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Südafrika, Tag 9: Deutschland vs Australien – agony and ecstasy und ein „Reichsparteitag“

SANDTON. Ich fang schon mal an, auch wenn noch knapp drei Stunden Zeit sind bis zum Anpfiff in Durban. Im Stadion bin ich heute nicht, sondern werde mir Deutschland vs Australien hier in Sandton ansehen. Gerade schlägt Ghana die Serben, was mir sehr gut gefällt.

Im südafrikanischen Fernsehen analysiert Sammy Kuffour. Hat ungefähr meine Statur, der Gute. Zu seiner Analyse sage ich mal besser nichts. Kürzlich hat er vor dem Afrika Cup prophezeit, dass Ägypten keinesfalls gewinnen werde, weil: „Drei Mal hintereinander geht einfach nicht!“

So ist das mit dem Fußballsachverstand. Ich frage mich zum Beispiel, was ich hier unten mache. Völlig fehl am Platze. Mein gerade sechs gewordener Messi-Fan daheim ist heute in unserem Tippspiel nahezu uneinholbar in Führung gegangen. Zweimal 1:0. Zweimal hat der Kerl den Vater abgezockt.

19.02 Uhr: Gerade hat jemand einen Termin mit mir platzen lassen. Ich bleibe gleich hier im Intercontinental sitzen und schaue hier das Deutschland-Spiel. Es stört keine Vuvuzela, nur der Wasserfall im Foyer. Werde fragen, ob die den austrocknen lassen können. Falls jemand vorbei kommen möchte. Noch ist Platz. Sogar Fernsehen mit Ton:

DRIVING DIRECTIONS

From OR Tambo International Airport, take the R24 towards JHB. Take the offramp to N3 towards Pretoria; take the offramp at M1 south heading towards JHB; take the Grayston Drive offramp and at the traffic lights turn right over the bridge. Take the slip road to the left into Katherine Drive. Turn right into 5th Street. Cross over Rivonia Road and trun right into Maude Street. The Hotel is on the left hand side on the Corner of 5th and Maude Streets.

Oh, jetzt erst bekomme ich mit, dass Kuffour gemeinsam mit Thomas Berthold analysiert. Auf Supersport3. Den Vuvuzela-Contest gewinnt Kuffour.

Das Michelangelo Towers Hotel wirkt ziemlich leer. Kann man mal sehen, wie viele australische Lobbyisten (außer Fedor Radmann und Peter Hargitay) sonst noch hier rumsausen. Sind jetzt alle in Durban.

19.38 Uhr: Bin jetzt nicht mehr allein vor dem Fernseher. Noch bevor der Kollege eintrifft, der sich angekündigt hat, schaut eine neugierige Kakerlake vorbei. XXXL, würde ich sagen.

Mir gefällt das Stadion in Durban übrigens auch sehr. Habe es im vergangenen Jahr mal in der Bauphase gesehen. Und darüber, dass das ein Weißer Elefant ist, völlig überdimensioniert für Durban und viel zu teuer, darüber reden wir jetzt mal nicht, okay? Don’t mix politics with games!

19.45 Uhr: Die Details zum Spiel, (c) FIFA and Emirates Airlines

19.54 Uhr: Mein Tipp ist: Das Event am 6. Juli 2011 in Durban wird spannender. Und weil heute viele Leute vorbei schauen, lasse ich weiter abstimmen. Da geht noch was:

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20.10 Uhr: Noch 19 Grad in Durban, sensationell. Am Dienstag, zum Brasilien-Spiel gegen Nordkorea, denke ich, dass in Joburg der Gefrierpunkt touchiert wird.

20.37 Uhr: Klose mit dem Fuß? Kann ja nichts werden. Das sieht bei Podolskis linkem Fuß schon anders aus.  Einsnull. Nur hart geschossen, nicht mal platziert.

20.54 Uhr: Klose mit dem Fuß. Muss ich mehr sagen? Das wird noch zum running gag.

20.56 Uhr: Klose mit dem Kopf. Muss ich mehr sagen? Zweinull.

21.10 Uhr: Große Leistung von Özil, sich jetzt nicht wieder fallen zu lassen. Denn er riskierte Gelb-Rot.

@ Daniel: Du fragst nach den Vuvuzelas. Ich habe das Original mit der Aussage von Danny Jordaan in der BBC nicht gesehen. Es steht aber bestimmt online. Schätze sogar, dass mein Freund David Bond das Gespräch geführt hat. Mein Tipp, ins Blaue hinein: Jordaan hat das gesagt, aber der Zusammenhang, der da jetzt hergestellt wird, ist absurd. Natürlich wird nie jemand die Vuvuzelas verbieten. Auch nicht, wenn eine Vuvuzela aufs Spielfeld fliegen sollte.

Wie absurd diese Diskussion („wenn etwas passiert“) ist, siehst Du u. a. daran: Im Stadion werden von den Getränkeflaschen die Plastikdeckel abgeschraubt. Man darf nur offene Flaschen mit auf den Platz nehmen, worüber sich Journalisten besonders freuen, denn ich habe immer Angst, dass mir der Mist auf den Laptop kleckert. Warum werden die Deckelchen nicht ausgegeben? Weil man aus 150 Meter Entfernung eventuell ein Deckelchen aufs Spielfeld schmeißen könnte – wirklich! Dagegen sind zehntausende Vuvuzelas auf allen Plätzen erlaubt.

Im Lügenland

Die Dokumente zum Tod von Birgit Dressel sollten Pflichtlektüre in deutschen Schulen sein, wenigstens an den so genannten Eliteschulen des Sports. Wahrhaftiger lassen sich die Gefahren des ungebremsten Leistungsstrebens nicht beschreiben. Die Details über den qualvollen Tod einer 26-Jährigen lassen den Atem stocken, sie rühren zu Tränen. „Es sind Dokumente des Schreckens“, bilanzierte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel schon vor zwanzig Jahren: Birgit Dressel, von ihrem Arzt Armin Klümper als „in höchstem Maße gesund“ bezeichnet, „war in Wahrheit eine chronisch kranke, mit Hunderten von Arzneimitteln voll gepumpte junge Frau. Der Sport hatte sie längst zum Krüppel gemacht, ihre Gelenke zerstört, die inneren Organe vor der Zeit zerschlissen.“

Es gibt im Fall Birgit Dressel nichts zu beschönigen, nichts zu relativieren, nichts zu verharmlosen, nichts zu verteidigen. Manchmal muss es ein Dogma sein: Wer dopt, betrügt nicht nur, er spielt mit seinem Leben. Wer andere dopt, ob als Arzt oder Trainer, spielt mit dem Leben seiner Schutzbefohlenen – er bewegt sich an der Schwelle zum Kapitalverbrechen.