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Das Olympische Bildungsmagazin

Notizen zur 4. DOSB-Mitgliederversammlung

Einige unsortierte Notizen vom DOSB-Konvent in Rostock, den ich am Freitag mit einem brandaktuellen Beitrag schon mal eingeleitet habe.

1) Hat irgendwie mit Kommunikationsherrschaft zu tun: Wie ich höre, hat der DOSB erfolgreich beim CDU-Fraktionschef Volker Kauder lobbyiert und sich gewissermaßen seine eigene Sport-Debatte im Bundestag (hier im Blog findet sich auch das Protokoll) organisiert. Der DOSB-Präsident feiert diese Debatte als Meilenstein zur Aufnahme des Sports ins Grundgesetz: „Dies gilt umso mehr, als der Antrag nicht nur ausdrücklich erklärt, dass der Deutsche Bundestag die Autonomie des Sports respektiert, sondern auch die Europäische Union auffordert, die freiwillige Selbstorganisation und Autonomie des Sports anzuerkennen.“ Der DOSB-Präsident Thomas Bach (FDP) bedankt sich bei den Obleuten im Sportausschuss – Dagmar Freitag (SPD), Klaus Riegert (CDU) und seinem Parteikollegen Detlef Parr (FDP) – überschwänglich. All jene, die ihn zwar gelegentlich kritisieren, aber – wie Sportausschuss-Chef Peter Danckert (SPD) – dennoch für die Grundgesetzänderung sind, erwähnt er nicht. Auch Winfried Hermann (Bündnis 90/Grüne) wird mit NIchtnennung bestraft. Gegen Danckert, der sich in der Bundestagsdebatte (s. Protokoll, Seite 8) erlaubt hatte, daran zu erinnern, wer die Nivellierung des Arzneimittelgesetzes zu verantworten hat, führt Bach die angebliche „historische Wahrheit“ ins Feld, der 10-Punkte-Aktionsplan gegen Doping des DOSB-Präsidiums vom August 2006 und dessen Bestätigung durch die Mitgliederversammlung vom Dezember 2006 seien Meilensteine gewesen. Darüber können aufgeklärte Zeitgenossen, die sich daran erinnern, mit welch eklatanter Verspätung sich der DOSB damals in die längst tobende Debatte einschaltete und verzweifelt versuchte, die Kommunikationsherrschaft zu gewinnen, nur müde lächeln.

2) Zum Thema Aufnahme des Sports ins Grundgesetz ist übrigens sehr interessant, was Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) am Sonnabend in der Yachthafenresidenz Hohe Düne sagte. „Präsident Bach“ möge „einen Moment rausgehen“, merkte Schäuble launig an: „Ich rate immer dazu, die Probleme zu lösen und nicht mit irgendwelchen Scheinlösungen zu glauben, die Probleme gelöst zu haben.“

3) Der Auftakt der Mitgliederversammlung könnte einen olympischen Sitzungsrekord gebracht haben, aber ich habe die Versammlungsbilanzen der chinesischen und nordkoreanischen Sportverbände nicht geprüft. Jedenfalls, Grußworte und Ordensverleihungen dauerten satte 106 Minuten, da waren schon die ersten Delegierten eingeschlafen (dafür gibt es außer mir noch mindestens einen Augenzeugen). Der eigentliche Konvent dauerte nur unwesentlich länger als der schwer ermüdende Auftakt.

4) Mehr über den „Meilenstein“ Mitgliederversammlung gibt es auf der DOSB-Homepage oder auch hier.

5) Der Kollege Holger Schück, freier Journalist, hat sich gut umgehört und neben Hintergründen zur DOSB-Finanzierung auch die Geschichte, wonach Leistungssportdirektor Bernhard Schwank in Kürze abgelöst werden soll, schon im Deutschlandfunk versendet.

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Wie ich höre, soll Schwank künftig für die Münchner Olympiabewerbung zuständig sein. Die Kompetenz für den Hochleistungssport soll nach meinen Informationen auf das ohnehin üppig besetzte Generaldirektorium des Michael Vesper (Bündnis 90/Grüne) übergehen. Ich frage mich, ob Schwanks Versetzung/Ablösung/Verbannung/berufliche Neuausrichtung damit zu tun hat, dass er den hohen Herren gelegentlich widersprochen haben könnte. Ich weiß es nicht. Ich stelle nur fest, dass Bernhard Schwank, der letzter NOK-Generalsekretär war, vergangenen Mittwoch im Bundestagssportausschuss gesagt hat, angesichts des Abschneidens der deutschen Mannschaft in Peking könne „von einer Trendwende keine Rede sein“. Die offizielle DOSB-Doktrin aber stellt das ein wenig anders dar.

6) Nach Jahrzehnten wurde in einer Sport-Dachorganisation (bis 2006 existierten NOK und DSB) wieder eine moderate Beitragserhöhung durchgesetzt. Ab 2010 steigt der Beitrag um sieben Cent pro Mitgliedschaft. Der DOSB hatte ursprünglich viel mehr gefordert. Damit sei das „finanzielle Überleben vorerst gesichert“, sagte DOSB-Schatzmeister Hans-Peter Krämer. Er referierte in untypischer und erfrischender Klarheit über das „strukturelle Defizit“ des DOSB, das in Kürze die bescheidenen Rücklagen verschlungen hätte. Der DOSB kalkuliert in den kommenden Jahren im Schnitt mit 1,7 Millionen Euro Defizit, die Summe wird durch die Beitragserhöhung aufgefangen. „Ich sehe keinen, der uns aus der Patsche helfen könnte“, sagte Krämer. „Die Politik hat ein Anrecht darauf, dass der Sport eigene Leistungen zur Sicherung seiner Finanzierung erbringt.“ Im Vorfeld war über die mangelnde Transparenz des DOSB debattiert worden. In der Kritik stehen das angeblich überdimensionierte Generaldirektorium des Michael Vesper und die Personalkosten im DOSB insgesamt.

7) Auch eine interessante Frage: Wie viele Mitglieder hat der Dachverband des deutschen Sports eigentlich? Die DOSB-Führung wird nie müde zu erwähnen, dass sie für die „mit 27,5 Millionen Menschen größte Personenvereinigung des Landes“ spreche. Dabei gibt es Millionen von Doppelmitgliedschaften. Wie viele genau? Niemand vermag es zu sagen. Zur Mitgliederzahl sagte Michael Vesper auf der Pressekonferenz nach einem Frage- und Antwortspiel: „Irgendwas zwischen 19 und 23 Millionen wird es sein.“ Nur: Warum wird dann immer von 27,5 Millionen geredet?

8) Warum sind die so genannten Zielvereinbarungen, die zwischen dem DOSB, dem Bundesinnenministerium (BMI) und den 33 olympischen Verbänden abgeschlossen werden, und die Voraussetzung für die Überweisung der Steuermittel sind, nicht öffentlich zugänglich? Schließlich handelt es sich um öffentliche Mittel. Die Papiere aber werden geheim gehalten. DOSB-General Vesper bemerkte flapsig: „Wenn es öffentlich wäre, würden Journalisten sofort hochrechnen, wie viele Medaillen wir 2012 in London erwarten.“ Durch das Informationsfreiheitsgesetz dürfte Vespers Standpunkt kaum gedeckt sein. Siehe auch: „Das Eigenleben der BMI-Sportabteilung“.

9) Nicht ganz unwichtig für die Beantwortung der Frage, wie glaubwürdig die Dopingbekämpfung in Deutschland ist: Niemand weiß derzeit, drei Wochen vor dem Stichtag 1. Januar 2009, wie viele der 33 Spitzenverbände den neuen nationalen Antidopingcode (NADC) in ihrem Regelwerk implementiert haben – und wie viele nicht. Zu den Nachzüglern zählen die Skandalnudeln Bund Deutscher Radfahrer (BDR), der Deutsche Eishockey-Bund (DEB), aber auch kleine Verbände wie die Taekwondo-Union. Wie viele sind es insgesamt? Das BMI kann oder will es nicht sagen. Die Nationale Antidopingagentur (Nada) kann oder will es nicht sagen – sie verweist auf den DOSB. Der DOSB kann oder will es ebenfalls nicht sagen. Michael Vesper sagte: „Wir werden uns bemühen, das noch vor Ende des Jahres ihnen mitzuteilen.“

Angeblich hat das DOSB-Justitiariat sämtliche Verbände angeschrieben. Auskünfte über die Rückmeldungen werden nicht erteilt. (siehe auch: Facetten der Wahrheit: Doping-Versäumnisse deutscher Spitzenverbände) Im Bundestags-Sportausschuss, der erst vor einem Monat in einem teilweise peinlichen Procedere die 2,6-Millionen-Förderung des BDR durchgewunken hat, will man es nun wieder genauer wissen. Sportausschuss-Chef Danckert und Dagmar Freitag orakeln über einen Fördermittel-Stopp, der bislang nur einmal in bescheidenem Rahmen (100.000 Euro) wegen des Falls Florian Busch am DEB exerziert wurde. Frau Freitag sagt, sie sei bereit, Konsequenzen zu ziehen, sollte die Umsetzung des Nada-Codes in Verbänden nicht gewährleistet sein. Ihre Fraktion hat einen entsprechenden Fragenkatalog an das BMI übermittelt. Wolfgang Schäuble sagte in Rostock: „Ich werbe sehr dafür, dass Verbände rechtzeitig den neuen Code übernehmen. Er wird zuwendungsrechtlich Voraussetzung dafür sein, dass der Bund die Förderung übernehmen kann.“ Der Sportausschuss trifft sich zur letzten Sitzung des Jahres am 17. Dezember. Planmäßig sollte dort die Umsetzung des ein Jahr alten Berichts der Anti-Doping-Taskforce des BMI debattiert werden. Viele Spitzenverbände haben die mangelnde Unterstützung des DOSB und der Nada bei der Umsetzung des NADC kritisiert. DOSB und Nada weisen diese Vorwürfe zurück. Der DOSB verspricht nun, er wolle noch in dieser Woche den säumigen Verbänden einen so genannten Muster-NADC zur Verfügung stellen. Das Papier wird derzeit vom Rostocker Rechtsprofessor und Nada-Vorstand Martin Nolte überarbeitet. Bis zum Stichtag 31. Dezember bleibt kaum Zeit.

10) Eine Presseschau folgt am Montag. Hier vorerst noch das Sportgespräch des Deutschlandfunks zum DOSB-Kongress und zum Doping-Dilemma mit Christa Thiel (Präsidentin des Deutschen Schwimmverbandes und Sprecherin der Spitzenverbände), Dagmar Freitag (Vizepräsidentin des DLV und SPD-Sportsprecherin) und Armin Baumert (Vorstandsvorsitzender der Nada). Fragesteller: Herbert Fischer-Solms und meine Wenigkeit.

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10 Gedanken zu „Notizen zur 4. DOSB-Mitgliederversammlung“

  1. Ein wenig Demagogensport (Staatsrechtler aufgepasst)

    Runde 1: Verinnerlichung der Parallelwelt des Sport(marketing)s und der „autonomen Rechte(verwertung)“ per Grundgesetzänderung

    Runde 2: Unter dem Schirm dieses gesetzlich garantierten Staats im Staate sodann die totale (Rest-) Privatisierung der Politik, etwa durch Visualisierung eines eigenen Führungsanspruchs mittels einer ins Rennen gebrachten separaten, sportiven Fahne

    Runde 3: Restlose Verwirklichung des von einer Verfassung nicht mehr einholbaren dualen Staatsmodells nach einem Vorbild, das man sich dann aus einer der beiden deutschen Diktaturen aussuchen darf – vielleicht ein Kombimodell, ein bisserl Wahl darf’s schon noch sein

    Immer passend dazu jedenfalls hier schon mal der exclusive Slogan: Sei dabei!

  2. Bin schon gespannt, ob sich jetzt auch andere Industrielobbygruppen (zum Beispiel die Automobilindustrie: „Wir fordern die freiwillige Selbstorganisation des Straßenverkehrs“) sich mit solchen Forderungen durchsetzen.

  3. Ich habe eben gehört, Theo Zwanziger habe mit Rücktritt gedroht für den Fall, die Gerichte würden ihm nicht Recht geben gegen Jens Weinreich. Ist das wahr?????? Das muss auf der Jahresabschluss-PK in Frankfurt passiert sein.

  4. Ich hoffe, dass unser Bundespräsident den Reich-Ranicki macht und die ihm in Warnemünde angetragene „Ehrenmedaille des DOSB“ in Anbetracht der sicherlich folgenden Preisträger (vermute: 2009 Franz Beckenbauer, 2010 Boris Becker und zur Frauen-WM 2011 Sepp Blatter) bei der Übergabe nicht annimmt. Außerdem wäre ich ihm dankbar, wenn er damit der Inflationierung von Sportpreisen insbesondere für Funktionäre und Würdenträger Einhalt gebieten würde.
    Ehrlich gesagt weiß ich auch gerade nicht, was ihn bezüglich des Sports aus der Reihe seiner Vorgänger heraushebt. Die Ehrenurkunde der Bundesjugendspiele haben die ja auch schon unterzeichnet.

  5. Pingback: blogring.org

  6. Pingback: Notizen vom Sportausschuss: Klamauk oder “I want to break free” : jens weinreich

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