkoreas Fußball-Chef Chung Mong-Joon, ein Milliardär aus der Hyundai-Dynastie und FIFA-Vizepräsident, wollte sich zu den Meldungen aus dem Norden nicht äußern. Als derart prominenter Südkoreaner schweigt er besser. Chung leistet sonst aber eine Menge für die Annäherung zwischen den verfeindeten Brüdern. Und er ist natürlich auch der Verbindungsmann der FIFA, um die Situation im Nachbarland zu klären. Da kommt Blatter mit seinen Coubertin-Zitaten nicht weiter.

Den Nordkorea-Komplex habe ich für den Deutschlandfunk etwas umfassender aufbereitet:

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Wobei sehr interessant ist, dass eigentlich die ganze Welt – alle Nachrichtenagenturen, die ich gelesen habe, und damit auch alle, die diese Texte gedruckt haben – berichtet hat, die FIFA habe eine Untersuchung eingeleitet. Ich halte das für unkorrekt. Denn Blatter hat sich beim Präsidenten des nordkoreanischen Fußballverbandes, der gerade neu von den Parteibonzen eingesetzt hat, mal eben erkundigt, was so läuft in Nordkorea. Bezeichnend, dass die FIFA einen Tag später diese Meldung auf ihre Webseite gestellt hat, die in gewisser Weise die Meldungen von der Blatter-Pressekonferenz konterkariert:

FIFA bestätigt Schreiben an den Verband der Korea DVR

Die FIFA kann bestätigen, dass am 11. August 2010 ein Schreiben an den Fussball-Verband der Korea DVR geschickt wurde, in dem um Informationen zu den jüngsten Medienberichten und dem außerplanmäßigen Kongress des Verbandes vom 19. Juni 2010 gebeten wird.

Bis die FIFA eine Antwort vom Verband der Korea DVR erhält, wird sie keine weiteren Stellungnahmen zu diesem Thema abgeben.

Und schließlich ein Beitrag von mir aus Singapur von heute Nachmittag:

Die olympische Welt ist klar strukturiert. Die einen logieren im Luxushotel Ritz-Carlton. Dort begrüßt der frisch gewählte ungarische Staatspräsident Pál Schmitt, im Nebenjob Protokollchef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), beschwingt seine Sportkameraden. Die Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa, russische Serien-Weltrekordlerin, beweist beim Frühstücksbuffet (für 24 Euro) gesunden Appetit. In der Lobby nebenan führt John Fahey, Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) erste Unterredungen. Es ist ein ganz gewöhnlicher Morgen im olympischen Business – und doch ein besonderer. IOC-Präsident Jacques Rogge eilt aus dem Fahrstuhl zur draußen wartenden Luxuskarosse. Es geht ins Olympische Dorf, wo er sich 30 vom IOC geladenen Nachwuchsreportern zum Interview stellt.

Im Dorf auf dem Gelände der Nanyang-Universität, zwanzig Kilometer vom Ritz entfernt, kurz vor der Grenze zu Malaysia, wohnen die 3.600 Teilnehmer der ersten Olympischen Jugendspiele. Eine sensationell gepflegte Anlage, die teilweise einem botanischen Garten gleicht. Nur die Unterkünfte haben einige der 70 deutschen Sportler überrascht. Toiletten auf dem Flur und Gemeinschaftsduschen finden manche gewöhnungsbedürftig. Sie sind von Junioren-Weltmeisterschaften ein anderes Niveau gewohnt. „Das können sie nicht vergleichen“, sagt IOC-Vizepräsident Thomas Bach, „bei einer Junioren-WM sind die Sportler in Hotels, hier in einem Dorf, denn nur das schafft eine dichte Atmosphäre.“

Die Atmosphäre ist sehr wichtig bei diesen Jugendspielen. Denn es soll ja, so die Postulate des IOC, nicht nur um Medaillen gehen, sondern um Bildung und Erziehung, um olympische Werte, um den alten Coubertin im dritten Jahrtausend gewissermaßen. Die 14- bis 18-jährigen werden viel feiern in ihrem Dorf. „Es fühlt sich an wie Olympia, aber mit ganz viel Drumherum“, sagt die 15-jährige Berliner Wasserspringerin Kieu Trang Duong, die am Sonnabend bei der Eröffnungsfeier die deutsche Fahne in ein auf dem Meer schwimmendes Stadion trägt.

