Die Autoritäten der FIFA und ihre Ethik-Narren

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Ganz ehrlich: Es ist mal wieder schlimmer gekommen, als ich vermutet habe. Ich dachte wirklich, das Witz-Organ namens FIFA-Ethikkommission schmeißt wenigstens den Nigerianer Amos Adamu aus dem Exekutivkomitee. Stattdessen reihen sich die nächsten Peinlichkeiten aneinander, die allesamt erneut belegen:

In diesem mafiosen System der Sportfamilie ist keinerlei Besserung in Sicht.

Lustig, weil ich seit ein paar Tagen in Moskau auf, sagen wir, Korruptionsrecherche bin und mich – zum Beispiel – gestern lange mit einem russischen Unternehmer unterhalten habe, der etwa in Sotschi große Geschäfte macht und sich erdreistet hat, sein Leben zu gefährden, weil er gegen die Korruptionszahlungen aufbegehrt, die nicht nur kriminelle Autoritäten fordern, sondern auch staatliche. Bei der FIFA ist das ähnlich, anders kann ich die lächerliche Pressemeldung nicht werten, und wenn ich die Äußerungen lese, die FIFA-Oberethiker Claudio Sulser offenbar in Zürich getätigt hat.

Perikles Monioudis jedenfalls schreibt in der NZZ:

Sulser verstieg sich in einer Belehrung der Medien, die zwar «für die Demokratie in einem Land» wichtig seien. Im Fussball wollten «die Menschen aber Freude erfahren», keine Zwietracht vorgesetzt bekommen.

Ähnliches Dämliches habe ich doch gerade von Englands WM-Bewerbungs-CEO Andy Anson gelesen. Der hat Angst vor Andrew Jennings und den Jungs von der BBC, die gerade eine Panorama-Sendung zur FIFA vorbereiten. Seit Wochen versuchen Fußballfunktionäre und sogar Politiker schon, die Ausstrahlung vor dem 2. Dezember, wenn das FIFA-Exekutivkomitee in Zürich die WM-Länder 2018 und 2022 bestimmt, zu verhindern. Anson sagt:

I am incredibly disappointed with the timing of what the BBC seems to be proposing with Panorama,“ he said. „If they truly believe there is a journalistic reason to run this programme, then they could have done it any time in the last two years. To do it the week before the vote is about one thing and that’s sensationalism. I don’t think that’s helpful and I don’t think it’s patriotic.“

Mir kommt das alles sehr bekannt vor. Journalisten hätten „patriotisch“ zu sein, sagen die Patrioten, die nichts von Journalismus verstehen und denen es auch völlig egal ist, etwas davon zu verstehen, so lange diejenigen, die sich Journalisten nennen, sich an die Regeln derjenigen halten, die im Sportbusiness Milliarden umsetzen.

Mir wird ganz schlecht.

[Notiz am mich:  Ist doch immer wieder nett, negativ überrascht zu werden. Erhalte Dir nur das bisschen Optimismus. Wäre es nicht viel schlimmer und langweiliger, nie überrascht zu werden und immer zu glauben, alles schon gewusst zu haben?]

Oh ja, hier also noch die Meldung der FIFA-Narren:

Ethikkommission suspendiert sechs Offizielle

Die FIFA-Ethikkommission, bestehend aus Claudio Sulser (Vorsitz, Schweiz), Petrus Damaseb (Namibia), Juan Pedro Damiani (Uruguay), Dominique Rocheteau (Frankreich), Dali Tahir (Indonesien) und Robert Torres (Guam), suspendierte sechs Fussballoffizielle für jegliche Tätigkeit im Fussball (Administration, Sport etc.) für ein bis vier Jahre, nachdem sie des Verstoßes gegen mehrere Artikel des FIFA-Ethikreglements für schuldig befunden worden waren. Bei ihrer Sitzung vom 15. bis 17. November 2010 fällte die Ethikkommission folgende Entscheide:

  • Reynald Temarii (FIFA-Vizepräsident) darf während eines Jahres weder national noch international in irgendeiner Form im Fussball tätig sein (Administration, Sport etc.). Darüber hinaus wird er mit einer Geldstrafe von CHF 5.000 belegt.
  • Amos Adamu (Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees) darf während dreier Jahre weder national noch international in irgendeiner Form im Fussball tätig sein (Administration, Sport etc.). Darüber hinaus wird er mit einer Geldstrafe von CHF 10.000 belegt.
  • Slim Aloulou (Vorsitzender der FIFA-Kammer zur Beilegung von Streitigkeiten und Mitglied der Kommission für den Status von Spielern) darf während zweier Jahre weder national noch international in irgendeiner Form im Fussball tätig sein (Administration, Sport etc.). Darüber hinaus wird er mit einer Geldstrafe von CHF 10.000 belegt.
  • Ahongalu Fusimalohi (Generalsekretär des Fussballverbands von Tonga) darf während dreier Jahre weder national noch international in irgendeiner Form im Fussball tätig sein (Administration, Sport etc.). Darüber hinaus wird er mit einer Geldstrafe von CHF 10.000 belegt.
  • Amadou Diakite (Mitglied der FIFA-Schiedsrichterkommission) darf während dreier Jahre weder national noch international in irgendeiner Form im Fussball tätig sein (Administration, Sport etc.). Darüber hinaus wird er mit einer Geldstrafe von CHF 10.000 belegt.
  • Ismael Bhamjee (CAF-Ehrenmitglied) darf während vier Jahren weder national noch international in irgendeiner Form im Fussball tätig sein (Administration, Sport etc.). Darüber hinaus wird er mit einer Geldstrafe von CHF 10.000 belegt.

Die FIFA hatte am 18. Oktober 2010 gegen zwei Mitglieder des Exekutivkomitees ein Verfahren eröffnet und die Ethikkommission zu diesem Zweck mit einer unabhängigen, eingehenden Untersuchung beauftragt. Am 20. Oktober verfügte die Ethikkommission daraufhin eine provisorische Suspendierung gegen sechs Offizielle (siehe Medienmitteilung vom 20 Oktober).

Die Ethikkommission untersuchte darüber hinaus auch die Hinweise auf angebliche Absprachen zwischen Mitgliedsverbänden und ihren Bewerbungskomitees im Rahmen des Bewerbungsverfahrens für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2018/2022™, fand jedoch keine ausreichenden Beweise für eine Verletzung der Bewerbungsregistrierung und des Ethikreglements.

Ich weiß gar nicht, wie oft Typen wie Bhamjee noch suspendiert werden sollen. Manche von denen gehören, sorry, nirgendwo anders hin als in den Knast. Mich würde natürlich interessieren, ob die FIFA auch diesmal die Geldstrafe für die Ganoven bezahlt, wie etwa die 5,5 Millionen zum Korruptionsverdunklungsvertrag in der ISL-Sache.

Absurder geht nicht.

Weshalb ich gern noch einmal daran erinnere, dass wir hier im Blog mal einen passenden FIFA-Ethikchef gesucht und also abgestimmt haben. Andrew Jennings setzte sich damals knapp durch. Und ich schrieb an die FIFA-Gottheit:

Von: Jens Weinreich
Gesendet: Freitag, 20. Februar 2009 09:23
An: Joseph S. Blatter
Cc: Klaus, Hans (FIFA); Maingot, Nicolas (FIFA)
Betreff: Vorschlag für die Fifa-Ethikkommission

Lieber Herr Blatter,

ich habe mit Interesse vernommen, dass Lord Coe sich entschieden hat, den Vorsitz der FIFA-Ethikkommission ruhen zu lassen, weil er – neben seinen vielen anderen Verpflichtungen in der IAAF und als Chef des Londoner Olympiaorganisationskomitees – gern auch noch Englands Bewerbung für die Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 unterstützen will.

Ich habe mir erlaubt, die Leser meines Blogs nach über einen geeigneten Nachfolger (präziser wohl: Stellvertreter für die Zeit, in der Lord Coe sich bei der FIFA um eine WM bewirbt, bevor er dann wieder vollethisch tätig sein will) für Sebastian Coe abstimmen zu lassen.

Der Favorit des Volkes, Sie verzeihen mir diese schnittige Bemerkung, ich weiß, dass Sie meinen mitunter derben Humor verstehen, kommt nun leider nicht aus der bestehenden Ethik-Kommission. Es ist, sorry, ausgerechnet Andrew Jennings, der sich knapp vor Wladimir Putin durchgesetzt hat. Auf den Plätzen folgen Jack Austin Warner, Gerhard Mayer-Vorfelder, Robert Hoyzer und Sie.

Meine Stimme hat Andrew Jennings allerdings nicht bekommen. Ich halte ihn zwar geeignet für dieses Ehrenamt, wie Sie wissen – da wird wohl immer Dissens zwischen uns bestehen -, habe aber dennoch für Sie gestimmt und kein Problem damit, das Wahlgeheimnis zu lüften.

Ich wollte Ihnen diesen Vorschlag gern noch vor der Sitzung der Ethikkommission, die ja um 10 Uhr beginnt, übermitteln.

Ich grüße Sie herzlich und würde mich sehr freuen, wenn wir uns in naher Zukunft mal wieder über ethische Fragen unterhalten könnten. Gern auch über Fragen, die Sie derzeit mehr bewegen wie etwa die 6+5-Regel. Die Leser meines sportpolitischen Blogs würden sich auch sehr freuen, hier mit Ihnen zu diskutieren. Vielleicht haben Sie ja Lust dazu.

Jens Weinreich

Andrew Jennings nahm die Wahl mit diesem Schreiben an:

Von: Andrew Jennings
Gesendet: Freitag, 20. Februar 2009 11:15
An: Jens Weinreich
Betreff: Re: you are elected!

Thank you. I promise to follow in the steps of my illustrious predecessorLord Coe and do absolutely nothing to clean up the racketeering at FIFA. That’s what Seb and Jack and Don Julio and Chuckles and the rest of the gang would want.

Sorry, must stop, have to rush, my allocation of 5,000 World Cup ticketshas arrived.

Andrew Jennings

Schade eigentlich, er hätte seine Sache besser gemacht als Claudio Sulser. Aber Andrew hat ja noch eine Chance: am 29. November, auf BBC Panorama.

Good luck.

Nachtrag: Hübsche frische Geschichte übrigens: British PM invites Warner to lunch in Zurich

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Sepperl #1

Welt am Sonntag vom 21.11.2010 – Interview mit Platini: „Wir brauchen eine Sportpolizei – Uefa-Präsident Michel Platini sieht den Fußball von Wettbetrügern und Korruption bedroht und schlägt Alarm.“ Quelle: http://www.welt.de/print/wams/sport/article11100685/Wir-brauchen-eine-Sportpolizei.html

Na dann wird ja jetzt alles gut.

cf #2

Was macht eigentlich die FIFA-Ethik-Spirale des Absurden? Eine Drehung geht noch!

Der koreanische Fußballfreund Chung Mong-Joon hält das brutalstmögliche™ Vorgehen gegen seine beiden arglistig getäuschten Entwicklungshelferkollegen für überzogen:

Temarii und Amadu haben sich unvorsichtig geäußert. Aber ich frage mich, ob ihr Verhalten so verfehlt war, dass es eine solche Bestrafung nach sich ziehen muss

Ethisch unangreifbar natürlich auch der honorige Vertrag, den der oberste brasilianische Fußballfreund Texeira mit dem WMOK 2014 geschlossen hat: er beteiligt sich mit 0.01% an der Ausrichtergesellschaft für Texeira — und partizipiert im Gegenzug an den eventuellen Gewinnen (50:50) und Verlusten (1:10.000) der Gesellschaft. Klingt fair.

Hier die ganze sid-Meldung in ihrer vollen Pracht.

indykiste #3

Th. Kistner in der SZ: Die Beute bleibt in der Familie

Nicht mal Sepp Blatter dürfte geahnt haben, dass sein Weltverband Fifa – nach der als Säuberung gefeierten Verbannung zweier korrupter Vorstandsmitglieder vergangene Woche – derart flott wieder von der schmutzigen Geschäftsrealität im Weltfußball eingeholt werden würde. Doch Brasilien ist in Aufruhr, nachdem das Sportmagazin Lance in seiner jüngsten Ausgabe den Gesellschaftervertrag des Organisationskomitees COL für die WM 2014 in Brasilien präsentiert hat.

Wie wird die Ethik-Kommission nur reagieren?

indykiste #4

und weiter geht es mit der Geschichte:
Korruption: Neue Vorwürfe gegen Fifa

[…]Ein in der Schweiz wohnhafter Insider, der die Liste eingesehen hat, sagt gegenüber der SonntagsZeitung: «Es sind mehrere Namen von Briefkastenfirmen drauf.» Hinter den Unternehmen verstecken sich angeblich auch Fifa-Exekutivmitglieder, die noch immer im Amt sind.[…]

Der Chef des Bundesamts für Sport, Matthias Remund, kündet internationale Anstrengungen gegen die Korruption an. Remund will Verbandsvorschriften und Gesetzesnormen festlegen und eine internationale Anti-Korruptions-Agentur wie bei der Dopingbekämpfung gründen.

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