dichtung und wahrheit

Ein Arbeitsprotokoll: 20 Fragen an die MdB’s im Sportausschuss

Bin etwas verspätet, aber rechtzeitig vor den nächsten Sitzung des Sportausschusses, die in knapp zwei Stunden beginnt, wollte ich diesen Beitrag noch veröffentlichen, wenngleich nur in Kurzfassung, anders als gedacht.

Seit mehr als vier Monaten dominiert eine Diskussion die deutsche Sportpolitik: Die Frage der Persilscheine für ehemalige Dopingtrainer sorgt für erbitterte Auseinandersetzungen über die Dopingvergangenheit in Ost und West – auch hier im Blog (#Werner Goldmann, #Vergangenheitsbewältigung). Auffällig und nur schwer zu begreifen ist dabei, dass sich der Sportausschuss des Bundestages, der sonst nahezu jede aktuelle Problematik aufgreift, in vier Monaten in keiner der öffentlichen Sitzungen damit befasst hat.

Warum eigentlich nicht? Wird das noch geschehen?

Ich habe am 4. Mai einen Fragenkatalog an alle sechzehn Mitglieder des Sportausschusses geschickt. Die Fragen und die wichtigsten Teile der Email-Konversation dokumentiere ich nachfolgend.

Finanzierung Olympischer Spiele: “Wir sind ein privilegiertes Völkchen!”

Zum Hören:

:

Und zum Lesen:

Ein Hintergrund Politik von mir im Deutschlandfunk zum Thema „Die Finanzierung von Mega-Events in Krisenzeiten“.

(Ich denke, dass ich den Beitrag später noch mit einigen Zahlen und Links aufhübsche.)

* * *

Olympische Spiele sind die größte Showveranstaltung auf Erden. Nur 17 Tage dauern die Sportfeste – und kosten doch jeweils viele Milliarden Dollar. Die Finanzierung von Olympischen Spielen ist, historisch betrachtet, immer ein Risiko.

Das kanadische Montreal beispielsweise, Ausrichter der Sommerspiele 1976, brauchte drei Jahrzehnte, um seine Schulden zu tilgen. Künftige Olympiastädte wie Vancouver, London und Sotschi ächzen derzeit unter der Last ihrer Verpflichtungen. Die Wirtschaftskrise gefährdet zahlreiche Projekte, notdürftig werden die Löcher gestopft. Großspurige Versprechen von Finanzinvestoren wurden zu Makulatur.

Sepp, Superstar (1): „The Grand Cordon of the Order of the Rising Sun“

Joseph S. BlatterWährend Joseph Blatter in seiner Heimat gern verspottet wird, bringen ihm wenigstens die Japaner den Respekt entgegen, der ihm gebührt. Zumindest ein Japaner. Kaiser Akihito. Japan und sicher auch seine kaiserliche Hoheit wünschen sich demnächst wieder eine Fußball-WM.

Und siehe, flugs wurde Sportkamerad Sepp für seine Verdienste um die japanische Kultur mit dem Orden der aufgehenden Sonne geehrt: „The Grand Cordon of the Order of the Rising Sun“.

Für andere Verdienste, Fairplay und so, ist Blatter ja bereits berühmt und ausreichend gewürdigt.

Das Schmuckstück, eine achtblättrige Chrysantheme in Gold, wird übrigens an einem roten Band an der rechten Schulter getragen. Wenn da noch Platz sein sollte. Zur Feier des Tages hier die erneut aktualisierte Ordensliste des Fifa-Helden aus dem vergangenen Jahr, wobei ich natürlich mit den drei Auszeichnungen beginne, die in der offiziellen Fifa-Aufzählung aus unerfindlichen Gründen fehlen:

Wenn Fußballprofis jammern und über Politiker schimpfen

Nein, kein Jürgen Klinsmann heute. Passt hier nicht rein.

Dagegen, fürs Archiv, unkommentiert – nur mit einer Frage versehen, in kursiv – ein Meisterstück des deutschen Fußballjournalismus. Prosa vom Feinsten.

Vielleicht empfiehlt es sich, vorher noch diese Beiträge über eine Anhörung von DFB- und DFL- und Amateurvertretern im Bundestags-Sportausschuss zu überfliegen. Dann erschließt sich dieser Beitrag besser:

Politiker-Schelte durch DFB und Liga

Zwanziger fühlt sich abgebürstet, Liga-Chef Rauball beklagt Knüppel

von Rainer Kalb

Neuss (SID) Der Schulterschluss zwischen dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL) hinsichtlich des neuen Grundlagenvertrages (2009 bis 2012) ist nach dem eindeutigen Votum des Außerordentlichen DFB-Bundestages unübersehbar.

„Blatter drängt auf Fairplay“

[caption id="attachment_3616" align="aligncenter" width="536"] Mohamed Bin Hammam (l.) und Joseph Blatter (r.) in Doha 2003[/caption]

Es gilt wieder einmal einiges aufzuarbeiten in diesem Theater. Habe etliches verpasst in den vergangenen Wochen. Fangen wir also an mit dieser wunderbaren Pressemitteilung der Fifa vom 15. April, in dem unser aller Freund Sepp Blatter (rechts; die Rückendeckung gibt, natürlich, Peter Hargitay), der Verkehrsrowdy, seinen langjährigen Wahlhelfer Mohamed Bin Hammam (links im Bild) und dessen Widersacher in der asiatischen Konföderation AFC auffordert, sich zu benehmen. Entzückend, ein Stück Fifa-Prosa, ganz große Kunst:

Hansjörg Kofink sagt …

… zur angeblichen, von dpa wieder einmal zielgerichtet geförderten „Initiative“ des DLV-Präsidenten Clemens Prokop:

Diese Meldung macht mich fast genau so wütend wie das verantwortungslose Geschwätz des NOK-Ehrenpräsidenten Tröger. Wer hat denn die „West-Trainer“ eingestellt, wer war verantwortlich für ihre Arbeit?

Ich war einer von Ihnen, und ich habe 1971/72 aus gegebenem Anlass mit Präsidiumsmitgliedern des DLV die Situation „Doping“ mündlich und schriftlich diskutiert. Schriftlich gab es nie eine Antwort. Die damalige, heute noch lebende Frauenwartin, die mich – eigentlich müsste ich sagen – gekeilt hat, wusste über die Situation genau Bescheid, vor allem über meinen Nachfolger, der mit der Antibaby-Pille arbeitete.

Es ist doch zutiefst heuchlerisch heute in der Öffentlichkeit um „geständige Westtrainer“ zu betteln, wenn man handfeste Aussagen über die Medien schon seit Jahrzehnten kennt.

Clemens Prokop antwortet Ute Krieger-Krause

Die Antwort von DOSB-Chef Thomas Bach auf den offenen Brief von Ute Krieger-Krause kam per Email und ist schon veröffentlicht. (Bach führt neuerdings in Interviews an, er stehe mit Frau Krieger-Krause im „Briefwechsel“.)

Die Antwort von DLV-Präsident Clemens Prokop kam per Post und wird hier nun veröffentlicht. Steht noch aus: ein Schreiben von Wolfgang Schäuble.

Prokop schreibt am 8. April 2009:

Sehr geehrte Frau Krieger-Krause,

eigentlich antworte ich auf „offene Briefe“ nicht, da in der Regel Mit solchen Briefen nur öffentliche Wirkungen, nicht aber Problemlösungen angestrebt werden. Bei Ihrem Brief mache ich eine Ausnahme. Allerdings antworte ich nur mit einem an Sie persönlich adressierten Brief, weil ich mich um eine Lösung des Konfliktes bemühen möchte.

DOSB-General Michael Vesper schreibt …

Im Sport spielt die Glaub- und Vertrauenswürdigkeit seiner leitenden Mitarbeiter eine herausragende Rolle. Haupt- und ehrenamtliche Funktionäre im Sport sollten – orientiert an den in seinen Leitbildern formulierten Grundsätzen – Vorbildwirkung entfalten. Bundestrainern/-innen und Stützpunktleitern/-innen sind viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene anvertraut, so dass es gerade bei ihnen in besonderem Maße auf Vertrauenswürdigkeit und Vorbildwirkung ankommt. Dies gilt auch im Hinblick auf breite öffentliche Wirkung vieler Sportarten und die damit einhergehende Publizität jedes auftretenden Problemfalls.

— Michael Vesper, DOSB-Generaldirektor

Vorsorglich, falls die Propaganda darauf hinaus laufen sollte, dass künftig auch die Stasi-Richtlinien und die entsprechenden Überprüfungen gelockert oder ganz und gar aufgegeben werden sollten, stelle ich ein wichtiges Dokument zur Diskussion. Anbei also als pdf-Datei und nachfolgend komplett als jpg ein Brief aus dem Oktober 2006, in dem DOSB-General Michael Vesper (Bündnis 90/Die Grünen) ausdrücklich im Namen seines Vorgesetzten Thomas Bach (FDP) darum bittet, dem organisierten Sport im damals zu novellierenden Stasiunterlagengesetz weitere Überprüfungsmöglichkeiten einzuräumen. Momentan aber hört man, es gebe Bestrebungen, Überprüfungen für die kommenden Winterspiele in Vancouver nicht mehr durchzuführen.

Offener Brief von Gerhard Treutlein an Clemens Prokop

Es ist pervers: Der organisierte Sport war über 20 Jahre nicht an einer Aufarbeitung interessiert, schlimmer, er war mit Billigung oder sogar Unterstützung von BMI und BISp Täter, z.B. bei der Anstellung belasteter Trainer …

Professor Gerhard Treutlein, Leiter des Zentrums für Dopingprävention an der PH Heidelberg, der sich hier im Blog schon mit einem Grundsatzbeitrag zur Vergangenheitsaufarbeitung beteiligt hat und seitdem auch regelmäßig mitdiskutiert, schreibt heute einen Offenen Brief an Clemens Prokop, den Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV):

Sehr geehrter Herr Dr. Prokop,

am 18.3.2009 habe ich Ihnen geschrieben und Ihnen meine Gesprächsbereitschaft signalisiert. Da ich bis heute keine Antwort von Ihnen erhalten habe, gehe ich davon aus, dass ich für Sie einer Antwort nicht würdig bin. Weitere Schreiben an die Verantwortliche für die Dopingproblematik im DLV, RA Anne Jakob, im Jahr 2008 wurden ebenfalls nicht beantwortet, ebenso wenig die in den Schreiben gestellten Fragen. Die von Ihnen in anderer Richtung signalisierte Gesprächsbereitschaft scheint mir gegenüber nicht zu bestehen, weshalb ich meine Schreiben an Journalisten weitergebe.

Sie haben der Presse gegenüber begrüßt, dass sich fünf Trainer erklärt haben (ohne inhaltliche Konkretisierung). Meines Wissens waren Sie früher aktiver Leichtathlet und sind seit 1993 Mitglied des Präsidiums des DLV, bzw. seit 2001 Präsident. Sie dürften deshalb – über den Inhalt der Bücher von Singler und Treutlein hinaus – weit reichende Kenntnisse zur Leichtathletik, zur Dopingproblematik und zum westdeutschen Sport haben. Deshalb ist für mich verwunderlich, warum erst jetzt eine Erklärung der fünf Trainer erfolgt und warum nicht weit früher Personen wie z.B. – in unsystematischer Reihenfolge – Blattgerste, Steinbach, Kern, Thiele, Schubert, Bechtold, Steinmetz, Spilker u.a.m. zu einer umfassenden Offenlegung der Vergangenheit gedrängt wurden. Erst die Bereitschaft solcher Personen (ebenso in anderen Verbänden), zur Aufklärung der Vergangenheit beizutragen, würde dem 500.000-Euro-Auftrag zur Dopingvergangenheit eine gewisse Berechtigung geben.

Welche konkreten Erwartungen hat der DLV an ein solches Dopinggeschichte-Projekt? Ist der DLV überhaupt an einer Aufarbeitung der Dopingproblematik in seinen eigenen Reihen interessiert?

Offener Brief von Ute Krieger-Krause an die Herren Schäuble, Bach und Prokop

Ein weiterer wichtiger Beitrag zum Thema Dichtung und Wahrheit. Ute Krieger-Krause, staatlich anerkanntes Dopingopfer aus Magdeburg, hat an diejenigen geschrieben, die die Propagandamaschine angeschmissen haben und prächtig brummen lassen:

An Herrn Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble, Herrn DOSB-Präsidenten Dr. Thomas Bach, Herrn DLV-Präsidenten Dr. Clemens Prokop

Sehr geehrte Herren,

Sie befinden, dass es nach 20 Jahren Zeit werde für eine Versöhnung zwischen Tätern und Opfern des DDR-Doping-Systems und initiieren bzw. begrüßen die „Geständnisse“ in Form einer vorformulierten Erklärung von fünf dopingbelasteten Leichtathletik-Bundestrainern.

Dass mindestens doppelt so viele Opfer sich vehement gegen diese ausschließlich dem Zweck der Weiterbeschäftigung dienende , unglaubliche Vorgehensweise öffentlich ausgesprochen haben, übergehen Sie mit einer Unsensibilität und Ignoranz, die  mich zutiefst enttäuscht und brüskiert.

Ohne Einbeziehung der Geschädigten wurde hier zugunsten der genannten Trainer eine „Lösung“ konstruiert, die nicht dazu taugt, eine Annäherung von Tätern und Opfern herbeizuführen.