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Doping in Freiburg: das Gutachten zu Herbert Reindell

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Die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg hat nach ewigem Gezerre vor wenigen Minuten ein weiteres Doping-Gutachten veröffentlicht. Wer hier im Blog Tags und/oder die Suchfunktion nutzt, findet Dutzende Beiträge und Dokumente zum Hickhack um die Doping-Evaluierungskommission und die eigentlichen Sachverhalte.

Das nun veröffentlichte Gutachten trägt den Titel: „Herbert Reindell als Röntgenologe, Kardiologe und Sportmediziner: Wissenschaftliche Schwerpunkte, Engagement im Sport und Haltungen zum Dopingproblem“. Dazu gibt es eine Zusammenfassung von Andreas Singler und einen Zusatz von Gerhard Treutlein. Am Gutachten hat Lisa Heitner mitgewirkt. Die Autoren Singler und Treutlein haben sich inzwischen heillos und unschön zerstritten. Den Stand dieser Streitigkeiten, auch zwischen Uni und Letizia Paoli, hat Grit Hartmann heute in der Berliner Zeitung zusammengefasst. Zunächst wie gewohnt Ihr Beitrag, danach folgen die Dokumente:

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Freiburger Kulissenschiebereien

von Grit Hartmann

Die Veröffentlichung von Gutachten zu den Breisgauer Dopingärzten verzögert sich, aber daran ist nicht die Universität schuld

Es war lange still um die Freiburger Dopingskandale und ihre Aufarbeitung. Zuletzt, seit März 2016, seit sich die mit dem Job betraute Evaluierungskommission um die belgische Mafia-Expertin Letizia Paoli geräuschvoll aufgelöst hatte, war das größte Aufklärungsprojekt der deutschen Dopinghistorie sogar für gescheitert erklärt worden. Es schien perfekt zur Skandalchronik aus dem Breisgau zu passen, dass der Auftraggeber, die Universität, weiteren Imageschaden abwenden wollte und deshalb, im Bund mit subtilen Kräften aus Sport und Landespolitik, die Kommission zermürbt hatte. Ein Ruf, den sich die Uni über Jahre tatsächlich verdient hat. Und nun? Das Bild ist längst nicht mehr so klar:

Fünf noch unveröffentlichte Gutachten liegen vor, rund 1500 Seiten. Nach Informationen dieser Zeitung hat die Universität jetzt grünes Licht gegeben wenigstens für die Expertise zu Herbert Reindell, zum 1990 verstorbenen Nestor der deutschen Sportmedizin. Sie soll in diesen Tagen publiziert werden, obwohl die Autoren – der Mainzer Dopinghistoriker Andreas Singler und der Heidelberger Sportpädagoge Gerhard Treutlein – heillos zerstritten sind. Das Gutachten ist lange überfällig, nicht nur, weil es schon 2014 von der Kommission angenommen wurde. Die Autoren präsentieren auch mindestens einen brisanten neuen Fund: Untersuchungen bei Gewichthebern in Freiburg ergaben schon in den 70er Jahren verdickte Herzkammer-Wände, und Reindell deutete dergleichen als „unbedenklichen Anpassungsvorgang“. Tatsächlich aber handelt es sich um eine hoch gefährliche Folge von Anabolika-Doping. „Bis heute“, so kritisieren Singler/Treutlein, seien in Freiburg „keinerlei Konsequenzen“ gezogen worden – „etwa in Richtung einer dringend erforderlichen systematischen kardiologischen Nachsorge von ehemaligen Kraftsportlern.“

Was vom Tage übrig bleibt (96): Infantino, Samoura, Stepanowa, DOSB und unethische Olympialasten

[caption id="attachment_25847" align="aligncenter" width="674"]Startliste 2. Vorlauf 800 m Frauen bei der EM in Amsterdam am 6. Juli 2016 Startliste 2. Vorlauf 800 m Frauen bei der EM in Amsterdam am 6. Juli 2016[/caption]

Damit es nicht untergeht im Euro-Rauschen, einige Links, Docs und Lektüre-Hinweise.

1) Am Wochenende veröffentlichten Tages-Anzeiger/Sonntagzeitung ein internes Schriftstück aus der FIFA, aus dem seit Ende Mai zitiert wird (etwa in der FAZ) – und in dem Gianni Infantino so einiges vorgeworfen wird. „Wer den FIFA-Chef kritisiert, fliegt raus“, titelt Arthur Rutishauser. Es geht, wie seit etlichen Wochen debattiert, um die Kosten für Flüge (Alischer Usmanow zeigt sich sehr spendabel), Matratzen, Fitnessgeräte, Blumen, Luxus-Limousinen, teure Berater (u.a. Luís Figo), Reinigungen und andere Spesen – und natürlich um Infantinos Millionen-Gehalt, das er als „beleidigend“ empfindet.

Hier das Papier:

Dazu gab es bereits einige Beiträge mit weiterführenden Links und dem Mitschnitt der FIFA-Councilsitzung im Mai:

:

Im Übrigen nimmt die von Infantino betriebene Säuberungswelle in der FIFA-Administration kein Ende, die nächsten beiden Manager wurden gefeuert: Severin Podolak, Chef der FIFA Travel GmbH, und Christoph Schmidt, Bürochef des Generalsekretariats, das bis vor kurzem von Markus Kattner geführt wurde, der ja nun auch gefeuert wurde. Dabei ist Infantino nach den neuen FIFA-Statuten doch gar nicht mehr fürs Tagesgeschäft verantwortlich, sondern quasi außenpolitisch tätig. Doch halt, hat er nicht in einem seiner vielen Alleingänge als CEO und Generalsekretärin die Senegalesin Fatma Samoura, installiert, die gerade bei Elfmeterschießen gegen Italien in Bordeaux dem CDU-DFB-Präsidenten Reinhard Grindel um den Hals gefallen ist?

Na klar.

Olympic Summit: die schmierigen Finten des Putin-Kumpels Thomas Bach #Rio2016

Es wird immer wilder. Schon fällt in Russland das B-Wort.

Boykott.

Thomas Bachs handverlesener Olympic Summit ist nach etwas mehr als vier Stunden gerade beendet. In Kürze gibt es eine Pressekonferenz mit Bach in Lausanne. Ich höre am Telefon zu und werde den Tag über einiges bloggen. Eine aktuelle Analyse des Geschehens in Lausanne schreibe ich für Spiegel Online. Dort heute morgen auch mein Zwischenstand kurz vor dem Meeting:

14.10 Uhr: We have to join forces of all olympic stakeholders. Sagt der UDIOCP Thomas Bach.

Vor dem Olympic Summit: einigt sich IOC-Bach mit seinem Kumpel Wladimir Putin?

joint-venture

Zwei Zeugnisse meiner Dichtkunst nach dem IAAF-Entscheid in Sachen Russland, der uns weiter beschäftigen wird. Im ersten Text, einem (leicht erweiterten) Kommentar, den ich am Freitagabend nach diesen ausführlichen Blogbeiträgen auf Spiegel Online veröffentlicht habe, konzentriere ich mich noch auf das IAAF-Papier und die Mitschuld/Verantwortung hoher internationaler Sportfürsten (Coe, Reedie et al). Im zweiten (wie immer ebenfalls erweiterten) Text („Gesamtes russisches Olympiateam soll auf den Prüfstand“), veröffentlicht am Samstag, stelle ich einige Fakten und Überlegungen zur Diskussion, wie es wohl weiter geht – schon am Dienstag beim so genannten Olympic Summit in Lausanne. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit gigantisch größer, dass UDIOCP Thomas Bach wieder routiniert Doppelpass mit seinem Sportkameraden Wladimir Putin spielt und Russland keine weiteren Olympia-Sanktionen fürchten muss, als dass Russlands NOK eventuell komplett oder weitere große Kontingente für Rio gesperrt werden. Doch ausschließen möchte ich letzteres nicht.

Die Story wird fortgeschrieben. (Ich versuche am Ende dieses Blogbeitrags im Laufe des Tages noch einige Lektüre-Empfehlungen zu geben.)

Im Grunde kann man beide Texte wunderbar hintereinander stellen und lesen.

Entscheidung des IAAF-Councils zum russischen Staatsdoping


Ich eröffne schon mal den Beitrag, in dem heute Nachmittag der IAAF-Beschluss debattiert werden kann. Einige der wichtigsten aktuellen Veröffentlichungen dazu (BBC Panorama u.v.a.m.) habe ich in diesem Eintrag zusammengefasst:

Dies als Vorbereitung auf die Pressekonferenz der IAAF in Wien, die ab 17.00 Uhr übertragen wird:

TBC

„Bad mantra“: die IAAF, die WADA, das IOC und das russische Staatsdoping

Heute Nachmittag entscheidet das Council des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF in Wien nun also, ob der russische Verband ARAF/RUSAF wegen des staatlich organisierten Dopings weiter suspendiert bleibt – oder ob plötzlich alles in Ordnung ist und russische Athleten ab sofort wieder starten dürfen. Die Pressekonferenz der IAAF wird ab 17.00 Uhr live übertragen. Man kann das auch hier schauen, dazu eröffne ich später einen neuen Beitrag (und binde das Video der Live-Übertragung ein), in dem wir über die Entscheidung diskutieren und die interessantesten Reaktionen aus aller Welt sammeln können.

Für den 21. Juni hat IOC-Präsident Thomas Bach in Lausanne zum sogenannten Olympic Summit geladen. Russland taucht in der Einladung nicht auf, aber jeder weiß, worum es geht, und Alexander Schukow, IOC-Mitglied und Russlands NOK-Präsident von Wladimir Putins Gnaden, wird bei diesem Summit gewiss dabei sein, wie bei allen anderen Gipfeltreffen zuvor.

Die Entscheidung über eine Olympiateilnahme aller/keiner/einiger Russen wird gewiss später das IOC-Exekutivkomitee fällen. Im Juli steht ja noch ein Untersuchungsbericht der WADA an.

Für alle, die sich die Zeit bis zur IAAF-Verkündung sinnvoll vertreiben möchten, habe ich einige der wichtigsten Veröffentlichungen dieser Tage gebündelt. Mit dabei: BBC Panorama, Grit Hartmann, New York Times, Guardian und andere der üblichen Verdächtigen. Sie alle tragen wichtige Details zum spannenden Komplex Doping/WADA/Russland/IOC bei.

Zunächst die halbstündige Panorama-Sendung gestern in der BBC – von Mark Daly und meinem Freund James Oliver, der auch sämtliche wunderbare Panorama-Sendungen mit Andrew Jennings zur FIFA produziert hat. Die SMS-Sammlung von IAAF-Präsident Sebastian Coe (dessen IOC-Träume womöglich für alle Zeiten ausgeträumt sind), seinem inzwischen suspendierten Bürochef Nick Davies und dem von Interpol gesuchten Ganoven ist einfach nur köstlich.

Ich schaue mir die komplette Sendung auch erst an, kann die Datei leider nicht zur Verfügung stellen. Mit dem BBC iPlayer geht es auch nicht, weil dieser die IP-Adressen erkennt und nur in UK ausliefert – auch mit einem VPN funktioniert es nicht. Auf Youtube derzeit verfügbar:

Dazu einige Links:

Über den ehrenwerten Lord, der zwischen Ehrenamt und Privatgeschäften nicht immer zu trennen weiß, wird noch viel zu reden sein. Tendenz: Seine Zeit als IAAF-Boss könnte schneller vorbei sein, als er denkt.

Bleiben wir noch kurz bei der heutigen Entscheidung des IAAF-Vorstandes. Dazu drei Übersichten (die pdf-Einbindung der Dokumente funktioniert gerade nicht, das hole ich nach):

Was vom Tage übrig bleibt (95): Infantino-Tapes, Whistleblower und ein Rüpel-Interview

Der Zürcher Tages-Anzeiger hat freundlicher Weise einen Mitschnitt der FIFA-Councilsitzung vom Mai 2016 in Mexiko veröffentlicht. Über den Komplott gegen den einstigen FIFA-Chefaufseher Domenico Scala ist ausführlich berichtet worden. Wenn ich die jüngsten Reaktionen meines Twitter-Streams richtig deute, steigt weltweit die Empörung über den Reformgegner Gianni Infantino – ist halt immer ein Unterschied, ob man (nur) Zitate liest oder ihnen auch lauschen darf.

Trauen Sie bitte Ihren Ohren (wenngleich ich nicht weiß, was und wie geschnitten wurde).

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Hans-Joachim Seppelt und einige andere Journalisten haben gestern eine Webseite freigeschaltet, die potenziellen Whistleblowern eine gesicherte Anlaufstelle bieten soll. Erreichbar ist der Briefkasten unter sportsleaks.com und dopingleaks.com. Und da gibt es nicht nur was für die Ohren, sondern auch für die Augen:

Eine feine Initiative. An anderen wichtigen Initiativen wird anderswo fleißig gearbeitet.

Und noch ein Video mit Hajo Seppelt, das seit ein paar Tagen heiß diskutiert wird und natürlich vielen Trollen Nahrung gibt. Seppelt hat offenbar ziemlich unvorbereitet und ohne Begleitperson russische TV-Reporter in ein für ihn angemietetes Apartment gelassen und anschließend die Contenance verloren. In deutschen Medien ist mittlerweile von einem „Überfall“ die Rede. Das scheint mir in der Verkürzung kaum überzeugender als die Berichterstattung eines russischen Propagandasenders.

BGH: „Schadensersatzklage von Claudia Pechstein vor den deutschen Gerichten unzulässig“

Beim Eislauf-Weltverband (ISU), beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC), beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), der Deutschen Eislauf-Union und anderen Sportmonopolen knallen die Schampuskorken. Denn der Kartellsenat des Bundesgerichtshof hat heute die Schadenersatzklage der Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, Polizeihauptmeisterin der Bundespolizei, „vor den deutschen Gerichten“ für unzulässig erklärt.

Jetzt geht es wohl vor das Bundesverfassungsgericht und vielleicht irgendwann vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, wie das Pechstein-Lager nicht nur einmal angekündigt hat. Es geht weiter, immer weiter, nicht nur in Richtung Olympia 2018.

Ich will und werde den Fall hier nicht mehr (groß) kommentieren, vielleicht schließe ich die Kommentare sogar, mal schauen, werde auf jeden Fall rigoros von meinem Hausrecht Gebrauch machen. (Jahrelang wurde hier jedes Dokument zum Fall erbittertst diskutiert, das will ich nicht mehr.) Weil mir aber in den ersten Online-Meldungen zum BGH-Beschluss, die ich in einigen Medien überflogen habe, die Details fehlen, möchte ich kurz die Pressemitteilung und Begründung des BGH (eine ausführliche Begründung wird wohl folgen) in Gänze veröffentlichen. Da hat endlich mal ein Jurist so formuliert, dass es einigermaßen zu verstehen ist, auch wenn man die Rechtsauffassung natürlich nicht teilen muss.

Meine Übersetzung: Das Rechtskartell der Sportmonopole bleibt bestehen.

(Deshalb die Sektkorken.)

Im Gesamtbild ist der Internationale Sportgerichtshof CAS unabhängig und neutral. Er ist ein echtes Schiedsgericht …“

… sollte Bettina Limperg, Präsidentin des BGH, das in ihrer Urteilsbegründung tatsächlich so gesagt haben (so übermittelte es die Nachrichtenagentur dpa), hielte ich das eher für einen schlechten Witz. Zum Flüchtlingsvergleich von Pechstein (Flüchtlinge genießen mehr Rechtssicherheit als Sportler, wird sie sinngemäß zitiert) äußere ich mich lieber nicht.

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Bundesgerichtshof, Mitteilung der Pressestelle Nr. 97/2016

Schadensersatzklage von Claudia Pechstein vor den deutschen Gerichten unzulässig

Urteil vom 7. Juni 2016 – KZR 6/15

Die Klägerin, Claudia Pechstein, eine international erfolgreiche Eisschnellläuferin, verlangt von der beklagten International Skating Union (ISU), dem internationalen Fachverband für Eisschnelllauf, Schadensersatz, weil sie – nach ihrer Auffassung zu Unrecht – zwei Jahre lang wegen Dopings gesperrt war. Im Revisionsverfahren geht es im Wesentlichen um die Frage, ob eine von der Klägerin unterzeichnete Schiedsvereinbarung wirksam ist, die unter anderem die ausschließliche Zuständigkeit des Court of Arbitration for Sport (CAS) in Lausanne vorsieht.

Die Beklagte ist monopolistisch nach dem „Ein-Platz-Prinzip“ organisiert, d.h. es gibt – wie auch auf nationaler Ebene – nur einen einzigen internationalen Verband, der Wettkämpfe im Eisschnelllauf auf internationaler Ebene veranstaltet. Vor der Eisschnelllauf-Weltmeisterschaft in Hamar (Norwegen) im Februar 2009 unterzeichnete die Klägerin eine von der Beklagten vorformulierte Wettkampfmeldung. Ohne Unterzeichnung dieser Meldung wäre sie zum Wettkampf nicht zugelassen worden. In der Wettkampfmeldung verpflichtete sie sich unter anderem zur Einhaltung der Anti-Doping-Regeln der Beklagten. Außerdem enthielt die Wettkampfmeldung die Vereinbarung eines schiedsgerichtlichen Verfahrens vor dem CAS unter Ausschluss des ordentlichen Rechtswegs. Bei der Weltmeisterschaft in Hamar wurden der Klägerin Blutproben entnommen, die erhöhte Retikulozytenwerte aufwiesen. Die Beklagte sah dies als Beleg für Doping an. Ihre Disziplinarkommission verhängte gegen die Klägerin unter anderem eine zweijährige Sperre. Die hiergegen eingelegte Berufung zum CAS war erfolglos. Auch eine Beschwerde und eine Revision zum schweizerischen Bundesgericht blieben in der Sache ohne Erfolg.

Die Klägerin hat daraufhin Klage zum Landgericht München I erhoben. Sie verlangt Ersatz ihres materiellen Schadens und ein Schmerzensgeld. Das Landgericht hat die Klage abgewiesen. Das Oberlandesgericht München hat dagegen durch Teilurteil festgestellt, dass die Schiedsvereinbarung unwirksam und die Klage zulässig sei.

Die Revision der ISU bekämpft diese Bewertung. Die Klägerin meint hingegen mit dem Oberlandesgericht, die Schiedsvereinbarung sei nach § 19 GWB* unwirksam. Die ISU habe durch den Zwang, entweder die (alleinige) Zuständigkeit des CAS als Schiedsgericht zu vereinbaren oder an der Weltmeisterschaft nicht teilzunehmen, ihre marktbeherrschende Stellung missbräuchlich ausgenutzt. Die Schiedsrichterliste des CAS, aus der die Parteien jeweils einen Schiedsrichter auswählen müssen, sei nicht unparteiisch aufgestellt worden, weil die Sportverbände und olympischen Komitees bei der Erstellung der Liste ein deutliches Übergewicht hätten.

Der Kartellsenat des Bundesgerichtshofs ist dieser Argumentation der Klägerin nicht gefolgt. Er hat entschieden, dass die Klage unzulässig ist, weil ihr die Einrede der Schiedsvereinbarung entgegensteht.

Putin-Freund Thomas Bach und das IOC in Not: Kampf um die Kommunikationsherrschaft

We are at a tipping point for international sport, whose future may well be in doubt.“
Richard Pound, IOC-Doyen

[caption id="attachment_19649" align="aligncenter" width="650"]Finale Fußball-WM 2014 Foto: President of Russia[/caption]

Es ist eine Flucht nach vorne. Der Vorstand des von spektakulären Doping- und Korruptionsfällen schwer erschütterten Internationalen Olympischen Komitees (IOC) geht nach einer Krisensitzung in die Offensive. Der Olympiakonzern unternehme alles, um „saubere Athleten zu schützen“, heißt es in einer länglichen Erklärung vom Dienstag. So teilte die IOC-Führung mit, bei Nachkontrollen eingefrorener Dopingproben von den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking seien 31 Athleten aus zwölf Ländern und sechs Sportarten des Dopings überführt worden. IOC-Medizindirektor Richard Budgett hatte die Analysen vor zwei Monaten angekündigt. Namen wurden nicht genannt, zunächst würden die betreffenden Nationalen Olympischen Komitees (NOK) zeitnah informiert, hieß es. Das IOC versprach weitere Nachtests der Proben von Medaillengewinnern 2008 und 2012 (London). 

Wenig später wurde ein Meinungsbeitrag des IOC-Präsidenten Thomas Bach auf der IOC-Webseite und mancher Tageszeitung veröffentlicht (in Deutschland übernimmt diese Posaunenfunktion traditionell die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Die Unschuldsvermutung könnte in Frage stehen“), in dem Bach von einer „schockierenden neuen Dimension“ und „beispielloser krimineller Energie“ sprach, sollten sich die Enthüllungen des russischen Whistleblowers Grigori Rodschenkow über das staatlich sanktionierte russische Dopingsystem bewahrheiten.

Woran kaum Zweifel bestehen.

Am Mittwoch versprach der UDIOCP Thomas Bach schließlich auf einer Telefonkonferenz mit ausgewählten Journalisten, es würden alle beteiligten Personen und Verbände zur Verantwortung gezogen – sogar lebenslange Sperren zog er in Erwägung, dabei hat er als Funktionär stets gegen lebenslange Sperren und sogar gegen Vierjahressperren gekämpft, die seiner Meinung nach gegen Menschenrechte verstoßen würden. Doch in Krisenzeiten wie diesen stellt sich Bach als Hardliner dar. Ausgerechnet er, der Wladimir Putins Propaganda-Winterspiele 2014 bisher stets in höchsten Tönen als „die Spiele der Athleten“ gepriesen hatte.

Bach ist weltweit unter Druck geraten, seine PR-Maßnahmen folgen in diesen Tagen einem altbekannten Muster, er nennt es gern „proaktive Kommunikation“ und bedient sich wie so oft Verbündeten in den Medien. (Von den üblichen Drohgebärden seiner Anwälte gegenüber Journalisten ist mir derzeit allerdings nichts bekannt.)

Der Reihe nach. Zunächst das Thema Peking: Es handelt sich nicht um die ersten Nachtests der Peking-Proben. Schon 2009 waren einem halben Dutzend Sportlern die Verwendung des Blutdopingmittels Cera nachgewiesen worden. Daraufhin wurde dem für Bahrain startenden Marokkaner Rashid Ramzi die Goldmedaille über 1.500 Meter aberkannt. Auch der italienische Radprofi Davide Rebellin musste seine Silbermedaille zurückgeben. Allerdings war bei der Auswahl der Proben, die in Paris, Lausanne und Köln auf Cera und Insulin untersucht wurden, offenbar selektiert worden. Auch bei den nun vom IOC bekannt gegebenen Fällen wurde selektiert: Man hat sich auf die Proben von Sportlern konzentriert, die für einen Start bei den Sommerspielen 2016 im August in Rio de Janeiro in Frage kommen. Von einer transparenten, unabhängigen Nachkontrolle aller Proben kann also keine Rede sein.