Thomas Bach hat als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) die Losung ausgegeben, nicht auf Medaillen zu schauen. „Ich freue mich für jeden, der seine Leistung bringt und mit sich selbst zufrieden ist“, sagt Bach. Als deutscher Chef de Mission fungiert allerdings der Sachse Ulf Tippelt, und der ist beim DOSB nicht als Bildungsreferent, sondern als Leistungssportdirektor angestellt. „Ich komme aber aus dem Landessportbund Sachsen“, führt Tippelt zu seiner Verteidigung an, „und da habe ich sehr wohl mit Jugend- und Breitensport zu tun gehabt.“

Was vom Tage übrig bleibt (56): Schmitt, Pluschenko, Bach, Gienger, Korruption, Champagne, Pechstein, Sörgel

Es gibt ein Leben neben der Fußball-WM. Linkfutter für zwischendurch, Lesebefehle habe ich zuletzt sträflich vernachlässigt:

Fecht-Olympiasieger und IOC-Mitglied Pál Schmitt, langjähriger Protokollchef des IOC und Mitglied des Europäischen Parlaments, ist zum neuen Staatspräsidenten Ungarns gewählt worden.

Oops, mal wieder eine Entscheidung des Eislauf-Weltverbandes ISU, die anderswo mindestens so ausgiebig diskutiert wird, wie in Deutschland der Fall Pechstein. Ich wusste gar nicht, dass die ISU noch zwischen Profis und Schauläufern und vielleicht sogar Amateuren unterscheidet. Ich halte es beim ersten Hinsehen für absurd, dass Jewgeni Pluschenko gesperrt wird und nicht an den Winterspielen 2014 in Sotschi teilnehmen soll. Ausgerechnet Pluschenko! Hier ist er übrigens kurz nach der Verkündung von Sotschi als Olympiastadt 2014, damals im Juli 2007 in Guatemala City:

Jewgeni Pluschenko, Guatemala, Juli 2007

Jewgeni Pluschenko, Guatemala, Juli 2007

Der ISU-Beschluss, gegen den Pluschenko vor den CAS ziehen kann:

Decision of the ISU Council on Eligibility of Mr. Evgeny Plushenko (RUS)

Based on evidence presented the Council has concluded that Mr. Evgeny Plushenko breached the ISU eligibility rule 102, paragraph 2, i) of the ISU General Regulations and as a consequence has become ineligible under paragraph 7 a) of that rule. The evidence has proved to the satisfaction of the Council that Mr. E. Plushenko, a skater and member of the Figure Skating Federation of Russia (FSFR), skated in exhibitions held in March and April 2010, in Russia and other countries, without the express prior authorization of the FSFR. Such activity is a breach of the ISU eligibility rules and results in the loss of eligibility.

The present decision communicated to both Mr E. Plushenko and the FSFR may be appealed to the Court of Arbitration for Sport, Lausanne, Switzerland, within 21 days upon receipt of the decision, in accordance with Article 25, paragraph 2, c) of the ISU Constitution.

Wie erwartet hat sich Thomas Bach dazu durchgerungen, als DOSB-Präsident zu verlängern. Ein halbes Jahr vor der Entscheidung über die Olympischen Winterspiele 2018 wäre ein Ausstieg ein katastrophales Zeichen gewesen. Die Mitgliederversammlung findet am 4. Dezember 2010 in München statt. Der DOSB sagt:

Am Montag erklärten Präsident Thomas Bach, Walter Schneeloch, Vizepräsident Breitensport/Sportentwicklung, Hans-Peter Krämer, Vizepräsident Wirtschaft und Finanzen, Gudrun Doll-Tepper, Vizepräsidentin Bildung und Olympische Erziehung, und Ilse Ridder-Melchers, Vizepräsidentin Frauen und Gleichstellung, dass sie sich am 4. Dezember 2010 dem Votum der Mitgliederversammlung stellen wollen. Eberhard Gienger, Vizepräsident Leistungssport, wird wegen der Doppelbelastung aus seiner politischen Tätigkeit als Bundestagsabgeordneter und als DOSB-Präsidiumsmitglied nicht erneut antreten. Dies nahm das Präsidium mit Bedauern, aber auch mit Respekt und Verständnis zur Kenntnis. Ingo Weiss wird im Oktober 2010 erneut als Vorsitzender der Deutschen Sportjugend (dsj) kandidieren, ebenso Christian Breuer als Vertreter der Aktiven; die Voten der dsj bzw. der Aktiven würden der Mitgliederversammlung dann im Dezember zur Bestätigung vorgelegt werden.

Ich denke, Ausstiegschancen geben sich für Bach nach der IOC-Session im Juli 2011, wenn über die Winterspiele abgestimmt wird, immer noch. Er muss dann seine IOC-Präsidentschaft vorbereiten, das IOC wählt 2013 in Buenos Aires den neuen Präsidenten/die erste Präsidentin.

Zu Gienger: Ist mir überhaupt nicht klar gewesen, dass der CDU-Mann mit seinen Aufgaben belastet ist.

Und noch mal Russland/Sotschi bzw. das Vancouver-Nachbeben. Der russische Rechnungshof, wenn ich das auf die Schnelle richtig übersetze, hat einen Bericht zum Umgang mit den Olympiafinanzen für die Vorbereitung auf die Vancouver-Spiele vorgelegt. Völlig überraschend ist von Korruption und Misswirtschaft die Rede. Ja, ich weiß, Putin und Medwedew haben das in Auftrag gegeben, denen ist nicht zu trauen. Egal, was mich hier fast mehr interessiert, warum so genannte olympische Insiderdienste wie Inside the Games oder Around the Rings und andere Medien darüber berichten, ohne Quellen zu nennen und den Bericht zu verlinken. Mich nervt das kolossal, täglich mehr, wenn ich nicht zum Original geführt werde, wenn Leute meinen, sie müssten Ihre Beiträge stets ohne Belege und weiterführende Hinweise veröffentlichen. Vielleicht war ich nur zu blöd, sicher kann mir jemand helfen und bessere Links finden als diese, etwa einen zum Originalbericht des russischen Rechnungshofes? Danke schon mal.

Wie gesagt, vielleicht kann jemand mit besseren Beiträgen dienen.

Blatters ehemaliger Außenpolitik-Chef, der kurz vor der WM unter Druck gefeuerte Jérôme Champagne, hat einen neuen Job. Er schreibt:

Dear friends,

It is with pleasure that I can announce to you that the Palestinian National Authority appointed me as „Adviser to the PNA for the development of sport and football“ in Palestine.

Here attached you can find the press release issued in Ramallah on 21st June in Arabic, English and French versions.

This position is attached to the PNA President, H.E. Mr. Mahmoud Abbas, and the PNA Prime Minister, H.E. Mr. Salam Fayyad, and to be executed under the guidance of the Palestinian National Olympic Committee and Palestinian FA President, Mr. Jibril Rajoub.

Four intital directions were given to me:

  • the administration of Palestinian football,
  • the launch of the Palestinian professional league
  • the marketing of these activities,
  • the developement of international relations for Palestinian sport and football with sport organizations at world, continental and national levels (including the sister football federations) AND with foreign governments, international organizations, etc.

This mission bears a huge responsability but represents also a privilege for me to continue what I was doing in my eleven FIFA years to help Palestinian football with the support of the FIFA President, Mr. Joseh S. Blatter.

This email is just a first information for you and I will contact you at a later stage when we will be able to start the first concrete projects.

Thanking you in advance for your future support of my new mission,

With my best regards,

Jerome

Nachtrag, apropos Pechstein: Gerade verbreitet ihr PR-Büro Powerplay die Meldung, wonach die gesperrte Eisschnellläuferin eine Einstweilige Verfügung gegen Prof. Fritz Sörgel erwirkt hat – im Eilverfahren ohne mündliche Verhandlung (einen Dringlichkeitsaspekt kann ich anders als der putzige Richter Buske nicht erkennen).

