dokumentation

DDR-Dopinggeschädigte zur „Entschuldungspauschale für Sportkriminelle“

Ich veröffentliche eine weitere Erklärung von DDR-Dopingopfern nach: „Kein fauler Frieden in der Dopingaufarbeitung“.

Erklärung von DDR-Dopinggeschädigten zur anstehenden Entschuldungspauschale für Sportkriminelle

Die Entschuldungspauschale von dopingbelasteten Trainern wird einer konsequenten Dopingbekämpfung in Deutschland, einer sachgerechten Aufarbeitung der Dopingvergangenheit in Ost und West sowie dem massiven Schadensvolumen der zahlreichen Dopingopfer nicht gerecht. Wir akzeptieren keine pauschalen Entschuldungsschreiben von Trainern, die zwanzig Jahre lang ihre Geschichte weggelogen und sich damit Einstellungsverhältnisse erschlichen haben. Ein universaler Entschuldungstext meint niemanden und respektiert niemanden. Wir lehnen es ab, dass durch eine solche Erklärung zahlreiche Verant­wort­liche einen rückwirkenden Freifahrschein für angetanes Unrecht, Zugriffe und Verfehlungen im Sport erhalten sollen. Das viel gebrauchte Argument, diese Trainer seien in den vergangenen zwanzig Jahren in Sachen Doping unauffällig geblieben, ist gemessen am Zustand des deutschen Antidopingsystems nicht nur gezielt scheinheilig, sondern unstatthaft. Jeder, der in diesem Land dopen will, kann das unbehelligt tun.

Ten years after: IOC-Krisensession im März 1999

Vor vielen Worten zunächst zwei Dokumente.

Es jährt sich zum zehnten Mal eine IOC-Session, die als die schwierigste in der Geschichte des Internationalen Olympischen Komitees gilt. Am 17./18. März 1999 ging es ums Überleben. Das IOC war schwer gezeichnet von der Bestechungskrise um die Winterspiele in Salt Lake City. Es traf sich außerplanmäßig in Lausanne zu seiner 108. Vollversammlung. Die Sitzung im Palais de Beaulieu wurde den Medienvertretern im Kinosaal live übertragen – das war neu. So sah man einen tief getroffenen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch, der sich entschuldigte: bei den Sportlern, den Einwohnern von Salt Lake City und bei den, wie er sagte, Millionen Fans weltweit. Erstmals stellte ein IOC-Präsident die Vertrauensfrage. 86 Mitglieder hielten ihm die Treue, eines enthielt sich der Stimme, zwei stimmten gegen ihn. Der Spanier war gerettet.

Die Krise, die im Dezember 1998 (Link zu einem Kapitel aus „Der olympische Sumpf“) mit Enthüllungen über die Bestechungspraktiken der Olympiabewerber von Salt Lake City begann, hatte nicht nur Samaranchs Amt erschüttert. Zeitweise wurde über eine Auflösung des olympischen Dachgremiums diskutiert. Samaranch, der die Kultur des Geben und Nehmen im IOC kultiviert und die strukturellen Fehlentwicklungen zu verantworten hatte, verlor die Handlungshoheit. In diesen Monaten rettete der Kanadier Richard Pound das IOC. Pound war Chef der hausinternen Prüfungskommission, die sich mit den Akten von Salt Lake City befasste. Zu diesen Privatdetektiven gehörten auch der heutige IOC-Präsident Jacques Rogge und sein heutiger Vizepräsident (UDIOCM), der 1995 die Evaluierungskommission zu Salt Lake City geleitet und nichts von Bestechungen mitbekommen hatte.

Pound heuerte, gemeinsam mit IOC-Generaldirektor Francois Carrard und Marketingchef Michael Payne, eine der weltweit führenden PR-Agenturen an: Hill & Knowlton, Weißwäscher vom Dienst, skandalumwobene Experten im Krisenmanagement. Für viele Millionen Dollar erarbeitete Hill & Knowlton einen Rettungsplan. Liest man zehn Jahre später die Bücher von Pound, Payne und anderen, wird klar, wie sie die Krise seinerzeit betrachteten: Als PR-Schlacht um das Überleben. Es ging darum, die öffentliche Meinung zu beeinflussen – und die Geldgeber bei der Stange zu halten. Sogar der treueste IOC-Sponsor, Coca-Cola, hatte eine Trennung erwogen: Payne düste im Privatjet nach Atlanta in die Firmenzentrale des Brausebrauers, der seit 1928 Olympia-Sponsor ist, und klärte die brenzlige Situation.

Dopingsystem Freiburg: Warten auf den Abschlussbericht

Es wird nicht mehr lange dauern. Der Abschlussbericht der unabhängigen Kommission, die sich mit den Doping-Machenschaften am Freiburger Universitätsklinikum befasst, wird in diesen Wochen fertig gestellt. „Wir haben die Beweisaufnahme abgeschlossen und sind am Schreiben“, sagt Kommissionschef Hans-Joachim Schäfer aus Reutlingen, ein ehemaliger Richter. Zur Kommission, die im Mai 2007 einberufen wurde, gehören neben Schäfer der Pharmakologe Professor Ulrich Schwabe (Heidelberg) und der Biochemiker Professor Wilhelm Schänzer, Chef des Kölner Dopingkontrolllabors.

Am 20. März 2008 hatte die Arbeitsgruppe einen 23 Seiten umfassenden Zwischenbericht veröffentlicht, der neue Fakten zum systematischen Doping im Team Telekom und der Verstrickung zahlreicher Freiburger Ärzte nannte. Damals hatte Schäfer versprochen:

Was wir nicht herausbekommen haben, wollen wir noch ans Tageslicht bringen.

Dazu gehörten weitere Informationen zur die Rolle von Professor Joseph Keul, inzwischen verstorbener Doyen der deutschen Sportmedizin und über Jahrzehnte führender Olympiaarzt. Freiburgs Halbgott Keul hatte, so steht es im Zwischenbericht, Zahlungen für Dopingmittel über das Konto eines so genannten Arbeitskreises „Dopingfreier Sport“ abgewickelt.

Korruption im Sport: Präventionsmaßnahmen

Kleine Spielerei, man wird ja noch träumen dürfen: Ich habe für das Buch „Korruption im Sport“ einige Vorschläge zur Korruptionsprävention erarbeitet, die ich gern noch einmal zur Diskussion stelle – überarbeitet und verkürzt. Dass es sich bei der Korruption um ein Strukturproblem des Sportsektors handelt, habe ich hier dargelegt, nebst Definitionen und Erscheinungsformen der Korruption im Sport.

Zum Problem der partiellen Rechtlosigkeit meine aktuellen Beiträge in der Süddeutschen und in der NZZ.

Wer in den Statuten des IOC, des DOSB oder den Regelwerken der Handballverbände schmökern und nach klaren Antikorruptionsregeln suchen mag:

Steuerbefreiungen für Sportverbände (2): Liebling Schweiz

Sie haben es nicht leicht, die Schweizer. Müssen das Bankgeheimnis wahren, den rund 60 internationalen Sportverbänden im Land – neben dem IOC (das neuerdings Beobachterstatus in den Vereinten Nationen anstrebt), der Fifa und der Uefa auch die olympischen Weltverbände im Rudern (FISA), Baseball (IBAF), Basketball (FIBA), Boxen (AIBA), Radsport (UCI), Reiten (FEI), Fechten (FIE), Turnen (FIG), Handball (IHF), Hockey (FIH), Ringen (FILA), Schwimmen (FINA), Tischtennis (ITTF), Bogenschießen (FITA), Volleyball (FIVB), Eishockey (IIHF), Eiskunstlaufen (ISU) und Skisport (FIS) – wenigstens Steuerleichterungen, wenn nicht gar (den wichtigsten) Steuerbefreiungen gewähren. Die könnten andernfalls abwandern nach Dubai, Doha, Abu Dhabi, Peking, Sotschi oder andere Totaldemokratien.

Die Schweizer müssen zudem sicherstellen, dass die Bestechung von so genannten Privaten, also auch Sportfunktionären, weiter nicht im Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb erfasst wird. Gern segnet die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) auch Dokumente ab, die Schmiergeldzahlungen in Höhe von 138 Millionen Franken an Sportfunktionäre als rechtens erscheinen lassen, wie im Fall ISL/ISMM.

Sie tun also alles, die Schweizer, um die intransparenten Weltkonzerne IOC, Fifa, Uefa, hoppla, sagte ich Weltkonzerne?, ich meine natürlich: um die Vereine IOC, Fifa, Uefa ungestört ihre Geschäfte machen zu lassen. Denn es sind Vereine, nach dem Schweizer Recht, es gibt – wie jeder weiß – nicht wirklich Unterschiede zwischen diesen Milliardenkonzernen und anderen Schweizer Vereinen wie etwa dem Verein für Pilzkunde Thurgau oder dem Verein Feministische Wissenschaft. Nein halt, im Zweifel gibt es doch Unterschiede: Die Pilzkundler und die Wissenschaftlerinnen werden möglicherweise höher besteuert.

Es könnte alles so schön sein, das Leben, ganz ohne Sorgen. Doch leider gibt es immer mal wieder einen aufmüpfigen Politiker (in der Schweiz! so etwas ist ja selbst in Deutschland und seinem Bundestags-Sportausschuss kaum anzutreffen!), der sich an den paradiesischen Bedingungen für die Profitmacher aus dem Sportbusiness stört. Etwa Kantonsrat Roland Büchel oder Ständerat Alex Kuprecht, dem nicht so recht einleuchten will, …

warum derartige Organisationen wie die Uefa, die Fifa oder das IOC, die Hunderte von Millionen Franken an Gewinnen erzielen, steuerbefreit werden.

Er hatte deshalb folgende Fragen an den Bundesrat:

Korruption als Strukturproblem der Spezialdemokratie Sport

Neues zum Kopfschütteln aus der lustigen Handballwelt:

Es gibt neue Informationen, die wir bisher nicht kannten.

— Frank Bohmann, Geschäftsführer des Handball-Bundesliga (HBL), am 7. März, nachmittags

Für uns sind keine Sachen dabei, die wir nicht schon erörtert hätten.

— Uwe Schwenker, Vizepräsident der HBL und Geschäftsführer der THW Kiel Handball-Bundesliga GmbH & Co. KG, am 7. März, abends

Das ist alles das, was wir behandelt haben. Das sind nur neue Gerüchte und Spekulationen.

— Reiner Witte, Präsident der HBL, am 8. März, morgens
Quelle: dpa via FTD

Oh, da wird der Herr Witte seinen Vizepräsidenten Herrn Schwenker sicher noch einmal energisch einvernehmen. Aber vielleicht kommt es auch gar nicht dazu, denn der Herr Schwenker ist morgen ja beschäftigt, weil er juristisch gegen die bösen Gerüchte vorgehen will. Hat er jedenfalls gesagt.

Kurzum: Es gibt zu wenige Sportfunktionäre, von denen man Aufklärung erwarten darf. Die Kameraden der Handball-Bundesliga machen eher nicht den Eindruck, als gehörten sie dazu.

Und ich neige grundsätzlich dazu, die Meldungen wie gerade im Fall THW Kiel, in Theorien zu verbraten. Ich glaube nunmal, dass sich über die täglichen Schlagzeilen hinaus, die oftmals verwirren, ein Nachdenken lohnt. Deshalb erneut einige grundsätzliche Überlegungen zum Thema „Korruption im Sport“, wie immer aktualisiert und mit neuen Links versehen. Mit der Lesequote, die der Text beim letzten Mal erreichte, bin ich nicht zufrieden :) Hier also meine Sonntagslektüre: