Lust auf Online-Gebühren? Hier entlang!
Sportpolitische Web-Juwelen (2): der General
2. Dezember 2009, 18:47 - zuletzt bearbeitet: 3. Dezember 2009, 17:52 - 3 kommentareMuss schnell gehen heute, gerade noch Sepp getroffen, Texte geschrieben, hektisch gewesen, Arbeit noch nicht beendet, der Magen knurrt und der Rücken will auch wieder behandelt werden. Zu Sepp und zur FIFA gibt es heute Nacht noch einen Beitrag.
Sport and Politics, hier nun meine 2. Weihnachts-Empfehlung für die Favoritenliste:
Nicht wirklich web2.0socialmedia. Verwunderlich angesichts der überragenden Qualitäten dieses Mannes, der bekanntlich einiges auf sich hält. Eines Mannes, den das UDIOCM vom Ministerposten aus NRW in die DOSB-Zentrale in die Otto-Fleck-Schneise gelotst hat. Billig war das nicht – und Statussymbole, die dem DOSB-General gefallen, mussten ebenfalls sein. Ist ja ohnehin kein Widerspruch: Statussymbole verursachen auch Kosten.
Wem Vespers Webseite ein bisschen wenig aussagekräftig erscheinen sollte, der kann sich hier oder hier einlesen.
Katar und die WM 2022: Fußball im Kühlschrank
11:35 - zuletzt bearbeitet: 23. Januar 2010, 23:35 - 13 kommentareJOHANNESBURG. Gruppenbild mit Junior-Emir: Katars WM-Botschafter Gabriel Batistuta (l.), Ronald de Boer (r.), Sami Al-Jaber (2. v.r.) und Katars Bewerberchef (Mitte), Sohn des Emirs – His Excellency Sheikh Mohammed bin Hamad bin Khalifa Al-Thani. Einer der Al-Thani Sippe. Ein anderer Sohn des Emirs ist IOC-Mitglied, das nur am Rande. Mein alter Freund Mohamed Bin Hammam tritt dagegen derzeit kaum in Erscheinung.

Es wird noch viel zu reden sein über eine weitere abstruse Idee des Joseph Blatter: zwei Fußball-Weltmeisterschaften gleichzeitig zu vergeben. In genau einem Jahr ist es so weit: Die Ehrenmänner des FIFA-Exekutivkomitees werden auf einer Sitzung über die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 entscheiden. Warum ein Mega-Event zwölf Jahre vorher vergeben wird: Es gibt keine vernünftigen Gründe dafür. Was Blatter anführt, man habe damit bessere Vermarktungsmöglichkeiten, ist großer Unsinn. Ein Hirngespinst. Ich werde später sicher mal eine Liste der Fragen und negativen Seiten zusammenstellen, die damit verbunden sind.
Wichtig scheint mir, noch einmal daran zu erinnern, dass diese doppelte WM-Vergabe wieder so ein blattersches Hirngespinst war/ist. Denn auf dem FIFA-Kongress 2008 in Sydney war das nicht wirklich ein Thema. Blatter hat es danach auf der Pressekonferenz erzählt und fast alle Anwesenden überrascht. Der FIFA war das in der Erklärung zum Kongress nicht eine Zeile wert – kein Wunder, denn die Pressemitteilung, die das Kongressgeschehen zusammenfasste, wurde geschrieben, bevor der Große Vorsitzende den Einfall der Welt zu verkünden geruhte.
In einer zweiten FIFA-Pressemitteilung hieß es nach der PK Blatters:
“A new method of awarding the 2018 and 2022 FIFA World Cups was announced.”
So stellte sich der Große Vorsitzende das vor:
“The Executive Committee of FIFA will decide the host countries for the 2018 and 2022 World Cups at the same time, and this will be before June 2011. Currently interested are Mexico, United States, England, Spain, Netherlands-Belgium, Russia, Qatar, China, Japan and Australia. If we can offer two competitions for eight years to our partners and broadcasters and give extra time for planning, the economic result for FIFA will be better. The existing rule that a continent cannot host the FIFA World Cup twice in a row will not be changed. This was to make sure that it would go to Africa otherwise it never would have. As the next two World Cups will be in the southern hemisphere, it is perhaps logical that Australia concentrates on the 2022 tournament. The two tournaments will be held in different continents.”
Halten wir im Dezember 2009 fest: Mehr ist der Welt nicht bekannt. Wie genau das FIFA-Exko entscheiden will? Derlei Fragen stellen sich die WM-Bewerber auch. Sie nehmen es, wie es kommt – denn eins ist doch klar: Im Zweifel gilt der Willen des Präsidenten. Den muss man erahnen. Was braucht es gedruckte Regeln? Dieses Zirkularschreiben muss reichen – es ist das einzige öffentliche Dokument zu dieser Bewerbung. Und wenn es nicht reicht, dann gilt automatisch Regel Nummer eins in Sepps Reich: Was er sagt, ist Gesetz.
Die lange Vorrede musste sein.
Einen wunderbaren Überblick der WM-Bewerbungen gibt übrigens Wikipedia, ich sollte gar nicht erst versuchen, das zu toppen, ich kann nur versuchen, kleine Geschichten zusammenzutragen und zu erzählen.
Am Freitag organisiert die FIFA für internationale Medienvertreter in Kapstadt einen Workshop mit den WM-Bewerbern. Mit etlichen habe ich bereits in Johannesburg gesprochen und mir mein Bild gemacht. Auch deshalb bin ich hier. Viele Geschichten sind darüber noch zu schreiben. Einen ersten Eindruck habe ich gestern notiert:
JOHANNESBURG. Ronald de Boer gerät ins Schwärmen, als er die Vorzüge seiner Heimat aufzählt. „Eine fantastische Infrastruktur”, „gastfreundliche, weltoffene Menschen”, „wunderbare Schulen” und vieles andere mehr. Dann sagt der 67-malige holländische Fußballnationalspieler: „Ich kann mir keinen besseren Gastgeber einer Fußball-WM vorstellen als Katar.”
Jawohl, Katar.
Nicht etwa Holland, das sich gemeinsam mit Belgien um die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 bewirbt.
andreas abold, dichtung und wahrheit, doha 2016, finanzierung von mega-events, joseph blatter, katar 2022, leipzig 2012, ronald de boer, scheich mohammed al-thani, südafrika 2010, vero communications, wm 2010, wm 2018, wm 2022
Der CAS im Fall Pechstein: “abuse of science, bordering to fraud”?
1. Dezember 2009, 21:14 - zuletzt bearbeitet: 2. Dezember 2009, 09:14 - 94 kommentareDer holländische Chemometriker Klaas Faber erhebt nach dem Studium des CAS-Urteils im Blutdoping-Fall Claudia Pechstein heftige Vorwürfe. Er spricht von Missbrauch, Fälschung, Betrug – “abuse of science, bordering to fraud” – und begründet das auch.
Klaas Faber, der für Pechsteins Verteidigung ein Gutachten erstellte, hat die Diskussion hier im Blog lange verfolgt und diesen Beitrag exklusiv für www.jensweinreich.de geschrieben. Es darf weiter diskutiert werden:
By Klaas Faber
The conclusion of ‘doping’ is a result of extensive shopping in the data (‘torture the data until they confess’), followed by a great deal of ‘hineininterpretieren’, for lack of a suitable term in English.
Here follows a relatively short explanation as to why I am convinced that the conclusion of ‘doping’ is an abuse of science, bordering to fraud.
Let me first introduce myself. I am a basic scientist (PhD) who has worked, for example, in a forensic institute for two years (1996-1998). Due to my various previous occupations, I was in an excellent position to prove, with a former colleague, that generally the conclusions drawn from the current biological passport are based on flawed logic [1]. This scientific work was the basis of the expert opinion [2] that I prepared for Mrs. Pechstein’s defence.
In particular, I prompted the developer of the biological passport (Sottas) to explain why he mistreated the data (last bullet of p.6). Admittedly, I was stunned to encounter the following paragraph on p.12 of the CAS award [3]:
“By communications faxed on 23 and 24 November 2009, the Athlete submitted an urgent application for the reopening of the hearing in order to have the opportunity to cross-examine Prof. Sottas, who had not attended the hearing of 22-23 October 2009. The reason for this application was that one of the Athlete’s attorneys had apparently learned that Prof. Sottas had revised his previous opinion on the basis of the Appellants’ evidence submitted on 14 October and, for that reason, the Respondent had not summoned him to the hearing. The Panel has taken into account the Athlete’s application and has determined to dismiss it because, in reaching its decision, the Panel has not relied on the written expert opinion provided by Prof. Sottas.”
Then, who has made sense out of the data?
Please note that the numbers do not automatically speak for themselves. One must properly account for the uncertainty in the input data to arrive at a statement of the kind “I am 99.9% (say) certain that Mrs. Pechstein doped”.
Close examination of the CAS award shows that the statistical treatment is even worse than I could imagine when submitting my expert opinion. It would be an understatement to say that it is ‘unlike’ to what is presented in all the publications that I know concerning the biological passport (scientific articles, lectures, websites), see [2].
Just have a look at point 183 on p.51, where a maximal critical difference (see [4], p. 191) is used to support the conclusion that the values obtained in February 2009 in Hamar (3.49, 3.54 and 3.38) are ‘abnormal’, even in comparison with her own individual %retics values.
Blatter lästert über Irlands Fußballverband (2)
17:48 - zuletzt bearbeitet: 13. Dezember 2009, 00:17 - 11 kommentareJOHANNESBURG. Ich glaube, Sepp hat einen neuen Freund.
“I think my country deserves more recognition from Blatter.”
“I’m afraid Mr Blatter is a law unto himself. I thought it was very disrespectful how he presented this fact. He ignored most of the controversial things that went on that evening. He never had anything to say about that at all, like (Thierry) Henry’s behaviour after scoring the goal and how that stands within his campaign to have fair play within the game. Henry celebrates as if he’s done nothing wrong. Is that fair play?”
“Hardly. But Mr Blatter chose to talk about the request to be considered as the 33rd team.”
“People will be watching Mr Blatter closely and his decisions closely from now on.”
Ach ja, das sagte Liam Brady auch noch: Blatter sei ”a bit of a loose cannon” und “an embarrassment to FIFA”. Eine verirrte Kanonenkugel und eine Peinlichkeit. Nun denn.