Demnach

… darf Sörgel nicht mehr den Eindruck erwecken, die fünfmalige Olympiasiegerin hätte in ihrer sportlichen Karriere Dopingmittel eingenommen oder verbotene Methoden zur Leistungssteigerung angewandt …

Die Verfügung bezieht sich auf ein Rundfunkinterview vom 19. März 2010! Hochinteressant. Wie gesagt, der Richter heißt Buske, Prozessbevollmächtigte sind „Rechtsanwälte Schertz pp.“ – muss man mehr sagen? Bitte vorsichtig sein mit den Kommentaren – Abmahngefahr. Die Verfügung findet sich auf der Webseite von Claudia Pechstein.

Nachtrag 2: Zur Verfügung des Richters Buske teilt Prof. Sörgel soeben mit:

Wir werden diese Entscheidung natürlich nicht hinnehmen. Die Begründetheit der Ansprüche werden wir in einem Klageverfahren klären lassen. Käme es dann zu einer Verhandlung, könnte auch die Öffentlichkeit einen besseren Eindruck gewinnen was die wissenschaftliche Basis der Pechstein- Seite ist. Natürlich werden wir die „Creme de la Creme“ nationaler wie internationaler, und wahrhaft unabhängiger Gutachter die Argumentation der Gegenseite kritisch überprüfen lassen.

Diese Entscheidung des Hamburger Gerichtes würde mir einen Maulkorb verhängen, denn Ziel ist es ja mich zum Schweigen zu bringen, zumal ich eben bisher in den wirklich wichtigen Fragen nicht in die Knie zu zwingen war. Das soll auch in Zukunft so bleiben und meine Argumente sollen Gerichten wie Öffentlichkeit jederzeit zur Verfügung stehen.

Ich werde so lange kämpfen bis die Wissenschaft , wie bisher beim ISU und CAS ihr Recht bekommt. Es kann nicht angehen, dass man Wissenschaftler mit guten und nachvollziehbaren Argumenten einen Maulkorb umhängen kann.

Die nachfolgenden Ausführungen von RA Scholz-Recht legen auch dar wie oft wir uns schon gegen die Anträge der Kanzlei Scherz & Bergmann erfolgreich vor Gericht gewehrt haben. Wir haben daraus aber keine Medienkampagne gemacht. Jetzt müssen die Dinge aber ausführlich dargestellt werden.

Seine Rechtsanwältin Nicola Scholz-Recht schreibt:

Russland, Vancouver und Sotschi 2014: Abschied vom Elbrus

Interessant, wie es das UDIOCM (FDP) schafft, in einer selbstzufriedenen Vancouver-Bilanz seinen in selbstverschuldete Bedrängnis geratenen Koalitionär Theo Zwanziger (CDU) in höchsten Tönen zu loben. Ich weiß allerdings jetzt nicht so genau, ob die Unterstützung des deutschen Fußballs, ob nun DFB oder DFL, so enorm wichtig für Münchens Olympiabewerbung ist. Aber darum geht es vielleicht ein andermal. Heute kurz noch einige Anmerkungen zur Bilanz von Vancouver, die ja andernorts nicht so rosig ausfiel. Im Gegensatz zum UDIOCM ist etwa der langjährige russische NOK-Präsident Leonid Tjagatschow (IM Elbrus) seinen Job los.

Sportpolitik in Russland fasziniert mich, keine Frage. In den kommenden Jahren werde ich mich dieser Spezialdemokratie ausführlich widmen und wenn alles klappt, im April schon mal in Sotschi nach dem Rechten sehen. Will damit auch sagen: Die Wünsche von Lesern werden immer ernst genommen und nach Möglichkeit erfüllt. Hier mal der Auftritt von Russlands Präsident Dmitri Medwedew aus der vergangenen Woche im Original, als er russische Sportverbände mit – je nach Übersetzung und Neigung der Journalisten – mit faulen, vollgefressenen Katern verglich. Mein Russisch ist auch nicht mehr das, was es einmal war, vielleicht kann jemand die Passage treffender wiedergeben, vielleicht aber sind die Übersetzungen, die dazu in den vergangenen Tagen angeboten wurden, auch einigermaßen korrekt.

