journalismus

Doping-Doppelbeschluss

Das Leben, dieses ewig rätselhafte, treibt schon absonderliche Blüten. Und zwar täglich, was es keinesfalls leichter macht, es zu begreifen, dieses Leben. Es ist deshalb ratsam, nicht nur Verständnis zu heucheln für jenen ARD-Fernseh­reporter, der am Mittwoch bei der Tour de France ein Interview führen musste. Nein, man sollte sich wirklich Mühe geben, den armen Tropf zu verstehen. Tapfer hielt also unser Mann vor Ort, Vertreter des gebührenfinanzierten Fernsehens, einem Profiradler des T-Mobile-Teams sein Mikrofon entgegen und hob zu einer geradezu entrüsteten Frage an: „Es gab Maßnahmen gegen Doping. Trotzdem gab es jetzt einen Dopingfall. Haben Sie eine Erklärung dafür?“

Bitte nicht voreilig spotten, denn diese Frage war wunderbar. Nicht wirklich ahnungslos, sondern hochgradig philosophisch. Dem Fragesteller ist ein sportethischer und sportjournalistischer Dreisatz erster Güte gelungen: Es gab Maßnahmen – trotzdem wurde T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz als Doper überführt. Weitere Fragen ließen sich anfügen: Warum gibt es eigentlich Maßnahmen? War Doping vor den Maßnahmen da oder vielleicht doch eher die Maßnahmen vor dem Betrug? Oder, um mit den Worten des Mikrofonträgers bei der Tour zu sprechen: Kann eigentlich sein, was nicht sein darf?

Eine Frage des Prinzips

Die Berichterstattung der Berliner Zeitung über die Tour de France sieht in diesem Jahr anders aus. Anders als in allen anderen deutschen Tageszeitungen. Und das habe ich in einer Kolumne am 7. Juli 2007 so begründet:

Im Prinzip ist es einfach: Wer den Radsport-Zirkus als kriminell kritisiert, wer täglich die wahnwitzigen Ausmaße des Drogengeschäfts beschreibt, wer beständig auch die Verstrickungen von Journalisten, vor allem der öffentlich-rechtlichen Sender, in diesem mafiosen System brandmarkt, der muss irgendwann selbst die Frage beantworten, ob es noch angemessen ist, von der Tour de France zu berichten. So wie darüber diskutiert wurde, ob ARD und ZDF auf Tour-Übertragungen verzichten, muss zwingend gefragt werden, ob nicht auch eine Tageszeitung inne halten sollte. So viel Ehrlichkeit muss sein.