Kleiner Nachtrag zum gestrigen Beitrag. Nachdem nun der er Lügen” href=”http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2007/0702/sport/0027/index.html” target=”_blank”>Vielfach-Lügner FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke in Kapstadt offiziell erklärt hat, dass es doch nichts wird mit einem 33. Team bei der WM 2010, meldet das nun auch dpa (“FIFA-Generalsekretär: Keine Chance für Irland”), ohne jedoch die arg verzerrt wiedergegebene Meldung von gestern zu korrigieren. Putzig natürlich, dass das letzte Stoppzeichen für Irland ausgerechnet Valcke kommt – der gewesene Vielfach-Lügner Valcke, den Blatter deshalb feuerte und wieder anheuerte, ist Franzose.
Wer gestern Blatters Auftritt in Johannesburg verfolgte, konnte die Aussagen nicht anders werten. Dies ist imho ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, nicht nur Zitate plump zu vermelden, sondern immer auch die Umstände, unter denen derlei Worthülsen abgesondert wurden, zu beschreiben. Oder es zumindest zu versuchen.
Hier mein gestriger Beitrag, der u. a. in der Financial Times, Berliner Zeitung und in der NZZ erschienen ist. Muss jetzt – gestärkt mit Ipufren, das nicht auf der Journalisten-Dopingliste steht – zum Flieger nach Kapstadt, vielleicht stelle ich heute Nacht noch die Audio-Datei mit den Blatter-Sprüchen online.
JOHANNESBURG. Sie feiern ihn jetzt schon wie den Heiland. Wo soll das alles noch hinführen in den kommenden 191 Tagen bis zum Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2010? Zum Spiel, dass Bafana, Bafana, die Auswahl Südafrikas, „gewinnen wird”, wie Joseph Blatter vorab enthüllte. Dafür gab es prasselnden Applaus am Montag auf der weltgrößten Fußballmesse Soccerex in Johannesburg. Fifa-Präsident Joseph Blatter, vorgestellt als „einer der wichtigsten Menschen des Planeten”, war Stargast der Soccerex, von wo er nach Kapstadt jettete, wo am Freitag die WM-Endrundengruppen ausgelost werden.
Unmittelbar vor dieser Auslosung hat Blatter in unvergleichlicher Art wieder Schlagzeilen gemacht. „Irland will als 33. Team zur WM”, titelten Nachrichtenagenturen nach seinem launischen Auftritt in Johannesburg. Dabei hatte Blatter doch nur einen Witz gerissen auf Kosten der Iren, die vergangenen Freitag bei ihm in der Fifa-Zentrale in Zürich auftauchten, um sich über Thierry Henry und sein Handspiel im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in Frankreich zu beschweren. „Sie haben demütig darum gebeten, als 33. Team an der WM teilnehmen zu dürfen”, erzählte Blatter. Im Saal, prall gefüllt mit Fußballvermarktern aus aller Welt, auch mit den kommenden WM-Organisatoren aus Südafrika und Brasilien, wurde schallend gelacht.
Blatter liebt diese Momente. Er kann dann nicht aus seiner Haut, sondern setzt unwillkürlich an zu seinem typischen Blatter-Lachen: Er wird immer ganz rot und grunzt deutlich vernehmbar – so auch diesmal in Johannesburg. Er hatte seinen Spaß. „Wenn die Iren das unbedingt wollen, kann ich das gern dem Fifa-Exekutivkomitee vorschlagen”, witzelte er. Aber 33 Mannschaften? Dann kommt auch noch Costa Rica an, weil es gegen Uruguay ein Abseitstor gegeben haben soll.”
So ging das in einem fort. Einmal mehr bekannte Blatter, selbst ernannter Hüter des Fairplay, er könne Thierry Henry verstehen, dass er dem Schiedsrichter sein Handspiel nicht gestanden habe. Wenig später erklärte er inbrünstig: „Handspiel ist das größte Verbrechen im Fußball!” Um sich Sekunden darauf zu korrigieren: Nein, Schwalben seien noch schlimmer. Kurzum: Es war eine typische Plauderstunde des Joseph Blatter.
Die Führung des irischen Fußballverbandes fand es indes gar nicht so lustig, durch die Indiskretion des Fifa-Präsidenten weltweit als Idioten dargestellt zu werden, die offiziell einen 33. WM-Startplatz verlangen. Prompt veröffentlichten die Iren ein Kommuniqué, in dem es hieß, man habe in Zürich vor allem darüber geredet, wie ähnliche Fehlentscheidungen künftig vermieden werden können, etwa mit dem Video-Beweis. Ja, zwischendurch habe man sich auch erkundigt, ob nicht Chancen bestünden, Irland für die Endrunde zuzulassen. Es war eine verzweifelte Frage in vertraulicher Runde, über die Blatter nun öffentlich lästerte.
dichtung und wahrheit, ethik, fai, handball, irland, jerome valcke, joseph blatter, soccerex, spezialdemokratie, südafrika 2010, video-beweis, wm 2010
Sportpolitische Web-Juwelen (1): “Travels with Chuck Blazer”
12:21 - zuletzt bearbeitet: 3. August 2010, 14:01 - 17 kommentareAuf seltsame und vereinzelte Wünsche wird an dieser Stelle umgehend reagiert. Es hat doch tatsächlich jemand darum gebeten, ich möge eine Weihnachtsserie starten. Kein Problem, gern geschehen. Nur habe ich nicht so viel Zeit, täglich eine hübsche Geschichte zu erzählen. Arbeit geht vor, und trotz eines schrecklichen Hexenschusses habe ich vor, bis Ende der Woche weiter aus Johannesburg und Kapstadt zu berichten. Sitzen kann ich einigermaßen, schreiben geht auch. Meine Haltung ist allerdings etwas problematisch, ich meine nicht die journalistische oder die weltanschauliche. Nach vorn gebeugt würde ich etwa 120 Grad schätzen – zur Seite sind es auch einige Dutzend Grad Abweichung vom Normalwert. Mindestens.
Doch zurück zum Thema: Bis Heiligabend werde ich täglich eine sportpolitische Kostbarkeit aus dem Internetz vorstellen. Manches wurde hier sicher schon verlinkt, einiges wird neu sein.
Beginnen wir mit dem Teufel.
Chuck Blazer (USA), mein neuer Facebook-Freund, wird mir die Bezeichnung sicher nicht übel nehmen. Chuck versteht Spaß, das weiß ich. Sonst hätte er dieses Foto (Screenshot, copyright: Chuck Blazer) nicht auf seiner Webseite veröffentlicht. Sonst hätte er es nicht so lange Jahre im New Yorker Trump Tower und an der Seite seines kongenialen Kameraden Jack Warner ausgehalten. Chuck Blazer ist einer der wichtigsten Fußballfunktionäre des Planeten. Er gehört dem FIFA-Exekutivkomitee an, agiert seit gefühlten 300 Jahren als Generalsekretär von Jacks CONCACAF, die in der Regel 35 Stimmen für Blatter & Co. liefert, ist derzeit sehr beschäftigt als Boss der FIFA-Klub-WM in Abu Dhabi und dennoch gerade flink nach Kapstadt gejettet, wie er via Twitter mitteilte, um an den FIFA-Sitzungen teilzunehmen und die WM-Auslosung zu beaufsichtigen. Nimmermüde dient Chuck dem Weltfußball und dem Weltfrieden. Zu seinen sonstigen Hobbies zählen: “technology, video, internet, finance” und solche Sachen. Als sein Vorbild nennt er keinen Geringeren als den ältesten Olympiasieger aller Zeiten:
“A majestic symbol of elegance in our sport, Dr. Joao Havelange.”
Sport and Politics, meine 1. Weihnachts-Empfehlung für die Favoritenliste:

Chuck lässt uns teilhaben am nimmermüden altruistischen Wirken eines Top-Funktionärs. Er erlaubt wunderbare Einblicke in Text, Bild und Ton. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.
chuck blazer, concacaf, fifa, jack austin warner, spezialdemokratie, südafrika 2010, web-juwelen, weihnachtsserie, wm 2010
Die FIFA, Coca-Cola, Massenmörder Robert Mugabe und der Fußball-Weltpokal
30. November 2009, 17:10 - zuletzt bearbeitet: 13. Dezember 2009, 00:17 - 14 kommentareJOHANNESBURG. Auf der Soccerex hat FIFA-Präsident Joseph Blatter heute noch einen Witz versucht. Frei wiedergeben hat er geplaudert, die ehemaligen europäischen Kolonialmächte – er nannte England, Belgien, Spanien und Frankreich – werden sich im kommenden Jahr schon noch wundern, wozu Afrika fähig sei. Blatter scheut keine noch so billige Stimmungsmache um sich als allafrikanischer Held, Bewahrer des Fairplay, Volldemokrat, Hüter des Weltfriedens und Retter der Menschheit aufzuspielen. Was ich vergangene Woche leider übersehen habe, trage ich nun nach: Die FIFA organisiert derzeit gemeinsam mit Coca-Cola, einem ihrer langjährigen Hauptsponsoren, die “World Cup Trophy Tour“. Vergangenen Donnerstag kam der FIFA-Weltpokal, sponsored by Coca-Cola, auch in Simbabwes Hauptstadt Harare vorbei. Einziger Simbabwer, der den World Cup liften durfte, war …

… Massenmörder Robert Mugabe. Das Foto ist ein Screenshot aus dem Guardian, der das Thema aufgegriffen hat: “Anger as Robert Mugabe raises World Cup trophy“.
Simbabwes Regierung sieht das so:
SOME people came on buses, others on cars, a few in lorries but the majority used public transport into the city centre, and then completed the journey on foot to the Harare International Conference Centre, for a date with the iconic Fifa World Cup trophy.
The trophy arrived in Zimbabwe on Thursday night with President Mugabe being the only Zimbabwean citizen handling the solid gold at a glamorous ceremony at the Harare International Airport.
President Mugabe was also the first Zimbabwean to have his photo taken with the World Cup Trophy before senior Government officials, led by Deputy Prime Minister Arthur Mutambara, got as close as possible, but without touching the Trophy.
The President and the First Family were at the Harare International Airport to receive the World Cup Trophy.
Yesterday fans went to the HICC with many hopeful of catching a glimpse of the Trophy and, for the lucky ones, getting a photo opportunity with the trophy in its glass box.