Medwedew, dessen Videoblog ich immer wieder gern empfehle, auf Youtube (darunter die englische Übersetzung des Kreml):

[youtube dJdjNF3GMcc nolink]

Beginning of Meeting with Leaders of United Russia Political Party

PRESIDENT OF RUSSIA DMITRY MEDVEDEV: Colleagues, the time has come to examine the latest round of new appointments. This week, as I understand it, we are starting with the candidates for the post of governor of Kemerovo Region. Later, we will have the candidates for governor in a few other regions to consider too.

Mr Gryzlov, you have the floor.

CHAIRMAN OF THE UNITED RUSSIA SUPREME COUNCIL AND SPEAKER OF THE STATE DUMA BORIS GRYZLOV: Thank you, Mr President. We have examined candidates for the post of governor of Kemerovo Region and we want to present three nominees to you: Valentin Mazikin, currently first deputy governor of Kemerovo Region, Sergei Neverov, a deputy of the State Duma of the Federal Assembly, and the incumbent governor, Aman Tuleyev. All three candidates are connected to United Russia. Neverov and Tuleyev are members of the party, and Mazikin is a supporter of United Russia. All three candidates are equal in merit, and so the choice is yours to make.

DMITRY MEDVEDEV: Good, thank you for this presentation. In accordance with the law I will make my proposal in line with the established procedure.

Is there anything else?

BORIS GRYZLOV: There is one other matter. The Olympic Games in Vancouver have just ended. Over these last two weeks we have followed out team’s performance very closely. I think, talking about Russians’ national idea, you could say that one of the things that unites us is a desire to always be first. It is all the more sad therefore to see that our country only reached eleventh place in the overall medal count. This is a worse result than Russia achieved in the first Olympic Games it took part in back in 1912. In other words, this is our worst result ever. I think this is a systemic failure. Of course, the sports officials should take responsibility for this. We have the Sochi Olympics ahead and I think that every day is valuable now and we need to decide how we are going to go about preparing for these Olympics.

We would like to hear your opinion on this situation, because United Russia is ready to get involved in the efforts to get our athletes ready for the Games.

DMITRY MEDVEDEV: Yes, and you should get involved. This is a national affair, something we all need to get involved in. I think it is still too early to make a final analysis, but I will make three points nonetheless.

Wie DOSB und BMI den Bundestags-Sportausschuss narren

Nachklapp zur Schein-Debatte im Bundestags-Sportausschuss, zum sportpolitischen Komplex und dem so genannten Antidopingbericht 2008. Zum Reinhören: Gerade hat Astrid Rawohl im Deutschlandfunk ein ausführliches Interview mit der DLV-Vizepräsidentin und Sportausschuss-Chefin im Bundestag geführt, mit Dagmar Freitag (SPD). Es ist in gewisser Weise ein Dokument der Hilflosigkeit, Frau Freitag muss mehrfach schwer schlucken. Wer aufmerksam zuhört, dürfte die These der Überschrift bestätigt finden:

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Ich finde ja, demnächst sollte man sich mehr um jene kümmern, die imho ein bisschen Demokratie aushebeln – wie auch Dagmar Freitag eindrücklich beschrieben hat: Allen voran der Parlamentarische Staatssekretär Christoph Bergner (CDU/SV Halle), die BMI-Sportabteilung, die FDP-Bundestagssportler um Joachim Günther und die CDU/CSU-Clique um Klaus Riegert (Schwäbischer Turnerbund) und Eberhard Gienger (DOSB-Vizepräsident) und natürlich DOSB-General Michael Vesper von den Bündnisgrünen.

Einige Informationen mehr zur traurigen Posse um den Antidopingbericht 2008 von Grit Hartmann im DLF:

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Und hier jener Brief, den DOSB-General Vesper am 4. März an betroffene Verbände geschickt hat.

Dopingbericht 2008: die 19 säumigen Verbände

Kurzer Nachtrag zum gestrigen Beitrag „Der sportpolitische Komplex …“ und die Rückforderungen des BMI an 19 Sportverbände wegen Nichteinhaltung der Antidoping-Richtlinien.

Mehr als diese zwei Seiten stellt das BMI der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung. Die Sport-Obleute der Fraktionen erhielten unter Hinweis auf Vertraulichkeit und Geheimhaltung 25 Seiten. Um es noch einmal festzuhalten: Der Antidopingbericht 2007 ist nicht öffentlich. Der Antidopingbericht 2008 ist nicht öffentlich. Und der für 2009 wird es …

Die Auflistung der 19 Sünder, wobei man sagen muss, dass in der dritten Spalte von rechts eben nur die so genannte Sockelförderung genannt wird. Tatsächlich erhalten die meisten Verbände viel mehr Steuermittel, etwa für die Finanzierung ihres Leistungssportpersonals. Das prozentuale Volumen der Rückforderungen würde sich nach meiner Rechenweise also beträchtlich verkleinern. Ich bitte, die Qualität zu entschuldigen, habe keine Zeit, die Tabelle neu und feiner zu erstellen:

Die vom BMI festgelegten Gattungen der Verstöße:

Der sportpolitische Komplex oder: Dopingmängel bei den Goldverbänden BSD und DESG

Moin, moin. Bin noch auf der anderen Seite des Atlantiks – gerade von Seattle in Chicago gelandet, über München geht’s in die Heimat – und kann deshalb nicht die Sportausschuss-Sitzung heute in Berlin verfolgen (und kann in diesem Beitrag auch nicht gewohnt oft verlinken). Ich sage das so ausführlich, damit mir Klaus Riegert (CDU/Schwäbischer Turnerbund) nicht Falsches behauptet.

Schade eigentlich, dass ich nicht im Bundestag sein kann, denn ich glaube, es ist mal wieder an der Zeit, den Damen und Herren Volksvertretern auf die Finger zu schauen – und natürlich den Sport-Ministerialen des BMI.

Die Meldung des Tages gibt es allerdings hier schon vorab, sie lautet:

Zu jenen Sportfachverbänden, die gemäß dem Antidopingbericht 2008 einen Teil ihrer Fördermittel (Steuermittel) zurückzahlen müssen, zählen zwei der gerade in Vancouver erfolgreichen Verbände:

  • Der von Andreas Trautvetter (CDU) – ehemals thüringischer Landesminister und Hobbysänger, inzwischen mit einem gut dotierten Posten versorgt – geleitete Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD).
  • Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), geführt von Funktionären wie Gerd Heinze, die im Fall Pechstein die Unwahrheit gesagt und die Öffentlichkeit hinters Licht geführt haben.

Vancouver, der letzte Tag

VANCOUVER. Das Ende naht. In 20 Stunden ist alles vorbei. Für mich gibt es aber noch ein volles Programm. IOC-Session am Morgen (ab 18 Uhr MEZ), dann das Eishockeyfinale und am Abend die Abschlussfeier. Das wird stimmungsvoll. Sollte jemand Interesse an einem bescheidenen Live-Blogging von der Abschlussfeier haben – bitte melden und in die Kommentarliste eintragen. Bei mehr als 30 Interessenten wird gebloggt, einen Arbeitsplatz mit Internet habe ich bekommen.

Und weil ich gerade so in Stimmung gerate, eröffne ich die Notizen vom letzten Tag dieser Olympischen Winterspiele mit einem Freundschaftsfoto. Andere finden sich bereits in der Kammer des Schreckens. Ich komme gerade von einem Empfang des Koreanischen Olympischen Komitees (KOC), wo ich Gelegenheit hatte, eine Weile mit Präsident Park Yong Sung zu plaudern.

Herr Park war auch mal IOC-Mitglied und Präsident des Judo-Weltverbandes. Nun ist er als NOK-Chef eine treibende Kraft der Olympiabewerbung von Pyeongchang 2018. Weil der Fotograf des Herrn Park ohnehin schwer beschäftigt war, hat er für mich auch gleich noch ein Foto fürs Poesiealbum gemacht.

Vancouver, Tag 15: Sechskommanull für Anni Friesinger

VANCOUVER. Ich weiß nicht, ob es kuriosere Szenen gab bei diesen Winterspielen. Aber was Anni Friesinger-Postma da gerade aufs Eis des Olympic Oval gezaubert hat, war schon sehenswert. Ich würde sagen: Sechskommanull, ist noch mal alles gut gegangen, und in anderthalb Stunden gibt es vielleicht sogar eine Goldmedaille.

Im Halbfinale des Teamwettbewerbs gegen die USA rutschte Friesinger gerade so ins Ziel (Screenshot ARD):

In der Totalen sah das so aus.

War wirklich sehr hübsch anzuschauen, der Moment, als sie begriff, dass sie trotzdem im Finale steht. Und ich ärgere mich, dass ich von der Bilanz-Pressekonferenz im Deutschen Haus nicht eher aufgebrochen bin, um nach Richmond zurückzufahren zum Eisschnelllaufen.

Eine verrückte Zuspitzung nach all dem.

Ganz großes Kino natürlich auch im Langlauf der Frauen: Die Dreifachsiegerin Marit Björgen gegen Justyna Kowalczyk, die Björgen gerade Doping vorgeworfen hatte, oder sollten wir sagen: Medikamentenmissbrauch?

„Ohne ihre Medikamente hätte sie nicht gewonnen. Marit weiß genau, dass sie ohne ihre Hilfsmittel nicht viel zu bieten hätte.“

Oh, ich glaube, das war nicht nur Sport. Was für ein Duell. Gold für Kowalczyk. Bin auf den Verbal-Wettbewerb gespannt.

13.24 Uhr: Kleine Indiskretion: Ich sitze noch im Deutschen Haus. Vor mir ein Flatscreen. Gerade kommt eine Horde jener Bundespolizisten vorbei, die hier als gefühlte Hundertschaft für Ordnung und Sicherheit sorgen. Auf dem Bildschirm: der Friesinger-Sturz. Einer der Bundespolizisten im breitesten Sächsisch: „Sie hat’s versaut!“

Ich glaube, das war Volkes Stimme.

14.16 Uhr: Kurz vor dem Team-ESL-Finale. Hier schon mal erste deutsche Bilanzen. Unkommentiert. Nur O-Töne:

Es spricht Bernhard Schwank, ehemals NOK-Generalsekretär, heute einer der Geschäftsführer der Münchner Olympia GmbH und Chef de Mission des deutschen Olympiateams in Vancouver:

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Es spricht das UDIOCM (FDP):

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Es spricht Michael Vesper (Grüne), DOSB-Generaldirektor und Vorsitzender des Aufsichtsrats (!) der Münchner Olympia GmbH:

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Vancouver, Tag 14: Willy Bogner, Münchens Olympiachancen und die IOC-Präsidentschaft

VANCOUVER. Das Gesicht der Bewerbung ist müde. Willy Bogner sitzt in der Lounge II des Deutschen Hauses in Vancouver und braucht jetzt einen Kaffee. Er ist schon wieder zwölf Stunden auf den Beinen, und der Abend hat nicht einmal begonnen. Er muss noch zwei Interviews geben und in Kürze gibt es ein Essen zur Erinnerung an die Sommerspiele 1972 in München.

Walther Tröger kommt gleich, der Bürgermeister des Olympischen Dorfes von 1972, der in Vancouver mit seinen 81 Jahren – und trotz tagelanger heftiger Zahnschmerzen – tapfer fürs Vaterland schuftet. Tröger, seit Januar IOC-Ehrenmitglied, damit nicht mehr stimmberechtigt und also relativ unabhängig, blüht wieder auf. Denn München ist seine olympische Liebe. Er umgarnt die älteren IOC-Mitglieder, von denen es viele gibt, und er führt seinen Kumpel Willy Bogner (68) in diesen bizarren Zirkel ein.

So eine Olympiabewerbung ist eine anstrengende Sache. Jeden Morgen um 7.30 Uhr lässt Thomas Bach, IOC-Vizepräsident und Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), seine Pappenheimer aufmarschieren. Dann werden im Deutschen Haus die großen Themen und winzige Details besprochen. Die Deutschen sind gründlich.