Doping an der Uniklinik Freiburg: das erste Einzelgutachten

Gaaanz vorsichtig formuliert: Es tut sich was in Freiburg. Wie zuletzt angekündigt, scheint die Uni willens, die Gutachten der Doping-Evaluierungskommission zu veröffentlichen, so sie denn vorliegen. Heute Nachmittag teilte man u.a. mit:

Die Universität bekräftigt mit der heutigen Veröffentlichung des ersten Gutachtens ihren festen Willen, die Vergangenheit der Freiburger Sportmedizin aufzuklären und offen zu legen. Sie bittet nochmals auch alle anderen ehemaligen Mitglieder der Evaluierungskommission, ihre Gutachten zur Veröffentlichung freizugeben“, sagt Rektor Prof. Dr. Hans-Jochen Schiewer. „Die ehemalige Kommissionsvorsitzende, Prof. Dr. Letizia Paoli, trägt dabei gemeinsam mit den Autoren die Verantwortung, dass die zwingend nötigen Einverständniserklärungen der Zeitzeugen und Behörden vorliegen.  Wir veröffentlichen nach Freigabe durch die Autoren und Bestätigung der Einverständniserklärungen unverzüglich. Universität und Öffentlichkeit können spätestens jetzt erwarten, die Ergebnisse neunjähriger Kommissionsarbeit zu erhalten.“

Dafür wurde eine Webseite eingerichtet und das erste Gutachten von Prof. Heinz Schöch aus München hochgeladen:

  • „Finanzielle und strafrechtliche Aspekte im Zusammenhang mit der Dopingproblematik in der Abteilung Rehabilitative und Präventive Sportmedizin und in der Sporttraumatologischen Spezialambulanz des Universitätsklinikums Freiburg“.

Die Uni dazu:

In seinem Gutachten kritisiert Schöch, dass die Staatsanwaltschaft Freiburg Verfahren wegen Körperverletzung an den Radsportlern Patrik Sinkewitz, Andreas Klöden und Matthias Kessler sowie an der Hürdensprinterin Birgit Hamann eingestellt hat. Die überwiegende Meinung in der Literatur folge zwar der Auffassung, „dass einverständliche Dopingmaßnahmen bei einem über die Risiken aufgeklärten Sportler durch einen Arzt oder einen anderen Helfer wegen rechtfertigender Einwilligung keine strafbare Körperverletzung darstellen“. Bei den Radsportlern jedoch entfalle die Wirksamkeit der Einwilligung wegen Sittenwidrigkeit, da bei den Behandlungen mit Blutkonserven oder mit Eigenblut schwerwiegende Gesundheitsschäden oder sogar eine Lebensgefährdung zu befürchten gewesen seien. Bei Hamann wiederum sei wahrscheinlich neben anderen Substanzen ein Wachstumshormon injiziert worden, ohne dass sie darüber aufgeklärt worden sei.

Zudem kommt Schöch zu dem Ergebnis, dass „die erheblichen Vergütungen des in der Abteilung Sportmedizin angestellten Arztes Dr. Heinrich durch die Olaf Ludwig Cycling GmbH und die Neue Straßensport GmbH für ärztliche Leistungen, die zu seinen Dienstaufgaben gehörten“, als strafbare Vorteilsannahme oder sogar als Bestechlichkeit zu bewerten seien. Es sei bedauerlich, dass die Staatsanwaltschaft Freiburg ein Ermittlungsverfahren in dieser Sache eingestellt habe.

Diese Einzelgutachten sollen folgen:

  • Wolfgang Jelkmann: Evaluierung der Veröffentlichungen aus der Abteilung für Präventive und Rehabilitative Sportmedizin der Medizinischen Klinik und Poliklinik der Universität Freiburg im Zeitraum 1973–2006.
  • Andreas Singler/Gerhard Treutlein: Herbert Reindell als Röntgenologe, Kardiologe und Sportmediziner: Wissenschaftliche Schwerpunkte, Engagement im Sport und Haltungen zum Dopingproblem. (noch nicht freigegeben)
  • Andreas Singler/Gerhard Treutlein: Armin Klümper und das bundesdeutsche Dopingproblem: Strukturelle Voraussetzungen für illegitime Manipulationen, politische Unterstützung und institutionelles Versagen. (noch nicht freigegeben)
  • Andreas Singler/Gerhard Treutlein: Joseph Keul: Wissenschaftskultur, Doping und Forschung zur pharmakologischen Leistungssteigerung. (noch nicht freigegeben)
  • Andreas Singler: Doping beim Team Telekom/T-Mobile-Team: Wissenschaftliches Gutachten zu systematischen Manipulationen im Profiradsport mit Unterstützung Freiburger Sportmediziner. (noch nicht freigegeben)
  • Andreas Singler: Systematische Manipulationen im Radsport und Fußball: Wissenschaftliches Gutachten zu neuen Erkenntnissen zum Doping in der Bundesrepublik Deutschland im Zusammenhang mit dem Wirken von Armin Klümper. (noch nicht freigegeben)

Zum Studium fehlt mir gerade die Zeit. Dennoch: viel Vergnügen!

Was vom Tage übrig bleibt (94): Uni Freiburg – der Wahnsinn geht weiter

Die unendliche Geschichte nimmt kein Ende, das haben unendliche Geschichten so an sich. Also: Doping-Evaluierungskommission an der Uni Freiburg – viele Millionen für nichts? Oder nur ein bisschen? Es gab schon viele sehr wichtige Erkenntnisse – aber unterm Strich bleibt das doch sehr traurig.

Ich sehe da nicht mehr durch und habe mich längst abgewendet, obgleich das hier einige Jahre ein Thema war (bitte mal die Suchfunktion und/oder die Tags benutzen). Andere blieben und bleiben dran, so etwa Andreas Strepenick, der für die Badische Zeitung ein Q & A zur Thematik geschrieben hat:

Dazu auch Grit Hartmann in der Berliner Zeitung:

Sie schreibt u.a.:

Anfang des Monats nun gingen dem Wissenschaftler (Andreas Singler/JW) die Ergebnisse der juristischen Überprüfung der Gutachten zu, Änderungswünsche inklusive. Vor allem das Urteil zum Klümper-Gutachten fiel harsch aus. Die Arbeit, so befand der von der Uni angeheuerte Rechtsanwalt aus der Freiburger Kanzlei Graf von Westphalen, „sollte in der von mir geprüften Fassung nicht veröffentlicht werden“.

Singler wurde stutzig und stellte fest, dass eben der Anwalt einst Klümper vertrat. Nicht nur einmal, sondern in vielen Prozessen, etwa gegen die Dopingaufklärer Brigitte Berendonk und Werner Franke. Dieser Zeitung liegt ein Schreiben des Anwalts von 1997 vor. Darin werden ärztliche Kritiker Klümpers als von „kollegialem Neid“ getriebene „Nestbeschmutzer“ beschimpft. „Ein Skandal“, sagt Singler, „dass dieser Mann nun von der Universität für objektiv gehalten wird.“

Die Pressemeldungen von heute, die Reihenfolge ist rein zufällig.

Das Rektorat der Uni Freiburg:

Nachrichten aus Absurdistan: Russlands Sportminister Witali Mutko reagiert auf den WADA-Bericht

Einfach mal anschauen und versuchen zuzuhören. Dubiose Typen wie Witali Mutko zählen zu den mächtigsten Figuren des olympischen Weltsports (und den wichtigsten Unterstützern des amtierenden IOC-Präsidenten). So also reagiert Russlands Sportminister, auch FIFA-Exekutivmitglied, auf kriminelle Doping-Fakten:

Wenn ich mich recht erinnere, dann hat sein alter Kumpel (aus St. Petersburger Zeiten) und Ewig-Boss Wladimir Putin kürzlich auf einer IOC-nahen Veranstaltung in Moskau im Beisein des IOC-Präsidenten Thomas Bach (UDIOCP) die Erweiterung einer UN-Resolution angeregt:

We consistently support the idea that sport is outside politics.“