It was truly a carnival atmosphere with Zimbabweans from different races, colours, cultural backgrounds, ages and professions hoping for that photo with the one and only authentic Fifa World Cup. (…)
Und auf der FIFA-Webseite (Screenshot) steht dieses Foto mit Mugabe, dem Weltpokal (Mitte) und Mugabes Frau Grace:

coca-cola, dichtung und wahrheit, ethik, joseph blatter, massenmörder, menschenrechte, robert mugabe, spezialdemokratie, südafrika 2010, wm 2010, world cup trophy tour
Handspiel? Henry? Blatter lästert über Irlands Fußballverband
15:56 - zuletzt bearbeitet: 13. Dezember 2009, 00:18 - 8 kommentare
JOHANNESBURG. Mit einer Indiskretion über ein Treffen vergangenen Freitag mit dem Irischen Fußballverband (FAI) in Zürich hat FIFA-Präsident Joseph Blatter heute wieder weltweit Schlagzeilen gemacht. Ganz so wie es die Deutsche Presse-Agentur darstellt, deren Bericht in deutschen Onlinemedien gut läuft, verhält es sich aber nicht – der SID hat es korrekter dargestellt. Ich weiß nicht, wie diese im Detail unzutreffende Meldung entstanden ist – Fehler können passieren, das weiß ich nur zu gut; bin gespannt, ob dpa den Vorgang korrigiert oder sollte ich besser sagen: etwas zutreffender darstellt? Mehr dazu später. Wer auf der Eröffnungsession der Soccerex in Sandton anwesend war, hat es richtig mitbekommen. Blatter hat sich über die Iren lustig gemacht, als hätten die nach dem unsäglichen, ungeahndeten Henry-Handspiel nicht schon genug zu leiden. So blöd, ganz offiziell einen 33. WM-Startplatz zu fordern, sind die Iren nun auch nicht. Sie sahen sich allerdings gezwungen, diese Erklärung zu veröffentlichen.
Einmal mehr äußerte Blatter übrigens Verständnis für Henry, betrogen und den Schiedsrichter nicht über das Handspiel aufgeklärt zu haben.
ethik, fifa, handball, joseph blatter, journalismus, soccerex, südafrika 2010, thierry henry, video-beweis, wm 2010
Treffen in Berlin: Der DOSB sagt zum Fall Pechstein …
15:06 - zuletzt bearbeitet: 30. November 2009, 15:16 - 8 kommentareIch weiß noch nicht, was es bedeutet, was sich dahinter versteckt. Aber wichtig genug scheint mir die Sonntagsrunde, die sich gestern in Berlin getroffen hat. Eine Runde mit allen üblichen Verdächtigen, sogar Gerd Heinze durfte teilnehmen. Soeben teilt der DOSB mit:
Erklärung
Gestern haben sich im Berliner Hauptstadtbüro des deutschen Sports auf Einladung von DOSB-Präsident Thomas Bach der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Christoph Bergner MdB, der Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), Gerd Heinze, Claudia Pechstein, ihr Anwalt Simon Bergmann und DOSB-Generaldirektor Michael Vesper getroffen, um alle anstehenden Fragen nach der Entscheidung des Court of Arbitration for Sport (CAS) vom 25. November 2009 zu erörtern. Das Gespräch verlief in einer offenen, konstruktiven Atmosphäre, in der auch das Verständnis der Teilnehmer für die menschlich schwierige Lage von Claudia Pechstein zum Ausdruck kam. Es hatte im Wesentlichen folgendes Ergebnis:
- BMI, DOSB und DESG akzeptieren den Schiedsspruch des CAS als sportrechtlich bindend gemäß den nationalen und internationalen sportrechtlichen Bestimmungen sowie der UNESCO-Konvention zum Kampf gegen Doping.
- Zugleich respektieren BMI, DOSB und DESG die Berufung von Claudia Pechstein vor dem Schweizer Bundesgericht als ihr unveräußerliches persönliches Recht.
- Der DOSB entspricht dem Wunsch von Claudia Pechstein, ihre persönliche Mitgliedschaft im DOSB bis zum rechtskräftigen Abschluss des Verfahrens vor dem Schweizer Bundesgericht ruhen zu lassen.
- Die DESG wird bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen Unbekannt wegen des Verdachts des Verstoßes gegen § 6a des Arzneimittelgesetzes stellen. Der DOSB und Claudia Pechstein begrüßen diese Anzeige.
- Claudia Pechstein bekräftigt, sie habe nicht gedopt. Sie wird in dem Ermittlungsverfahren im vollen Umfang mitwirken und alle Anstrengungen zur vollständigen Aufklärung des Falles unterstützen.
Ich denke mal, ein (vielleicht nicht mal nachrangiger Aspekt) dieser Erklärung ist, dass Münchens Olympiabewerbung wegen nachhaltiger Differenzen nicht nur einer Athletin, sondern auch eines Verbandes, nicht negativ beeinflusst sehen will. Zum Beispiel. More to say, nur zu …
Ein erster Nachtrag: Claudia Pechstein lässt “ihre persönliche Mitgliedschaft im DOSB … ruhen”, heißt es. Dahinter verbirgt sich dies. Mich erinnert der Vorgang allerdings auch an den Fall Breuer und die damalige Begründung des DLV, keine Sanktionierungsverfahren anzustrengen.
Was vom Tage übrig bleibt (48): Südafrika, Soccerex, DOSB-Ethikpreis, The Fastest Couple
29. November 2009, 17:15 - zuletzt bearbeitet: 6. Januar 2010, 01:46 - 23 kommentare
Moin. Melde mich heute aus Sandton, Johannesburg. Unten auf dem Nelson Mandela Square gewinnt gerade Holland nach drei Toren von Pierre van Hoijdonk das “World Cup legends tournament” im Finale gegen England. Ja, es geht in den nächsten Tagen um Fußball. Es gibt ein Wiedersehen mit Sepp’n Jack, Ricardo & Franz & Chuck und all den anderen. Nach der Messe Soccerex hier im Sandton Convention Centre bin ich noch einige Tage in Kapstadt, u.a. am Donnerstag bei der Sitzung des FIFA-Exekutivkomitees auf Robben Island (Friedensnobelpreis, ick hör Dir trapsen) und natürlich bei der WM-Gruppenauslosung am Freitag, die ich sicher live mitbloggen werde. Ich hoffe, wir werden etwas Spaß haben.
Bevor der Fußball dominiert, noch einige Pflichtthemen, die flink abgearbeitet werden müssen. Von Sepp’n Jack, anderen Totalspezialdemokraten, Ethikexperten und dem Friedensnobelpreis ist es nicht schwer, die Brücke zu schlagen zum DOSB, der heute dazu aufgerufen hat, Vorschläge für den “DOSB-Ethikpreis 2010” zu unterbreiten. Ich finde, hier ist der richtige Platz, um Vorschläge zu diskutieren und parallel natürlich auch beim DOSB einzureichen. Einsendeschluss ist der 15. Dezember:
2010 vergibt der DOSB zum ersten Mal den DOSB-Ethikpreis. Damit sollen künftig alle zwei Jahre eine Persönlichkeit oder eine Gruppe ausgezeichnet werden, die sich in besonderer Weise um die Förderung der ethischen Werte im Sport verdient gemacht hat.
Der DSOB-Ethikpreis wird 2010 erstmals verliehen.
Angesichts der vielfältigen Herausforderungen, unter denen sich der Sport heute bewähren muss, werden bei der Vergabe des DOSB-Ethikpreises insbesondere gewürdigt: Verdienste im Bereich der Werteerziehung, soziales und ökologisches Engagement sowie Fairness und moralische Integrität.
Der DOSB-Ethikpreis wird in Kontinuität zur Ludwig-Wolker-Plakette verliehen, die an einen der bedeutendsten Repräsentanten der kirchlichen Sportbewegung erinnerte.
Jede Mitgliedsorganisation kann einen begründeten Vorschlag machen, der mit entsprechenden Unterlagen bis zum 15. Dezember 2009 an die Kuratoriumsvorsitzende Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper zu leiten ist.
Weitere Anfragen und Rücksendungen bitte an Stephanie Primus, Fax: 069-6700-1207, Mail: primus(at)dosb.de , Tel: 069-6700-207 oder per Post: Stephanie Primus, DOSB, Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt am Main.
Nur zu, ich rufe auf zur Diskussion:
Wer hat sich in der Vergangenheit um ethische Werte im Sport verdient gemacht? Wer soll den DOSB-Ethikpreis erhalten?
Einige Namen habe ich weiter oben schon ins Spiel gebracht. Das UDIOCM (FDP) und sein DOSB-General von den Bündnisgrünen, Christoph Bergner (CDU), Juan Antonio Samaranch (Opus Dei/KGB?) oder Werner Goldmann sind natürlich auch Kandidaten – aber die werden sich doch wohl nicht selbst auszeichnen? Oder etwa ihren Freund 20er?
Nachtrag, 19.28 Uhr: Oh, ich hatte übersehen, dass hier keine Vorschläge gemacht werden dürfen, weil diese kleine feine Öffentlichkeit nicht zur Sportfamilie gehört. Es dürfen nur Mitgliedsorganisationen Namen einreichen, und die definiert der DOSB so:
Unter Sportfamilie verstehen wir die 97 Mitgliedsorganisationen sowie deren Untergliederungen, die den Sport in Deutschland gestalten und organisieren.
Zu den Mitgliedern im Deutschen Olympischen Sportbund gehören:
- 16 Landessportbünde
- 61 Spitzenverbände (33 olympische und 28 nichtolympische)
- 20 Sportverbände mit besonderen Aufgaben
- 2 IOC-Mitglieder
- 15 Persönliche Mitglieder
Obwohl ich jetzt nicht weiß, warum auf der DOSB-Webseite nur “2 IOC-Mitglieder” genannt werden. Noch sind es drei. Und ein Mann wie Walther Tröger, der am 31. Dezember IOC-Ehrenmitglied wird, sollte im DOSB eigentlich noch einen Sitz haben dürfen. Wie auch immer: Wer mag, sollte der Chef-Ethikerin Frau Doll-Tepper trotzdem eine Email schicken.
Die Ethik also. Schon sind wir beim heutigen Lesebefehl:
Ich habe immer wieder Geschichten über das einstige The Fastest Couple on Earth verlinkt: Marion Jones und Tim Montgomery. Diese Stories von Times-Sportchefreporter Owen Slot sollte man ebenfalls lesen:
- Unabashed Tim Montgomery and Marion Jones kept drugs in fridge
- Tim Montgomery: ‘I had the best job in the world – now I’m in prison clearing leaves’
Und zum Abschluss noch ein Jobangebot. Ich meine, die Zeiten sind hart. Angesichts dieser Offerte des DOSB zur Mitarbeit an der Münchner Olympiabewerbung überlege ich ernsthaft, die Seiten zu wechseln. Klingt vielversprechend. Oder hat jemand einen besseren Vorschlag? Möchte sich jemand bewerben? → weiter lesen
doping, dosb, ethik, fifa, friedensnobelpreis, marion jones, münchen 2018, presseschau, soccerex, sportfamilie, südafrika 2010, tim montgomery, wm 2010
Das Original: “Gesetz zur Bekämpfung des Dopings und der Korruption im Sport”
26. November 2009, 19:16 - zuletzt bearbeitet: 26. November 2009, 21:04 - 54 kommentareDass ich das noch erleben darf! Einen Entwurf für ein
“Gesetz zur Bekämpfung des Dopings und der Korruption im Sport“
zu veröffentlichen, ist eine feine Sache.
Tausendmal habe ich darüber geschrieben und dargelegt, warum der Straftatbestand Sportbetrug wichtig ist, habe das “Strukturproblem Korruption in der Spezialdemokratie Sport” beschrieben und die sträfliche Vernachlässigung des Thema Korruption in den drei Rechtswelten des Sports, habe versucht, Präventionsmaßnahmen zu entwickeln usw. usf… Ich kann es mittlerweile auswendig. Und darf einmal mehr unser gemeinsames Buch “Korruption im Sport” aus dem Jahr 2006 empfehlen, mit Beiträgen von Experten wie Britta Bannenberg, Andrew Jennings, Thomas Kistner und vielen anderen.
Die Debatte ist durch die Initiative der bayerischen Justizministerin Beate Merk (CSU) extrem bereichert worden. Frau Merk engagiert sich auf diesem Gebiet schon lange (SZ-Interview: “Ich bin ja der Depp, wenn ich nichts nehme“). Über ihre aktuelle Gesetzesvorlage hat Heribert Prantl heute in der Süddeutschen Zeitung geschrieben – “Zehn Jahre Haft für Doping und Sportbetrug“ -, es war der Aufmacher, und hier stelle ich den Gesetzentwurf zur Diskussion.
Natürlich im Original, natürlich in Gänze als pdf-Datei. Niemand sagt, dieser Entwurf sei die Rettung, sei genial, sei wasserdicht. Mir fällt bei der ersten Durchsicht zum Beispiel auf, dass Funktionärskorruption gar nicht erfasst wird, oder? Aber es ist ein hoffentlich ernsthafter Versuch, über den auf Grundlage aller Details debattiert werden sollte. Deshalb gibt es das Dokument, den Referentenentwurf, der noch andere bayerische Ministerien passieren muss und sicher verändert wird, hier im Blog komplett zum Lesen, zum Downloaden – und zum gehaltvollen Diskutieren. Auch wenn es manchen nervt, ich sage es noch einmal und werde es noch etliche Male sagen: das ist meine Vorstellung von Journalismus im dritten Jahrtausend.
Bevor ich zum Merk-Papier komme, noch einige Dokumente zum Vergleich:
- Das derzeit in Deutschland gültige Arzneimittelgesetz (AMG)
- Dazu die letzten Änderungen aus dem Jahr 2007 zur Bekämpfung des Dopings im Sport (ich hoffe mal, dass ich die Dokumente nicht durcheinander bringe)
Demnach sind empfindliche Geldstrafen und Haftstrafen von bis zu zehn Jahren in schweren Fällen schon heute möglich. Schon lange möglich. Bloß, das ist die Crux, es gibt nicht nur ein kolossales Vollzugsdefizit, sondern auch eine unheilige Allianz von Sport, Politik und allerlei anderen Playern, die die Umsetzung verhindert. Darüber sind schon viele Bücher und Zeitungsartikel geschrieben worden, dass ein ganzer Wald dafür abgeholzt werden musste. (Beispielsweise ist ja auch nie einem Dopingarzt die Zulassung entzogen worden in diesem Lande.)
Wenn ich es also richtig verstehe, sollen die derzeit gültigen Doping betreffenden Passagen im AMG und in der Strafprozessordnung aufgehoben und ersetzt werden durch das:
-
Gesetz zur Bekämpfung des Dopings und der Korruption im Sport, Sportschutzgesetz (pdf-Datei, 29 Seiten, 0,6 MB, das Wasserzeichen als Blog-Werbung habe ich mir mal erlaubt, sorry.)
Absolut neu und zentral sind beispielsweise § 5 (Sportbetrug) und § 6 (Bestechlichkeit und Bestechung im Sport). Insgesamt liest sich das derzeit so:
Artikel 1
Sportschutzgesetz (SportSG)
§ 1 Definitionen
(1) Doping ist die Anwendung, Aufnahme, Injektion oder Einnahme eines Dopingmittels im Sinne des Absatzes 2 oder die Anwendung einer Dopingmethode im Sinne des Absatzes 3, sofern dies im Einzelfall anderen Zwecken als der Behandlung von Krankheiten dient und bei Menschen erfolgt oder erfolgen soll.
(2) Als Dopingmittel im Sinne dieses Gesetzes gelten die in der Anlage zu diesem Gesetz aufgeführten Stoffe und Zubereitungen.
(3) Als Dopingmethoden im Sinne dieses Gesetzes gelten die im Anhang des Übereinkommens gegen Doping (Gesetz vom 2. März 1994 zu dem Übereinkommen vom 16. November 1989 gegen Doping, BGBl. 1994 II S. 334) in der jeweiligen Fassung aufgeführten Methoden zur Erhöhung des Sauerstofftransfers sowie die dort beschriebene nicht therapeutische Anwendung von Zellen, Genen, Genelementen oder der Regulierung der Genexpression (Gendoping).
(4) Das Bundesministerium für Gesundheit wird ermächtigt, im Einvernehmen mit dem Bundesministerium des Innern durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates weitere Stoffe oder Zubereitungen aus Stoffen im Sinne von Absatz 2 oder Methoden im Sinne von Absatz 3 zu bestimmen, soweit dies geboten ist, um eine unmittelbare oder mittelbare Gefährdung der Gesundheit des Menschen durch Doping zu verhüten.
(5) Als sportlicher Wettkampf im Sinne dieses Gesetzes gilt ein sportlicher Wettkampf, an dem Sportler ihres Vermögensvorteils wegen teilnehmen.
§ 2 Aufklärung der Bevölkerung
Die nach Landesrecht zuständigen Stellen sowie die Bundesbehörden im Rahmen ihrer Zuständigkeit, insbesondere die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, sollen die Bevölkerung, namentlich Kinder und Jugendliche, über die Gefahren des Dopings aufklären und Beratung anbieten.
§ 3 Berichtspflichten
Die Bundesregierung berichtet dem Bundestag im Abstand von drei Jahren unter Einbeziehung der Länder über die in diesem Zeitraum ergriffenen Maßnahmen zur Bekämpfung des Dopings.
§ 4 Straftaten
(1) Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer
1. mit Dopingmitteln (§ 1 Abs. 2) zu Dopingzwecken im Sport Handel treibt, sie, ohne Handel zu treiben, einführt, ausführt, veräußert, abgibt oder sonst in den Verkehr bringt,
2. Dopingmittel (§ 1 Abs. 2) zu Dopingzwecken im Sport verschreibt, verabreicht oder zum unmittelbaren Verbrauch überlässt,
3. einem anderen eine Gelegenheit zum Erwerb oder zur Abgabe von Dopingmitteln (§ 1 Abs. 2) zu Dopingzwecken im Sport verschafft oder gewährt, eine solche Gelegenheit öffentlich oder eigennützig mitteilt oder einen anderen zum Verbrauch solcher Dopingmittel zu Dopingzwecken im Sport verleitet oder
4. Dopingmittel (§ 1 Abs. 2) zu Dopingzwecken im Sport sich zu verschaffen unternimmt oder besitzt.
(2) Ebenso wird bestraft, wer eine Dopingmethode im Sinne des § 1 Abs. 3 zu Dopingzwecken im Sport bei einem anderen anwendet oder einen anderen dazu verleitet, dass er eine solche Dopingmethode an sich vornehmen lässt.
(3) In den Fällen des Absatzes 1 Nr. 1, 2, 3 und des Absatzes 2 ist der Versuch strafbar.
(4) Mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr wird bestraft, wer
1. in den Fällen des Absatzes 1 Nr. 1, 2, 3 oder des Absatzes 2 gewerbsmäßig oder als Mitglied einer Bande handelt, die sich zur fortgesetzten Begehung solcher Taten zusammengeschlossen hat,
2. in den Fällen des Absatzes 1 Nr. 1, 2, 3 oder des Absatzes 2 einen anderen in die Gefahr des Todes oder einer schweren Schädigung an Körper oder Gesundheit bringt oder
3. Dopingmittel (§ 1 Abs. 2) zu Dopingzwecken im Sport an Personen unter 18 Jahren abgibt, verabreicht, diesen Personen zum unmittelbaren Verbrauch überlässt oder diese Personen zum Verbrauch solcher Dopingmittel zu Dopingzwecken im Sport verleitet oder in den Fällen des Absatzes 2 gegenüber Personen unter 18 Jahren handelt.
(5) In minder schweren Fällen des Absatzes 4 ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.
(6) Handelt der Täter in den Fällen des Absatzes 1 oder 2 fahrlässig, so ist die Strafe Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe.
§ 5 Sportbetrug
(1) Wer an einem sportlichen Wettkampf (§ 1 Abs. 5) teilnimmt und dabei ein Dopingmittel im Sinne des § 1 Abs. 2 oder eines seiner Metabolite oder Marker im Körper hat, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Satz 1 gilt nicht, wenn das Dopingmittel, der Metabolit oder der Marker aus der bestimmungsgemäßen Einnahme eines für einen konkreten Krankheitsfall verschriebenen Arzneimittels herrührt.
(2) Ebenso wird bestraft, wer nach Anwendung einer Methode zur Erhöhung des Sauerstofftransfers (§ 1 Abs. 3) an einem sportlichen Wettkampf (§ 1 Abs. 5) teilnimmt.
Satz 1 gilt nicht, wenn die Anwendung der Methode nach ärztlicher Erkenntnis wegen eines konkreten Krankheitsfalles angezeigt gewesen ist.
(3) Der Versuch ist strafbar.
(4) In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn
1. sich die Tat auf einen Vermögensvorteil großen Ausmaßes bezieht oder
2. der Täter gewerbsmäßig oder als Mitglied einer Bande handelt, die sich zur fortgesetzten Begehung von Straftaten nach §§ 4 oder 5 zusammengeschlossen hat.
§ 6 Bestechlichkeit und Bestechung im Sport
(1) Wer als Teilnehmer, Trainer eines Teilnehmers oder Schiedsrichter eines sportlichen Wettkampfes (§ 1 Abs. 5) einen Vorteil für sich oder einen Dritten als Gegenleistung dafür fordert, sich versprechen lässt oder annimmt, dass er das Ergebnis oder den Verlauf eines sportlichen Wettkampfes in unlauterer Weise beeinflusse, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer einem Teilnehmer, Trainer eines Teilnehmers oder Schiedsrichter eines sportlichen Wettkampfes (§ 1 Abs. 5) einen Vorteil für diesen oder einen Dritten als Gegenleistung dafür anbietet, verspricht oder gewährt, dass er das Ergebnis oder den Verlauf eines sportlichen Wettkampfes in unlauterer Weise beeinflusse.
(3) Die Absätze 1 und 2 gelten auch für Handlungen in einem ausländischen Wettkampf.
(4) In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn
1. sich die Tat auf einen Vermögensvorteil großen Ausmaßes bezieht oder
2. der Täter gewerbsmäßig oder als Mitglied einer Bande handelt, die sich zur fortgesetzten Begehung solcher Taten zusammengeschlossen hat.
§ 7 Erweiterter Verfall und Einziehung
(1) § 73d des Strafgesetzbuches ist anzuwenden in den Fällen des § 4 Abs. 4 Nr. 1, des § 5 unter den in § 5 Abs. 4 Satz 2 Nr. 2 bezeichneten Voraussetzungen und des § 6 unter den in § 6 Abs. 4 Satz 2 Nr. 2 bezeichneten Voraussetzungen.
(2) Gegenstände, auf die sich eine Straftat nach den §§ 4 bis 6 bezieht, können eingezogen werden. § 74a des Strafgesetzbuches ist anzuwenden.
Artikel 2
Änderung der Strafprozessordnung
§ 100a Satz 1 der Strafprozessordnung in der Fassung der Bekanntmachung vom 7. April 1987 (BGBl. I S. 1074, 1319), zuletzt geändert durch …, wird wie folgt geändert:
1. In Nummer 4 wird das Wort „oder” durch ein Komma ersetzt.
2. In Nummer 5 wird nach dem Wort „Asylverfahrensgesetzes” das Wort „oder” angefügt.
3. Folgende neue Nummer 6 wird eingefügt: „eine Straftat nach § 4 Abs. 4 des Sportschutzgesetzes, nach § 5 des Sportschutzgesetzes unter den in § 5 Abs. 4 Satz 2 des Sportschutzgesetzes bezeichneten Voraussetzungen oder nach § 6 des Sportschutzgesetzes unter den in § 6 Abs. 4 Satz 2 Nr. 2 des Sportschutzgesetzes bezeichneten Voraussetzungen.”
Artikel 3
Änderung des Arzneimittelgesetzes
Das Arzneimittelgesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 12. Dezember 2005 (BGBl. I S. 3394), zuletzt geändert durch …, wird wie folgt geändert:
1. § 6a wird aufgehoben.
2. § 95 wird wie folgt geändert:
a) Absatz 1 Nr. 2 a und Nr. 2b werden aufgehoben.
b) Absatz 3 Satz 2 Nr. 2 wird aufgehoben.
Artikel 4
Einschränkung von Grundrechten
Das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis (Artikel 10 des Grundgesetzes) werden nach Maßgabe dieses Gesetzes eingeschränkt.
Artikel 5
In-Kraft-Treten
Dieses Gesetz tritt am Tag nach der Verkündung in Kraft.
Im Gesetzentwurf (Stand: 25. November 2009) heißt es einleitend: → weiter lesen
beate merk, bestechung, csu, dokumentation, doping, gesetzentwurf, juristisches, korruption, sportbetrug
Staatssekretär Christoph Bergner (CDU) über Doping und andere Ärgerlichkeiten
11:05 - zuletzt bearbeitet: 23. Januar 2010, 23:37 - 11 kommentareWas sagen eigentlich Fachleute, maßgebliche Entscheider der deutschen Sportpolitik zu den Themen des Tages, Doping, Sportbetrug, härtere Gesetze, Verwendung von Steuermitteln, eventuell sogar Sanktionen seitens des Staates?

Christoph Bergner (CDU/MdB/Parlamentarischer Staatssekretär im BMI/Präsident des SV Halle) ist Stammgast hier im Blog – und er ist Experte. Er hat zwar nicht direkt Weisungsbefugnis in der Sportabteilung des BMI (deren Leitung übrigens noch neu besetzt werden muss nach dem Abschied von Ministerialdirektor Rüdiger Kass, auch vier Abteilungsleiterstellen sind noch frei, Schwarzgelb hat nicht genügend Experten bzw. noch einige Versorgungsposten offen), doch er ist wichtig. Meine Berichterstattung über sein Haus, Transparenzfragen, auch über mögliche Interessenskonflikte und merkwürdige Vorgänge gefällt ihm nicht, was er immer wieder deutlich macht – manchmal erledigen das andere für ihn, die ihn verteidigen.
Sei’s drum, es geht um die Sache. Und Christoph Bergner, gewesener MP meines Heimatlandes Sachsen-Anhalt, der natürlich eine Homepage hat, kann sich selbst äußern und seine Kompetenz beweisen. Zum Beispiel vorgestern auf dem Anti-Doping-Forum in Berlin, zu dem ich bereits den Vortrag von Adidas-Chef Herbert Hainer veröffentlicht habe.
Für zwischendurch, eine gute, aktuelle Ergänzung zum Pechstein-Thema: 46 Minuten zum Reinhören. Bergners Vortrag und eine kleine Fragerunde.
Seuche Doping – muss der Staat die Förderung des Leistungssports überdenken?
(keine Sorge, nur die ersten 28 Sekunden sind in schlechter Qualität aufgezeichnet, danach ist alles in Ordnung und ich hatte das Aufnahmegerät endlich eingestöpselt) Ich sollte vielleicht noch sagen, dass Bergner am Tag dieses Vortrages seinen 61. Geburtstag feierte – aber ich weiß jetzt nicht, ob diese Information etwas ändert.
Christoph Bergner im Original, uncensored:
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
CAS-Urteil: Claudia Pechstein bleibt gesperrt und zieht vor das Bundesgericht
25. November 2009, 10:10 - zuletzt bearbeitet: 23. Januar 2010, 23:39 - 283 kommentare9.40 Uhr: Ich werde heute quasi live mitbloggen, denn der Court of Arbitration for Sport (CAS) veröffentlicht angeblich gegen 15.30 Uhr sein begründetes Urteil im Fall der vom Eislauf-Weltverband ISU wegen erhöhter Retikulozytenwerte gesperrten Eisschnellläuferin Claudia Pechstein. An der Ausgangslage hat sich seit Februar (auffällige Blutwerte beim Weltcup in Hamar) bzw. seit Anfang Juli (Urteil der ISU-Disziplinarkommission) nichts geändert.
Die ISU sagt: Blutdoping – Pechstein sagt, sie habe nie gedopt.

Basics für die Diskussion:
- Das CAS-Urteil vom 25. November 2009 (pdf, 63 Seiten), die dazugehörige Pressemitteilung findet sich weiter unten im Volltext. Und hier noch ein von mir bearbeitetes Urteil – Texterkennung möglich.
- Das ISU-Urteil vom 1. Juli 2009
- Die Liste der Blutkontrollen von Claudia Pechstein (bevor wieder das Lamento der Kritiker anbricht: diese Liste wurde zuerst hier komplett veröffentlicht, ich kenne keine andere Stelle, wo diese Liste veröffentlicht und diskutiert worden wäre)
- Über die Werte und die PR-Kampagne wird hier ausführlich diskutiert
- Sämtliche Beiträge zum Fall Pechstein (mit etlichen Hundert externen Links)
- Die Webseite von Claudia Pechstein
Ich halte das mehrfach verschobene CAS-Urteil, anders als manche Kommentatoren, nicht für ein historisches. Der überaus sinnvollen Methode, Doper mit dem so genannten indirekten Nachweis zu überführen, gehört die Zukunft, so oder so, egal wie die drei CAS-Richter entscheiden. Sollte das ISU-Verdikt bestätigt werden, wird Pechstein sicher vor das Schweizer Bundesgericht ziehen. Für kommende Fälle und den indirekten Nachweis schafft das am Ende eine gewisse Rechts- und Verfahrenssicherheit, was Pechstein selbstverständlich egal sein wird (so oder so).
Da sich in meinem Blog zunehmend Trolle tummeln, der Ton rauher wird und manche Kommentare auch unwahr und dumm sind, werde ich heute sämtliche Kommentare erst nach Lektüre freischalten. Dies geschieht allein aus juristischen Gründen, ich habe keine Lust, erneut von klagewütigen Anwälten belästigt zu werden. Ich darf um sachliche Diskussionen bitten, die sich an der Urteilsbegründung des CAS orientieren, keine Verschwörungstheorien stricken und nicht die PR-Elaborate eines Randberliner “Managers” verbreiten (dafür gibt es doch “Nachrichtenagenturen”).
Wer der Diskussion inhaltlich nicht folgen kann und/oder nicht Willens ist, sich auf die vom CAS angebotene Begründung einzulassen, ist herzlich eingeladen, seinen Frust anderswo auszulassen.
Normalerweise sind derlei Hinweise nicht nötig, denn wir befinden uns hier ja nicht in einem Forum eines so genannten Qualitätsmediums der alten Schule, wo ein derartiger Ton nach meiner bescheidenen Erfahrung an der Tagesordnung ist. Die sportpolitische Diskussion hier hat eigentlich durchweg Niveau und sucht ihresgleichen. So sollte es auch heute sein. Ich freue mich besonders darauf, von Juristen, Medizinern und Laboranten in die Feinheiten des CAS-Urteils eingeweiht zu werden.
11.35 Uhr: Der Sportinformationsdienst veröfentlicht mal wieder eine Umfrage, deren Ergebnis (wie zuvor schon Mitte August) sicher bald als PR-Meldung hinausgeblasen wird. Same procedure. Egal, demnach glauben weiterhin rund 60 Prozent der Befragten (ich benutze mal nicht die Formulierung des SID, der schreibt: “die Mehrheit der deutschen Bevölkerung”) an die Unschuld Pechsteins.
11.38 Uhr: Was ich bisher vergaß: Ich gehe wie andere Journalisten auch davon aus, dass die betroffene Partei, der das Urteil vorab zugehen soll, auch vorab, also vor Veröffentlichung des Urteils auf der CAS-Webseite, an die Medien geht. Bild/Kurier/B.Z. ante portas.
13.58 Uhr: Wie erwartet, die Pressemitteilung (pdf, 2 Seiten) der “powerplay management GmbH”:
Claudia Pechstein zieht nach CAS-Urteil vor das Schweizerische Bundesgericht
Mit Urteil vom 25. November 2009 hat der Internationale Sportgerichtshof CAS die Sperre der Eisschnellläuferin bestätigt. Demnach kann Claudia Pechstein bis auf Weiteres nicht bei Wettkämpfen starten und auch die Teilnahme an ihren sechsten Olympischen Spielen im Februar 2010 in Vancouver ist ungewisser denn je.
„Das zu akzeptieren, ist für mich unglaublich hart. Nach dem wochenlangen, unwürdigen Hin und Her war das Urteil aber abzusehen. Ich bin nicht mehr über das Ergebnis geschockt, sehr wohl aber darüber, wie es zustande gekommen ist. Erst die ISU, jetzt der CAS. Ich habe lernen müssen, dass es ausgerechnet vor Sportgerichten offenbar keinen Platz für das im Sport so oft beschworene Fair Play gibt. Ich habe nie gedopt und ein reines Gewissen. Wie man mich ohne Beweis, aufgrund eines einzigen Indizes, das zudem in der Wissenschaft noch sehr umstritten ist, sperren kann, wird mir für immer unbegreiflich bleiben. Ganz gleich, wie sich die drei Richter die Entscheidung hingebogen haben. Davon, dass die mir zur Last gelegten Werte nicht einmal analytisch sauber und verlässlich erhoben wurden, ganz zu schweigen. Ich habe das Urteil registriert und bereits abgehakt. Ich werde mich jetzt keinesfalls geschlagen geben. Der gerichtliche Weg wird erst dann zu Ende sein, wenn die Gerechtigkeit gesiegt hat”, erklärte Pechstein.
Ihr Anwalt Simon Bergmann kündigte an, schnellstmöglich ein Verfahren vor dem Schweizerischen Bundesgericht in Lausanne anzustrengen. „Ich bin der festen Überzeugung, dass der CAS die Reichweite der auch im Sportrecht geltenden Unschuldsvermutung verkannt hat. Im vorliegenden Fall gab es mit den Retikulozytenwerten nur einen einzigen Parameter, der – zudem wissenschaftlich höchst umstritten – generelle Rückschlüsse auf angebliches Blutdoping zuließ. Demgegenüber konnten wir mit Hilfe von namhaften Sachverständigen natürliche Ursachen für die Retikulozytenwerte plausibel aufzeigen. Berücksichtigt man dann noch die von uns nachgewiesenen Fehler bei der Erhebung der Daten, muss ein solches Verfahren zwingend zu Gunsten des Athleten ausgehen. Soweit der CAS hier nach dem Grundsatz ‚Der Zweck heiligt die Mittel’ vorgegangen ist, könnte dies ein klassisches Eigentor werden. Man muss damit rechnen, dass nun zahlreiche Verbände versuchen werden, Athleten auf Basis fragwürdiger Blutwerte zu sperren. Ich rechne mit einer Prozessflut.”
Der Berliner Rechtsanwalt, der Pechstein vor dem CAS gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Christian Krähe vertrat, fügte hinzu: „Bedenklich ist insbesondere, welch geringe Anforderungen der CAS an das Beweismaß der indirekten Beweisführung stellt. Der Athlet wird hierdurch gezwungen, den Beweis für seine Unschuld zu erbringen. Dies wird ihm aber häufig schon auf Grund der immensen Kosten nicht möglich sein. Zudem sind die meisten Dopingexperten direkt oder indirekt von den Sportverbänden abhängig, was dazu führt, dass der Athlet erhebliche Schwierigkeiten bei der Suche nach Sachverständigen hat. Mit diesem Problem hatten wir auch im Pechstein-Verfahren zu kämpfen. Alles in allem ein schwarzer Tag für die Sportrechtsprechung.“
Claudia Pechstein war lange Zeit fest von einem Freispruch ausgegangen. Erste Zweifel waren ihr vor gut zwei Wochen gekommen, als der CAS das ursprünglich für den 5. November angekündigte Urteil am Abend davor um gut 14 Tage verschob. „Seitdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass mein Fall nicht sportjuristisch, sondern sportpolitisch entschieden wird. Als dann die nächste Verschiebung kam, war mir mehr denn je klar, was passieren wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich verurteilt wurde, weil hinter den Kulissen Kräfte gewirkt haben, die den indirekten Beweis in diesem Präzedenzfall nicht scheitern sehen wollten. Wenn die Umkehr der Beweislast im Anti-Dopingkampf Schule macht, dann kann man ja zukünftig keinem talentierten Kind oder Jugendlichen mehr mit gutem Gewissen empfehlen, Leistungssport zu treiben. Denn am Ende steht man womöglich, so wie ich jetzt, unverschuldet vor den Trümmern seiner Karriere. Das ist alles einfach unbegreiflich!“
Trotz des mulmigen Gefühls, welches sie seit Wochen begleitete, hatte sich Pechstein professionell auf einen bis zur erneuten Verschiebung des Urteils denkbaren Start beim Weltcup am vergangenen Wochenende in Hamar vorbereitet. Jetzt steht ihre sportliche Zukunft komplett in den Sternen: „Wie es sportlich jetzt weiter geht, kann ich nicht sagen. Keine Ahnung, ob die Qualifikation für Olympia noch möglich ist. Zunächst haben weiterhin die Juristen das Wort.“
14.59 Uhr: Das CAS-Urteil ist jetzt oben und hier verlinkt (pdf, 63 Seiten). Die dazugehörige Pressemitteilung im Original:
PRESS RELEASE, SPEED SKATING
CASE PECHSTEIN : THE 2-YEAR BAN CONFIRMED BY THE COURT OF ARBITRATION FOR SPORT
The Court of Arbitration for Sport (CAS) has rendered its final decision in the arbitration concerning the German speed skater Claudia Pechstein. The CAS has dismissed the appeals filed by the athlete and the German Speedskating Association and has confirmed the decision of the Disciplinary Commission of the International Skating Union whichimposed a two-year ban on Claudia Pechstein.
On the occasion of the ISU World Speedskating Championships in Hamar, Norway, in February 2009, blood samples were taken from all athletes for screening purposes. The percentage of reticulocytes value was measured at 3.49 for Claudia Pechstein. During the same event, two more blood samples were collected and showed values of 3.54 and 3.38. Ten days after the Hamar event, an out-of-competition blood sample was collected from the athlete, showing a percentage of reticulocytes value of 1.37. On 1 July 2009, the ISU Disciplinary Commission declared Claudia Pechstein responsible for an anti-doping violation under art. 2.2 of the ISU Anti-Doping Regulations by using the prohibited method of blood doping.
Claudia Pechstein and the German Speedskating Association (DESG) both filed appeals with the Court of Arbitration for Sport requesting the annulment of the ISU decision. Ms Pechstein put forward that she had not violated any anti-doping rule and contested that the percentage of reticulocytes values measured in Hamar were the result of the application of a prohibited substance or method. The athlete asserted that the upper limit of 2.4 in percentage of reticulocytes referred to by the ISU is not a generally accepted limit in medical practice. She stated that her high values were due to a blood disease. She also considered that the data collected by the ISU on the basis of blood screening were unreliable and unlikely to be of statistical or medical value for a number of reasons, such as cold temperature, altitude, physical stress due to intense exercise, foot pressure due to ice skates and blades, bleeding and an infection incurred in January 2009. Finally, the athlete expressed the view that the machine used for the blood analysis was subject to substantial fluctuations if it was not properly calibrated.
The case was referred to a Panel of CAS arbitrators composed of Prof. Massimo Coccia, Italy (President), Dr Stephan Netzle, Switzerland, and Mr Michele Bernasconi, Switzerland. A hearing was held at the CAS headquarters in Lausanne on 22 and 23 October 2009 during which the parties, their legal representatives and twelve witnesses and experts were heard.
The CAS Panel has decided to dismiss the appeals and to confirm the sanction imposed by the ISU Disciplinary Commission. The commencement date of the suspension has been fixed on 8 February 2009.
In summary, the CAS Panel has rejected the Appellants’ arguments related to the sample collection and the analysis procedure and found that the calibration procedure established by the manufacturer of the automatic blood analyser used by the ISU was reliable. Furthermore, the CAS Panel found that the percentage of reticulocytes values shown by the athlete in Hamar on 6 and 7 February 2009 constituted abnormal values in comparison with both the general population in Europe and other elite speed skaters, as well as in comparison with her own usual values. The Panel also found that the variations in the athlete’s percentage of reticulocytes from 1.74 on 8 January 2009 to 3.49 on 6 February 2009 and then down again to 1.37 on 18 February 2009 was abnormal.
The Panel found that the above abnormality could not be reasonably explained by the various justifications submitted by the athlete nor by a congenital medical condition, as the expert hematologist chosen by athlete examined her in depth and concluded that there were no signs of any detectable blood disease or anomaly.
The CAS Panel concluded as follows:
As a result, in exercising its discretion to consider the evidence submitted by the parties, the Panel, bearing in mind the seriousness of the allegation, and based on all the considerations made above, finds that the ISU has discharged its burden of proving to the comfortable satisfaction of the Panel that the abnormal values of percentage of reticulocytes recorded by Ms Pechstein in Hamar on 6 and 7 February 2009, and the subsequent sharp drop recorded on 18 February 2009, cannot be reasonably explained by any congenital or subsequently developed abnormality. The Panel finds that they must, therefore, derive from the Athlete’s illicit manipulation of her own blood, which remains the only reasonable alternative source of such abnormal values.
The full award with the grounds is published on the CAS website www.tas-cas.org/recentdecision.
Lausanne, 25 November 2009
Adidas-Chef Herbert Hainer über Doping und Glaubwürdigkeit
24. November 2009, 20:25 - zuletzt bearbeitet: 23. Januar 2010, 23:41 - 11 kommentareAuf dem vom CAS-Richter und Rechtsanwalt Dirk-Reiner Martens zum vierten Mal organisierten Anti-Doping-Forum in Berlin trat heute u. a. Adidas-Vorstandschef Herbert Hainer auf. Sein Thema:
“Impossible is nothing” – die Sportartikelindustrie im Konflikt zwischen Weltrekord und Dopingskandal
Zum Nachhören, 33 Minuten: Herbert Hainer über Aktienkurse und Dopingfälle, Imagewerte und Glaubwürdigkeit, Leidenschaft und Fairness – natürlich auch (ein bisschen) über Sponsoring und Jan Ullrich.
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Mindestens zwei Vorträge folgen in den nächsten Tagen.
München 2018: Entwurf des Mini-Bidbooks und “offizielle Oppositionen”
23. November 2009, 13:48 - zuletzt bearbeitet: 23. November 2009, 18:13 - 53 kommentareGruppenbild ohne Dame bzw. ohne Katarina Witt, das schönste Gesicht des Sozialismus und “Gesicht” der Münchner Olympiabewerbung. So strahlten die Herrschaften am Freitag nach der Gesellschafterversammlung der Olympia GmbH in die Kameras (Foto: München 2018). Es gibt mehrere gute Gründe, das Bild zu veröffentlichen, zum Beispiel diesen: Willy Bogner, neuer Vorsitzender der Geschäftsleitung und ehemals für Putins Oligarchenbewerbung in Sotschi tätig, kam hier bislang zu kurz. Bogner ist der lächelnde grinsende Herr ganz links.

Die Installierung von Bogner als Ein-Euro-Mann und Boss der beiden eigentlichen Geschäftsführer Berhard Schwank (DOSB/Bach) und Richard Adam (München/Ude) ist ein weiteres Zeichen dafür, dass es im Gebälk sehr knarzt. Ähnliche Komplikationen, allerdings etwas heftiger, hatte es bereits bei der Leipziger Olympiabewerbung gegeben, als Sportminister Otto Schily im Herbst 2003 in größter Not den Ein-Euro-Mann Peter Zühlsdorff verpflichtete. Es ist halt kompliziert, wenn alles nach den IOC/DOSB-Regeln tanzen soll. Konkret: Der DOSB hat gemäß Olympischer Charta die Mehrheit (51 Prozent) in der Gesellschaft, obgleich er kein Geld aufbringt. Bezahlen müssen die Bürger – und die Politiker haben das Geld, die Milliarden, herbeizuschaffen. So simpel ist das.
Schon vorher hatte die Installierung von Schwank bei den eigentlichen Bewerbern in München für Unmut gesorgt. Selbst hochrangige Vertreter der Bewerbergesellschaft nehmen kaum noch ein Blatt vor den Mund und kritisieren in kleinen Kreisen ungefragt die Politik des DOSB, wobei der FDP-Mann in der Mitte des Fotos (vierter von rechts), DOSB-Chef und IOC-Vize Thomas Bach, kaum besser wegkommt als der Herr ganz rechts: DOSB-General Michael Vesper, ein Bündnisgrüner, für den und dessen Methoden - Achtung, Quellenschutz! – in München ein wenig schmeichelhafter Begriff verbreitet wird. Ich kann das schlecht einschätzen, muss gerade deshalb meinen Quellen trauen. Das Mehrquellenprinzip, das darf ich gern mitteilen, habe ich selbstverständlich berücksichtigt.
Sie haben dennoch Grund zur Freude, die Herrschaften. Alle beteiligten Kommunen sind auf Kurs gebracht, das so genannte Eckpunktepapier verabschiedet. Mit der Transparenz haben sie es nach wie vor nicht so, das wird sich auch nicht ändern, aber es gibt ja Blogs, in denen man zumindest Entwürfe dieses Eckpunktepapiers lesen kann, aus dem das so genannte Mini-Bidbook erstellt wird, das wiederum bis zum 15. März 2010 dem IOC überreicht werden muss.
Voilà, ich sage mal nicht: exklusiv. Aber selten:
- Eckdaten der Münchner Olympiabewerbung (69 Seiten, pdf, 3,9 MB)
Die Meinung der kundigen Leser zu diesem Entwurf interessiert mich natürlich sehr. (Achtung, kleine Medienkritik: Es ist übrigens mal wieder interessant, was die Nachrichtenagentur dpa unter “Eckpunkte” der Bewerbung versteht. Keinesfalls Details etwa zur Finanzierung, nein, bloß eine simple Chronik der Ereignisse.)
Gemäß Timetable der Olympiabewerbung 2018 muss das Bidbook im März vorliegen, das eigentliche Bewerbungsbuch dann im Januar 2011.
- Hier einmal mehr das 101 Seiten umfassende 2018 Candidature Acceptance Procedure (pdf, 3,5 MB) des IOC.
Andererseits: Womöglich vergeht den deutschen Olympiabewerber-Bossen das Lachen bald. Denn in Südkorea sind die Konkurrenten doch sehr aktiv, wie der Korea Herald gerade wieder meldet. Ex-Samsung-Boss Kun Hee Lee - mehrfach wegen gigantischer Korruption verurteiltes IOC-Mitglied und Freund des DOSB-Chefs - soll zum wiederholten Male begnadigt werden.
Muss sich München fürchten? Gewiss.
Amnesty for ex-Samsung-chief?
Korea’s sports and corporate leaders are calling on the government to grant a presidential pardon to Lee Kun-hee, the former chairman of Samsung Group who received a suspended jail term for breach of trust in August.
Leaders of sports organizations last week suggested that President Lee Myung-bak include Lee in the presidential amnesty to be granted around Christmas. They said that presidential leniency is necessary in part to promote the bid for the 2018 Winter Olympics of the Korean city of Pyeongchang, Gangwon Province.
Lee, a member of the International Olympic Committee since 1996, the Olympic-governing body, voluntarily relinquished his IOC membership in July last year, citing the need to resolve legal disputes surrounding him and Samsung.
Lee was handed a three-year prison term, which was suspended for five years, on conviction of illegal bond trading. He was also fined 110 billion won ($95 million). The 66-year-old tycoon quit as chairman of Samsung Group, Korea’s largest family-controlled conglomerate, in April last year.
Now that the final court sentencing has been made, an increasing number of people are calling on the government to grant Lee a presidential pardon.
On Nov. 17, Kim Jin-sun, governor of Gangwon Province, called for a presidential amnesty for Lee, saying that Pyeongchang needs Lee’s assistance at the IOC and other international organizations. Pyeongchang makes its third bid to host the Winter Olympics after it lost to Canada’s Vancouver and Russia’s Sochi in its two previous attempts to host the 2010 and 2014 Winter Games. The Korean city is expected to compete with Annecy of France and Munich of Germany for the right to host the 2018 Winter Games.
On Nov. 19, Cho Yang-ho, chairman of Hanjin Group who jointly heads the Pyeongchang bidding committee, said in a news conference that the committee suggested to the government that it grant a presidential pardon for Lee.
“I think his reinstatement will greatly help Pyeongchang expand its support base (in the IOC),” Cho said.
He said Lee’s resumption of Olympic activity is “desperately needed” ahead of a meeting of IOC members in Vancouver, Canada, next February which will be the last meeting before the IOC decides the venue for the 2018 Winter Olympics in July 2011.
On Friday, Sohn Kyung-sik, chairman of the Korea Chamber of Commerce and Industry, joined the appeal for a presidential pardon for Lee. (…)
Es darf also weiter abgestimmt werden:
- der Antrag des Grünen-Kreisverbandes Fürstenfeldbruck für die Resolution gegen Olympia (pdf, 3 Seiten)
- Mein DLF-Beitrag:
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
Münchens Olympiabewerber haben die Eckpunkte der Offerte für die Winterspiele 2018 verabschiedet. Nach den Turbulenzen der vergangenen Wochen demonstriert man Einigkeit. Getreu dem Motto des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB): Der Sport möge „mit einer Stimme” sprechen. Doch unter der Oberfläche brodelt es weiter.
Eine Große Koalition von Sport und Politik ist sich einig: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) und DOSB-Präsident Thomas Bach (FDP) verabschiedeten auf der Gesellschafterversammlung der Olympia GmbH die Eckdaten für das erste umfassende Bewerbungsdokument.
DOSB-Chef Bach behauptet eine aktuelle Zustimmungsrate von 82 Prozent für die Pläne. Horst Seehofer sagt:
„In allen Umfragen ist die ganz große Mehrheit der Bevölkerung hinter dieser Olympiabewerbung. Und deshalb, glaube ich, handeln wir im Interesse der ganz, ganz überwiegenden Mehrheit der bayerischen Bevölkerung.”
Zwischen 2,9 und 3,5 Milliarden Euro soll das Abenteuer kosten – in beiden Etats, dem reinen Organisations- und dem Infrastrukturetat. Detaillierte, nachprüfbare Posten liegen der Öffentlichkeit allerdings nicht vor.
In den Lokalparlamenten von München, Garmisch-Partenkirchen, Oberammergau und Berchtesgaden gab es zuletzt erbitterte Diskussionen – doch Mehrheiten stimmten für die „Eckpunkte” der Bewerbung.
SPD-Mann Ude bezeichnete Abgeordnete, die Fragen stellten, und Olympiakritiker gemäß SZ als „unseriös”, „unqualifiziert” und als „radikale Minderheiten”.
Im Entwurf des Bewerbungsbuches heißt es:
„Bislang sind keine offiziellen Oppositionen bekannt.”
Es werde Wert auf Transparenz und die Einbindung von NGOs in Fachkommissionen gelegt.
Nur: Etliche dieser Gruppen haben sich aus der Fachkommission Umwelt, um die geht es vor allem, längst verabschiedet. Vor längerer Zeit schon der Bund Naturschutz – zuletzt etwa der „Verein zum Schutz der Bergwelt”. Auch dieser Verein kritisiert, unseriös vereinnahmt und zu Mitautoren eines angeblichen „Umweltkonzeptes” gemacht worden zu sein. Die Bewerbung sei „die Verschwendung von Natur für Ruhm und Ehre”.
Das angebliche Umweltkonzept sei ein PR-Papier, das von den wirklichen Problemen ablenke, sagen Fachleute.
Axel Doering, Kreisvorsitzender des Bundes Naturschutz aus Garmisch-Partenkirchen, ist eine Art Oppositionsführer. Er strebt einen Bürgerentscheid an – möglichst bis zum 15. März 2010, wenn das Mini-Bidbook beim IOC abgegeben werden muss.
„Also wenn ein Bürgerentscheid negativ ausgeht für die Olympiabewerber, dann ist das hier in Garmisch-Partenkirchen vorbei. Es ist allerdings sehr schwierig. Viele Leute sagen: Wir fühlen uns unter Druck gesetzt. Und viele Leute, die eigentlich Olympische Spiele auch nicht wollen, werden deshalb nichts organisieren, das habe ich in letzter Zeit oft erlebt. Das ist natürlich sehr schwierig, weil diese ganzen wachs- und windelweichen Versprechungen viele Leute mit diesem Zauberwort Olympia locken.”
Der Ort sei zu klein und außerdem pleite, die Eingriffe zu weitreichend, sagt Doering. Er kritisiert die Informationspolitik der Bewerber, die lediglich Phrasen verbreite.
„Im Moment ist alles was offiziell kommt, das ist nur: Es ist toll, und das bringt uns weiter, das bringt uns Straßen, das bringt uns Tourismus und das bringt uns das Glück der Welt. Und das kann’s nicht sein.”
Doering kritisiert auch Diktat des Internationalen Olympischen Komitees, dem Bund, Freistaat und Kommunen zahlreiche Blankovollmachten ausstellen.
„Das IOC ist ja eine bekannt intransparente Organisation. Und das IOC behält sich also in dieser Vertragsgestaltung bis zuletzt die Änderung aller Bedingungen vor. Es kann seine Zahlungen ändern, es kann die Sportarten ändern, es kann alles ändern. Es ist so, dass dieser entsprechende Vertrag vor drei Jahren in Salzburg zum Beispiel von den österreichischen Landesanwälten als sittenwidrig und Knebelungsvertrag gewürdigt wurde.”
Wenigstens da widerspricht ihm Münchens OB Ude nicht grundsätzlich. Ude nennt die IOC-Vertragsgestaltung „eine Zumutung“.
Der nächste Schreck für die Olympiabewerber kam am Sonntag, als sich Bayerns Grüne auf ihrer Landesversammlung in Bamberg gegen die Pläne aussprachen. Der Grünen-Landesvorsitzende Dieter Janecek sagte vorab:
„Ich rechne damit, dass es einen ablehnenden Beschluss geben wird. Die Leute sind einfach sehr skeptisch. Je näher sie dran sind an den Sportstätten, desto weniger glaubt man den Versprechungen des IOC und der Bewerbergesellschaft. Man glaubt vielmehr, dass man Naturzerstörungen erleben wird, dass Schneekanonen massiv eingesetzt werden, dass die Schuldenberge immer höher werden, wie bei Garmisch: bereits schon 100 Millionen Schulden. In München sieht man das ein bisschen anders, da glauben die Leute anscheinend eher, dass sei so eine Art Oktoberfest mit Schlittenrennen. Aber wenn man draußen ist auf dem Land, dann hat man da einen ganz anderen Eindruck.”
Kurios dabei: Die Grünen im Bundestag, allen voran Claudia Roth, und die Fraktion im Münchner Rathaus sind für Olympia. Alle anderen Gremien und Fraktionen der bayerischen Grünen sind dagegen. Dieter Janecek hat sich in einigen Grundsatzpapieren mit der Bewerbung beschäftigt. Sein Fazit: „Olympische Spiele 2018 sind kein Gewinn für unsere Region.”
- Und noch ein Interview im DLF: Tobias Oelmaier im Gespräch mit Garmisch-Partenkirchens Bürgermeister Thomas Schmid:
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
axel doering, bund naturschutz, christian ude, dieter janecek, dokumentation, finanzierung von mega-events, horst seehofer, korruption, kun hee lee, leipzig 2012, mini-bidbook, münchen 2018, olympiabewerbung, pyeongchang 2018, samsung, sotschi 2014, steuermittel, thomas bach, umfrage, willy bogner, winterspiele 2018
Der Fußball und der böse Dämon
20. November 2009, 16:06 - zuletzt bearbeitet: 27. November 2009, 18:28 - 181 kommentareIch weiß nicht wirklich, warum die Meldungen über 200 manipulierte Fußballspiele – vor allem in Richtung Balkan, aber auch in unterklassigen deutschen Ligen – derartige Schlagzeilen machen, wogegen andere Meldungen über systemimmanente Korruption im Sport oft untergehen. Hat tatsächlich jemand geglaubt, nach der Hoyzer-Affäre werde es mit rechten Dingen zu gehen? Das ist nur mal so eine Frage.
- Urteil des BGH zu Hoyzer & Co. vom 15. Dezember 2006 (Dank an gua)
Aber Medien funktionieren so wie sie funktionieren, also auch hysterisch. Wenn das Fußballbusiness betroffen ist, das einzig wahre und reine, wenn der Dämon des Bösen mal wieder die unschuldige Branche der Fairplaybewahrer überfällt, dann ist das automatisch ein Skandal. Selbst wenn es das Tagesgeschäft ist.
Nachtrag, 20.54 Uhr, weil der Beginn doch etwas sehr launisch geriet: Die Zusammenarbeit verschiedener Polizeibehörden und der UEFA über etliche Monate hat schon eine beeindruckende neue Qualität. Ähnliche Aktionen – auch in dieser, nun ja: Schnelligkeit – wünschte ich mir mal im Dopinggeschäft und in Fällen anderer grenzübergreifender Korruption im Sport. Da wäre sicherlich viel zu holen. Kaum auszudenken.
So lange gerade die Fußball-Unternehmen (Verbände, Klubs etc.) dermaßen offensiv und gierig mit Wettanbietern kooperieren (ob staatlich oder privat ist mir völlig egal) und Sponsorenverträge akquirieren, kann ich einen Teil des Geschreis, das immer wieder ausbricht, nicht ernst nehmen. Anders gesagt: So lange FIFA, UEFA, IOC, DFB, EPFL (European Professional Football Leagues) u. a. das Wettgeschäft mächtig ankurbeln, gleichzeitig natürlich von Integrität schwurbeln, ziehen sie auch das organisierte Verbrechen und die Ganoven an, keine Frage.
Nehmen wir nur das Beispiel der ESSA (European Sports Security Association), die eine Welt-Anti-Korruptions-Agentur (WACA) des Sports fordert, was sich ganz nett anhört, gleichzeitig aber, denn es geht ja um das Wettgeschäft, Kongresse wie diesen (“Betting on South Africa 2010“) mitveranstaltet.
Jede Enthüllung, jede Form der Transparenz begrüße ich selbstverständlich – wie eine neuerlich aufflammende Diskussion über den Straftatbestand Sportbetrug (den Sportfunktionäre und ihre Lobbyisten ablehnen), den ich aus zahlreichen und oft genannten Gründen ebenfalls befürworte.
Etliche Links zum aktuellen Skandal, zu dem die Staatsanwaltschaft Bochum heute auf einer Pressekonferenz informierte, gibt es in den Kommentaren zum Beitrag “How to fix a soccer game“. Bei Google news finden sich bereits rund 1000 Meldungen zum Stichwort “Wettbetrug“.
Polizei und Staatsanwaltschaft Bochum teilen mit:
Handout zur gemeinsamen Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Bochum und der Polizei Bochum – Internationale Festnahme- und Durchsuchungsaktion wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betruges
Seit etwa einem Jahr wird unter Leitung der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität durch das KK 21 – Dienststelle zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität – des Polizeipräsidiums Bochum gegen eine international agierende Bande wegen des Verdachts der fortgesetzten gewerbsmäßigen Begehung von Betrugsstraftaten ermittelt.
Der Tätergruppierung wird zur Last gelegt, sich zumindest seit Beginn des Jahres 2009 zusammengeschlossen zu haben, um auf Sportler, Trainer, Schiedsrichter und Offizielle aus hochrangigen europäischen Fußballligen gegen unterschiedlich hohe Entgelte dahingehend einzuwirken, Ausgänge von Fußballspielen im Interesse der Täter zu beeinflussen.
Für den Fall der Bereitschaft zu Spielmanipulationen setzten die Führungspersonen auf verschiedenen Wegen hohe Bargeldbeträge auf entsprechende Spielausgänge bei europäischen und asiatischen Wettanbietern. In Unkenntnis der vorher verabredeten Manipulationen zahlten die jeweiligen Wettveranstalter neben dem Einsatz auch die betrügerisch erlangten Gewinnsummen an die Mitglieder der Bande aus.
Auf diese Weise erlangte die Täterorganisation Wettgewinne in Höhe von mehreren Millionen Euro.
Im Zuge der bisherigen Ermittlungen wurden ca. 200 Fußballspiele im In- und Ausland festgestellt, bei denen konkret der Verdacht besteht, dass es zu versuchten oder vollendeten Manipulations- bzw. Betrugshandlungen gekommen ist.
Die Spiele teilen sich auf die betroffenen Länder u. a. wie folgt auf:
- Deutschland: 4 Spiele der 2. BL, 3 Spiele der 3. BL, 18 Spiele der Regionalligen, 5 Spiele der Oberligen, 2 Spiele U 19
- Belgien: 17 Spiele der 2. Liga
- Schweiz: 22 Spiele der 2. Liga und 6 Vorbereitungsspiele
- Kroatien: 14 Spiele der 1. Liga
- Slowenien: 7 Spiele der 1. Liga
- Türkei: 29 Spiele von der 1. Liga abwärts
- Ungarn: 13 Spiele 1. Liga
- Bosnien: 8 Spiele 1. Liga
- Österreich: 11 Spiele 1. und 2. Liga
Hinzu kommen mindestens:
- 12 Spiele der Europa League
- 3 Spiele der Champions League
- Darüber hinaus besteht der Verdacht, dass bei einem Länderspiel zur Qualifikation der U 21- Europameisterschaft manipulativ eingegriffen werden sollte.
Aufgrund der bisherigen Ermittlungs- und Durchsuchungsergebnisse ist anzunehmen, dass sich die Anzahl der tatsächlich durch die Täter beeinflussten Spiele weiter erhöhen wird. Das gleiche gilt für die Anzahl der bisher über 200 involvierten Tatverdächtigen.
Aus ermittlungstaktischen Gründen werden zur Identität der beteiligten Personen sowie der betroffenen Mannschaften derzeit keine weiteren Auskünfte erteilt.
Am 19.11.2009 wurden auf Antrag der Staatsanwaltschaft Bochum 15 Haftbefehle im Inland vollstreckt und mehr als 50 Durchsuchungsbeschlüsse in Nordrhein-Westfalen, Baden -Württemberg, Bayern, Berlin, Niedersachsen, Schleswig Holstein, der Schweiz, Österreich und Großbritannien vollzogen. Zudem erfolgten zwei weitere Festnahmen in der Schweiz durch die dortigen Behörden.
In Deutschland lagen die Schwerpunkte der Festnahmen in Berlin, Nürnberg und dem Ruhrgebiet.
Bei den durchgeführten Maßnahmen wurde umfangreiches Beweismaterial sichergestellt, das einer detaillierten Auswertung bedarf, die noch geraume Zeit in Anspruch nehmen wird. Daneben wurden Bargeld und Vermögenswerte in Höhe von mehr als einer Million Euro gesichert.
Die noch andauernden sport- und wettspezifisch äußerst komplizierten Ermittlungen wurden und werden durch die Disziplinarabteilung der UEFA in Nyon ständig unterstützt und begleitet.
Das sagen die anderen:
- Die UEFA: “UEFA statement on match-fixing case“
- Der DFB: “DFB und Ligaverband unterstützen lückenlose Aufklärung“
Btw: Es geht beim Problem des Wettbetrugs natürlich nicht nur um Fußball. Wer mag, lausche den Ausführungen des ehemaligen Mafiosi Michael Franzese während der Konferenz Play the Game im Juni in Coventry:


